{"id":4635,"date":"2022-10-14T15:47:29","date_gmt":"2022-10-14T13:47:29","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=4635"},"modified":"2022-10-16T21:55:53","modified_gmt":"2022-10-16T19:55:53","slug":"triangle-of-sadness-ruben-oestlund-s-gb-usa-f-gr-tr-2022","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/triangle-of-sadness-ruben-oestlund-s-gb-usa-f-gr-tr-2022\/","title":{"rendered":"Triangle Of Sadness \u2013 Ruben \u00d6stlund \u2013 S\/GB\/USA\/F\/GR\/TR 2022"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"178\" height=\"100\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-660\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (14.10.2022)<br><br>Dem Kapitalismus mit Karl Marx begegnen \u2013 und mit Schadenfreude: Episodenhaft setzt sich Ruben \u00d6stlund in \u201eTriangle Of Sadness\u201c mit Leuten auseinander, die Geld haben. Er l\u00e4sst sie zwischenmenschlich scheitern, sich normal gro\u00dfkotzig schlecht benehmen und sich an ihrer Gier erbrechen. \u00d6stlunds Humor ist tiefschwarz und entlarvend, nur hat er es in Sachen Drehbuch nicht so: Im letzten Drittel verliert er den Faden und wird fade. Daf\u00fcr beh\u00e4lt man jede Menge grandios b\u00f6ser Szenen im Kopf \u2013 allen voran einen Woody Harrelson als Kapit\u00e4n, der physisch besoffen und inhaltlich n\u00fcchtern des Kaisers neue Kleider benennt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u00d6stlund gliedert seinen grob mit \u201eSorgenfalte\u201c \u00fcbersetzten Film in drei Teile und schiebt einen nicht als solchen deklarierten Prolog vorneweg: Man sieht ein Modelcasting f\u00fcr M\u00e4nner, bei dem die Sch\u00f6nlinge von einem aufgekratzten Moderator interviewt werden. Diese Szene soll wohl die Figur Carl einf\u00fchren, entlarvt aber vorrangig die Vorgehensweisen in Konsum, Werbung, Modebranche. In wenigen Minuten fallen hier auf humorige Art mehr Wahrheiten, als viele Konsumenten begreifen m\u00f6chten; \u00d6stlund entschl\u00fcsselt die Mechanismen, indem er etwa feststellt, dass Models f\u00fcr Luxusmarken immer ernst gucken, f\u00fcr das billige H&amp;M aber lachen. Und noch viel mehr.<br><br>Dieser Carl streitet sich im ersten Teil mit seiner Influencer-Freundin Yaya dar\u00fcber, dass sie entgegen ihres Versprechens, die n\u00e4chste Rechnung im Restaurant zu \u00fcbernehmen, ihn zahlen l\u00e4sst; laut \u00d6stlund im Interview eine autobiografische Sequenz. Geht es Carl zun\u00e4chst noch um Gleichstellung und Verl\u00e4sslichkeit und Augenh\u00f6he zwischen den Partnern, entwickelt sich der Streit bald ums Geld und Carl wird \u2013 nachdem ein Taxifahrer ihn aufstachelte, noch ein Influencer also \u2013 zum Motzmonster. Nach dem Streit offenbart Yaya treuherzig, dass sie bisweilen unbewusst manipulativ agiert, und es ist wieder Frieden.<br><br>Im zweiten Teil sind Carl und Yaya G\u00e4ste auf einer Luxusyacht, zusammen mit anderen Milliard\u00e4ren sowie der Besatzung, nat\u00fcrlich; ein \u201eGosford Park\u201c wird hieraus indes nicht, wenngleich sich der Aufbau der Figuren vergleichen l\u00e4sst. Hier sammelt \u00d6stlund alles, was man irgendwie charakterisieren l\u00e4sst, vom mit Schei\u00dfe reich gewordenen Russen, der alles hintergr\u00fcndig kommentiert, \u00fcber den einsamen und verzweifelt um Anschluss bem\u00fchten Halbglatzkopf, die hysterisch-\u00fcberkandidelte Million\u00e4rsgattin, die britsch-h\u00f6flichen Waffenfabrikanteneheleute, die karrieregeile Schiffsoffizierin, die Maschinisten und Putzleute, den oberk\u00f6rperfreien griechischen Seemann, der als erstes aufgrund von Carls Eifersucht gefeuert wird. Und der hinter verschlossenen T\u00fcren saufende Kapit\u00e4n.<br><br>Der tritt erstmals sichtbar in Erscheinung, sobald das Captain\u2019s Dinner ansteht \u2013 das er wider besseren Wissens genau an dem Tag mit dem vorausgesagten Sturm ansetzt. Und das er als fast einziger zwar betrunken, aber sonst recht unbeschadet durchsteht, w\u00e4hrend um ihn herum alles in Kotze und Schei\u00dfe versinkt. Fast einziger, weil er sich mit dem D\u00fcngermilliard\u00e4r verbr\u00fcdert: der russische Kapitalist und der amerikanische Marxist (nicht Sozialist, wie der Kapit\u00e4n betont). W\u00e4hrend der Russe mit seinen Borddurchsagen das Chaos nur vergr\u00f6\u00dfert (\u201eHier spricht der neue Eigent\u00fcmer: Das Schiff geht unter!\u201c), entern Piraten das Boot und setzen die Scherze in die Realit\u00e4t um.<br><br>Der dritte Teil spielt auf einer Insel (ist das schildkr\u00f6tenartige Eiland an der K\u00fcste etwa Gallinara in Ligurien?) mit einem kl\u00e4glichen Rest der Belegschaft \u2013 neben der Offizierin, einem Maschinisten, der mutma\u00dflich einer der Piraten sein k\u00f6nnte, und einer Putzfrau nur noch ein halbes Dutzend Passagiere. Hier verkehren sich die Verh\u00e4ltnisse: Da die Putzfrau als einzige Fische fangen und Feuer entfachen kann, wird sie die Anf\u00fchrerin der kleinen Gruppe. Und holt sich Carl als Sexsklaven in ihr Rettungsboot. Alles k\u00f6nnte \u2013 f\u00fcr sie zumindest \u2013 so sch\u00f6n sein, st\u00fcnde da nicht die zu erwartende Rettung ins Haus, und damit ihre Exthronisierung.<br><br>In diesem letzten Teil geht \u00d6stlund leider die Luft aus. Klar hat die Putzfrau einen Vorteil von der Situation, und irgendwie muss die Sache ja aufgel\u00f6st werden, aber r\u00e4tselhaft ist doch schon, dass sie einerseits ein Matriarchat ausruft, die sich in der \u00dcberzahl befindlichen M\u00e4nner (die alsbald einen Esel t\u00f6ten und sich damit im Grunde von der Putzfrau emanzipieren \u2013 was aber wohl selbst dem Drehbuchschreiber nicht auffiel) und selbst die karrieregeilen Frauen sich ihr aber widerspruchslos ergeben. Konflikte gibt es im Grunde nur noch zwischen Yaya und Carl, wie die ganze Zeit \u00fcber, und die gestalten sich nach dem Auftakt im Restaurant in der Folge viel zu konstruiert und sprunghaft. Der Humor bleibt auf der Strecke, das Ende ist inkonsequent und merkw\u00fcrdig offen, das h\u00e4tte in k\u00fcrzerer Form effektvoller gewirkt.<br><br>Und die gelungenen Passagen nicht so verw\u00e4ssert. Zwar \u00fcbertreibt es \u00d6stlund mit Kotze und Schei\u00dfe, irgendwo zwischen \u201eDer Sinn des Lebens\u201c von Monty Python und \u201eMeet The Feebles\u201c von Peter Jackson, aber gestaltet er die Exkremente so \u00fcbertrieben und unnat\u00fcrlich, dass man sich nicht gleich mit \u00fcbergeben muss. Man feiert mit ihm die Dummheit mancher Passagiere, die selbst Geld nicht beheben kann (\u201edas ist eine Motoryacht, wir haben keine Segel\u201c), und die Mitleidlosigkeit angesichts des selbstverschuldeten Elends dieser Gelds\u00e4cke. Und den Austausch zwischen Kapit\u00e4n und russischem Unternehmer: In ihrer Gegens\u00e4tzlichkeit ziehen sie sich an, wohl, weil sie sich als einzige wirklich verstehen, sowohl gegenseitig als auch jeweils selbst, und nicht nur an Oberfl\u00e4chen kratzen.<br><br>Harrelson ist einfach auch geil als Kapit\u00e4n. Steht wie eine Eins, obwohl das Schiff kr\u00e4ngt und er betrunken ist, und w\u00e4hrend die Reichen ihre Fischspezialit\u00e4ten serviert bekommen, enth\u00fcllt die Silberglocke auf seinem Teller einen Burger mit Pommes. Ebenfalls gro\u00dfartig spielt Hannelore Elsner [*] die von einem Schlaganfall an den Rollstuhl gebundene Passagierin, die ihr Sprachverm\u00f6gen einb\u00fc\u00dfte und nur noch das Satzfragment \u201ein den Wolken\u201c \u00e4u\u00dfern kann. Zudem gestaltet \u00d6stlund seine Figuren interessant, nicht jedes Arschloch ist etwa gleich offensichtlich. So ist das britische Ehepaar h\u00f6flich und sympathisch, bis es seine Geldquelle offenbart und man es dadurch verabscheut. Oder die Offizierin, die zwar ihr Personal im Griff hat, sich aber auf der Insel bereitwillig der Putzfrau unterordnet, weil sie sich davon bessere Vorteile erhofft, als wenn sie rebelliert.<br><br>Filmisch hat \u00d6stlund ebenfalls einiges zu bieten in den zweieinhalb Stunden, etwa das sch\u00f6n ausgeleuchtete \u201eLove Boat\u201c am Strand oder insbesondere die eindrucksvoll choreografierte Katastrophenszene an Bord, mit den gegen die Fenster krachenden Wellen und den schwankenden B\u00f6den mit umherkullernden Gegenst\u00e4nden und Personen. Musik setzt \u00d6stlund dezidiert ein, nur selten, aber dann neoklassisch als Score, meistens als Teil des Geschehens, und ganz besonders exponiert den bis heute floorfillenden Kracher \u201eNew Noise\u201c von Refused, wie er aus Schweden. Bedauerlich ist, dass \u00d6stlund die phantomhafte br\u00fcllende Bedrohung auf der Insel entschl\u00fcsselte, das w\u00e4re als omin\u00f6ses Ger\u00e4usch besser haften geblieben, wie er Ger\u00e4usche auch an anderer Stelle humorvoll die Szene unterstreichend einsetzt, etwa den quietschenden Scheibenwischer im Taxi oder die Fliege auf der Yacht. Wie auch der Schluss auf der Insel ohnehin an \u201eHerr der Fliegen\u201c erinnert.<br><br>Es geht also einmal mehr um verdrehte Rollenmodelle in der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft, die \u00d6stlund halb philosophisch, halb humorig aneinanderreiht. Die Struktur des Films ist also ungew\u00f6hnlich, das und der bitterb\u00f6se Humor mit zwar plakativ, aber in Einzelf\u00e4llen eindrucksvoll ambivalent gezeichneten Figuren machen die zweieinhalb Stunden sehenswert. Da nimmt man das zerdehnte Ende und so manche Inkonsequenz in Kauf.<\/p>\n\n\n\n<p>* [16.10.2022] Edit: Es ist nat\u00fcrlich Iris Berben, nicht Hannelore Elsner. Danke an meine beiden Nebensitzenden f\u00fcr den Hinweis. Ebenso zur Exthronisierung, die vorher in die Gegenrichtung lief. Ist schon angenehm, so ein Lektorat!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (14.10.2022) Dem Kapitalismus mit Karl Marx begegnen \u2013 und mit Schadenfreude: Episodenhaft setzt sich Ruben \u00d6stlund in \u201eTriangle Of Sadness\u201c mit Leuten auseinander, die Geld haben. Er l\u00e4sst sie zwischenmenschlich scheitern, sich normal gro\u00dfkotzig schlecht benehmen und &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/triangle-of-sadness-ruben-oestlund-s-gb-usa-f-gr-tr-2022\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-4635","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kino"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4635","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4635"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4635\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4642,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4635\/revisions\/4642"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4635"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4635"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4635"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}