{"id":3923,"date":"2021-08-19T22:30:13","date_gmt":"2021-08-19T20:30:13","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=3923"},"modified":"2021-08-19T22:30:13","modified_gmt":"2021-08-19T20:30:13","slug":"spezial-addicted-noname-label-aus-moskau-teil-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/spezial-addicted-noname-label-aus-moskau-teil-9\/","title":{"rendered":"Spezial: addicted\/noname Label aus Moskau, Teil 9"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/addicted-label.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"110\" height=\"110\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/addicted-label.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3052\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (19.+20.08.2021)<br><br>Ein weiterer \u00dcberblick vom fabelhaften Label addicted\/noname aus Moskau, mit aktuellen und mit \u00e4lteren Ver\u00f6ffentlichungen von: Mother Witch, Remote, Dogs Bite Back, Dusky Dive, Old Sea And Mother Serpent, The Moon Mistress, The Grand Astoria, \u0420\u0435\u0437\u0438\u043d\u0430, Dead Man Tells und \u0417\u043b\u0443\u0440\u0430\u0434.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/\u0417\u043b\u0443\u0440\u0430\u0434-\u041a\u043e\u043b\u0431\u0430\u0441\u0430.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/\u0417\u043b\u0443\u0440\u0430\u0434-\u041a\u043e\u043b\u0431\u0430\u0441\u0430.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3924\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>\u0417\u043b\u0443\u0440\u0430\u0434 \u2013 \u041a\u043e\u043b\u0431\u0430\u0441\u0430 (2017)<\/strong><br><br>Zum Einstieg ein L\u00e4rmbrocken: \u201e\u041a\u043e\u043b\u0431\u0430\u0441\u0430\u201c nennen \u0417\u043b\u0443\u0440\u0430\u0434 aus Moskau ihr Deb\u00fct, \u201eW\u00fcrstchen\u201c, und das Cover dazu zeigt einen abgeschnittenen Wurstfinger. So appetitlich ist auch die Musik: \u201e\u0420\u0438\u0442\u0443\u0430\u043b\u201c hei\u00dfen s\u00e4mtliche Songs, nur durchnummeriert, also \u201eRitual\u201c, und wenn abgeschnittene Finger das Ergebnis dieses Ritus\u2018 sind, m\u00f6chte man ihm nur ungern beiwohnen. Auch sonst ist das W\u00fcrstchen nicht eben leicht bek\u00f6mmlich, dabei handelt es sich im Original sogar um ein Geburtstagsgeschenk f\u00fcr die S\u00e4ngerin: Im weitesten Sinne k\u00f6nnte man von einer Art Post-Hardcore sprechen, w\u00e4re da nicht der, nun, Gesang. Die vier Musiker Roman Karandaev (Trompete), Dmitry Kuzovlev (Bass), Ivan Khvorostukhin (Horn, Congas) und Violetta Postnova (Stimme) teilen sich das Mikro, nur Schlagzeuger Andrew Kim bleibt offenbar stumm. Und die vier krakeelen herum, dass es nur so eine Pracht ist.<br><br>Wenn das hier ein Geburtstag war, dann hatten die f\u00fcnf wohl m\u00e4chtig einen im Tee. Man k\u00f6nnte dem geschredderten Punk auch eine Neigung zum Free Jazz attestieren, w\u00e4re er nicht so extrem auf die Fresse gerichtet. Sp\u00e4testens \u201eRitual 4\u201c wagt einen vorsichtigen Blick in Richtung Horns Of Dilemma, also wirrem Tr\u00f6ten, nur mit noch mehr Chaos. Noch mehr Chaos, ja! Kein Wunder, dass einige der Br\u00fcllenden da ins Husten kommen. Nach einer guten Viertelstunde ist die Party vorbei, und zwei Jahre sp\u00e4ter gab\u2019s dann mit \u201e\u0412\u043e \u0431\u043b\u0430\u0433\u043e \u0437\u043b\u0443\u201c einen Nachschlag. N\u00e4chstes Mal bitte eine Einladung, diese Partys m\u00fcssen bemerkenswert sein!<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Dead-Man-Tells-\u0421\u0440\u0435\u0434\u0438-\u043c\u044b\u0441\u043b\u0435\u0439.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Dead-Man-Tells-\u0421\u0440\u0435\u0434\u0438-\u043c\u044b\u0441\u043b\u0435\u0439.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3925\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Dead Man Tells \u2013 \u0421\u0440\u0435\u0434\u0438 \u043c\u044b\u0441\u043b\u0435\u0439 (2021)<\/strong><br><br>Das Saxophon dr\u00f6hnt bassig wie bei Morphine, die Synthies schwirren wie im Spacerock, die Stimmen verhallen im All, die Musik erinnert an einen langsamen Disco-Blues, zu dem man bewusstseinserweiternde Substanzen einatmet, vom Nachbartisch her\u00fcberwehend selbstredend. F\u00fcr \u201e\u0421\u0440\u0435\u0434\u0438 \u043c\u044b\u0441\u043b\u0435\u0439\u201c, \u201eUnter Gedanken\u201c, die erste Single seit 2018, verk\u00fcrzen Dead Man Tells No Tales aus St. Petersburg ihren Bandnamen, tauschen ihre Besetzung ordentlich aus (vom urspr\u00fcnglichen Quartett aus dem Jahr 2015 sind im gegenw\u00e4rtigen Quintett nur noch wenige Namen wiederzufinden; mit dabei sind hier: Stanislav mit Gesang und Synthesizern, Daniil mit Schlagzeug und Synthies, Yuriy mit Gitarren und Synthies, Konstantin mit Bass sowie Victor mit dem Saxophon) und ufern musikalisch ordentlich aus (jedoch nicht in Richtung Nikki Sudden). Sechseinhalb Minuten dauert der Ausflug in ein Paralleluniversum, in dem man sich bereitwillig einnisten w\u00fcrde. Es darf gern ein Bisschen mehr sein!<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/\u0420\u0435\u0437\u0438\u043d\u0430-\u0421\u0435\u043a\u0440\u0435\u0442-feat.-Tresvyatski.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/\u0420\u0435\u0437\u0438\u043d\u0430-\u0421\u0435\u043a\u0440\u0435\u0442-feat.-Tresvyatski.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3926\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>\u0420\u0435\u0437\u0438\u043d\u0430 \u2013 \u0421\u0435\u043a\u0440\u0435\u0442 feat. Tresvyatski (2021)<\/strong><br><br>Auf das sehr geile Album \u201e1619\u201c lassen \u0420\u0435\u0437\u0438\u043d\u0430 aus Moskau die Single \u201e\u0421\u0435\u043a\u0440\u0435\u0442\u201c folgen, \u201eGeheimnis\u201c. Passend zum Konzept gibt es auch bei diesem Song einen Stargast aus der russischen Untergrundszene, und zwar S\u00e4nger Igor Volkov von Tresvyatski und The Omy. Vom einstigen Punkrock und dem nachgereichten Hardcore von \u0420\u0435\u0437\u0438\u043d\u0430 ist hier nichts im klassischen Sinne zu h\u00f6ren; dieser Song ist das Ergebnis mehrerer H\u00e4utungen und Evolutionen. Vertrackte Rhythmen wie im Mathcore bekommt man im Mittelteil, drumherum gibt\u2019s eine Art Alternative Rock, nur ohne den Blick auf erh\u00f6hte Verkaufszahlen, sondern geschmackvoll eigensinnig, und gegen Ende driftet das St\u00fcck vor\u00fcbergehend in eine Art Ambient oder Post Rock. Eine Wundert\u00fcte im Kleinformat, ein Spiegelbild von \u201e1619\u201c von einer grandiosen Band. Die besteht aus: Ilya Zinin (Gitarre), Andrey Klimov (Gitarre), Dmitry Sirotkin (Bass) und Dmitry Drozdov (Schlagzeug) \u2013 S\u00e4nger borgt sich das Quartett stets aus.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/The-Grand-Astoria-The-Slowest-Guitar-Alive.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/The-Grand-Astoria-The-Slowest-Guitar-Alive.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3927\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>The Grand Astoria \u2013 The Slowest Guitar Alive (2021)<\/strong><br><br>Das stimmt nat\u00fcrlich nicht, \u201eThe Slowest Guitar Alive\u201c ist nicht bei The Grand Astoria aus St. Petersburg zu h\u00f6ren, da d\u00fcrften Kollegen wie Bohren &amp; Der Club Of Gore oder Boris ein W\u00f6rtchen mitzureden haben. Kurioserweise geht es bei dieser halbst\u00fcndigen instrumentalen EP aber um jemanden, den man im Kontext von Progrock, Doom und Psychedelic eher nicht so sehr erwartet h\u00e4tte: Roy Orbison n\u00e4mlich, von dem Bandkopf Kamille Sharapodinov ein gro\u00dfer Fan ist und an dessen Western \u201eThe Fastest Guitar Alive\u201c aus dem Jahr 1967 sich diese EP anlehnt. Das spiegelt auch das von Sophia Miroedova gestaltete Cover wider, das das der Roy-Orbison-LP in Schriftart und Motiv in typischer The-Grand-Astoria-Art kopiert, nur dass hier der Hintergrund schwarz statt wei\u00df gehalten ist und statt Cowboys und Indianern auf Pferden das Bandmaskottchen mit dem Tiersch\u00e4del auf einer Schildkr\u00f6te reitend mit der Gitarre Aliens auf Schnecken abwehrt. So geht das.<br><br>Die Songs hingegen sind eigen und beziehen sich vielmehr auf die Comeback-EP \u201eFrom The Great Beyond\u201c aus dem vergangenen Jahr. So spacig wie das Cover ist auch die Musik, dabei trotzdem partiell ausgesprochen heavy und sich auf weiten Strecken in Gegniedel verlierend, wie es sich geh\u00f6rt. Dazu gibt\u2019s zweimal Georgel, und sobald das erstmals einsetzt, bekommt die Musik einen unerwarteten Kirmesgeschmack. Das im Titel angedeutete Tempo behalten The Grand Astoria tats\u00e4chlich bei; verantwortlich sind hier au\u00dfer dem Gitarristen und Ger\u00e4uschemacher Sharapodinov noch Kirill Ildyukov (Gitarre), Konstantin Smirnov (Schlagzeug), Danila Danilov (Bass) und Denis Kirillov (Nord Organ). Das Universum von The Grand Astoria ist unermesslich gro\u00df und diese EP nur ein minimaler, aber gro\u00dfartiger Einblick in diese Gr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/The-Moon-Mistress-Silent-Voice-Inside.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/The-Moon-Mistress-Silent-Voice-Inside.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3928\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>The Moon Mistress \u2013 Silent Voice Inside (2012, Reissue 2020)<\/strong><br><br>Hier wird\u2019s d\u00fcster: In lediglich Triobesetzung kreieren die Moskauer The Moon Mistress einen Doombrocken mit Black-Sabbath-Muttermilch, den addicted\/noname nun fast eine Dekade sp\u00e4ter mit vier Zusatzst\u00fccken neu auflegt. In klassischer Besetzung versetzen Garish (Gitarre und Gesang), Memphis (Bass) und Mitya DHS (Schlagzeug) den geneigten H\u00f6rer in eine tiefdunkle Trance. Zu der die Songtitel bestens passen, \u201eCease To Exist\u201c, \u201eCremation Meditation\u201c, wer mag dazu nicht entspannt chillen!<br><br>Es erstaunt einmal mehr, welchen Druck und welches Gewicht nur drei Musiker mit ihren Instrumenten entwickeln k\u00f6nnen, mit fuzzy Distortion zumeist, und wie eing\u00e4ngig die Musik dabei trotzdem ist. The Moon Mistress haben dabei keine Eile, sie walzen ihre St\u00fccke episch aus und schleppen ihre Riffs \u00fcber Ausdauer ins Ziel, nicht \u00fcber Tempo. Wenngleich ebenjenes \u201eCease To Exist\u201c tats\u00e4chlich mal die Z\u00fcgel locker l\u00e4sst und einen r\u00e4udigen schwarzen Bluesrock vor die Kutsche spannt oder \u201eSamsara\u201c am Ende mit einem punkigen Galopp \u00fcberrascht. Und sie haben Wahwahs!<br><br>Von den vier reichlich ungest\u00fcmen Bonus-Tracks zu den urspr\u00fcnglichen neun gab es zwei bereits auf der Kassetten-Version des Albums zu h\u00f6ren, davon ist einer, \u201eEntropy (\u042d\u043d\u0442\u0440\u043e\u043f\u0438\u044f)\u201c, ein Cover, und zwar von \u0413\u0440\u0430\u0436\u0434\u0430\u043d\u0441\u043a\u0430\u044f \u041e\u0431\u043e\u0440\u043e\u043d\u0430 (Grazhdanskaya Oborona), Punk-Indie-Helden aus Omsk, die seit den Neunzigern aktiv sind. Zwei weitere Bonusst\u00fccke stammen aus sp\u00e4teren Sessions, die das Trio 2012 absolvierte. Erstaunlich ist, dass es von der Band bis auf einige Singles kein weiteres Album mehr gab.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Old-Sea-And-Mother-Serpent-Plutonian.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Old-Sea-And-Mother-Serpent-Plutonian.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3929\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Old Sea And Mother Serpent \u2013 Plutonian (2021)<\/strong><br><br>Besonders eilig hat es das Duo Old Sea And Mother Serpent aus Yegoryevsk nicht, und zwar in jeder Hinsicht: Satte neun Jahre sind seit dem Deb\u00fct \u201eChthonic\u201c vergangen, und in dem Tempo bewegt sich auch die Musik von Anthony und Eugene. Der Doom schleppt und schleppt sich, Anthony br\u00fcllt und growlt, ab und zu gniedelt Eugene, ansonsten machen die beiden eher Fl\u00e4che als Landschaft. Entsprechend lang sind die vier Songs dieses Albums: drei \u00fcber 20 Minuten, einer elf. Und weil diese L\u00e4nge auch attraktiv gef\u00fcllt sein will, nehmen die beiden Musiker bisweilen die Verzerrer aus dem Raum und lassen ihre dunkle Musik klar erklingen, schalten mal den Fuzz dazu, klingen wie eine groovende Tanzparty in der Folterkammer, lassen ihre Gitarren auch mal in h\u00f6chsten T\u00f6nen tirilieren oder vergessen, ihren Synthesizer auszuschalten, der dann minutenlang vor sich hin dr\u00f6hnt.<br><br>Nicht nur damit bringen die beiden eine unerwartete Abwechslung in die St\u00fccke: Einfach nur lang ist auch ihnen nicht genug, da muss etwas passieren, und es passiert etwas. Es gibt mithin mehr Abwechslung innerhalb der einzelnen Tracks als zwischen ihnen: Den \u00dcbergang von \u201eWereserpents\u201c zu \u201eThe Scrag Temple\u201c etwa nimmt man nicht wahr.<br><br>Das Duo hat einen langen Atem, Zeit und Raum spielen keine Rolle, und ob man nun bereits seit zehn Minuten paralysiert mit dem Kopf nickt oder \u00fcber eine Stunde, macht bei der lebensverneinenden Stimmung dann auch nichts mehr aus. Immerhin hat man diese dunkle Stunde dann mit angenehmer Musik verbracht. Ja, \u201ePlutonian\u201c rockt! Auch. Denn manchmal braucht man f\u00fcr den amtlichen Bluesrock auch mal Hilfe von Zauberern, scheint es.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Dusky-Dive-Flanger-Studio-Session.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Dusky-Dive-Flanger-Studio-Session.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3930\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Dusky Dive \u2013 Flanger Studio Session (2021)<\/strong><br><br>Das Album zur Vorabsingle \u201eSky\u201c, die hier ebenfalls enthalten ist: Die \u201eFlanger Studio Session\u201c von Dusky Dive ist offenbar tats\u00e4chlich einfach im titelgebenden R\u00e4umen einfach so entstanden, und wenn dem so ist, kann man nur staunen. Wer so schl\u00fcssige St\u00fccke improvisiert, hat definitiv etwas drauf. Die Songs, auch mit ihren jazzigen, experimentellen Passagen, sind um L\u00e4ngen \u00fcberzeugender als sauviele durchkomponierte Indiesachen dieser Zeit. Markant ist hier nat\u00fcrlich das Baritonsaxophon, das wie bei Dead Men Tells angenehm an Morphine erinnert.<br><br>Genregrenzen kennen die vier aus Moskau keine. Zwischendrin wird ein mostiger Rocksong zum Ska, ein Track er\u00f6ffnet mit Industrial, irgendwo wehen Tumbleweeds durch eine leere W\u00fcstenlandschaft, die Band verliert sich in mitrei\u00dfendem Gniedeln oder kreiert die fr\u00f6hlichsten Popsongs: Man kann nur ehrf\u00fcrchtig niederknien davor, dass all dies improvisiert sein soll. Die wissen, was sie tun: Gitarrist Sergey Plishka, Baritonsaxophonist Ivan Izmalkin, Bassit und S\u00e4nger Aleksey Stanchinskiy sowie Schlagzeuger Grigory Perelman.<br><br>Eine gute halbe Stunde dauert dieses Impro-Deb\u00fct, das wirkt, als w\u00e4re es weit l\u00e4nger, weil es so abwechslungsreich ist. Und \u00fcber allem schwebt dieses wundervolle Saxophon, das hier zwar die jazzige Note einbringt, aber nicht als L\u00e4rm, den besorgen im Zweifelsfall die anderen drei Musiker. Gelungen!<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Dog-Bites-Back-Back-Forward.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Dog-Bites-Back-Back-Forward.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3931\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Dogs Bite Back \u2013 Back? Forward! (2021)<\/strong><br><br>Ganz anders das Trio Dogs Bite Back aus Moskau: Hier f\u00fcgt sich kein Ton in etwas H\u00f6rbares, in keine Struktur, in keine Melodie, keinen Rhythmus, keine Sch\u00f6nheit. Hier regiert das Chaos, die Dekonstruktion obsiegt, die Freude am Protest, beim H\u00f6rer hingegen die Fassungslosigkeit \u00fcber den Wagemut, dieses akustische Abenteuer \u00fcberhaupt zu ver\u00f6ffentlichen. Hier scheint alles dem Zufall \u00fcberlassen zu sein, nichts f\u00fcgt sich in Vertrautes. Das muss man erstmal verdauen.<br><br>Das Trio spielte die sechs Tracks, genau wie Dusky Dive, live und improvisiert im Studio ein. Mit einem \u00fcppigen Fuhrpark: Der in diversen Projekten und Bands aktive Ilia Belorukov brachte seinen Modular-Synthesizer mit, Dmitry Lapshin von Brom den Bass und eine Armada an Effektpedalen sowie Konstantin Samolovov vom Experimental-Projekt Wozzeck sein Schlagzeug, diverse nicht n\u00e4her benannte Objekte und einen Apparat namens Voice Recorder.<br><br>An manchen Stellen klingt die Musik wie das Ende der Skala beim Mittelwellenradio oder beim Einw\u00e4hlen ins Internet mit dem 56k-Modem. Es \u00fcberwiegt der scheinbar willk\u00fcrliche Sound des Synthesizers, der hier eben nicht eingesetzt ist wie beim Synthiepop, da mache man sich keine Illusionen. Tats\u00e4chlich g\u00f6nnen sich die drei mitten im elfmin\u00fctigen \u201eAre You Serious?\u201c und im neunmin\u00fctigen \u201eGa-Ga-Gah\u201c Passagen mit fortlaufendem Takt, so ist das ja nicht. Von einer Songstruktur kann deshalb aber noch lang keine Rede sein. Dieses Album ist mindestens eine Herausforderung.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Remote-\u0414\u044b\u043c.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Remote-\u0414\u044b\u043c.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3932\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Remote \u2013 \u0414\u044b\u043c (2021)<\/strong><br><br>Herausfordernd ist auch der Gesang bei Remote, der dem Hardcore entliehen ist, wohingegen es sich bei der Musik eher um Stoner-Metal handelt, um Sludge mithin. Da bleibt das Trio genretreu: Sechs St\u00fccke in einer Dreiviertelstunde, Dreivierteltakt, tiefergestimmte verzerrte Saiteninstrumente, Einsatz von Effektpedalen; da sind nicht nur die Musiker zugedr\u00f6hnt, sie dr\u00f6hnen die H\u00f6rerschaft ihrerseits zu. Nicht umsonst lautet der Titel des Albums \u201e\u0414\u044b\u043c\u201c, also \u201eRauch\u201c.<br><br>Der Kontrast zwischen der br\u00fcllenden Stimme und der weniger aufs Br\u00fcllen ausgerichteten Musik macht das Album nat\u00fcrlich erst interessant, weil: Herk\u00f6mmlich kann ja jeder. Mit dem Geschrei strahlt das Trio Energie aus, die es mit der Musik wieder abf\u00e4ngt; die Stimme prescht nach vorn, die Musik lehnt sich zur\u00fcck. Dieses Spanungsverh\u00e4ltnis muss man ertragen, denn l\u00e4sst man sich vorrangig auf den Sludge ein, kann das Herumschreien durchaus nerven. Charmant ist wiederum, dass dieses Br\u00fcllen auf Russisch stattfindet, also einen weiteren sympathischen Kontrast darstellt f\u00fcr H\u00f6rer, die kein Russisch k\u00f6nnen. Und sp\u00e4testens, wenn die drei dann in den klassischen Black Metal driften, wei\u00df man, dass sie nicht nur kiffen k\u00f6nnen.<br><br>Dabei ist das offenbar Hauptsujet von Nikita, Evgeny und Sasha. Zumindest legen das Cover und Titel der fr\u00fcheren Alben nahe, die sie seit 2012 ver\u00f6ffentlichten. Irgendetwas muss sich aber um 2018 ereignet haben, danach wurden die Cover n\u00e4mlich schwarz statt gr\u00fcn. Wie die Musik. Und wenn die vielt\u00f6nnige Walze \u201e\u0414\u044b\u043c\u201c dann \u00fcber einen hinweggefegt ist, m\u00f6chte man sich dringend die Ohren freipusten.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Mother-Witch-Mother-Witch-Dead-Water-Ghosts.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Mother-Witch-Mother-Witch-Dead-Water-Ghosts.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3933\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Mother Witch \u2013 Mother Witch &amp; Dead Water Ghosts (2014)<\/strong><br><br>Was Mother Witch auf ihrem Deb\u00fct streckenweise anbieten, ist so sehr vom Postrock durchdrungener Doom, dass es fast schon Gothic ist. Bald gesellt sich ein monumentaler Groove dazu, gr\u00f6\u00dfer noch als der, den selbst die Fields Of The Nephilin einst hatten; damit ist die N\u00e4he zu Stoner doch gr\u00f6\u00dfer. Mal wieder belegen die vier Musiker aus Odessa, wie weit der Horizont der meisten Bands auf addicted\/noname ist, denn festlegen sollen sich andere, spannend wird es, sobald man \u00fcber den Tellerrand blickt und das selbst gew\u00e4hlte Universum um Nachbarareale erweitert.<br><br>Und das geschieht auf \u201eMother Witch &amp; Dead Water Ghosts\u201c ausgesprochen virtuos. Die Band verbindet die Elemente nicht nach Baukastenart, sondern fluid und nachvollziehbar, nicht vorhersehbar; ein Bluesrock als Basis f\u00fcr etwa \u201eCeremony\u201c, \u201eWhisper\u201c oder \u201eHomeway\u201c passt wie die Faust aufs Auge, w\u00e4hrend \u201eShallow Grave\u201c eher ins Richtung Psychedelic driftet. Interessanterweise erinnert der Umstand, dass hier eine Frau singt, wiederum sehr an The Eden House, also deren Trip Goth, wie die ihren Stil nennen. Und doch mag man irgendwo im Hintergrund bisweilen die alten Black Sabbath herumgeistern h\u00f6ren. Auf Extreme indes verzichten Mother Witch, trotz der, nun, dunklen Grundhaltung, der gro\u00dfen N\u00e4he zum Doom und der nachdr\u00fccklichen Spielweise kommt es nicht zu Gewaltausbr\u00fcchen.<br><br>Zur Band geh\u00f6ren hier S\u00e4ngerin Maria Teplitskaya, Gitarrist Egor Walovski, Bassist Vitaliy Zhavnerchik und Schlagzeuger Alex Petrov. Nach diesem Auftakt erschien mit \u201eRuins Of Faith\u201c 2015 das zweite Album, bei dem die Band ihren Namen um den Zusatz aus dem Titel des Deb\u00fctalbums erweiterte. Vor vier Jahren folgte mit \u201eOde To A Cold Heart\u201c ein einzelner neuer Song, seitdem ist es ruhig um die Ukrainer. Bedauerlich, aber dann h\u00f6rt man das Deb\u00fct eben \u00f6fter.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu bestellen auf <a href=\"https:\/\/noname666.bandcamp.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Bandcamp<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (19.+20.08.2021) Ein weiterer \u00dcberblick vom fabelhaften Label addicted\/noname aus Moskau, mit aktuellen und mit \u00e4lteren Ver\u00f6ffentlichungen von: Mother Witch, Remote, Dogs Bite Back, Dusky Dive, Old Sea And Mother Serpent, The Moon Mistress, The Grand Astoria, \u0420\u0435\u0437\u0438\u043d\u0430, &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/spezial-addicted-noname-label-aus-moskau-teil-9\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,15,19],"tags":[],"class_list":["post-3923","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-album","category-besonderes","category-download-stream"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3923","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3923"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3923\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3934,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3923\/revisions\/3934"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3923"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3923"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3923"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}