{"id":4050,"date":"2021-12-22T21:06:02","date_gmt":"2021-12-22T20:06:02","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=4050"},"modified":"2021-12-22T21:06:02","modified_gmt":"2021-12-22T20:06:02","slug":"annette-leos-carax-f-usa-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/annette-leos-carax-f-usa-2021\/","title":{"rendered":"Annette \u2013 Leos Carax \u2013 F\/USA 2021"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"178\" height=\"100\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-660\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (22.12.2021)<br><br>Streicht man das Brimborium weg, bleibt: ein Drama um Schuld und Nicht-Vergebung, und zwar ein z\u00e4hes, anstrengendes, langweilig gefilmtes. Dieses Brimborium nun rettet zwar einiges, macht aber leider keinen guten Film aus \u201eAnnette\u201c: Die Mael-Br\u00fcder Run und Russell, als Pop-Duo seit Jahrzehnten unter dem Namen Sparks weltbekannt und gefeiert, schrieben das Drehbuch f\u00fcr dieses Musical, das \u201eHoly Motors\u201c-Wahnsinnsknabe Leos Carax mit Marion Cotillard und Adam Driver umsetzte. Eine grandiose Ausgangslage, die nach dem brillanten Intro leider verpufft. Viele bemerkenswerte Details retten diese bald zweieinhalb Stunden Elend nicht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>So fr\u00f6hlich, wie das Filmteam tr\u00e4llernd und tanzend den Film er\u00f6ffnet, mit einer an den Betrachter gerichteten Botschaft und frei vom Kontext, daf\u00fcr begleitet von den Sparks, bleibt die Geschichte leider nicht. Der furiose Auftakt ist ein Blender, den Spa\u00df w\u00fcrgen die Sparks und Carax in der Folge geh\u00f6rig ab, der Humor f\u00e4hrt nahezu komplett auf Null. Die Handlung ist aber auch d\u00fcnn, die l\u00e4sst sich knapp zusammenfassen: K\u00fcnstlerpaar bekommt Kind mit titelgebendem Namen, gefrusteter Mann ist auf erfolgreiche Frau eifers\u00fcchtig, billigt ihren Tod, beutet das durch einen Fluch begabte Kind kommerziell aus, t\u00f6tet seinen Freund und bringt damit sein Kind gegen sich auf. Keine Vergebung. Ja, sehr d\u00fcnn und nicht eben besonders, diese Handlung. Aber mit den richtigen Mitteln l\u00e4sst sich ja so manche d\u00fcnne Geschichte zu einem brillanten Film aufpeppen.<br><br>Diese Mittel liegen hier zuvorderst im Gesang, denn \u201eAnnette\u201c ist ein Musical. S\u00e4mtliche Schauspieler singen selbst, die einen besser (Cotillards Operngesang indes \u00fcbernimmt Catherine Trottmann), die anderen nicht so viel besser, was selbstredend mutig und respektabel ist, und s\u00e4mtliche Lieder sind nat\u00fcrlich von den Sparks geschrieben und zumeist mit filmscoreartiger Neoklassik unterlegt. Da entlarvt sich die Unsinnigkeit von Synchron, nebenbei, wenn quasi mitten im Dialog zwischen Deutsch und Englisch sowie fremder und originaler Stimme gewechselt wird, ganz wie bei den \u201eBlues Brothers\u201c, nur dass das bereits vor 40 Jahren war und man inzwischen bitte doch dazugelernt haben k\u00f6nnte, aber auf ausschlie\u00dflich Englisch w\u00e4re der Film in Deutschland vermutlich noch schlechter zu vermarkten gewesen als ohnehin schon. Sei\u2019s drum.<br><br>Es gibt eine Szene am Anfang, als die Eheleute Henry und Ann nachts auf einem Motorrad auf die Kamera zufahren, dann von der Kamera begleitet in voller Fahrt singen und sich nach der Strophe schnell entfernen. Das ist gro\u00dfartig, ebenso die Sequenzen, in denen die beiden Figuren initial bei ihren jeweiligen Auftritten brillieren, sie als Operns\u00e4ngerin, er als Comedian, herrliches B\u00fchnenbild, mitrei\u00dfender Gesang, trockener Humor. Dann singen die beiden pl\u00f6tzlich beim Sex, ein Witz f\u00fcrs Feuilleton, das sich wohl nach allen Heimlichkeiten \u00fcber auch mal \u00f6ffentlich gezeigte Pornos freut, und sobald dann das Baby da ist, wendet sich das gestalterische Blatt. Dieses Baby ist dargestellt durch eine animierte Puppe, was etwas an \u201eTeam America\u201c erinnert und was man schlichtweg schulterzuckend akzeptiert. Einen guten Witz erlaubt man sich hier, als Henry gefrustet etwas von \u201eBabysitting\u201c singt und man deutlich sieht, dass die Puppenbeine auf dem Sofa unter seinem Hintern hervorschauen. Derweil ergeht sich Ann in bedrohlichen Vorahnungen, die aber reichlich verlorengehen.<br><br>Zwar gibt es im Film Sequenzen mit guten Ideen, etwa den Wald hinter der Opernb\u00fchne oder das an \u201eDer Sturm\u201c angelehnte tosende Chaos beim Schiffsausflug, aber sind diese Ideen so selten, dass Carax sie unendlich in die L\u00e4nge zieht und auch die Lieder dazu ins Redundante dehnt. Seine Singsequenzen sind filmisch einfallslos, einfach nur die singende Person ohne Schnitte, Details, Perspektivwechsel oder irgendeinen Kniff, wie dem mit dem Motorrad am Anfang. Es ist langweilig, den Leuten beim Elend zuzugucken. Selbst wenn Ann dann als Wassergeist auftritt, ist das zwar eine gelungene dramaturgische Idee, die aber im Getr\u00e4ller verpufft; daraus h\u00e4tte man sehr viel mehr machen k\u00f6nnen. Der Film zeigt zwar die inhaltliche Schwere, transportiert sie aber nicht emotional. Klar, das Theater, die B\u00fchne sind hier die Arbeitspl\u00e4tze der Figuren, so stellt sich auch der Film h\u00e4ufig als abgefilmte B\u00fchnenschau dar, nur anders als bei \u201eDogville\u201c gelingt es hier nicht, den Zuschauer in die Handlung und die Emotionen hineinzurei\u00dfen. Dabei g\u00e4be es hinreichend Anlass zum Mitf\u00fchlen, \u00fcber ausgebeutete Kinderstars oder auf den Erfolg der Frau eifers\u00fcchtige M\u00e4nner, aber mehr als einen Anriss erfahren diese aktuellen Themen nicht.<br><br>Selbst Anns Fluch ist obsolet, mit dem sie Annette ihre Stimme \u00fcbertr\u00e4gt, um Henry zu schaden, denn der macht daraus eine epische Gesangskarriere in aller Welt, hat also auch noch einen Nutzen davon. Der Sinn hinter dem Fluch bleibt damit unklar, schlie\u00dflich war Henry ja schon vorher ein Arschloch, sonst h\u00e4tte er Ann nicht in Lebensgefahr gebracht, und die Selbstzweifel am Ende h\u00e4tte er ebenso trotzdem haben k\u00f6nnen wie den Umstand, dass sich Annette von ihm als M\u00f6rder distanziert. Okay, die Szene ist immerhin eindrucksvoll, weil Annette sich signifikant ver\u00e4ndert. So etwas Ausdrucksstarkes und Folgerichtiges h\u00e4tte man sich den ganzen Film \u00fcber gew\u00fcnscht, dann h\u00e4tte \u201eAnnette\u201c wom\u00f6glich sogar ein ebenb\u00fcrtiger Nachfolger von \u201eDancer In The Dark\u201c werden k\u00f6nnen.<br><br>Adam Drivers Solo auf der Comedyb\u00fchne, in dem er sich und Ann gleichzeitig performt, ist schauspielerisch das Gr\u00f6\u00dfte, was der Film zu bieten hat und was man ewig zu sehen bekommen wird. Anns angebissener Apfel ist ein sch\u00f6nes Detail (oder ein Product Placement?). Ebenso der aufblasbare Flamingo im Pool. Der Umstand, dass der Freund lediglich \u201eDer Dirigent\u201c hei\u00dft. Einige Choreografien, die Gossip-News, einige wundersch\u00f6n arrangierte Sets, die Show in der Bowl am Schluss, die Sparks als Piloten, das beeindruckt, und der Rest sind er- und bedr\u00fcckende, dunkle, unsinnig in die L\u00e4nge gezogene Dramapassagen mit Gesang. Nach dem Abspann zieht die Filmcrew mit Laternen durchs Bild, verabschiedet sich und bittet die Zuschauer, anderen von dem Film zu erz\u00e4hlen, wenn er ihnen gefallen hat, und man fragt: Was soll einem daran gefallen haben?! Mit dieser Frage befasst man sich dann noch eine ganze Weile.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (22.12.2021) Streicht man das Brimborium weg, bleibt: ein Drama um Schuld und Nicht-Vergebung, und zwar ein z\u00e4hes, anstrengendes, langweilig gefilmtes. 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