{"id":3895,"date":"2021-07-23T15:04:27","date_gmt":"2021-07-23T13:04:27","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=3895"},"modified":"2021-07-23T15:04:27","modified_gmt":"2021-07-23T13:04:27","slug":"der-rausch-druk-thomas-vinterberg-dk-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/der-rausch-druk-thomas-vinterberg-dk-2020\/","title":{"rendered":"Der Rausch (Druk) \u2013 Thomas Vinterberg \u2013 DK 2020"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"178\" height=\"100\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-660\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (24.07.2021)<br><br>Gro\u00dfartige Schauspieler, interessante Inszenierung, l\u00fcckenhaftes Drehbuch \u2013 ein typischer Vinterberg also: \u201eDer Rausch\u201c berauscht nur so lang, wie man nicht dar\u00fcber nachdenkt. Nicht ganz so schlimm wie bei \u201eDie Jagd\u201c verbirgt Regisseur Thomas Vinterberg wesentliche Handlungselemente dergestalt vor dem Zuschauer, dass der deren Abwesenheit nicht sofort bemerkt. Zudem bezieht der D\u00e4ne zu dem Thema, das er sich als Platzhalter f\u00fcr die Darstellung vierer Midlifekrisen ausgesucht hat, keine konkrete Stellung: F\u00fcr Besonnene ist der Film vielleicht eine Warnung, f\u00fcr Leichtfertige aber eher eine Ermunterung. Mit seinen Plotholes und der expliziten Ermunterung, seine Minderwertigkeitskomplexe mit Alkohol auszugleichen, ist \u201eDer Rausch\u201c leider keine uneingeschr\u00e4nkte Empfehlung wert.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Um ihrer langweilig gewordenen Lebensmitte etwas Pfiff zu geben, beginnen vier m\u00e4nnliche Freunde, allesamt Lehrerkollegen eines Gymnasiums, ein heimliches Experiment auf Basis eines norwegischen Forschungsergebnisses: Sie halten ihren Blutalkohol auf 0,5 Promille und werten die Ergebnisse aus. Siehe da: Alle vier steigern ihre Leistung, werden attraktiver, begehrter, effektiver, kurz: Das Experiment geht im Wortsinne voll auf. Also steigern sie die Dosis bis hin zum Vollrausch \u2013 mit unterschiedlichen Auswirkungen auf die jeweilige Biografie und einem nichtsdestotrotz rauschhaften Ende.<br><br>Von hier an liegt eine Spoilerwarnung vor. Denn da liegt schon das erste Manko: Auch wenn eine der vier Personen am Experiment zugrundegeht, ist das Fazit des Films, dass Alkohol ein probates Mittel zur Leistungssteigerung und zur Freizeitverbringung ist. So absto\u00dfend wie die Drogen in \u201eFear And Loathing In Las Vegas\u201c ist die Volksdroge hier nicht dargestellt, alles geht letztendlich gut, bis auf den einen Fall, der aber diffus bleibt. Was also will der Alkohol hier sagen?<br><br>Im Grunde ist der Alkohol hier ein Platzhalter, analog zum wei\u00dfen Hai in \u201eDer wei\u00dfe Hai\u201c, der vielmehr f\u00fcr ein Problem steht, das drei M\u00e4nner, die sich nicht leiden k\u00f6nnen, gemeinsam zu l\u00f6sen haben. Hier peppen vier mittelalte M\u00e4nner ihr ins Stocken geratenes Leben auf, und das Mittel dazu h\u00e4tte irgendetwas sein k\u00f6nnen, Gl\u00fccksspiel, Rock\u2019nRoll, Extremsport, ist nun aber Alkoholismus. Dessen Darstellung muss man in \u201eDer Rausch\u201c jedoch letztlich schon als verantwortungslos bezeichnen, wenn man Vinterberg nicht unterstellen mag, dass er sogar seine Freude daran hat, die Zuschauer zum Saufen zu animieren.<br><br>Denn eigentlich stecken die vier M\u00e4nner in nichts mehr als der \u00fcblichen Midlife Crisis: Einer hat drei kleine Kinder und eine \u00fcberforderte Ehefrau, zwei haben keine Familie und offenbar damit Probleme und die Hauptfigur entfremdet sich von der Ehefrau und den zwei Teenienachw\u00fcchsen. Klassische Konstellationen also. Nun verzichtet Vinterberg aber darauf, allen Figuren einen tieferen Hintergrund oder gar \u00fcber die Viererkonstellation hinausragende Kontakte zu geben; nur wenige Sch\u00fcler treten in Erscheinung, weitere Lehrerkollegen nicht und andere Freunde schon mal gar nicht. Die Ehefrau der Hauptfigur hat etwas mehr Tiefe als die hysterische zweite Partnerin, aber je mehr Anteil sie bekommt, desto unplausibler wird ihr Verhalten. Dazu sp\u00e4ter mehr.<br><br>Die vier Probanden strukturieren ihr Vorgehen in drei Teilen: 0,5 Promille, eigenes Limit und Vollrausch. Getrunken werden soll zun\u00e4chst nur w\u00e4hrend der Arbeit, sp\u00e4ter weiten die vier alles aus, bis ins Uferlose und gottlob bis zur D\u00e4mmerung, dass da etwas aus dem Ruder l\u00e4uft. Der Zuschauer bekommt jeden der drei Teile als singul\u00e4res Schlaglicht ohne zeitlichen Kontext dargeboten; irgendwann ist die Rede von Herbstferien, sp\u00e4ter f\u00e4llt Schnee, die Dauer des Experiments bleibt unklar. Ebenso erf\u00e4hrt der Zuschauer nicht, welche Folgen das Experiment auf das Umfeld der vier M\u00e4nner hat \u2013 jedenfalls nicht direkt: Vinterberg zeigt mit Vorliebe die heroischen Erfolgsmomente der Pseudo-Wissenschaftler, analog zu \u201eClub der toten Dichter\u201c oder \u201eRocky\u201c, und erst im sp\u00e4teren Verlauf l\u00e4sst er Seitenfiguren S\u00e4tze sagen wie \u201eWir wissen schon l\u00e4nger, dass du trinkst\u201c oder \u201eich dachte, Sie h\u00e4tten aufgeh\u00f6rt\u201c. Das wahre Drama des Alkoholismus\u2018 findet also in Abwesenheit statt, w\u00e4hrend man die vier Typen sich in ihre Hemmungslosigkeit steigern sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das vermittelt den Eindruck, das Saufen bliebe weitgehend ohne Widerhall. Eine Lehrerkonferenz, auf der einer besoffen erscheint und die zum Thema hat, dass Alkoholismus im Kollegium vermutet wird, bricht ohne Ergebnis ab. Dabei h\u00e4tte man sp\u00e4testens dann thematisieren k\u00f6nnen, dass es Verdachtsmomente bezogen auf Einzelne gibt oder sogar die Schulleitung das jeweilige Gespr\u00e4ch suchen lassen. Ebenso das mit den Familien: Die zwei verf\u00fcgbaren Ehefrauen gehen an die Decke, als die jeweiligen M\u00e4nner einmal sturzbesoffen vom Feiern kommen, mit dem Hinweis, den Alkoholismus nicht mehr zu ertragen, dabei war dieser Exzess f\u00fcr den Zuschauer der erste und das Thema f\u00fcr die Beziehung als Belastung vorher nie vorhanden. Und wenn eine Frau dann sagt, dass ohnehin das ganze Land saufe, stellt sie \u00fcberdies den Sinn des Films in Frage. Am Ende sowieso, indem sie, trotz heimlichen Liebhabers, zum Gatten zur\u00fcckkehrt, ihn also f\u00fcrs Saufen noch belohnt. Damit best\u00e4tigt Vinterberg die halbironisch eingef\u00fcgten Clips von trinkenden Politikern: Man kann Alkoholiker sein und erfolgreich, am Ende geht sowieso alles gut. Der eine Ausfall best\u00e4tigt nur die Quote, der Rest rei\u00dft rechtzeitig die Rei\u00dfleine und badet trotzdem im Schampus. Saufen ist also so lang okay, wie man nicht blutend vor der Garagenauffahrt der Nachbarn herumliegt. Gewagt.<br><br>Noch eins zur Ehefrau: Sie sagt, sie habe sich schon vor dem Alkoholismus des Gatten aus dessen Leben ausgegrenzt gef\u00fchlt, dabei ist sie diejenige, die permanent Nachtschicht in einem unbestimmten Job macht und den Liebhaber hat, w\u00e4hrend er bis auf die Unterrichtsvorbereitungen keine Freizeitvergn\u00fcgen und also nichts zum Ausgrenzen hat. Und noch eins zum Ausfall: Der Tod bleibt diffus, zumindest die Ursache, wenngleich man aus dem vorhergehenden Verhalten einen Suizid ableiten kann. Die Trauer um den Genossen h\u00e4lt sich indes in Grenzen, die Kumpels gehen einen auf ihn saufen. Und noch eins zum Experiment: Auch das hat keine Folgen, es bleibt ein Gimmick, mit dem Vinterberg die Party startet, aber er f\u00fchrt es nicht zum Abschluss, etwa als Erkl\u00e4rung im Umfeld oder als eingereichte wissenschaftliche Arbeit.<br><br>Aber der Film hat ja auch Gutes. Die vier Schauspieler agieren gro\u00dfartig, und Mads Mikkelsen hat eine nicht so opferhaft-passive Rolle wie noch in \u201eDie Jagd\u201c. Man kann sich gut vorstellen, mit den vier Typen Zeit zu verbringen, wenn sie zusammensitzen, Essen gehen, Mucke h\u00f6ren, tanzen und, nun, auch mal das Glas heben. Wie sie miteinander umgehen, f\u00fcrsorglich, umsichtig, indes auch zum Mittrinken animierend, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem das Fass \u00fcberl\u00e4uft. Gl\u00fccklicherweise vermeiden es die Darsteller, permanent Situationen zu kreieren, in denen man dazu angehalten ist, \u00fcber M\u00e4nner zu lachen, die Betrunkene spielen; f\u00fcr so etwas gibt es bereits hinreichend Hollywood-Filme.<br><br>Vinterberg dreht in alter Dogme95-Schule, also viel mit dokumentarischer Handkamera, durchsetzt mit grandiosen Kinoleinwandbildern und \u00fcberraschenderweise eingeblendeten Texttafeln, auf denen Laptopeintragungen und Textnachrichten zu lesen sind, als w\u00e4ren es Stummfilmtafeln. Auch der Einsatz der Musik richtet sich locker an Dogma-Regeln, sie erklingt nur innerhalb der Handlung, wenn die Jungs eine Platte auflegen (\u201eCissy Strut\u201c von The Meters, gro\u00dfartig) oder ein St\u00fcck Klassik am Laptop abspielen, oder wenn im Restaurant zu Beginn ein Chor wie in der griechischen Trag\u00f6die ein boshaftes Ende vorwegnimmt \u2013 das der Film jedoch nicht einh\u00e4lt.<br><br>Dieser Rausch, \u00fcberdies, ist eher Reichen vorbehalten, allein der vielkonsumierte Wein schon ist in D\u00e4nemark arschteuer. Den Kinds bleibt nur der S\u00f8l\u00f8b, also das bierbefeuerte Komasaufen aus dem Originaltitel. Und noch eins bleibt festzustellen: Thomas Vinterberg verh\u00e4lt sich zu Lars von Trier wie Robert Rodriguez zu Quentin Tarantino.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (24.07.2021) Gro\u00dfartige Schauspieler, interessante Inszenierung, l\u00fcckenhaftes Drehbuch \u2013 ein typischer Vinterberg also: \u201eDer Rausch\u201c berauscht nur so lang, wie man nicht dar\u00fcber nachdenkt. 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