{"id":4652,"date":"2022-10-19T21:20:59","date_gmt":"2022-10-19T19:20:59","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=4652"},"modified":"2022-10-19T21:20:59","modified_gmt":"2022-10-19T19:20:59","slug":"fehlfarben-0-tapete-records-2022","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/fehlfarben-0-tapete-records-2022\/","title":{"rendered":"Fehlfarben \u2013 ?0?? \u2013 Tapete Records 2022"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Fehlfarben-2022.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Fehlfarben-2022.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4653\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Guido D\u00f6rheide (19.10.2022)<\/p>\n\n\n\n<p><a><\/a> Kaum einer E-Mail habe ich mit soviel Spannung entgegengefiebert wie der von heute (14.10.2022), 1104 UTC+2. Absender: Bandcamp. Betreff: \u201e?0?? (2022) just released!\u201c Also gleich mal mein vor Wochen vorbestelltes Album gedownloaded und angeh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die letzte Atempause seit \u201e\u00dcber Menschen\u201c w\u00e4hrte sieben Jahre, dennoch wird von der D\u00fcsseldorfer Indie-Institution Fehlfarben weiterhin eifrig Geschichte gemacht. Im Vorfeld dieser ersten Fehlfarben-Ver\u00f6ffentlichung der 20er-Jahre hatte ich mir die Wartezeit mit dem H\u00f6ren der \u201eneuen\u201c Fehlfarben-Alben von 1991 bis 2015 vertrieben und zwischendurch auch immer mal wieder \u201eMonarchie und Alltag\u201c, das sensationelle Deb\u00fct aus dem Jahr 1980, sowie die beiden Werke seitdem bis zur vorl\u00e4ufigen Aufl\u00f6sung der Band 1984 aufgelegt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Mit dem Deb\u00fct haben die Farben eines der wichtigsten Werke deutschsprachiger Rockmusik hingelegt, dann stieg Frontmann Peter Hein aus, nichtsdestotrotz gab es noch zwei Spitzenalben mit Thomas Schwebel als S\u00e4nger. Seit der Neugr\u00fcndung 1989 ist Hein wieder f\u00fcr die Bedienung des Mikrofons zust\u00e4ndig und alle Ver\u00f6ffentlichungen von der \u201ePlatte des himmlischen Friedens\u201c (1991) bis hin zum bereits erw\u00e4hnten \u201e\u00dcber Menschen\u201c (2015) haben in mir die Erkenntnis reifen lassen, dass Fehlfarben die passendste Band f\u00fcr Leute ist, die Blumfeld auf den ersten beiden Alben innigst verehrt haben und ab dem dritten nichts mehr mit ihnen anfangen konnten. Ist nur so ein subjektives Bauchgef\u00fchl, ich mache es daran fest, dass Fehlfarben unaufgeregte und dennoch spektakul\u00e4re Indiemusik mit einer unter die Haut gehenden Stimme nebst \u00fcberaus eindringlichem Vortrag und wundervoll hintergr\u00fcndigen und toll formulierten Texten verbinden.<br><br>Peter Hein ist inzwischen 65, und er klingt immer noch toll. Sein Tonfall schwankt immer irgendwo zwischen Entsetzen und Bedrohung, die Stimme klingt leicht schneidend und dabei angenehm tief und hoch gleichzeitig und textlich spielt er immer noch auf den obersten Pl\u00e4tzen seiner eigenen Liga. Hier jetzt alle Texte auseinanderzunehmen, w\u00fcrde in einer Landkarte im Ma\u00dfstab Eins zu Eins gipfeln, daher f\u00fchre ich nur mal ein paar kurze Ausschnitte auf:<br><br>Bereits der Opener \u201eIn die Welt gestellt\u201c f\u00e4ngt super an: \u201eMach Dich auf den Weg. Den Weg, den keiner sonst geht. Geh ihn nicht allein. Allein kommst Du nicht heim.\u201c Das klingt eindringlich, aber auch positiv. Hein sieht immerhin einen Weg, den man noch gehen kann. Einer meiner textlichen Favoriten \u2013 neben den \u00fcbrigen 11 St\u00fccken auf dem Album (eines f\u00fcr jeden Monat des Jahres \u00fcbrigens) \u2013 ist \u201eStolz?\u201c. \u201eVor Zeiten war ich zwei \u00d6ltanks\u201c ist schon mal ein super Einstieg, direkt gerichtet an Menschen meines Alters, die diesen Werbeslogan noch aus eigener Anschauung kennen. Das Fragezeichen hinter dem Stolz steht dort nicht nur aus Jux und Dollerei, Hein fragt den, an den er sich im Text wendet, immer wieder: \u201eAuf was bist zu stolz?\u201c, schleudert ihm dann ein patziges \u201eDann sei doch schei\u00dfstolz!\u201c entgegen und am Ende l\u00e4sst er durchblicken, dass er seinen Wohnsitz l\u00e4ngst von D\u00fcsseldorf nach Wien verlegt hat, wenn er singt: \u201eGeh\u2018 schei\u00dfen mit Deinem Stolz!\u201c. Der dem Text und dem Gesang innewohnende Zorn kommt glaubhaft r\u00fcber, Hein blickt nachdenklich darauf zur\u00fcck, dass er die Zeiten bis heute \u00fcberlebt hat, sieht aber Stolz daf\u00fcr als die komplett unpassende Emotion an. Dass der gegenw\u00e4rtige Krieg nicht vor der T\u00fcr des Ich-Erz\u00e4hlers stattfindet, findet er gut, schlie\u00dflich lie\u00dfe er sich das was kosten und zahle was daf\u00fcr, und dass am Ende jemand migrieren muss, darum k\u00fcmmern sich dann \u201esie\u201c, also andere. Das sitzt.<br><br>In \u201eTanz auf der Stra\u00dfe\u201c bekommen die H\u00f6renden zun\u00e4chst den Eindruck, als wolle Hein behaupten, dass fr\u00fcher mal irgendwas besser war (\u201eDa war doch mal was, das nannten sie Spa\u00df.\u201c), aber mit dem Refrain \u201eTanz auf der Stra\u00dfe bis morgens um 4. Bis zur Ekstase, daf\u00fcr sind wir hier\u201c nimmt er dann doch wieder alle mit. Gegen Ende des St\u00fccks hei\u00dft es dann: \u201eFight for your right to party. No sleep till Hammersmith.\u201c Die Beastie Boys mit Mot\u00f6rhead direkt nebeneinander in einem ansonsten deutschen Songtext unterzubringen, finde ich eine Superidee.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf \u201eInnenstadtfront\u201c covert Hein sich selbst, der Song stammt von der Band \u201eMittagspause\u201c, f\u00fcr die er vor den Fehlfarben t\u00e4tig war. In \u201eEuropa\u201c packt Hein den Stier nicht bei den H\u00f6rnern, sondern gleich bei den Eiern. Gute Idee. Hein thematisiert \u2013 so verstehe ich den Text \u2013 fehlgeleitetes europ\u00e4isches Elitendenken und schlie\u00dft mit \u201eRetten Sie Europa, sonst stirbt Europa\u201c, nicht ohne noch zugegebenerma\u00dfen nicht unwitzig mit \u201eEuropa \/ Euer Opa\u201c herumzukalauern.<br><br>\u201eKontrollorgan.\u201c beginnt mit der (nicht namentlichen) Erw\u00e4hnung von Formulierungen, die man nicht mehr aussprechen d\u00fcrfe, da sie von den Nazis ausgedacht seien. Die Nazis h\u00e4tten sich laut Hein aber \u201enichts ausgedacht\u201c, weil sie daf\u00fcr \u201eim Hirn zu schwach\u201c gewesen w\u00e4ren, vielmehr h\u00e4tten sie \u201enachgemacht und perfektioniert, wie die deutsche Seele funktioniert.\u201c Das finde ich mal treffend auf den Punkt gebracht. Und heute sollten wir uns daf\u00fcr h\u00fcten, dass wieder jemand diesen gut funktionierenden Mechanismus f\u00fcr seine eigenen \u00fcblen Zwecke nutzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Textliche Highlights von \u201eIch kann es kaum erwarten\u201c sind die Zeilen \u201eBin schon genauso so vegan wie der Mittelstreifen der Autobahn\u201c und \u201eIch wohn\u2018 in dem Land, wo die Nazis bl\u00fch\u2018n \u2013 wie B\u00e4ume, unten braun und oben gr\u00fcn\u201c \u2013 Dennoch kann der Protagonist es kaum erwarten, wieder zuhause zu sein. Und das ist das Sch\u00f6ne an \u201e?0??\u201c \u2013 der Optimismus in den Texten ist irgendwie nicht kaputtzukriegen. Wie auf einem Album, das sich mit dem aktuellen Jahr besch\u00e4ftigt, nicht anders zu denken, wird auch Covid erw\u00e4hnt (\u201eSchon wieder ein Jahr, und wieder kein Fest, es bleibt einfach Winter\u201c in \u201e Das Rennen macht m\u00fcde\u201c).<br><br>Musikalisch ist das Album mit den drei ??? ziemlich umwerfend geraten: Nat\u00fcrlich ist der seit \u00fcber 40 Jahren typische Fehlfarben-Sound (mit Ausnahme der Alben, auf denen er nicht gesungen hat) sehr von Peter Heins Gesang gepr\u00e4gt. Seine unglaubliche Pr\u00e4senz und seine niemals belanglosen und manchmal kryptisch anmutenden Texte sind f\u00fcr mich das, was am meisten Aufmerksamkeit auf sich zieht. Aber auch auf der Instrumentenseite sind Fehlfarben immer h\u00f6chst wiedererkennbar, einzigartig und wahnsinnig gut. Die Arbeit von Thomas Schneider an der Gitarre f\u00e4llt mir dabei als Erstes ins Ohr: Gleich ab dem ersten St\u00fcck erzeugen seine klirrenden und sch\u00f6n melancholischen und d\u00fcsteren Riffs eine Stimmung, die zum einen deutlich macht, dass Fehlfarben schon seit den 80ern aktiv sind, und zum anderen total zeitlos r\u00fcberkommen. Die Rhythmusabteilung mit Saskia von Klitzing am Schlagzeug und Michael Kemner am Bass dr\u00e4ngt sich niemals in den Vordergrund, l\u00e4uft aber auch nie Gefahr, unbeachtet bleiben zu m\u00fcssen. Achtet man beim H\u00f6ren mal genauer auf diese beiden Instrumente, kann man kaum glauben, mit welcher Pr\u00e4zision und W\u00e4rme dort zu Werke gegangen wird, und entdeckt immer wieder neue Details und Facetten, ohne die das Album nicht das Wunderding w\u00e4re, das es ist. Anspieltipp hierzu ist \u201eStolz?\u201c. Da mal reinh\u00f6ren, und Sie werden unmittelbar erkennen, was den Bass- und Schlagzeugsound dieses Albums und dieser Band ausmachen. Dr\u00fcber hinaus erm\u00f6glichen von Klitzing und Kemner den Fehlfarben eine unglaubliche stilistische Bandbreite: Wenn ich Fehlfarben musikalisch m\u00f6glichst unidimensional einordnen sollte, w\u00fcrde ich sagen \u201eAlternative \/ Post Punk\u201c, wenn ich nochmal die Lautst\u00e4rke erh\u00f6he und mich voll auf die Musik konzentriere, erkenne ich einen hohen Tanzbarkeitsfaktor, der darin gipfelt, dass beim letzten St\u00fcck, \u201e3 Kapit\u00e4ne\u201c ein House-Rhythmus zum Einsatz kommt, der ebenso in die Beine geht wie Peter Heins Gesang sich von Schneiders Gitarre mit Vehemenz unterst\u00fctzt ins Hirn hineinarbeitet.<br><br>Eindrucksvoller Beleg f\u00fcr das perfekte Zusammenspiel s\u00e4mtlicher Instrumente ist auch \u201eKontrollorgan\u201c: Mittleres Tempo, treibendes Schlagzeug, donnernder Bass und dazu das eindringliche Klagen von Peter Hein: Braucht es da noch weitere Instrumente? Ja, es braucht, bzw. es tr\u00e4gt dazu bei, den Fehlfarben-Sound noch besser und vor allem unverwechselbarer zu machen: Pyrolator a\/k\/a Kurt Dahlke an den Tasteninstrumenten h\u00e4lt sich vornehm im Hintergrund und gl\u00e4nzt dort, wo er gl\u00e4nzt, dann so richtig. Hierzu einfach mal in \u201eDas Rennen macht m\u00fcde\u201c reinh\u00f6ren: Ohne Pyrolators Synths w\u00e4re ein derartig unterschwellig brutales Pand\u00e4monium in keinster Weise denkbar. Zus\u00e4tzlich ert\u00f6nt immer wieder Frank Fenstermachers Saxophon; \u201eBrot ohne Spiele\u201c gewinnt ebenfalls unheimlich durch Pyrolators Tasteninstrumente und lie\u00dfe sich ohne Fenstermachers Sax nicht vern\u00fcnftig zuende bringen. Auch \u201eDer letzte Traum\u201c ist voller gro\u00dfer Pyrolator-Momente und \u00fcberhaupt fallen seine stimmigen Keyboard-Eins\u00e4tze umso mehr auf, je \u00f6fter man das Album h\u00f6rt.<br><br>Ich bin der Meinung (\u201edas war Spitze!\u201c, h\u00e4tte ich jetzt fast undiszipliniert hereingerufen), in keinster Weise zu \u00fcbertreiben, wenn ich sage: Es ist unglaublich, dass eine schon so lange aktive Band mit jedem Album aufs Neue musikalisch zu begeistern wei\u00df, sich textlich immer auf der H\u00f6he der Zeit bewegt, gesanglich weder \u00e4lter noch m\u00fcder wird (eher an Eindr\u00fccklichkeit von Album zu Album hinzugewinnt), niemals entt\u00e4uscht und damit an einem Lebenswerk bastelt, in dem der Begriff \u201eSp\u00e4twerk\u201c wohl nie einen Platz finden wird. Plus Spitze, macht 11 von 10 Punkten f\u00fcr eines der bislang bedeutendsten Alben dieses Jahres.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Guido D\u00f6rheide (19.10.2022) Kaum einer E-Mail habe ich mit soviel Spannung entgegengefiebert wie der von heute (14.10.2022), 1104 UTC+2. Absender: Bandcamp. Betreff: \u201e?0?? (2022) just released!\u201c Also gleich mal mein vor Wochen vorbestelltes Album gedownloaded und angeh\u00f6rt. 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