{"id":4264,"date":"2022-05-11T21:06:24","date_gmt":"2022-05-11T19:06:24","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=4264"},"modified":"2022-05-11T21:06:24","modified_gmt":"2022-05-11T19:06:24","slug":"rabiye-kurnaz-gegen-george-w-bush-andreas-dresen-d-f-2022","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/rabiye-kurnaz-gegen-george-w-bush-andreas-dresen-d-f-2022\/","title":{"rendered":"Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush \u2013 Andreas Dresen \u2013 D\/F 2022"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"178\" height=\"100\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-660\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von Matthias Bosenick (11.05.2022)<br><br>Rabiye Kurnaz alltagt den ganzen Schei\u00df einfach weg. Mit einer unb\u00e4ndigen Energie und ihrem sehr pers\u00f6nlichen Humor stellt sich die Bremer Hausfrau gegen den Umstand, dass man ihren Sohn Murat als potentiellen Taliban irgendwo in der Welt ohne Rechtsgrundlage inhaftiert, zuletzt in Guant\u00e1namo. Mit ihrer beinahe ignoranten Hartn\u00e4ckigkeit findet sie in Anwalt Bernhard Docke einen Verb\u00fcndeten, der mit ihr die unwahrscheinlichsten Instanzen abschreitet, um f\u00fcr Murat Gerechtigkeit walten zu lassen. Klingt wie ein M\u00e4rchen? So inszeniert es Andreas Dresen auch, und doch orientiert sich diese Geschichte an der Realit\u00e4t. Dresen suggeriert, dass es im Kampf gegen diffuse Gegner nur gute Menschen auf der Welt gibt \u2013 und gerade in solch bitteren Zeiten tun Filme wie dieser echt gut. Und trotz aller Menschenrechtsthemen ist dies nicht vordergr\u00fcndig die Geschichte des juristischen Sieges \u00fcber George W. Bush, sondern vielmehr ein Portr\u00e4t von Rabiye Kurnaz.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a> Die Handlung ist schnell zusammengefasst: Murat Kurnaz verschwindet aus heiterem Himmel nach Pakistan, um, wie er sagt, in dortigen Koranschulen seiner in der T\u00fcrkei lebenden Ehefrau ein besserer Gatte zu werden. Da er jedoch deshalb f\u00fcr einen islamistischen Extremisten gehalten wird, landet er bald schon im auf Kuba gelegenen US-amerikanischen Folter-Lager Guant\u00e1namo. Seine Mutter Rabiye Kurnaz glaubt nicht an Taliban-Verbindungen und ihrem Anwalt Bernhard Docke geht es losgel\u00f6st von dieser Frage um Gerechtigkeit und einen fairen Prozess, der Murat verweigert wird. Keine Instanz f\u00fchlt sich jedoch zust\u00e4ndig: Deutschland nicht, weil Murat einen t\u00fcrkischen Pass hat, die T\u00fcrkei nicht, weil Murat in Deutschland geboren ist, und die USA nicht, weil man dort ja keine Fehler macht, und doch r\u00fctteln Rabiye und Bernhard \u00fcberall dort an den Toren, um sich Geh\u00f6r zu verschaffen. Letztlich schlie\u00dfen sie sich einer prominent gef\u00f6rderten US-Sammelklage an \u2013 gegen Pr\u00e4sident George W. Bush.<br><br>F\u00fcr diese Geschichte w\u00e4hlt Dresen eine dezentrale Erz\u00e4hlweise. Er zeigt Schlaglichter aus dem Leben von Rabiye, die er mit Datumstafeln und der Angabe, wie viele Tage Murat zu dem Zeitpunkt inhaftiert ist, voneinander abtrennt. Den komplett durchgehenden Faden zerhackt Dresen und legt ihn zerst\u00fcckelt \u00fcber den ganzen Film, den man sich als Zuschauer dann selbst zusammenbauen muss. Weil es einfach viel zu viele Aspekte gibt, die man nicht in knapp zwei Stunden ausformulieren kann; Dresen deutet sie bisweilen einmalig an, stellvertretend f\u00fcr einen generellen Zustand. Etwa: Rabiyes Ehemann ist merkw\u00fcrdig passiv, unterst\u00fctzt sie nicht in ihrem Vorgehen zugunsten des gemeinsamen Sohnes, und einmal erkl\u00e4rt er, dass er von Murats Unschuld nicht \u00fcberzeugt ist. Mehr Ehekrise, mehr Ehemann ist kaum zu sehen; der Mercedes-Schichtarbeiter schenkt ihr einmal ein Cabriolet, und die gemeinsame Spritztour durchs Viertel mit der sonnenhell strahlenden Rabiye auf dem Beifahrersitz steht dann wieder stellvertretend daf\u00fcr, dass sich die Eheleute wohl doch sehr zugeneigt sind. Und das, obwohl Rabiye einmal zu Bernhard sagt, dass es das Modell der Deutschen von Liebe bei T\u00fcrken nicht gibt, sondern sie aus anderen, sachlichen Gr\u00fcnden heiraten. Ein Puzzlespiel, dieser Film, der die Zuschauenden herausfordert, und der diesen Weg w\u00e4hlt, um zwar vollst\u00e4ndig, aber nicht \u00fcberausf\u00fchrlich zu sein.<br><br>Unklar ist beispielsweise auch, wie viel Zeit sowohl Bernhard als auch Rabiye tats\u00e4chlich in ihre Aktivit\u00e4ten stecken. Bisweilen vergehen zwischen zwei Szenen Monate, ohne dass die Bem\u00fchungen signifikant vorangehen. Tats\u00e4chliche Entwicklungen erf\u00e4hrt man dann wiederum wie nebenbei, etwa aus Nachrichtenmeldungen, die im Hintergrund laufen, ohne indes in Erfahrung zu bringen, wie gro\u00df der Einfluss der beiden Hauptfiguren auf diese Entwicklung tats\u00e4chlich ist. Am Ende steht Murat vor seiner Familie \u2013 und es ist ebenso unklar, wie es dazu nun genau gekommen ist. Oder hat man da nur einmal eine Hintergrundinfo verpasst?<br><br>In Zeiten gro\u00dfer Unsicherheit und zunehmender Fremdenfeindlichkeit ist dieses Manifest der Mitmenschlichkeit willkommen. Bernhard deutet an, dass er unentgeltlich f\u00fcr Rabiye und Murat arbeitet, weil es ihm um Gerechtigkeit geht. Die Sammelkl\u00e4ger in den USA und die Kollegen der Anwaltspraxis sind in Haut- und Haarfarbe sowie Augenform derartig divers, dass man als Linksgr\u00fcnversiffter nur gl\u00fccklich von einer Idealgesellschaft sprechen kann. \u00dcberall Verb\u00fcndete: der arabische Vater, der Taxifahrer, der Hollywoodschauspieler, unz\u00e4hlige. Was hingegen fehlt, sind Gegner, greifbare Widersacher, Kritiker. Ein Journalist, der hinterfragt, warum sich Bernhard f\u00fcr Taliban einsetzt, ist die wiederum angedeutete mahnende Stimme, die Bernhard indes beiseitefegt, mit dem Argument, es gehe ihm um Rechtsprechung, auch wenn es sich um Terroristen handeln sollte \u2013 der faire Prozess geb\u00fchre auch ihnen. Und wieder ein guter Mensch.<br><br>\u201eIch bin Rabiye, Mama von Murat, und Sie gehen von meinen Schneegl\u00f6ckchen runter!\u201c \u2013 Murat: \u201eIch m\u00f6chte kurz allein sein.\u201c Rabiye: \u201eVerstehe ich, ich komme mit.\u201c \u2013 Bernhard, das Duzen anbahnend: \u201eIch bin Bernhard.\u201c Rabiye, verwirrt: \u201eWei\u00df ich doch!\u201c \u2013 Rabiye ist hier die t\u00fcrkische Mama, die nur ihr Ziel vor Augen hat, kombiniert mit ihrem Lebensalltag, der \u00fcberall einflie\u00dft; Hollywood-Schauspieler Tim Williams, dem mit der Sammelklage, empfiehlt sie inmitten einer ernsthaften Begegnung etwa, seinen Ficus zu d\u00fcngen. Man k\u00f6nnte meinen, angesichts der Thematik sei es respektlos, Rabiye auf diese Weise darzustellen, doch bringt genau diese Figurenzeichnung Authentizit\u00e4t in den Film, die Mama wird glaubw\u00fcrdig, so ist sie eben, und man kann, man muss sie trotzdem ernstnehmen. Irgendwann tut sie das auch selbst, wenn sie n\u00e4mlich nach erneuten R\u00fcckschl\u00e4gen ermattet im Bett liegt und sich m\u00fchsam wieder aufrappelt; w\u00fctend indes wird sie nie. Rabiye entwickelt sich, lernt sogar f\u00fcr ihre Verb\u00fcndeten einige Brocken Englisch, zeigt Empathie f\u00fcr den am Limit agierenden Bernhard, und in der depressiven Schlussphase kehrt Ruhe ein, da zeigt sie auch, dass sie begreift, wie belastend ihre Hatz f\u00fcr die anderen beiden S\u00f6hne sein muss; wieder so ein Puzzleteil, das nur angerissen wird. In dieser Sequenz geht dem Film dann auch etwas die Puste aus, das Ende kommt sogar etwas aus dem Nichts. Aber es kommt, ohne Glamour, sondern rein auf der emotionalen Ebene, die man mit einem Hollywood-geschulten Blick kaum nachempfinden kann, weil der Bombast fehlt.<br><br>Und Meltem Kaptan spielt Rabiye gigantisch gut. Die Klaviatur der Emotionen hat sie im Blick, sie \u00fcberzeugt mit jeder Regung, dagegen verblassen beinahe s\u00e4mtliche anderen Figuren. Der Film ist ein Portr\u00e4t von Rabiye, und darauf fokussiert sich die Geschichte daher auch, deshalb deutet Dresen den Rest eher an, aber er deutet immerhin, er l\u00e4sst immer wieder elementare Geschehnisse in kurzen Momenten erscheinen, da ist er schon vollst\u00e4ndig. Alexander Scheer als Bernhard war noch in Dresens vorherigem Film \u201eGundermann\u201c die Hauptfigur, und der performt den h\u00f6lzernen Norddeutschen gut, und in der Natur der Sache liegt einfach, dass er nicht genug Glanz hat, um neben Rabiye zu erstrahlen. Auch er w\u00e4chst indes und bekommt Anteile am Licht, aber Rabiye ist eben Mama von Murat, da geht nichts dr\u00fcber.<br><br>Nun ist dies aber ja auch ein Kinofilm, und auch, wenn man keine exorbitant cineastische Filmkunst bekommt, kann Dresen mit dem Medium umgehen und erzeugt Bilder, die mehr sind als nur Begleitung der Figur Rabiye. Zudem setzt er Musik interessant ein, indem er auf Streicherkitsch verzichtet und dezidiert orientalisch inspirierte Folklore als Score verwendet. Abgesehen von t\u00fcrkischer Partymusik im Auto oder bei Karaoke. Dresen hat eben ein vortreffliches Team-Ensemble an seiner Seite \u2013 Drehbuchautorin Laila Stieler, Kameramann Andreas H\u00f6fer. Kombiniert mit der Abwesenheit des personifizierten B\u00f6sen (der deutsche Staat kommt hier am Rande sogar schlechter weg als die USA) ergibt dies ein Kinom\u00e4rchen, auf das man sich gern einl\u00e4sst \u2013 danke daf\u00fcr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (11.05.2022) Rabiye Kurnaz alltagt den ganzen Schei\u00df einfach weg. 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