{"id":4711,"date":"2022-11-11T16:05:13","date_gmt":"2022-11-11T15:05:13","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=4711"},"modified":"2022-11-11T16:05:13","modified_gmt":"2022-11-11T15:05:13","slug":"decision-to-leave-%ed%97%a4%ec%96%b4%ec%a7%88-%ea%b2%b0%ec%8b%ac-park-chan-wook-suedkorea-2022","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/decision-to-leave-%ed%97%a4%ec%96%b4%ec%a7%88-%ea%b2%b0%ec%8b%ac-park-chan-wook-suedkorea-2022\/","title":{"rendered":"Decision To Leave (\ud5e4\uc5b4\uc9c8 \uacb0\uc2ec) \u2013 Park Chan-wook \u2013 S\u00fcdkorea 2022"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"178\" height=\"100\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-660\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (11.11.2022)<br><br>Filmfest in Braunschweig! Da l\u00e4uft \u201eDecision To Leave\u201c, der neue Film von Park Chan-wook, schon vor dem Bundesstart. Der einst Gewalt so unmittelbar auf die Netzhaut dr\u00fcckende Regisseur f\u00e4hrt hier Sex und Brutalit\u00e4t zur\u00fcck, um eine Geschichte zu erz\u00e4hlen, die im Verlauf mehrmals das Genre wechselt: von humorigem Polizeifilm zu einem Ermittlungsthriller zu einem Liebesdrama. Wundervoll komponierte Bilder, psychedelische Bildwechsel und h\u00f6chst interessante Charaktere fesseln fast zweieinhalb Stunden lang, bis die Geschichte zuletzt jedoch im Sande verl\u00e4uft. Dennoch verl\u00e4sst man das Kino mit bemerkenswerten Eindr\u00fccken im Kopf.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Hauptfigur ist Polizist Hae-joon (Park Hae-il), der mit einem rumpelhaften Buddy-Cop in diversen F\u00e4llen ermittelt, aber viele offen zur\u00fcckl\u00e4sst. Neuester Auftrag ist, im Tod eines Bergsteigers zu ermitteln, dessen Witwe Seo-rae (Tang Wei) ihm etwas zu wenig trauert. Alles spricht f\u00fcr einen Unfall, Soe-rae scheint aus dem Schneider zu sein, bis sich Indizien, wie man so sagt, neu verdichten und er Beweise daf\u00fcr findet, dass sie ihren Gatten sehr wohl vom Gipfel stie\u00df. Da er feststellt, dass er eine Obsession f\u00fcr die M\u00f6rderin entwickelt, gibt er seine Fernbeziehung auf, indem er die Entfernung verk\u00fcrzt und zu seiner Ehefrau zieht. In der neuen Stadt l\u00e4uft ihm Seo-rae abermals \u00fcber den Weg, einen neuen Gatten im Schlepptau \u2013 der wiederum kurz darauf ermordet aufgefunden wird. Es komm zu, sagen wir mal, Konsequenzen.<br><br>Den Auftakt gestaltet Park Chan-wook noch eher humorig, indem er den tr\u00fcben, schlaflosen, akkuraten Hae-joon auf seinen ungest\u00fcmen Kollegen treffen l\u00e4sst. Auch in die ersten Verh\u00f6re im Pr\u00e4sidium baut Park noch Humor ein, doch bald schwenkt er in den Thriller, in Suspense, in den Detektivfilm \u2013 und schlie\u00dflich ins Emotionale. Der Regisseur wirft nach und nach die wiederkehrenden inhaltlichen und filmischen Elemente ab, um aufs halbwegs Wesentliche reduziert beim Drama zu enden.<br><br>Es f\u00e4llt auf, dass der Film insgesamt unerwartet europ\u00e4isch-westlich wirkt, man hat wenig Schwierigkeiten, sich in Verhalten und Gepflogenheiten der Figuren hineinzuversetzen, sogar die vielen Handlungs- und Zeitspr\u00fcnge sowie die Wechsel ins Erinnern oder Vorstellen zu erfassen. Selbst die Musik ist nicht traditionell koreanisch, sondern bedient sich bei europ\u00e4ischer Klassik, wo nicht der mit spanischen Gitarren unterlegte koreanische Schlager \u201eMist\u201c (also \u201eNebel\u201c, hier gecovert von Song Chang-sik, im Original 1967 von Jung Hoon-hee, seinerzeit Titelsong eines gleichnamigen Films) erklingt, im Abspann \u00fcbrigens von beiden Hauptdarstellern abermals neu gesungen.<br><br>Filmisch ist \u201eDecision To Leave\u201c ein Prachtst\u00fcck. Die Ermittlungen inszeniert Park grandios: Schon die Verh\u00f6re sind ein Fest f\u00fcrs Auge, wenn man die sprechenden und zuh\u00f6renden Personen gleichzeitig und wechselnd in echt, im Spiegel, auf dem Laptop zu sehen bekommt. Eine konventionelle Situation aus Krimis also unkonventionell dargestellt, wie Park ohnehin mit Vorliebe Gespr\u00e4che bemerkenswert in Szene setzt, etwa das der beiden auf dem Fischmarkt begegnenden Paare. Dann die wachsenden Verdachtsmomente: W\u00e4hrend Hae-joon Seo-rae observiert, versetzt er sich in ihre Berichte hinein und \u00fcberpr\u00fcft sie auf Plausibilit\u00e4t, was Park fig\u00fcrlich darstellt, also wirklich den Polizisten in Seo-raes Erinnerungen verpflanzt. Als zus\u00e4tzlichen Kniff komponiert Park \u00e4sthetisch ansprechende Bild\u00fcberg\u00e4nge, die an die psychedelische Afri-Cola-Werbung der Siebziger erinnern. Und er gestaltet seine Bilder wie Gem\u00e4lde, l\u00e4sst wichtige Personen nur im Hintergrund erkennbar sein, generiert W\u00e4rme, Leere, Dynamik mit der Art und Weise, wie die Kamera R\u00e4ume erfasst, wie sie schwenkt, zoomt, statisch bleibt.<br><br>Auch ohne sich in koreanischer Tradition auszukennen, kann man einige Symbole recht leicht entschl\u00fcsseln: Da \u2013 nicht nur im Titelsong \u2013 Nebel eine wesentliche Rolle spielt, der die Sicht auf die Dinge verschleiert, l\u00e4sst Park seinen Detektiv in kniffligen Situationen Augentropfen nehmen, die seinen Blick kl\u00e4ren. So spielen Augen auch immer wieder eine Rolle in den Bildern, die von Leichen ebenso wie die von Fischen, durch die man Menschen auf dem Markt betrachtet \u2013 ein kurioser visueller Effekt, der nicht deplatziert wirkt. Zwischen Cop und Killerin entwickelt sich die Standard-Situation, dass ihm ein Schuhband aufgeht und sie ihn darauf aufmerksam macht, und als sie am Ende die \u201eDecision To Leave\u201c f\u00e4llt, knotet er sich abermals die Senkel neu. Wie seine Kleidung ohnehin wichtig ist, er hat immer Trenchcoats und Hosen mit extra angen\u00e4hten Taschen \u2013 in denen die beiden Frauen seines Lebens indes nie eine Waffe finden, wenn sie sich bei ihm zur Erf\u00fcllung irgendeines Bed\u00fcrfnisses bedienen, daf\u00fcr aber beispielsweise sch\u00fctzendes Lippenbalsam, so einer ist er n\u00e4mlich.<br><br>Nun gibt es nat\u00fcrlich dennoch Elemente in diesem Film, die man als Nicht-Koreaner nicht erfasst. Allem voran die Sprache: Soe-rae ist eine eingewanderte Chinesin, die ihr unzureichendes Koreanisch selbst bem\u00e4ngelt und bisweilen Synonyme schief verwendet, aber stets klar formulieren kann, was sie ausdr\u00fccken will, wenn sie nicht zur Not ihr Smartphone die \u00dcbersetzung \u00fcbernehmen l\u00e4sst. Die Feinheiten kann man anhand der Untertitel nat\u00fcrlich nur erahnen, den Umstand ihrer fremdartigen Sprechweise erfasst man dennoch. Und sicherlich bringt Park zahlreiche Symbole im Film unter, die man als Europ\u00e4er vermutlich nicht einmal als Symbole ausmacht.<br><br>Einige R\u00e4tsel bleiben offen: Etwa, was Soe-rae damit bezweckt, den Dialog mit Hae-joon auf dem Berg am Ende mit einem Ger\u00e4t an ihrem Hinterkopf mitzuschneiden \u2013 vermutlich will sie ihm Kompromittierendes entlocken, doch immer, sobald er in ihre gew\u00fcnschte Richtung ansetzt, biegt er doch in eine neutrale Variante ab. Geschickt, aber \u2013 mit dem Ende zwecklos, oder? Es gibt weitere Verhaltensweisen, die unklar bleiben: Warum heiratet Soe-rae vor ihrem Umzug einen Kriminellen, der sie schl\u00e4gt? Warum verl\u00e4sst Hae-joons Ehefrau ihren Mann so abrupt f\u00fcr einen anderen Geschiedenen? Wie schafft es Hae-joon, parallel zu seiner Arbeitszeit Soe-raes Posten als Betreuer \u00e4lterer Menschen einzunehmen, w\u00e4hrend sie anderweitig besch\u00e4ftigt ist? Welche Asche tr\u00e4gt Soe-rae mit sich herum?<br><br>Aber das sind Nebenspielereien, mit denen man sich arrangieren kann. So verfolgt man den verst\u00e4ndnisvollen Cop auf den verh\u00e4ngnisvollen Spuren seiner Femme Fatale, die sich der Konsequenzen ihres Handelns zusehends ausgeliefert sieht. Das Ende indes schleppt sich trotz sch\u00f6ner Bilder \u2013 der K\u00fcstenstreifen von oben und Hae-joon guckt zum Kinosaal herauf \u2013 etwas z\u00e4h und versandet im Wortsinne. Aber das Meer ist sch\u00f6n, wundersch\u00f6n.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (11.11.2022) Filmfest in Braunschweig! Da l\u00e4uft \u201eDecision To Leave\u201c, der neue Film von Park Chan-wook, schon vor dem Bundesstart. 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