{"id":4572,"date":"2022-10-07T17:24:58","date_gmt":"2022-10-07T15:24:58","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=4572"},"modified":"2022-10-07T23:02:51","modified_gmt":"2022-10-07T21:02:51","slug":"rene-seim-einen-tisch-in-falten-schlagen-windlust-verlag-2022","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/rene-seim-einen-tisch-in-falten-schlagen-windlust-verlag-2022\/","title":{"rendered":"Ren\u00e9 Seim \u2013 Einen Tisch in Falten schlagen \u2013 Windlustverlag 2022"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Rene-Seim-Einen-Tisch-in-Falten-schlagen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"169\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Rene-Seim-Einen-Tisch-in-Falten-schlagen.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4573\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (07.10.2022)<br><br>Lyrik, auf ewig eine Literaturgattung, die sich dem Rezensenten nicht einmal ansatzweise umfassend erschlie\u00dfen wird. Ich kann mich also Lyrik nur distanziert und behutsam n\u00e4hern, mit dem Blick des Uneingeweihten, und Dichter Ren\u00e9 Seim erweist mir trotzdem einmal mehr die Ehre, an seiner Lyrik teilhaben zu d\u00fcrfen. \u201eEinen Tisch in Falten schlagen\u201c hei\u00dft sein neues Buch, das er im eigenen Windlustverlag ver\u00f6ffentlicht; der vierte Gedichtband des umtriebigen Dresdners, der auch Schallplatten herausbringt, Radio macht, auflegt, Leseb\u00fchnen veranstaltet und wer wei\u00df was noch. Es mag an der der Lekt\u00fcre vorausgegangenen Begegnung mit dem Dichter in der \u00c4u\u00dferen Neustadt liegen, dass ich zu diesem Buch einen besseren Zugang finde, sehr oft laut loslache, h\u00e4ufig mitf\u00fchlen nicke, hinter politischen Statements einen inneren Haken setze, an Seims Sprache meine Freude habe, also viel unmittelbarer ein Gef\u00fchl daf\u00fcr bekomme, ihn zu verstehen, als zuvor, und doch bleibt ein Rest Unverst\u00e4ndnis erhalten. Das w\u00e4re ja auch zu viel erwartet, wenn der Vorhang pl\u00f6tzlich komplett zur Seite geschoben w\u00e4re, oder? Meine Freude an diesem Buch ist ja trotzdem immens!<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Sage und schreibe 76 Texte enth\u00e4lt dieses Buch, entstanden zwischen 2006 und 2021 und nur in zwei F\u00e4llen bereits anderswo ver\u00f6ffentlicht. Einige sind eher Haikus, andere zweiseitig, viele mittelkurz. Wenn Seim hier dichtet, dann \u00fcberwiegend nicht in Reimform, und das ist gut so, in den pointierten Momenten w\u00e4ren Reime oft zerst\u00f6rerisch, denn Seim verfasst nicht einfach nur Texte, er wendet Sprache sinnstiftend an, und zwar mit \u00dcberraschungen. Obschon er bei s\u00e4mtlichen Texten eine Pointe, einen Aha-Effekt, ein Ziel vor Augen zu haben scheint, erreicht er dies mit vielen verschiedenen Mitteln. \u201eEinen Tisch in Falten schlagen\u201c ist somit eine Art Sampler, ohne konkrete thematische, emotionale oder stilistische Limitierung. Gerade diese Abwechslung f\u00f6rdert den Genuss dieses Buches.<br><br>Ebenso der Humor, der hier gef\u00fchlt die Oberhand hat. Insbesondere die sehr kurzen Texte \u00fcberrumpeln den Lesenden mit einer knackig-unerwarteten Kehrtwende. Sie sind bisweilen so kurz, dass sie hier aneinandergereiht vielleicht einen Absatz ausmachen w\u00fcrden, aber so wirken sie nicht, sie brauchen schon den Platz einer eigenen Buchseite, um sich entfalten zu k\u00f6nnen. Dann erst funktioniert ein Gedicht wie \u201eH\u00f6he ist\u201c, mit dem Inhalt: \u201eWeite \/ mal \/ Tiefe\u201c \u2013 alles untereinander mit ganz viel Seite darunter. Ja, das kann man sehr gut auch mal als Gedicht verkaufen, denn so sind nicht alle Texte hier, diese unterbrechen lediglich \u00e4u\u00dferst angenehm den Mix der Stile, Inhalte und Gef\u00fchle.<br><br>Seim beobachtet n\u00e4mlich auch, wie sich das Leben unsch\u00f6n abspielen kann. So zeichnet er Szenen von Paaren, die einander an die Gurgel gehen w\u00fcrden, w\u00e4ren sie nicht im \u00f6ffentlichen Raum, beschreibt die Schwere der Adoleszenz ebenso wie die Schwere des Alterns und findet in solchen melancholischen Momenten nicht selten auch wieder ein Augenzwinkern (wie er etwa den Flug der Schwalbe beeinflusst, damit die Sonne weiter scheint), wenn nicht einen Fingerzeig in Richtung Hoffnung, auch f\u00fcr die Liebe, nach der Menschen sich sehnen. Und umgekehrt: Sein vordergr\u00fcndig Hoffnung ausstrahlendes Gedicht \u201eGold\u201c ist vielmehr eine Art vergiftetes Lob, denn in ihm steckt Kritik an der Gesellschaft: \u201eL\u00e4chelnde Menschen \/ sind so angenehm selten, \/ dass ich mich jedes Mal freue, \/ wenn ich einen treffe.\u201c<br><br>Auch positioniert sich Seim in seinen Gedichten explizit politisch, etwa gegen Corona-Verschw\u00f6rungstheoretiker, Pegida-Demonstranten, Fu\u00dfball-Hooligans und sonstige Stumpfnationalisten. \u00dcberhaupt ist er inhaltlich am Puls der Zeit, sogar Whatsapp-Chats finden Einzug, wenn er sich \u00fcber Leute lustig macht, die sofort eine Antwort erwarten, sobald man ihre Nachricht als gelesen markiert, dabei hat er nachvollziehbare Gr\u00fcnde, warum dies nicht erfolgen k\u00f6nnte, und da muss man dann schon wieder lachen. Solche knackig-kuriosen Texte hat das Buch viele, die ich am liebsten ausschneiden und an Litfa\u00dfs\u00e4ulen kleben mag, die ich abfotografieren und Leuten zuschicken m\u00f6chte, und dann halte ich es doch einfach f\u00fcr das Beste, ihnen zu sagen, sie sollen sich das Buch zulegen.<br><br>Momente voller Fragezeichen habe ich bei dieser Lekt\u00fcre ja immer noch. Nicht jede Pointe erschlie\u00dft sich mir, aber das ist in Ordnung. Seit der Begegnung mit dem Autor sind mir n\u00e4mlich einige Dinge klarer geworden: Der 41-J\u00e4hrige quillt \u00fcber vor Witz \u2013 und ich tappe immer noch viel zu oft in die Falle, Autor und Lyrisches Ich gleichzusetzen, insbesondere dann, wenn ich Identifikations- oder Verst\u00e4ndnisschwierigkeiten habe. Danke f\u00fcrs Augen\u00f6ffnen! Und f\u00fcr die angenehm verbrachte Zeit, auch mit \u201eEinen Tisch in Falten schlagen\u201c, das ich jetzt lese mit einer Ahnung, wie der schelmische Autor selbst es auf B\u00fchnen wohl vortragen w\u00fcrde, und mit Erkenntnissen wie der in \u201eLyrik ist toll.\u201c, die da lautet: \u201eMan kann sich ewig daran aufhalten \u2013 \/ und nichts wird.\u201c Oder halt: Das stimmt doch schon wieder gar nicht!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (07.10.2022) Lyrik, auf ewig eine Literaturgattung, die sich dem Rezensenten nicht einmal ansatzweise umfassend erschlie\u00dfen wird. 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