{"id":4191,"date":"2022-04-06T21:26:58","date_gmt":"2022-04-06T19:26:58","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=4191"},"modified":"2022-04-06T21:26:58","modified_gmt":"2022-04-06T19:26:58","slug":"parallele-muetter-madres-paralelas-pedro-almodovar-e-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/parallele-muetter-madres-paralelas-pedro-almodovar-e-2021\/","title":{"rendered":"Parallele M\u00fctter (Madres paralelas) \u2013 Pedro Almod\u00f3var \u2013 E 2021"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"178\" height=\"100\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-660\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (06.04.2022)<br><br>\u201eWe should all be feminists\u201c steht auf einem T-Shirt, das Pen\u00e9lope Cruz in einer Szene des Films \u201eParallele M\u00fctter\u201c tr\u00e4gt, und damit bringt Regisseur Pedro Almod\u00f3var viel Grunds\u00e4tzliches in seiner Weltsicht zum Ausdruck. In Haltung und Farbe ist \u201eParallele M\u00fctter\u201c ansprechend warmherzig geraten, dabei bedient sich Almod\u00f3var klassischer Suspense-Methoden, um sein Beziehungsdrama, das weit mehr ist als das, zu erz\u00e4hlen, gemessenen Schrittes und mit mehr Vergebung, als die Menschheit an sich aufzubringen in der Lage ist. Einmal mehr mit Mutterschaft als ewigem Thema Almod\u00f3vars; und zwei Stunden gro\u00dfartiges Kino.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><a><\/a> Die Handlung ist schnell erz\u00e4hlt und birgt einige \u00dcberraschungen, von denen die Unterzahl erwartbar ist: Janis und Ana begegnen sich bei der Niederkunft im Krankenhaus und laufen sich sp\u00e4ter in Madrid wieder \u00fcber den Weg. Ohne gro\u00df zu spoilern, sind sie per markersch\u00fctterndem Schicksal miteinander verbunden; die \u00e4ltere Janis nimmt die gerade eben so nicht mehr minderj\u00e4hrige Ana als Haushaltshilfe und Kinderm\u00e4dchen bei sich auf. Das sie verbindende Schicksal droht sie zu entzweien, weil Janis es zun\u00e4chst vor Ana verborgen h\u00e4lt. Als Klammer um diese Geschichte herum m\u00fcht sich Janis, mit Hilfe des Forensikers Arturo, dem Vater ihres Kindes, den sie zun\u00e4chst verst\u00f6\u00dft, erstmals, weil er eine Abtreibung bef\u00fcrwortet, und dann erneut, weil er seine Vaterschaft bezweifelt, ein Massengrab aus der Kriegszeit in ihrem Heimatdort wissenschaftlich zu exhumieren; nicht der einzige Moment nebenbei, in dem Almod\u00f3var seine klare politische Haltung unterbringt. Alles wird gut \u2013 auf die den Bedingungen entsprechende bestm\u00f6gliche Art und Weise und in vielen Punkten noch viel besser, als es die Gesellschaft zu leisten in der Lage ist.<br><br>Hei\u00dft also, Handlung zu verfolgen gibt es nicht viel, aber daf\u00fcr liebenswerte, empathische, f\u00fcrsorgliche, warmherzige Menschen und was sie bewegt, die man begleitet, und darin liegt das Pfund dieses Films. Almod\u00f3var verpflichtet grandiose Schauspielerinnen und ersinnt nicht minder grandiose Figuren. Pen\u00e9lope Cruz als Stammbesetzung verk\u00f6rpert die Janis glaubw\u00fcrdig, in jedem Moment, mit jeder auch fragw\u00fcrdigen Entscheidung, die sie f\u00e4llt, mit ihrer W\u00e4rme wie mit ihrer Abweisung. Sch\u00f6n im Vergleich die Geburten: Janis ertr\u00e4gt den Schmerz gl\u00fccklich, Ana gequ\u00e4lt; man sieht, wer mit sich und seinem Leben im Reinen ist. Was sich alsbald \u00e4ndert. Und selbst Anas Mutter Teresa, die Almod\u00f3var als egozentrische karrieres\u00fcchtige Schauspielerin in den Film einf\u00fchrt, darf in ihrer Profession brillieren und somit den Zuschauererwartungen entgegenlaufen: Ein reines Feindbild ist sie nicht, entpuppt sich gar als unerwartet selbstreflektiert und auf ihre Weise f\u00fcrsorglich und liebenswert.<br><br>In der Szene mit Cruz\u2018 T-Shirt vermittelt Janis Ana die Grundlagen der Haushaltsf\u00fchrung anhand des Kartoffelsch\u00e4lens. Mag der eine darin einen R\u00fcckgriff auf m\u00e4nnliche Klischees von Hausfrauen sehen, steckt darin doch vielmehr ein Schritt in Richtung Selbsterm\u00e4chtigung, weil Janis Ana so darauf vorbereitet, sich befreit von Abh\u00e4ngigkeiten um sich selbst zu k\u00fcmmern. Ein M\u00e4nner-Bashing betriebt Almod\u00f3var dennoch nicht, denn auch wenn Arturo die einzige nennenswerte m\u00e4nnliche Figur in diesem Geschehen ist, bekommt auch er seinen Anteil am formidablen Ausgang. Den Almod\u00f3var indes nicht in seiner Entwicklung begleitet, sondern nach der gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Katastrophensituation einfach nur offen abbildet: Alle sind gut zueinander, alles scheint vergeben, sie sind eine gro\u00dfe Familie, wie viele Menschen auch immer dazugeh\u00f6ren, inklusive Nachwuchs. Die Sonne lacht \u00fcber emotional aufgew\u00fchlte Menschen, die \u2013 so bodenhaftend und kontrastmutig ist der Regisseur \u2013 vor einem ausgehobenen Massengrab voller Kriegstoter stehen, deren Nachfahren sie sind.<br><br>Was Almod\u00f3var auch kann, ist Kino: Seine Farben sind \u00fcppig, aber nicht knallig, und jedes Dekost\u00fcck im Hintergrund ist nicht nur \u00e4sthetisch arrangiert, sondern l\u00e4sst die Vermutung zu, Almod\u00f3var habe da unterschwellige Botschaften codiert. Wie auch mit den Massengr\u00e4bern: Der Name Franco f\u00e4llt nie, man muss schon wissen, aber nicht zwingend, der Film funktioniert trotzdem. Und dann dieser Bilder: Cruz\u2018 Finger auf der Maus in Gro\u00dfaufnahme, in eine Tasse flie\u00dfender Kaffee von oben, ein Zoom und Schwenk von r\u00e4tselhaften Ornamenten auf die zwei Menschen, die vor jenen an einer Theke sitzen, eine Obstschale mit \u00c4pfeln am Bildrand in der K\u00fcche und dazu eine Figur in einer Spiegelung an der Glasfront gegen\u00fcber, und immer wieder diese W\u00e4rme an den warmen Orten, so warm, wie es die Menschen sind, die sich dort aufhalten. Wie die Kamera: Abgesehen von dem Massengrab, dem Caf\u00e9, in dem Ana kurzzeitig bedient, und dem Fotostudio, f\u00fcr das Janis arbeitet, h\u00e4lt man sich ausschlie\u00dflich in Wohnungen auf und begleitet das emotional dichte Agieren.<br><br>Musik findet kaum statt, und wo sie erklingt, erzeugt sie eine Spannung, die man eher aus Thrillern kennt. Der Kniff ist, dass damit die eigentlich d\u00fcnne Handlung nicht d\u00fcnn erscheint und man immerw\u00e4hrend etwas Anstrengendes, wenn nicht sogar B\u00f6ses erwartet; rastet Janis aus, t\u00f6tet Ana ihr Kind, schl\u00e4gt Arturo zu? Auch wenn Almod\u00f3var Konflikte anders l\u00f6st, ist die Spannung davor gerechtfertigt: Damit erweitert der Regisseur Sehgewohnheiten und Erwartungen beim Publikum. Die finale Erl\u00f6sung der Spannung ergie\u00dft sich im Grunde in einer neuen Spannung: Man beh\u00e4lt den Reigen im Herzen, wenn man das Kino verl\u00e4sst. Danke f\u00fcr so eine Art von Kinoerlebnis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (06.04.2022) \u201eWe should all be feminists\u201c steht auf einem T-Shirt, das Pen\u00e9lope Cruz in einer Szene des Films \u201eParallele M\u00fctter\u201c tr\u00e4gt, und damit bringt Regisseur Pedro Almod\u00f3var viel Grunds\u00e4tzliches in seiner Weltsicht zum Ausdruck. 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