{"id":507,"date":"2013-05-12T13:44:00","date_gmt":"2013-05-12T11:44:00","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=507"},"modified":"2013-11-15T13:15:23","modified_gmt":"2013-11-15T12:15:23","slug":"der-tag-wird-kommen-le-grand-soir-benoit-delepine-gustave-kervern-f-2011","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/der-tag-wird-kommen-le-grand-soir-benoit-delepine-gustave-kervern-f-2011\/","title":{"rendered":"Der Tag wird kommen (Le grand soir) \u2013 Beno\u00eet Del\u00e9pine &#038; Gustave Kervern \u2013 F 2011"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-667\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Kino-Film1.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (12.05.2013)<\/p>\n<p>Der Film kommt sp\u00e4t nach Deutschland, aber \u00fcberhaupt, und das ist gut so, denn es w\u00e4re sonst ein immenses Vers\u00e4umnis. So kompromisslose Filme im Stile der Indie-Filmer der 90er sind selten geworden, auch das einst innovativere, eigenst\u00e4ndigere Kino aus Europa konzentriert sich seit langem leider auf massenkompatible Wiederholung derselben Themen. Mit ihrem dritten Film \u201eLouise-Michel\u201c \u00fcberraschten Beno\u00eet Del\u00e9pine und Gustave Kervern 2007, Nachfolger \u201eMammuth\u201c (Hauptdarsteller G\u00e9rard Depardieu hat in \u201eDer Tag wird kommen\u201c eine winzige witzige Nebenrolle) schielte hingegen auf den Markt, der neue \u201eDer Tag wird kommen\u201c nun nimmt den Gestus von \u201eLouise-Michel\u201c wieder auf. Der Film besticht mit einer ungew\u00f6hnlichen Handlung, noch viel mehr aber damit, wie er diese Handlung erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Altpunk \u201eNot\u201c scheint zun\u00e4chst die Hauptfigur zu sein, ein gescheiterter \u00dcbervierzigj\u00e4hriger, dessen Bruder Jean-Pierre als Matratzenverk\u00e4ufer ein mittelst\u00e4ndisches Wohlstandsleben f\u00fchrt. Die ausgebremsten Eltern betreiben ein Kartoffelrestaurant, in dem sich die Br\u00fcder begegnen und ihre gegenseitige Abneigung austauschen. Der Standard: Als Altpunk ist man ein Versager, \u201eNot\u201c wurde nie erwachsen. Tja. Aber dann macht der Film die Kehrtwende: \u201eSpie\u00dfer\u201c Jean-Pierre ist geschieden, mit der Babytochter \u00fcberfordert und dann auch noch als versagender Verk\u00e4ufer auf der Abschussliste seines Chefs. Das l\u00f6st eine Art Amoklauf bei ihm aus, der auf der Verkehrsinsel endet, auf der \u201eNot\u201c residiert, und jener t\u00e4towiert ihm den Namen \u201eDead\u201c auf die Stirn und rasiert ihm einen Iro. Zun\u00e4chst versucht \u201eNot\u201c noch vergeblich, dem desolaten \u201eDead\u201c einen neuen Job zu beschaffen, aber dann wollen sie lieber zusammen die Gesellschaft aufr\u00fctteln.<\/p>\n<p>Grandioses Scheitern als Lebensweg. Schon die Eltern machen es vor. Zwar betreiben sie ein Restaurant, aber das in einem irrsinnig langsamen Tempo und nahezu frei von G\u00e4sten. Auch in der Erziehung sind sie offensichtlich gescheitert, schlie\u00dflich bekommen beide S\u00f6hne ihr Leben nicht auf die Reihe. \u201eDead\u201c scheitert ebenso darin, ein Neu-Punk zu sein, wie darin, ein als normal betrachtetes Leben zu f\u00fchren. Und \u201eNot\u201c gelingt sein Aufruhr nicht. So ziellos wie die Figuren ist auch der Film, das Nicht-Ende mithin konsequent.<\/p>\n<p>Man bekommt eine Gegenwart pr\u00e4sentiert, in der man sich als Europ\u00e4er leider auch wiederfindet, zwischen Falschern\u00e4hrung und Finanzkrise, zwischen Sicherheitsdenken, Sinnsuche und Ausweglosigkeit. Die Grundstimmung ist deprimierend, der Humor indes befreiend. Einen Gro\u00dfteil dieses Humors erzeugen die Regisseure mit der Art und Weise, wie sie den Film darstellen. Bei Kaurism\u00e4ki gelernte Einstellungen und namenlose \u00dcberwachungskameraobservierer bilden die Eckpfeiler der Kameraarbeit. Brutalrealistische Dialoge und aberwitzige Ideen f\u00fcllen den Raum dazwischen. Etwa: Man sieht, wie der Vater im Restaurant am Fenster steht und dabei zusieht, wie sich die S\u00f6hne drau\u00dfen streiten, und h\u00f6rt aus dem Off die Mutter fragen: \u201eHast du etwas von den Kindern geh\u00f6rt?\u201c, und der Vater antwortet \u201eNein\u201c und l\u00e4sst die Jalousie herunter. Von solchen Ideen und Dialogen quillt der Film nur so \u00fcber. Au\u00dferdem zeigt er den vermutlich lustigsten Film-Suizid seit langem.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist das alles unrealistisch, aber das war \u201eLouise-Michel\u201c auch, und trotzdem tief in der Gegenwart verankert und \u00e4u\u00dferst kritisch. Man kann aus jenen beiden Filmen viel \u00fcber das System lernen und sieht sich auf zynische Weise in seiner eigenen Haltung best\u00e4tigt. Das tr\u00f6stet dar\u00fcber hinweg, dass man sich selbst nicht dazu in der Lage sieht, an diesem verhassten System etwas zu \u00e4ndern, und l\u00e4sst diebische Freude dar\u00fcber aufkommen, dass jemand diese Haltung immerhin in b\u00f6se und grandiose Kunst gie\u00dft.<\/p>\n<p>\u201eLe grand soir\u201c ist \u00fcbrigens ein Begriff aus der Franz\u00f6sischen Revolution, den Marxisten und Anarchisten gleicherma\u00dfen noch heute nutzen. Er beschreibt den \u00dcbergang zwischen dem Sturz eines Regimes und der Erschaffung einer neuen Gesellschaft. Im Gegensatz noch zu \u201eLouise-Michel\u201c sowie den ersten beiden Filmen \u201eAaltra\u201c und \u201eAvida\u201c scheint \u201eDer Tag wird kommen\u201c \u00fcbrigens nicht mehr im fiktiven Groland zu spielen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (12.05.2013) Der Film kommt sp\u00e4t nach Deutschland, aber \u00fcberhaupt, und das ist gut so, denn es w\u00e4re sonst ein immenses Vers\u00e4umnis. 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