{"id":4041,"date":"2021-12-20T21:07:19","date_gmt":"2021-12-20T20:07:19","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=4041"},"modified":"2021-12-20T21:09:11","modified_gmt":"2021-12-20T20:09:11","slug":"the-hand-of-god-e-stata-la-mano-di-dio-paolo-sorrentino-netflix-i-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/the-hand-of-god-e-stata-la-mano-di-dio-paolo-sorrentino-netflix-i-2021\/","title":{"rendered":"The Hand Of God (\u00c8 stata la mano di Dio) \u2013 Paolo Sorrentino \u2013 Netflix\/I 2021"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"178\" height=\"100\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-660\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (20.12.2021)<br><br>Viele \u00fcppige Bilder und skurrile Situationen aus \u201eThe Hand Of God\u201c bleiben in nachhaltiger Erinnerung, und doch scheint der Stern von Regisseur Paolo Sorrentino im Sinken begriffen zu sein. Rund um das irregul\u00e4re Tor Diego Maradonas strickt er in dieser an seine eigene Biografie angelehnten M\u00e4r seine Legende vom im verarmten Neapel aufgewachsenen Teenager in einer bekloppten Familie, laut der \u201eDie Hand Gottes\u201c h\u00f6chstselbst ihn vom Tode bewahrte \u2013 anders als seine Eltern. Zwar ist man es von Sorrentino gewohnt, dass in seinen Filmen scheinbare oder tats\u00e4chliche Willk\u00fcrlichkeiten ihren festen Platz haben, aber in diesem Film sind sie teilweise etwas unschl\u00fcssig aneinandergereiht. Und wenn das wirklich alles autobiografisch ist, wei\u00df man am Ende zu viele Details \u00fcber seine Sexualit\u00e4t, die man gar nicht wissen will. Einmal mehr gilt: Je \u00e4lter der Mann, desto frivoler die Kunst.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der Film steckt voller sehenswerter, bewegender, optisch eindrucksvoller und skurriler Momente: Der abgest\u00fcrzte Kronleuchter in der leeren Wohnung, die Perspektive im Zugabteil, in der Filmdrehsequenz oder in der Wohnung der Baroness, die fellinieske Familienfeier auf dem Land mit den bekloppten Verwandten und den herabw\u00fcrdigenden Dialogen, die rasende Autofahrt nachts in die Berge, das Meer immer wieder, das Ger\u00e4usch des Rennboots bei 200 km\/h, die bescheuerten Streiche der Mutter, der arrogante Regisseur, das absurde Casting f\u00fcr den Fellini-Film, immer wieder Bildaufbauten, Komposition, Perspektive, Farbzusammenstellung \u2013 und der Humor, der boshaft, bissig, herablassend ist. Man w\u00fcnscht sich, den Film auf einer gr\u00f6\u00dferen Leinwand als dem heimischen Fernseher sehen zu k\u00f6nnen, aber es gab wohl einen Grund, warum Sorrentino ihn nicht ins Kino, sondern zu Netflix schleppte.<br><br>Vielleicht war er selbst nicht komplett \u00fcberzeugt davon, wie er seine Lebensmeilensteine aneinanderreihte. Man muss sehr aufpassen, um jeder Finte und jedem Hakten folgen zu k\u00f6nnen; das war schon immer Teil von Sorrentinos Filmen, dass man nicht alles erfasste, was er zeigte, aber doch das Gef\u00fchl hatte, einfach nur einen Zusammenhang \u00fcbersehen zu haben, wom\u00f6glich aus dem Umstand heraus, nicht Teil der Kultur zu sein, der Sorrentino entspringt oder der er angeh\u00f6rt, in Herkunft, Mythologie, Literatur, Kino oder Politik. Mit der brutalen Er\u00f6ffnungssequenz etwa verst\u00f6rt und verwirrt Sorrentino eher, als dass er auf den Film neugierig macht, mit der Frau, die sp\u00e4rlich bekleidet auf einen Bus wartet, von einem alten Mann (dem Schutzheiligen Neapels, das muss man nachlesen) in eine leere Wohnung, die mit dem Kronleuchter, verschleppt wird, um von einem \u201ekleinen M\u00f6nch\u201c gesagt zu bekommen, dass sie jetzt schwanger werden k\u00f6nne, und zu Hause verpr\u00fcgelt sie ihr Mann daf\u00fcr, w\u00e4hrend sich der Neffe Fabietto, die Hauptfigur des Films, mithin das Alter Ego des Regisseurs, an ihrer entbl\u00f6\u00dften Brust aufgeilt. Na, danke.<br><br>Nicht das einzige Mal, sp\u00e4ter sonnt sich jene offenbar psychisch kranke Tante an Deck eines Ausflugsboots, und die gesamte m\u00e4nnliche Verwandtschaft gafft ungeniert. Filmisch lustig, inhaltlich fragw\u00fcrdig. Und wenn Fabietto gegen Ende die Baroness \u201eb\u00fcrstet\u201c, wie sie es nennt, greift das zwar auf einen Rat des Vaters zur\u00fcck, der ihm erkl\u00e4rte, seine erste Frau solle nicht sch\u00f6n sein, sondern lediglich daf\u00fcr da, das erste Mal hinter sich zu bringen, will man das jedoch nicht wissen und schon gar sehen, auch wenn die Szene in ihren Kulissen einmal mehr prachtvoll ausgestaltet ist. Man bekommt hier viel zu oft best\u00e4tigt, was man von anderen alternden m\u00e4nnlichen K\u00fcnstlern erfahren hat: Je l\u00e4nger her die eigene Jugend ist, desto \u2013 nun \u2013 frivoler werden die Kunstwerke. Freundlich ausgedr\u00fcckt.<br><br>Zwar erz\u00e4hlt der Film eine Geschichte, aber ist die eher vermittels von Schlaglichtern aneinandergereiht, die man selbst \u2013 das immerhin mutet der Regisseur dem Zuschauer zu \u2013 in einen Zusammenhang bringen muss. H\u00e4ufig entdeckt man jene Zusammenh\u00e4nge selbst, bisweilen bleiben sie verborgen, und wenn man sich vor Augen h\u00e4lt, dass sie Sorrentino hier an der eigenen Biografie abarbeitet und man also davon ausgeht, dass sich die Dinge tats\u00e4chlich so oder \u00e4hnlich ereigneten, damals, Mitte der Achtziger im verarmten Neapel, dann nimmt man es auch in Kauf, wenn man einige Sequenzen einfach nur als gegeben hinnehmen muss, auch wenn sie r\u00e4tselhaft bleiben. Der Schmuggler, mit dem sich Fabietto anfreundet und den er im Knast besucht, passt vom Wesen her gar nicht zu diesem stillen und zur\u00fcckhaltenden Teenager, aber irgendwie muss dieses Mauerbl\u00fcmchen ja aus der Reserve ins Rampenlicht getreten sein, schlie\u00dflich ist eine Folge davon eben dieser Film.<br><br>Echt, haben die Verwandten die unausstehliche Gro\u00dftante verpr\u00fcgelt, als deren Sohn in den Knast kam? L\u00e4sterten die h\u00e4sslichen Verwandten \u00fcber den neuen Verlobten mit dem Kehlkopfsprachger\u00e4t, weil der in deren Augen h\u00e4sslich war? Lief der Waffenh\u00e4ndler Kashoggi nachts einsam mit aufgetakelter Frau auf Capri herum? Hat sich die Schwester st\u00e4ndig im Klo eingeschlossen? Br\u00fcskierte der Regisseur Antonio Capuano die Theaterschauspielerin \u00f6ffentlich? Lauter Puzzleteile, die den Humor unterstrichen und den Wahrheitsgehalt auf die Probe stellten. Und dann war da ja noch Maradona. Ab 1984 dank Mafiageldern beim SSC Neapel, 1986 mit der Selbstaussage bei der WM in Argentinien, sein erstes Tor gegen England w\u00e4re zum Teil durch seinen Kopf und zum Teil durch die Hand Gottes zustandegekommen, weltber\u00fchmt geworden, ein Schutzheiliger von Neapel \u2013 und von Sorrentino, der wegen eines Heimspiels nicht mit seinen Eltern den todbringenden Ausflug in die Berge unternahm. Und in der Folge daran zerbrach, aber Dank einiger Obskurer Begebenheiten \u2013 nicht zuletzt Besuche in der Psychiatrie bei seiner Tante, im Knast bei seinem Fu\u00dfball- und Schmuggel-Freund sowie im Theater \u2013 dem Impuls erhielt, seine bisherigen Verpflichtungen zu \u00fcberdenken; gegen Ende bekommt der Film eine ungeheure und wirkungsvolle Tiefe, eine Melancholie gar. Wie gesagt, das Ergebnis des Impulses liegt in einer \u00fcppigen Filmografie vor.<br><br>In der dieser eine eher untergeordnete Rolle spielt, zumindest filmisch, nicht biografisch. \u201eLa grande Bellezza\u201c, \u201eIl Divo\u201c und \u201eThis Must Be The Place\u201c sind die Kronen der Sorrentinoschen Sch\u00f6pfung, seit \u201eYouth\u201c nimmt die Qualit\u00e4t der Filme etwas ab. Auch wenn er in \u201eThe Hand Of God\u201c vieles richtig macht, etwa das Fu\u00dfballverr\u00fcckte gut einf\u00e4ngt oder die Achtziger nicht zum ironischen Selbstzweck einsetzt; der Film h\u00e4tte abgesehen von Fabiettos Walkman und einigen Farben auch sonstwann spielen k\u00f6nnen. Es bleiben unz\u00e4hlige Situationen nachhaltig im Ged\u00e4chtnis, und doch spielt der Film im Kanon des Regisseurs eine untergeordnete Rolle. Merkw\u00fcrdig, aber zutreffend. Und: Ist der kleine M\u00f6nch, das Phantom seiner Tante, wom\u00f6glich der uneheliche Halbbruder?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (20.12.2021) Viele \u00fcppige Bilder und skurrile Situationen aus \u201eThe Hand Of God\u201c bleiben in nachhaltiger Erinnerung, und doch scheint der Stern von Regisseur Paolo Sorrentino im Sinken begriffen zu sein. 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