{"id":4731,"date":"2022-11-16T21:53:56","date_gmt":"2022-11-16T20:53:56","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=4731"},"modified":"2022-11-16T21:53:56","modified_gmt":"2022-11-16T20:53:56","slug":"dry-cleaning-stumpwork-4ad-2022","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/dry-cleaning-stumpwork-4ad-2022\/","title":{"rendered":"Dry Cleaning \u2013 Stumpwork \u2013 4AD 2022"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Dry-Cleaning-Stumpwork.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Dry-Cleaning-Stumpwork.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4732\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Guido D\u00f6rheide (16.11.2022)<\/p>\n\n\n\n<p>Dry Cleanings Debut \u201eNew Long Leg\u201c war eines der absoluten Gro\u00dfereignisse der alternativen englischen Musik des Jahres 2021. Unglaublich guter, beil\u00e4ufiger und dennoch unter die Haut gehender und im Kopf bleibender psychedelischer Gitarren-Indierock, kombiniert mit Florence Shaws einzigartiger Art, ihre Lyrik weniger zu singen, sondern eher lesend vorzutragen. Das hat mich im vergangenen Jahr sehr vom Hocker gehauen und umso gespannter war ich, ob es der Band gelingt, dieses Niveau mit dem zweiten Album halten zu k\u00f6nnen (mit dem ich so schnell gar nicht gerechnet h\u00e4tte). Zu erwarten, dass Dry Cleaning es gar \u00fcbertreffen, w\u00e4re vermessen gewesen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Als \u201esprechgesang\u201c wird Shaws Vortragsstil in Teilen der englischsprachigen Presse (Guardian, NME) charakterisiert \u2013 es gibt also neben \u201eWeltschmerz\u201c, \u201eBlitzkrieg\u201c und \u201eKindergarten\u201c noch mindestens ein weiteres deutsches Wort, das Einzug in die englische Sprache gehalten hat. Der deutsche \u201eRolling Stone\u201c entbl\u00f6dete sich gar, von \u201eRap\u201c zu sprechen. Ohne Kommentar, sogar ich habe schon bessere Witze gemacht. Nicht mal an sehr untypische Rapper wie The Streets oder die Sleaford Mods erinnert das, was Florence Shaw dort mit dem Mikrofon veranstaltet. Irgendwo las ich auch einen Vergleich mit den legend\u00e4ren Young Marble Giants, aber auch dieser bewegt sich so anmutig durch die Landschaft wie weiland Long John Silver, ist aber zumindest mehr als schmeichelhaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Und f\u00fcrwahr \u2013 hinter YMG m\u00fcssen sich Dry Cleaning auch nicht verstecken. Eine Band, die wirklich sehr nach sich selbst klingt und die K\u00e4lte und ein bestimmtes warmes Gef\u00fchl gleichzeitig zum H\u00f6rer zu transportieren vermag.<br><br>Dry Cleanings Musik wird dominiert von einem wirklich dominanten und sehr coolen Bass. Der erzeugt die W\u00e4rme. Und auf der anderen Seite steht Florence Shaws stimmliche Darbietung. Sie singt tats\u00e4chlich nicht, sie spricht, aber mit einer Betonung, die oft an eine Autorenlesung erinnert und manchmal einem hypnotischen Singsang, der aber nie wirklich zu einer Melodie werden will, \u00e4hnelt. Das klingt nicht direkt verzweifelt, aber nachdenklich, verloren, erzeugt ein wenig K\u00e4lte, und trotzdem w\u00fcrde man Shaw, tr\u00e4fe man sie in einer Bar, ein Getr\u00e4nk nach dem anderen ausgeben, nur damit sie noch bleibt und man weiter dieser Stimme zuh\u00f6ren kann. Ich tue mich schwer, zu beschreiben, wie sie diese Stimme einsetzt. Irgendwie nicht dominant, nicht laut, aber auch nicht auf die Art leise, dass man als Zuh\u00f6rer\/in andauernd nachfragen muss, \u201eFlorence, was hast Du gerade gesagt?\u201c Passiv-aggressiv ist der einzige Vergleich, der mir in den Kopf kommt, den ich aber in keinster Weise negativ meine. Ich habe jetzt was \u00fcber den \u201eGesangs\u201cstil gesagt, auf die Instrumentierung gehe ich ein, wenn ich mich gleich gezielt zu einigen Songs \u00e4u\u00dfere \u2013 was bei mir zumeist unter den Tisch f\u00e4llt, ist das Coverartwork. Bei \u201eStumpwork\u201c ist es so eklig, dass ich nicht daran vorbeikomme. Das Albumcover zeigt ein bereits benutztes St\u00fcck Seife, auf einem Waschbeckenrand liegend, an dem Haare kleben, die das Wort \u201eStumpwork\u201c bilden. Nicht einmal das ikonische Type-O-Negative-Albumcover mit Peter Steeles Anus vorne drauf wirkt ann\u00e4hernd so verst\u00f6rend, und das mit einer Beil\u00e4ufigkeit, die irgendwie kaum zu fassen ist.<br><br>Kommen wir nun zu etwas v\u00f6llig anderem: Krautnicks kompetente Anspieltipps (kleine Achtsamkeits\u00fcbung: Lasst uns kurz gemeinsam erinnern, wie wir seinerzeit in den 90er Jahren die CD-Abteilung von Pressezentrum Salzmann in Braunschweig betraten, dem ebenso charismatischen wie kompetenten Abteilungsleiter eine CD-H\u00fclle entgegenhielten und dieser f\u00fcr uns den Tontr\u00e4ger in den eigens daf\u00fcr bereitgestellten Anspiel-CD-Player einzulegen und einen Kopfh\u00f6rer auszuh\u00e4ndigen \u2013 nicht ohne uns ungefragt mit Musiktipps zu versorgen (\u201eDIE :wumpscut:-BOX IST DA!!!\u201c), auf dass wir uns einen ersten Eindruck vom Album unseres Interesses verschaffen konnten. Und um Olafs Zeit nicht allzu sehr in Anspruch zu nehmen, haben wir damals beim Reinh\u00f6ren nur wenige Tracks f\u00fcr wenige Sekunden angespielt, um dann das Produkt nebst weiterer ungefragter Musiktipps (\u201eDIE :wumpscut:-BOX IST DA!!!\u201c) f\u00fcr meistens 29,90 DM zu erwerben. Haaach, those were the days! &#8211; <em>Achtsamkeits\u00fcbung Ende<\/em>):<br><br>Los geht es mit dem er\u00f6ffnenden St\u00fcck \u201eAnna Calls From The Arctic\u201c: Ein Bass mit einem Hauch von hingehauchter Percussion f\u00fchrt uns ins Album ein \u2013 dann Florence Shaw: Der Text besteht aus einzelnen Zeilen, die verwirren und teils verst\u00f6ren, zu den Eingangsinstrumenten gesellt sich ein schwindlig machendes, monotones Keyboard (jahaa \u2013 ich wei\u00df \u2013 \u201eTastatur\u201c ist als Benennung eines Musikinstruments in keinster Weise ad\u00e4quat\u2026) und alles endet mit \u201eGym shorts reveal more, more, more, more, more \u2013 But it doesn&#8217;t change anything\u201c. Wovon singt Shaw da? Unterleibsentbl\u00f6\u00dfende H\u00f6llenhosen?<\/p>\n\n\n\n<p>Auf \u201eKwenchy Kups\u201c werden diverse Tiere abgehandelt und alles endet \u2013 nach meinem Befinden \u2013 in der Zeile \u201eYou can say I don&#8217;t give a fuck, dick face\u201c. Man soll ja immer unmissverst\u00e4ndlich sagen, was man gerade denkt; Florence Shaw kann das.<br><br>Der Bass auf \u201eDriver\u2018s Story\u201c erinnert mich dann an die fr\u00fchen Pixies, ja, die Gitarre sogar auch. W\u00fcrden sich die Pixies heute so anh\u00f6ren, wenn Kim Deal geblieben w\u00e4re und nicht singen m\u00fcsste, sondern reden d\u00fcrfte? Daher also 4AD als Plattenfirma\u2026<br><br>Danach dann \u201eHot Penny Day\u201c \u2013 dieser Song ist f\u00fcr mich \u00fcberhaupt DAS DING auf \u201eStumpwork\u201c: Ein Wah-Wah-verzerrter Bass er\u00f6ffnet das St\u00fcck, jetzt wird also getanzt!!! \u00c4h \u2013 nein, wird es nicht: Florence Shaw beginnt nach dem Bass-Intro mit ihrem distanzierten und k\u00fchlen Sprechgesang und erstickt damit jegliche Tanzbewegungen im Keim. Dennoch schaffen es Dry Cleaning, ab Minute 2:15 ein zur\u00fcckgenommenes und dennoch elektrisierendes Bass-\/Gitarre-Synthgeplucker (sorry f\u00fcr dieses abgegrabbelte Wort) auf die H\u00f6renden loszulassen, dass man sich ganz kurz im Madchester der fr\u00fchen 90er Jahre w\u00e4hnt, um dann von Florences Gesang wieder in die Neuzeit katapultiert zu werden.<br><br>Im darauf folgenden Titelst\u00fcck \u201eStumpwork\u201c ist von Fatboy Slim und und den Chemical Brothers die Rede, ohne dass der Track auch nur ansatzweise nach einem der beiden klingt, aber \u201eDoo-doo-doo-doo-doo\u201c in dem, was ansatzweise sowas wie ein Refrain sein k\u00f6nnte, ist wirklich wirklich sch\u00f6n.<br><br>Das darauf folgende \u201eNo Decent Shoes For Rain\u201c (welch 1 Titel!) beginnt mit einem sehr ruhigen Gitarrengeklampfe, da spielt sich anscheinend irgendwer warm, um dann Textzeilen wie \u201eLet&#8217;s smoke and drink and get fucked, I don&#8217;t know. Let&#8217;s eat pancake.\u201c rauszuhauen. Sehr sch\u00f6n.<br><br>Derlei Momente gibt es noch einige mehr auf \u201eStumpwork\u201c zu entdecken, ich hoffe, es ist mir gelungen, mittels weniger und sehr kurz gehaltener Anspielungen Ihr geneigtes Interesse zu wecken \u2013 Dry Cleaning haben es verdient.<br><br>Und ein vokalismusbezogener Vergleich f\u00e4llt mir am Ende doch noch ein: Als ich als junger Heranwachsender zum ersten Mal \u201eGoo\u201c von Sonic Youth h\u00f6rte, w\u00fcnschte ich immer, \u201eTunic (Song For Karen)\u201c, der tieftraurige Song \u00fcber Karen Carpenter von den Carpenters, mit Kim Gordons Sprechgesang w\u00fcrde nie aufh\u00f6ren. So \u00e4hnlich singt Florence Shaw \u2013 beispielsweise auf \u201eGary Ashby\u201c (ein weiterer Anspieltipp) \u2013 und ich freue mich, dass es nun eine Band mit bereits zwei Alben gibt, die diese Art von Gesang nicht aufh\u00f6ren l\u00e4sst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Guido D\u00f6rheide (16.11.2022) Dry Cleanings Debut \u201eNew Long Leg\u201c war eines der absoluten Gro\u00dfereignisse der alternativen englischen Musik des Jahres 2021. 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