{"id":5111,"date":"2023-04-09T16:52:35","date_gmt":"2023-04-09T14:52:35","guid":{"rendered":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=5111"},"modified":"2023-04-09T16:52:35","modified_gmt":"2023-04-09T14:52:35","slug":"stefan-thoben-ein-kessel-b-ein-sommer-auf-bitterfelder-wegen-verlag-andreas-reiffer-2023","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/stefan-thoben-ein-kessel-b-ein-sommer-auf-bitterfelder-wegen-verlag-andreas-reiffer-2023\/","title":{"rendered":"Stefan Thoben \u2013 Ein Kessel B. Ein Sommer auf Bitterfelder Wegen \u2013 Verlag Andreas Reiffer 2023"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Stefan-Thoben-Ein-Kessel-B.-.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Stefan-Thoben-Ein-Kessel-B.-.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5112\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von Matthias Bosenick (09.04.2023)<br><br>\u201eDie Chemie stimmt\u201c, schreibt Stefan Thoben \u2013 in einem Buch \u00fcber Bitterfeld bekommt diese positive Einsch\u00e4tzung gleich mehrere bedeutungsvolle Ebenen. Wie schon in seinem Deb\u00fct \u201eEin Traum in bunt\u201c \u00fcber das Ruhrgebiet berichtet der Journalist in \u201eEin Kessel B.\u201c von einer Radreise, hier im Rahmen eines Kulturfestivals zum ostdeutschen Komplement\u00e4r. Dabei ist er dieses Mal vorbereitet und nimmt ein wenig die Rolle von Peter Lustig ein: Scheinbar unwissend n\u00e4hert er sich den Menschen, die schon da sind, und stellt ihnen stellvertretend f\u00fcr alle Lesenden Fragen, die er offen und herzlich beantwortet bekommt. Gleichzeitig offenbart er eine immense Recherchetiefe, die alle denkbaren Themen abdeckt, Industrie, Umwelt, Politik, Geschichte, Kultur. Anders als bei seinem ersten Trip hat Thoben dieses Mal zudem eine Agenda: Er will ehemalige Bitterfelder Schulkinder finden, die seine lokale Zeitung Anfang der Neunziger zur Lungengenesung an die Nordsee schickte. Thoben wei\u00df, wie man sym- und empathisch auf Menschen zugeht \u2013 und mit den so erlebten Geschichten einen mitrei\u00dfenden Sog entwickelt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Immer l\u00e4cheln, auch wenn\u2019s bitter f\u00e4llt. Die Stadt in Sachsen-Anhalt hatte dank ihrer Industrie und der daraus resultierenden Umweltbelastung schon zu DDR-Zeiten in Ost und West einen schlechten Ruf, schlechter noch als das Ruhrgebiet, und das will etwas hei\u00dfen. Tagebau, Chemie, Kraftwerke, \u00fcberall Asche, Ausd\u00fcnstungen, Abholzungen, und dadurch Gesundheitssch\u00e4den, Todesf\u00e4lle, Verpestungen. Mit der Wende setzten Schlie\u00dfungen ein, \u00f6kologische und \u00f6konomische Umbr\u00fcche, Arbeitslosigkeit, Strukturwandel, Abwanderung, also ganz wie ungef\u00e4hr parallel tief im Westen auch. Nur kommt in der Gegend um Bitterfeld erschwerend eine DDR-Vergangenheit hinzu, die die Menschen noch anders pr\u00e4gte, kulturell, politisch, gesellschaftlich, und sie zwischen Aufbruchstimmung und Resignation zur\u00fccklie\u00df (lediglich der Fu\u00dfball fehlt im Osten). Auch Bitterfeld hat wie das Ruhrgebiet mit Klischees zu k\u00e4mpfen, Thoben kennt sie alle, als er sich aufmacht, den Sommer 2022 anl\u00e4sslich des Kulturprogramms OSTEN dort zu verbringen.<br><br>Das ist also ein Zweig des Buches: OSTEN, ein Festival, das den \u201eBitterfelder Weg\u201c nachzeichnet, ein 1959 gestartetes DDR-Programm, das aus Arbeitern K\u00fcnstler machen sollte. Und machte, der \u201eZirkel schreibender Arbeiter\u201c etwa war ein Resultat dieser Bewegung, und Thoben hat viele B\u00fccher von Zirkel-Autoren im Gep\u00e4ck. Haupts\u00e4chlich \u201eFlugasche\u201c von Monika Maron, die darin die Stadt bereits 1981 mit \u201eB.\u201c abk\u00fcrzt, was Thoben im Titel seines Buches aufgreift und mit dem Namen einer DDR-Fernsehshow verbindet (eine weitere Analogie zum Pottbuch, das sich an B\u00f6ll abarbeitete). OSTEN im Kulturpalast zu Bitterfeld greift die Tradition der Bitterfelder Konferenzen auf, denen damals der \u201eBitterfelder Weg\u201c entsprang, und erm\u00f6glicht Thoben tiefe Einblicke in den Spagat zwischen nicht nur kultureller Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft an diesem Ort.<br><br>Der zweite Zweig besteht aus Thobens Suche nach ehemaligen Teilnehmern einer Kur an die Nordsee, die die Lokalzeitung seiner Geburtsstadt Oldenburg 1991 und 1992 ausrichtete. Mit laminierten Zeitungsberichten begibt sich der Autor auf Holmes\u2018 Spuren und recherchiert, trifft, befragt, interviewt, was das Zeug h\u00e4lt, zun\u00e4chst, wenn nicht ins Leere laufend, dann immerhin mit der Hoffnung auf einen weiterf\u00fchrenden Kontakt. Auf den Spuren beider Zweige und mit ganz viel Wissen, Respekt und Leidenschaft radelt Thoben nun in Bitterfeld-Wolfen umher, wei\u00df, was wo fr\u00fcher war und warum und wie nicht mehr, an Goitzschesee und Muldestausee, in Wolfen-Nord, Greppin, Kleing\u00e4rtnervereinen, Filmschaupl\u00e4tzen, Zeitungsarchiven, Gemeindeverwaltungen, Industriesiedlungen, Brachen, zwischen Raguhn im Norden und Sausedlitz im S\u00fcden, und \u00fcberall entdeckte er nicht nur \u00fcberraschende Sch\u00f6nheit, sondern begegnet auch noch aufgeschlossenen, freundlichen, herzenswarmen und schonungslos mitteilsamen Menschen; bei der Art und Weise, wie Thoben selbst unterwegs ist, spiegeln sie im Grunde nur sein Verhalten, denn er betreibt seine Recherchen seinerseits freundlich, empathisch, einf\u00fchlsam. So f\u00e4llt es Lesenden noch leichter, sich vorzustellen, die Reise mit ihm angetreten zu sein.<br><br>In diesem Buch zeigt Thoben stapelweise Fotos, die er auf der Reise schoss, und wie schon im ersten Buch sind die zwar nicht unbedingt reisef\u00fchrertauglich, aber anschaulich, bisweilen in ihrer grafischen \u00c4sthetik kunstvoll. Den Fotos stellt er h\u00e4ufig Zitate zur Seite, nicht immer die Gegend betreffend, sondern thematisch passend aus allen m\u00f6glichen Kulturgattungen, etwa von Fehlfarben, Nina Hagen, Ostzonensuppenw\u00fcrfelmachenkrebs und ganz vielen Kulturschaffenden, von denen man nicht zwingend bereits etwas geh\u00f6rt hat, deren \u00c4u\u00dferungen aber wie die Faust aufs Auge passen und die den Eindruck erwecken, Thoben habe ein Universum im Kopf, das er bei Bedarf einfach abruft und dessen abgelegenste Eckpunkte miteinander verbindet. Nicht selten auch mit Humor.<br><br>\u201eEin Kessel B.\u201c ist sehr pers\u00f6nlich geraten, transparent l\u00e4sst Thoben die Lesenden an Erfolgen und Misserfolgen teilhaben, er spricht seine Leserschaft bisweilen sogar direkt an. Sehr h\u00e4ufig ist er angesichts seiner Begegnungen sp\u00fcrbar beseelt und gl\u00fccklich, das zieht sich durch das gesamte Buch, man sp\u00fcrt, dass die Menschen in Bitterfeld-Wolfen \u2013 bis auf junge Leute, aber das ist wohl \u00fcberall so \u2013 Freude am Kontakt mit diesem neugierigen Reisenden haben. Der auch noch politisch gesund ist: Erfreut stellt er fest, dass er seinem ersten offensichtlich als solchen erkennbaren Nazi erst auf dem Bahnhof bei der Abreise begegnet.<br><br>Aus dem Sumpf der DDR und der Industrie erhebt sich Bitterfeld mit einer stoischen Zufriedenheit in der Bev\u00f6lkerung, so scheint es. Thobens Buch beschreibt dies mit weit ausgebreiteten Armen und empfiehlt damit die dringende Reise dorthin. Und es macht neugierig, wohin sich der Hannoveraner als n\u00e4chstes aufmacht \u2013 das Buch dazu ist jetzt schon gekauft. Wie dieses, auch, um herauszufinden, ob Thobens Nordsee-Recherche von Erfolg gekr\u00f6nt ist. Ganz sicher ist: Die Chemie stimmt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (09.04.2023) \u201eDie Chemie stimmt\u201c, schreibt Stefan Thoben \u2013 in einem Buch \u00fcber Bitterfeld bekommt diese positive Einsch\u00e4tzung gleich mehrere bedeutungsvolle Ebenen. 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