{"id":4522,"date":"2022-09-05T22:46:58","date_gmt":"2022-09-05T20:46:58","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=4522"},"modified":"2022-09-06T22:06:54","modified_gmt":"2022-09-06T20:06:54","slug":"megadeth-the-sick-the-dying-and-the-dead-t-boy-records-2022","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/megadeth-the-sick-the-dying-and-the-dead-t-boy-records-2022\/","title":{"rendered":"Megadeth \u2013 The Sick, The Dying&#8230; And The Dead! \u2013 T-Boy Records 2022"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Megadeth-The-Sick-The-Dying-And-The-Dead.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Megadeth-The-Sick-The-Dying-And-The-Dead.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4523\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Von Guido D\u00f6rheide (05.09.2022)<\/p>\n\n\n\n<p>Erinnert sich noch jemand an diesen rothaarigen Rauschgiftverbraucher, der in den fr\u00fchen 80ern bei Metallica rausgeflogen ist und sich dann jahrzehntelang an dieser Schmach abgearbeitet hat? Rrrrr\u00f6\u00f6\u00f6cht\u00f6\u00f6\u00f6ch \u2013 die Rede ist von Dave Mustaine, der kurze Zeit nach Metallicas Deb\u00fct mit seiner eigenen Band Megadeth gen\u00fcgend heftig durchgestartet ist, dass er sich eigentlich nicht gr\u00e4men m\u00fcsste, kein Bestandteil von Metallica mehr zu sein \u2013 zum einen m\u00fcsste er dort James Hetfield singen lassen, obwohl er selber das besser kann, und zum anderen sind Metallica, seit sie mit \u00fcberragenden Massenerfolg den Mainstream erobert haben, lange nicht mehr das, wof\u00fcr sie und Megadeth fr\u00fcher einmal standen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Megadeth hingegen haben sich \u2013 zugegebenerma\u00dfen mit unz\u00e4hligen Besetzungswechseln \u2013 zwar einiges erlaubt, was den Fan irritierte und die Zeitl\u00e4ufte nicht eben souver\u00e4n \u00fcberstand (\u201eRisk\u201c oder \u201eSuper Collider\u201c vielleicht), aber w\u00e4hrend Metallica auf gerade mal auf drei \u00fcberragende, ein hervorragendes und ein gutes Album zur\u00fcckblicken k\u00f6nnen, haben Megadeth sich immer wieder berappelt und nach jedem Formtief wieder \u00fcberzeugend abgeliefert. Ich komme auf mindestens 13 Megadeth-Alben, die ich meinem Vater ohne schlechtes Gewissen auf eine einsame Insel mitgeben w\u00fcrde. Das ist wenig, verglichen mit Tausend, aber viel im Vergleich mit den kommerziell weitaus erfolgreicheren Metallica.<br><br>Mustaine ist menschlich sicherlich mindestens schwierig, aber seine Qualit\u00e4ten als Rhythmusgitarrist sind \u00fcber jeden Zweifel erhaben. Er ist stimmlich und gesanglich nicht der Mario Lanza des Trash Metal, aber seine herausgepresste und ver\u00e4rgerte Art zu singen passt in ganz hervorragender Art und Weise zur Musik, und er hat ein Gesp\u00fcr f\u00fcr Rhythmen und Melodien, die ganz hervorragend funktionieren und das Warten auf jedes neue Megadeth-Album zu einer spannenden Epoche des Hoffens auf ein neuerliches Highlight machen. Und wirklich nur ganz, ganz selten entt\u00e4uschen Megadeth. Meistens begeistern sie.<br><br>So auch auf \u201eThe Sick, The Dying \u2026 And The Dead!\u201c. Das geht schon mit dem tollen Coverartwork los, das Bandmaskottchen Vic Rattlehead vor der Kulisse einer brennenden mittelalterlichen Stadt zeigt \u2013 sehr stimmungsvoll und h\u00fcbsch in Szene gesetzt. \u00dcber eine Stunde Spielzeit hat das Teil in der Deluxe-Version, die mit zwei tollen Coverversionen am Ende aufwartet: \u201ePolice Truck\u201c von den Dead Kennedys (Hammer! Daves Gesang kann es mit dem \u00e4tzenden hocht\u00f6nenden Ge\u00e4tze eines Jello Biafra nat\u00fcrlich nicht aufnehmen, aber der Kennedys-Spirit wird 1:1 eingefangen) und \u201eThis Planet\u2018s On Fire\u201c von Sammy Hagar, featuring Sammy Hagar, und das Teil rockt derma\u00dfen, als h\u00e4tte Mustaine tats\u00e4chlich mal gute Laune.<br><br>Dass das zu Bef\u00fcrchten kein Anlass besteht, machen schon die \u201eBring out your dead\u201c-Rufe im Intro des titelgebenden ersten St\u00fccks deutlich \u2013 es geht also um das angenehm unkalifornische Thema Pest bei \u201eThe Sick, The Dying And The Dead\u201c. Als Monty-Python-Fan m\u00f6chte man bei den Worten \u201eBringt Eure Toten raus\u201c schmunzeln, aber als Intro zu dem angenehm harten, aber nicht allzu schnellen Titelsong funktioniert es prima und bei einem Megadeth-Album wei\u00df man, dass Zwischenrufe wie \u201eIch bin nicht tot! Ich m\u00f6chte spazierengehen!\u201c sich nach sp\u00e4testens f\u00fcnf Songs als arg \u00fcberoptimistisch erledigt haben werden.<br><br>So auch bei dem aktuellen Werk: Dave Mustaine ist gut in Form, seine Riffs sitzen und klingen wie von Megadeth gewohnt eher hell und schneidend denn wuchtig-donnernd, Megadave schwingt also nach wie vor das Skalpell und nicht den Vorschlaghammer. Das gibt dem Ganzen schon ab den ersten Takten einen unverwechselbaren und sch\u00f6n anzuh\u00f6renden Klang. Dass sich das viel bem\u00fchte \u201eBesetzungskarussell\u201c im Vorfeld der Albumaufnahme wieder heftig gedreht hat, f\u00e4llt musikalisch nicht allzusehr auf. Ich meine jedoch schon, beim Bass den typischen Stil von Gr\u00fcndungsmitglied Dave Ellefson zu vermissen, der aufgrund schmuddeliger au\u00dferehelicher Chataktivit\u00e4ten von Mustaine aus der Band geworfen wurde. Am Bass wird deshalb k\u00fcnftig James LoMenzo, der den Job schon auf den Alben \u201eUnited Abominations\u201c und \u201eEndgame\u201c gemacht hat, zu h\u00f6ren sein, w\u00e4hrend der Bass auf dem hier besprochenen Album von Steve Di Giorgio von Testament eingespielt wurde. Die \u00c4ra \u201eChris Adler am Schlagzeug\u201c hat sich auch wieder erledigt, an Stelle des hauptamtlichen Lamb-Of-God-Drummers ist hier nun der von Soilwork bekannte Dirk Verbeuren zu h\u00f6ren. Bleibt noch Kiko Loureiro an der Leadgitarre, er ist seit 2015 in der Band und somit quasi so etwas wie ein Veteran.<br><br>Aber wurscht: Mustaine kann die Band umbesetzen, mit wem und so oft er will, solange er in der Band ist (und notfalls meine Oma an den Bongos \u2013 danke wieder einmal mehr, Mark E. Smith), ist es Megadeth und klingt auch so. Das finde ich absolut bemerkenswert und es zeigt, dass Mustaine entweder zu bl\u00f6d ist, nach was anderem als sich selbst zu klingen, oder, dass er f\u00fcr jedes Album eine klare musikalische Vision hat, die es ihm mit egal welchen involvierten Musikvirtuosen stets umzusetzen gelingt. Mit seinen messerscharfen Trademark-Riffs und dem ebensolchem Gesang sorgt er f\u00fcr hohen Wiedererkennungswert bei gleichzeitig ebenso hoher musikalischer Qualit\u00e4t, Loureiro steuert wirklich tolle Soli bei, Verbeuren h\u00e4mmert gleicherma\u00dfen schnell und pr\u00e4zise und spottet damit der Heisenbergschen Unsch\u00e4rferelation Hohn, einzig Di Giorgio erscheint mit ein wenig zu wenig wiedererkennbar und h\u00e4tte sich vielleicht ruhig weniger der Mannschaftsdienlichkeit verschreiben haben sollen.<br><br>Und was au\u00dfer dem Appell, unsere Toten rauszubringen, erwartet uns musikalisch auf \u201eThe Sick usw. usw.\u201c? Zun\u00e4chst einmal ziehen Megadeth auf \u201eLife In Hell\u201c das Tempo geringf\u00fcgig an, die Gitarre des Chefs wird richtig schnell, ohne dass die Melodie au\u00dfer acht bleibt. Sowas klingt unaufgeregt und aufs erste H\u00f6ren unspannend, bietet aber so viel zum Entdecken und geht dabei zu gleichen Teilen in Ohr und Nackenmuskulatur. Soo muss Thrash Metal. Mit \u201eNight Stalkers\u201c und \u201eDogs Of Chernobyl\u201c folgen dann gleich zwei \u00fcber sechsmin\u00fctige St\u00fccke in Folge. Kuscheln wir uns also gem\u00fctlich an die angenehm gepolsterte R\u00fcckenlehne unserer Chaiselongue oder von mir aus des in alle Himmelrichtungen verstellbaren B\u00fcrodrehstuhls, schlie\u00dfen die Augen \u2013 und kriegen dann Mustaines Flying-V mit Schmackes vor die Omme gekloppt: Das von Drummer Verbeuren mitgeschriebene \u201eNight Stalkers\u201c ist trotz seiner L\u00e4nge ein aggressiver Klopper mit einem Basspart in der Mitte, f\u00fcr den ich mich bei Steve Di Giorgio f\u00fcr meinen Satz weiter oben entschuldigen muss: Hammer! Und das ist nicht der einzige Hammer dieser zweiten Albumsingle: Der Text behandelt \u2013 wie der Titel schon sagt \u2013 das 160th Special Operations Aviation Regiment der U.S. Army, aber der Hammer steckt wie immer im Detail: Noch vor dem zitierten Basspart erz\u00e4hlt uns eine wohlbekannte, warme Stimme vom MH-47 \u201eChinook\u201c und anderem Milit\u00e4rger\u00e4t, und obwohl diese Stimme hier nicht von \u201emotherfuckers\u201c, sondern nur von \u201ebitches\u201c singt, wird schnell klar: Hier spricht niemand anders als der inzwischen 64j\u00e4hrige ehemalige Infanterie-Soldat Tracy Lauren Marrow aus Newark, New Jersey: Ice-T, seit seiner \u00dcbersiedlung nach Kalifornien einer der gr\u00f6\u00dften amerikanischen K\u00fcnstler der vergangenen 35 Jahre. In dem Song kann Mustaine seine Bewunderung f\u00fcr pr\u00e4zise und effiziente Milit\u00e4roperationen ausleben, und herausgekommen ist ein ziemlich \u00fcberzeugendes St\u00fcck Heavy Metal.<br><br>Dasselbe gilt f\u00fcr \u201eDogs of Chernobyl\u201c: Mustaine setzt sich darin in eindringenden Worten mit der Reaktorkatastrophe, dem nuklearem Winter und allem, was sich daraus ergibt, in epischer L\u00e4nge und Breite auseinander. Er w\u00e4hlt dabei eine andere Herangehensweise als beispielsweise Iron Maiden, die ja ebenfalls eine Vorliebe f\u00fcr das Aufgreifen historischer Themen haben. W\u00e4hrend ich aber bei Maiden eher das Gef\u00fchl habe, die Geschichte mit ein wenig Abstand zu betrachten, vermittelt Mustaine eher ein \u201eMittendrin\u201c im blanken Horror und untermalt das durch aggressive und verst\u00f6rende Kl\u00e4nge. Der Song beginnt ruhig mit Akustikgitarre und steigert sich schnell zu einem Inferno von Midtempo-Stakkato-Rhythmusgitarre und Mustaines gepresstem Gesang, der d\u00fcstere Bilder der Reaktorkatastrophe an die Wand malt, und das ab Minute 4:03, eingeleitet von Schlagzeuggedonner, Di Giorgios wieder einmal mehr beeindruckendem Bass und Mustaines Sprechgesang und jaulenden Solo-Einlagen von Loureiro die Angst vor der Wiederholung derartiger Ereignisse in einem beeindruckenden St\u00fcck Musik festh\u00e4lt. Mit \u201eSacrifice\u201c geht es solide auf hohem spieltechnischen Niveau weiter, das Album h\u00f6rt nicht auf, Laune zu machen.<br><br>Mit \u201eJunkie\u201c leisten sich Megadeth dann eine Verschnaufpause, der Text hat einigerma\u00dfen was zu sagen, die musikalische Darbietung ist eher mehr Filler und weniger Killer, aber weiterhin auf hohem Niveau. Auf diesem geht es weiter und kurz vor Schluss erreicht das Album mit \u201eMission To Mars\u201c einen weiteren H\u00f6hepunkt: Das St\u00fcck beginnt ruhig mit elektronischen Spielereien und ein wenig Akustikgitarre, dann kommt die Elektrische dazu und hebt an, an den Geh\u00f6rkn\u00f6chelchen des Rezipienten zu s\u00e4gen. Auf einmal wird ein Schalter umgelegt und der Song rockt, Mustaine singt h\u00f6chst routiniert davon, dass er ein Astronaut sein m\u00f6chte. Ist ja auch verst\u00e4ndlich: Gr\u00fcnder, Frontmann und Gitarrist einer der besten Bands der Welt oder Astronaut \u2013 nee is klar Dave, h\u00e4tten wir nicht anders entschieden\u2026 Hier kommt das gro\u00dfe musikalische Umkippen erst bei Minute 3:30: Drum-Gewitter, Sprechgesang, klangliches Pandemonium, am Ende geht die Mars-Mission in die Hose, Mustaine zitiert mit \u201eRust In Peace\u201c und \u201ePeace Sells\u201c zwei der gr\u00f6\u00dften Megadeth-Hits, dann wird die Erde pulverisiert und die\/der H\u00f6rende freut sich aufs n\u00e4chste St\u00fcck, vielleicht wird es da inhaltlich weniger d\u00fcster.<br><br>Auf \u201eWe\u2018ll Be Back\u201c gibt Megadave noch einmal eines seiner Stakkato-Riffs zum Besten, mit denen er schon seit \u201eKilling Is My Business, And Business Is Good\u201c aus dem Jahr 1985 begeisterte \u2013 und auch sein Gesang w\u00fcrde sehr gut auf dieses Album gepasst haben. Kiko Loureiro schwingt mit seinen Soli nochmal die ganz gro\u00dfe Abrissbirne, Mustaine schreit noch ein wenig weiter (Pustekuchen mit \u201einhaltlich weniger d\u00fcster\u201c \u2013 Krieg, Tod und Vernichtung bleiben die bestimmenden Themen) und paff paff paff paff \u2013 die regul\u00e4re Spielzeit ist vorbei und wir kommen langsam runter mit den beiden Bonustracks.<br><br>Es ist dies f\u00fcrwahr ein gro\u00dfes Jahrzehnt f\u00fcr den traditionellen Thrash Metal der 1980er Jahre und es erf\u00fcllt mich mit tiefer Freude, dass auch Megadeth mit ihrem neuen Album weder langweilen noch entt\u00e4uschen, sondern wie fast immer in ihrer fast 40j\u00e4hrigen Karriere wieder einmal aufs Neue mitrei\u00dfen und begeistern k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Guido D\u00f6rheide (05.09.2022) Erinnert sich noch jemand an diesen rothaarigen Rauschgiftverbraucher, der in den fr\u00fchen 80ern bei Metallica rausgeflogen ist und sich dann jahrzehntelang an dieser Schmach abgearbeitet hat? 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