{"id":472,"date":"2013-04-16T14:08:59","date_gmt":"2013-04-16T12:08:59","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=472"},"modified":"2013-11-15T13:11:08","modified_gmt":"2013-11-15T12:11:08","slug":"die-jagd-jagten-thomas-vinterberg-dk-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/die-jagd-jagten-thomas-vinterberg-dk-2012\/","title":{"rendered":"Die Jagd (Jagten) \u2013 Thomas Vinterberg \u2013 DK 2012"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-667\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Kino-Film1.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (16.04.2013)<\/p>\n<p>Man f\u00fchlt sich von diesem Film unterschwellig manipuliert. Hauptfigur Lucas sowie seine Anta- und Protagonisten agieren auf eine mit dem Mittel der Auslassung versteckte Weise verknappt, reduziert, falsch, so dass sich nur oberfl\u00e4chlich der Eindruck eines sich logisch entwickelnden Plots ergibt. Den Effekt auf den Zuschauer indes reduziert dieser Umstand nur bedingt: Man ist gepl\u00e4ttet, wenn man aus dem Kino kommt. Beim Reflektieren jedoch offenbaren sich L\u00fccken in der Authentizit\u00e4t der Ereignisse um den schuldlos des sexuellen Missbrauchs angeprangerten Kinderg\u00e4rtner Lucas (Mads Mikkelsen).<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Allem voran ist es Lucas&#8216; Passivit\u00e4t, die man ihm vorwerfen will. Als ihm seine Chefin Grethe von den Vorw\u00fcrfen erz\u00e4hlt, steckt er sie nur schluckend ein, anstatt gleich explodierend s\u00e4mtliche Anschuldigungen von sich zu weisen. Nat\u00fcrlich kann das als Zugest\u00e4ndnis aufgefasst werden. Grethe selbst agiert fortan auch nicht eben gesetzeskonform: Sie engagiert einen Kumpel, der das Lucas beschuldigende Kind d\u00fcmmlich ausfragt, entscheidet f\u00fcr sich, dass dieses als L\u00fcgnerin bekannte Kind ausnahmsweise einmal nicht l\u00fcgt, und informiert stehenden Fu\u00dfes Lucas&#8216; Exfrau und s\u00e4mtliche Kindergartenletern \u00fcber den angenommenen Vorfall. Nat\u00fcrlich startet auf diese Weise in der D\u00e4nischen Provinz eine Hexenjagd auf den Hobbyj\u00e4ger Lucas, das ist recht simpel konstruiert, oder eben: dramaturgisch verknappt.<\/p>\n<p>Lucas&#8216; pers\u00f6nlichster Gegner ist Theo, sein bester Freund \u2013 und Vater des l\u00fcgenden Kindes. Leider ist es oft ebenjene Konstellation, die tats\u00e4chlich zu Missbrauchstaten f\u00fchrt, daher ist dies ein nachvollziehbarer Aspekt. Das Dorf, seine Jagdfreunde, die Supermarktangestellte, Kitaeltern, Exkollegen, neue Freundin, alle richten sich gegen ihn und erschaffen damit eine ausweglose, beklemmende, gewaltausl\u00f6sende Situation. Nun ist Vinterberg aber nicht Mike Leigh, deswegen bekommt Lucas Getreue an die Seite gestellt, seinen Sohn und seinen pointiert plaudernden Schwager Bruun. Damit f\u00fchlt sich der Zuschauer einigerma\u00dfen sicher, damit ist die Stimmung nicht vollends aussichtslos. Das ist auch gut so; es w\u00e4re schlimm, wenn so ein Mensch im echten Leben keinerlei R\u00fcckhalt h\u00e4tte. Jedoch ist der f\u00fcrsprechende Schwager offenbar stinkreich und gebildet, im Gegensatz zu den Volksverhetzern; damit wird der Blick schon wieder gelenkt.<\/p>\n<p>Als Lucas dann im Supermarkt verpr\u00fcgelt wird, wehrt er sich ebenfalls mit Gewalt, was eigentlich gar nicht zu seinem Naturell passt. Aber als hollywoodinfiltrierter Kinog\u00e4nger ist man mit dem Thema Selbstjustiz bestens geimpft und applaudiert Lucas innerlich. Schon wieder f\u00fchlt man sich ertappt. Umso \u00fcberzeugender ist hingegen die Szene in der Kirche an Heiligabend, als Lucas sich dem Dorf aussetzt und Theo an seinem Blick erkennt, dass Lucas die Wahrheit sagt.<\/p>\n<p>Eine weitere Auslassung sind die Beh\u00f6rden. Zwar wird Lucas inhaftiert, aber wegen widerspr\u00fcchlicher Zeugenaussagen freigesprochen. Grethe handelt nach eigener Aussage nach Polizeianweisung. Bruun erz\u00e4hlt, dass alle Kinder Lucas nach Befragungen belasten. Mehr Justiz, Betreuung, Beh\u00f6rden, gar Amtspsychologen, finden sich nicht, Lucas und das Dorf regeln alles alleine. Als Lucas&#8216; Hund get\u00f6tet wird, geht er nicht zur Polizei. Auch nicht, als er verpr\u00fcgelt wird. Das ist unrealistisch, was dem Zuschauer aber im Rahmen der Geschichte nur unbewusst auff\u00e4llt. Er ist halt das Opfer. Und das Kind, die Eltern, die Kita, das Dorf, die Gesellschaft sind die B\u00f6sen. Und obwohl Lucas ein Jahr sp\u00e4ter rehabilitiert ist, wird er das Stigma niemals los, sagt der Film, dieses Mal leider authentischerweise.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich geht es einem unschuldig des sexuellen Kindesmissbrauchs Verd\u00e4chtigten genau so wie Lucas. Nat\u00fcrlich dreht sich die Spirale vom plappernden Kind zum fackelnschwenkenden Mob genau so. Nat\u00fcrlich f\u00fcrchten M\u00e4nner sp\u00e4testens seit Marc Dutroux, sich verd\u00e4chtig zu machen, wenn sie nur ihren eigenen Kindern am Kitazaun beim Spielen zusehen. Nat\u00fcrlich ist die Zahl der Falschverd\u00e4chtigungen gro\u00df. Aber noch viel gr\u00f6\u00dfer ist wahrscheinlich die Zahl der tats\u00e4chlichen Straft\u00e4ter, die nicht auffliegen.<\/p>\n<p>Dennoch: Der Plot fesselt, insbesondere wegen der enormen schauspielerischen Leistungen. Mit denen \u00fcberspielen Mikkelsen und seine Kollegen die erz\u00e4hlerischen Untiefen. Auch das Erz\u00e4hltempo passt, es wird nicht hektisch, auch bis zum Vorwurf und zur Eskalation dauert es lange, und Vinterberg \u00fcbertreibt trotz allem nicht. Die Musik ist dezent eingesetzt, die Dogme95-erprobte Handkamera ebenfalls. Auch gut ist, dass es nicht darum geht, heruaszufinden, ob Lucas es nun getan hat oder nicht, weil solche Plots irgendwann die Ja- und Nein-Argumente derma\u00dfen gleichgewichtig plausibel verteilen, dass es am Ende egal ist, ob er&#8217;s war oder nicht. Hier geht es explizit um eine Falschverd\u00e4chtigung und deren Folgen. Somit bleibt der Film in Summe sehenswert und regt zu Diskussionen an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (16.04.2013) Man f\u00fchlt sich von diesem Film unterschwellig manipuliert. 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