{"id":5159,"date":"2023-04-19T09:06:11","date_gmt":"2023-04-19T07:06:11","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=5159"},"modified":"2023-04-19T09:06:11","modified_gmt":"2023-04-19T07:06:11","slug":"was-meine-freundin-gerne-hoert-die-musikkolumne-paganini-und-philosophie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/was-meine-freundin-gerne-hoert-die-musikkolumne-paganini-und-philosophie\/","title":{"rendered":"Was meine Freundin gerne h\u00f6rt &#8211; die Musikkolumne: Paganini und Philosophie"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Was-meine-Freundin-gerne-Logo-111.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Was-meine-Freundin-gerne-Logo-111.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4578\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Onkel Rosebud\/Alexander R\u00f6sler<\/p>\n\n\n\n<p>An Virtuosen habe ich immer bewundert, dass sie etwas k\u00f6nnen. Ich selbst habe Philosophie studiert. Die Frage, auf die ich meistens antworten musste, lautete in etwa: Was willst Du denn damit mal machen? Paganini hat das sicher niemand gefragt. Er hat seine Geige ausgepackt und einfach gespielt. Das war Antwort genug. Und ich muss sagen, nach dem Spiel von Paganini h\u00e4tte auch ich nichts mehr gefragt. Obwohl Philosophie darin besteht, zu jeder Selbstverst\u00e4ndlichkeit noch eine Frage parat zu haben. Vielleicht habe ich mich deshalb schon fr\u00fch f\u00fcr Philosophie interessiert, so mit sechzehn. Ich habe auch Geige gespielt, um das gleich mal zu verraten. Mit zehn Jahren habe ich angefangen und kannte zum Gl\u00fcck Paganini noch nicht. Heute denke ich, dass ich in dem Fall damals meine Kindervioline aus dem famili\u00e4ren Bestand gleich wieder in den Kasten gelegt h\u00e4tte. Auf mein Interesse an Philosophie h\u00e4tte das keine Auswirkungen gehabt. Im Gegenteil, manchmal bin ich der Meinung, ich h\u00e4tte einfach noch fr\u00fcher damit angefangen. Diesmal wahrscheinlich, um Antworten zu finden.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das sch\u00f6ne an Virtuosen ist, dass er keine Fragen hinterl\u00e4sst. Er ist eine einzige Antwort. Als Zuh\u00f6rer verstummt man einfach, ist beeindruckt, h\u00e4lt es nicht f\u00fcr m\u00f6glich, wird abgelenkt und die Sinnfrage stellt sich nicht mehr. Obwohl \u2013 hier spricht der Philosoph \u2013 man sich ja schon fragen k\u00f6nnte, was es f\u00fcr einen Sinn hat, m\u00f6glichst schnell und vertrackt \u00fcber das Griffbrett einer Geige zu fegen. Doch das ist schon zu weit weg vom Virtuosen. Er ist reine Praxis, da hat Theorie keine gro\u00dfe Chance. Das hat mich beeindruckt. Und vermutlich in die Arme gro\u00dfer Theorien getrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Paganini war aber nicht nur am schnellsten von null beim viertelgestrichenen g, er hat auch die Violintechnik erweitert. Vieles, was man in den Capricen h\u00f6ren kann, konnte man vorher nicht auf der Geige h\u00f6ren. Das kam auch daher, dass Paganini Gitarre gespielt hat. In Variation 9 zupft er mit den linken Fingern, w\u00e4hrend er rechts mit dem Bogen streicht. Sensationell, aber eigentlich nur eine schlichte \u00dcbertragung. Das ist eine ziemlich gute Methode, die auch in der Philosophie funktioniert. Hegel mit den Mitteln der formalen Logik, Kant von der analytischen Philosophie aus, Heidegger und Zen \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Ganze Generationen von Doktorarbeiten sind so entstanden. Nur merkt man nichts, wenn man solche Arbeiten liest. In der Philosophie ist das einfach nur eine Masche. Bei Paganini nicht. Da h\u00f6rt man einfach, dass das klasse ist. Das ist der Unterschied.<\/p>\n\n\n\n<p>Virtuosen sehen sich oft gro\u00dfen Angriffen ausgesetzt. Die Meinung ist dann die, dass sie zwar schnell sind und ganz beeindruckend, nur die Musik, die bleibt auf der Strecke. Auch da ist Paganini eine Ausnahme. Er hat eben auch komponiert, und da ist die 24. Caprice echt der Hit. Sie \u00fcberzeugt auch musikalisch, vom Thema her. Die Variationen dazu sind vielleicht virtuoser Schnickschnack, aber sie k\u00f6nnen der Melodie nichts anhaben. Im Gegenteil, sie bringen sie auf einer anderen Ebene voll zur Entfaltung. Das haben auch die Kollegen von Paganini gemerkt und dieses Thema selbst weiterverarbeitet. Liszt zum Beispiel oder Schumann oder Brahms oder Boris Blacher. Also nicht die Schlechtesten. Heute, im Zeitalter von DJs und Re-Mixen, kann man das erst richtig verstehen. Alte Hits zu neuen Hits machen. Und das seit gut 200 Jahren. In der Philosophie macht man das ja auch, gerade wenn man Doktorarbeiten schreibt. Nur sind die sehr selten ein Hit. Aber immer eine Variation.<\/p>\n\n\n\n<p>Richtig nerv\u00f6s bin ich geworden, als meine dritte Geigenlehrerin mir das Mato Perpetuo von Paganini quasi als Et\u00fcde zum \u00dcben gegeben hat. Ich habe mich dahintergeklemmt und f\u00fcr meine Begriffe bin ich auch relativ weit gekommen. Nach zwei Dritteln musste ich aber immer abbrechen, weil mir einfach die Kraft ausging und ich meinem eigenen Tempo nicht mehr hinterherkam. Vermutlich war das der \u00dcbereifer. Zur Verbesserung h\u00e4tte ich ein Metronom verwenden k\u00f6nnen, doch ging mir das Geklicke so auf die Nerven, dass ich es ohne schaffen m\u00fcsste. Merkw\u00fcrdigerweise hat meine Lehrerin das alles nicht so ernst genommen wie ich. Sie hat sich die Fr\u00fcchte meines \u00dcbens nur sporadisch angeh\u00f6rt und nichts weiter in diese Richtung unternommen. Do da waren die W\u00fcrfel bereits gefallen. Ich sa\u00df gerade \u00fcber meinem Graecum, dem Latinum in Altgriechisch, von dem ich der Meinung war, dass man es als anst\u00e4ndiger Philosoph haben m\u00fcsste. Heute kann ich nur noch etwa zehn W\u00f6rter. Und das Alphabet.<\/p>\n\n\n\n<p>Paganini hat eine schwere Kindheit gehabt. Der Vater war ein kleiner Kaufmann und hat den Sohn mit eiserner Strenge zum \u00dcben gezwungen und \u00f6ffentlich aufspielen lassen. Aus Rache ist er den Eltern davongerannt und reich geworden. Ich hatte ja auch eine schwere Kindheit, allerdings haben mich meine Eltern zu nicht besonders viel angetrieben. Und schon gar nicht \u00f6ffentlich aufspielen lassen. Das w\u00e4re auch auf sie zur\u00fcckgefallen. Paganini hat dann Kehlkopfschwindsucht bekommen und konnte sich nur noch im S\u00fcden aufhalten. Mir geht\u2019s da vergleichsweise gut. Die Geige r\u00fchre ich allerdings eher selten an. Ich spiele jetzt Bratsche. Wie alle gescheiterten Geiger.<\/p>\n\n\n\n<p>P.S.: Dieser Text erschien zuerst im Buch \u201eVarious Artists &#8211; Ich Liebe Musik\u201c (1999, notschriften Verlag) und wurde von Alexander R\u00f6sler \u00fcber den Song Michael Rabin \u201ePaganini Capricen Op. 1, Nr.24\u201d, geschrieben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Onkel Rosebud\/Alexander R\u00f6sler An Virtuosen habe ich immer bewundert, dass sie etwas k\u00f6nnen. Ich selbst habe Philosophie studiert. Die Frage, auf die ich meistens antworten musste, lautete in etwa: Was willst Du denn damit mal machen? 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