{"id":4647,"date":"2022-10-19T21:01:30","date_gmt":"2022-10-19T19:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=4647"},"modified":"2022-10-19T21:01:30","modified_gmt":"2022-10-19T19:01:30","slug":"the-young-gods-play-terry-riley-in-c-two-gentlemen-records-2022","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/the-young-gods-play-terry-riley-in-c-two-gentlemen-records-2022\/","title":{"rendered":"The Young Gods \u2013 Play Terry Riley In C \u2013 Two Gentlemen Records 2022"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/The-Young-Gods-Play-Terry-Riley-In-C.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/The-Young-Gods-Play-Terry-Riley-In-C.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4648\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (18.10.2022)<br><br>Schon wieder locken uns The Young Gods auf das Feld der modernen Kunst, keine 31 Jahre nach \u201ePlay Kurt Weill\u201c: Mit Terry Rileys \u201eIn C\u201c nehmen sich die Schweizer ein Standardwerk der Minimal Music vor, 1964 komponiert, seitdem mehrfach aufgef\u00fchrt und aufgenommen, jetzt aber von einer Band, die den US-Industrial aus der Taufe hob, mit dem heavy Mix aus Gitarre und Keyboard, den sie selbst l\u00e4ngst ablegten und hier auch kaum zur Anwendung bringen. Typisch f\u00fcr Minimal Music sind Wiederholung, Monotonie, scheinbar willk\u00fcrliche Notentupfer, rudiment\u00e4re, bisweilen verspielte Melodien, tranceartige Passagen, und ja, all das bekommt man in den 53 von Riley \u201ePhrasen\u201c genannten Sequenzen auch von den Young Gods, dazu nach gut der H\u00e4lfte einen knappen Einblick in den Krach, zu dem sie ebenfalls in der Lage sind. Erstaunlich genug, wie futuristisch ein 1964 komponiertes St\u00fcck Musik 2022 noch klingen kann. Live im Studio eingespielt, \u00fcbrigens.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Den Genuss an unkonventioneller Sch\u00f6nheit kann man sich auch durchaus antrainieren. Sicherlich ist Minimal Music beim Erstkontakt f\u00fcr manche H\u00f6rende unzug\u00e4nglich, weil sie in weder in der Klassik noch im Pop vertraue Strukturen f\u00e4llt, und so ist das eben mit erweiterten Horizonten, l\u00e4sst man sich darauf ein, bekommt man die Option, Neues f\u00fcr sich zu entdecken. Dieses Neue nun ist mittlerweile auch schon ein halbes Jahrhundert alt, diese Minimal Music, die grob aus der Klassik resultiert und vieles vorwegnimmt, was 20 Jahre sp\u00e4ter der Synthiepop mit Sequenzern umsetzt, also mit Mitteln, die f\u00fcr sich genommen den meisten Radioh\u00f6rern gar nicht so fremd sind, in ihrer Anwendung indes schon. Etwa durch Leute, die eine repetetive elektronische Musik fabrizieren, die man als Industrial bezeichnen kann, Industrial europ\u00e4ischer Pr\u00e4gung kam ja ohne die Gitarren aus, die die davon inspirierten Musiker aus \u00dcbersee so gern mit diesem Begriff verbinden. The Young Gods, die Schweizer, die ihnen zum Vorbild dienten, geh\u00f6ren zu den Ausnahmen, die ihre Metalgitarren indes sampeln und mit den Gitarren T\u00f6ne erzeugen, die nach Synthies klingen.<br><br>Die Young Gods nun gehen \u201eIn C\u201c anders an als die fr\u00fcheren Interpreten: Bei ihnen erklingt zuerst ein Drumbeat, den gab\u2019s sonst in dem St\u00fcck nicht. Ansonsten hangeln sie sich an den Partituren Rileys entlang, nur eben mit ihren eigenen Mitteln, mit klaren bis harschen Synthiesounds, die sie analog zur Vorlage um sich kreisen lassen, mit Klingklang, mit Gitarrensamples, die nach einer Zeit der Gew\u00f6hnung an das beinahe ambientartige Setting pl\u00f6tzlich einmalig \u00fcber die H\u00f6renden hereinbrechen und sie daran erinnern, mit wem sie es hier zu tun haben, mit einem echten Schlagzeug, das agil und organisch Fills und Patterns hinter die Phrasen legt, mit einer Strenge, einem Tempo, einer unterschwelligen Dunkelheit, die das vornehmlich beinahe fr\u00f6hliche \u201eIn C\u201c in eine schw\u00e4rzere Kunstrichtung zieht, und mit einer fesselnden Dynamik, die dem Umstand Folge leistet, dass hier eine dreik\u00f6pfige \u2013 nun \u2013 Rockband zugange ist und kein Klassikensemble von der Gr\u00f6\u00dfe der Bewohnerschaft eines mittleren Heidedorfes. Faszinierend, wie The Young Gods die Partitur interpretieren.<br><br>Interessant ist auch, wie sie die Partitur strukturieren: Aus den 53 Phrasen machen sie drei LP-Seiten, die erste mit 21 Phrasen, die zweite bis Phrase 35 und die dritte mit dem Rest, dazu auf Seite vier die Phrasen 1 bis 26 in einer viertelst\u00fcndigen Synthesizer-Version, ausschlie\u00dflich dargeboten von Franz Treichler, auf dessen charakterstarke Stimme man auf diesem Album konzeptbedingt leider verzichten muss (und der hier mit seinem Solo nicht an Wendy Carlos\u2018 \u201eSwitched-On Bach\u201c erinnert). Mit ihm im Studio sind Elektroniker Cesare Pizzi, 1988 ausgestiegenes Gr\u00fcndungsmitglied und seit zehn Jahren wieder fest an Bord, und Schlagzeuger Bernard Trontin, der den Platz seit 1997 innehat. Die D-Seite ist \u00fcbrigens weder auf der beigelegten CD noch in den Streams und Downloads enthalten \u2013 und die digitalen Darreichungsformen haben ihrerseits eine eigene Struktur, sie sind n\u00e4mlich in neun Tracks unterteilt, also weder in die 53 der Partitur noch in die drei der LP-Seiten.<br><br>In 53 Abschnitte kann man \u201eIn C\u201c auch gar nicht klar unterteilen, weil das Konzept vorsieht, dass die darbietenden Ensembles innerhalb der Instrumentengattungen die Position auf dem Notenblatt verschleppen d\u00fcrfen, bis maximal zwei Phrasen, das gesamte St\u00fcck sozusagen je nach Interpretation unterschiedlich ineinanderflie\u00dft und entsprechend unterschiedlich lang dauert. Lediglich das geachtelte C in unterschiedlichen Oktaven als Taktvorgabe soll festgelegt sein, daher der Titel. Die Young Gods nun flirren ihrerseits recht frei \u00fcber die Partitur und generieren ein H\u00f6rerlebnis mit wechselnden Stimmungen, Intensit\u00e4ten, Genres. Alles flie\u00dft und bewegt sich.<br><br>Und so weit weg von dem, womit man The Young Gods seit 1985 verbindet, ist \u201ein C\u201c auch wieder gar nicht. Experimentelles Ambient etwa zelebrierten sie bereits ausf\u00fchrlich auf \u201eHeaven Deconstruction\u201c 1996 und \u201eMusic For Artificial Clouds\u201c 2004, und auch die Studioalben folgen seit Jahren nicht mehr dem urspr\u00fcnglichen dem Rock nahen elektronischen Samplemetal, sondern schweben freier, luftiger, drogeninduzierter \u00fcber den dynamischen Welten, die sie gestalten, luzid, treibend, schamanisch, eruptiv, chillig, und genau so setzen sie auch \u201eIn C\u201c um, nur mit einer n\u00e4her am Ambient gelegenen Grundausrichtung, die sie kurz vor Schluss vortrefflich in wilden Galopp m\u00fcnden lassen.<br><br>Das Cover ist schick! Da zerst\u00fcckeln die Young Gods ihr eigenes Logo mit den drei Strichm\u00e4nnchen und platzieren die \u00dcberreste wie im Tic Tac Toe. Hier gewinnen die Leerstellen, was in der Musik nicht zutrifft \u2013 \u201eIn C\u201c ist eine typische, weil einmal mehr untypische Platte von den Young Gods. Und sich Terry Riley zu widmen, liegt gar nicht so fern: Dessen nahmen sich auch schon Artverwandte wie das Kronos Quartett, John Cale und John Zorn an, da sind die Schweizer also in bester Gesellschaft. Was kann man folgern? Das ist Kunst! Einmal mehr im Universum der Young Gods.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (18.10.2022) Schon wieder locken uns The Young Gods auf das Feld der modernen Kunst, keine 31 Jahre nach \u201ePlay Kurt Weill\u201c: Mit Terry Rileys \u201eIn C\u201c nehmen sich die Schweizer ein Standardwerk der Minimal Music vor, 1964 &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/the-young-gods-play-terry-riley-in-c-two-gentlemen-records-2022\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,16],"tags":[],"class_list":["post-4647","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-album","category-vinyl"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4647","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4647"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4647\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4649,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4647\/revisions\/4649"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4647"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4647"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4647"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}