{"id":3823,"date":"2021-06-11T15:42:36","date_gmt":"2021-06-11T13:42:36","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=3823"},"modified":"2021-06-11T15:42:36","modified_gmt":"2021-06-11T13:42:36","slug":"nomadland-chloe-zhao-usa-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/nomadland-chloe-zhao-usa-2020\/","title":{"rendered":"Nomadland \u2013 Chlo\u00e9 Zhao \u2013 USA 2020"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"178\" height=\"100\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-660\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von Matthias Bosenick (11.06.2021)<br><br>Endlich Kino! \u201eNomadland\u201c ist eine Art Doku-Spielfilm mit h\u00fcbschen Bildern und allem voran Frances McDormand, der man nur zu gern dabei zusieht, wie sie die haus-, nicht obdachlose Fern spielt, die mit ihrem Van namens Vanguard durch die USA juckelt, um etwas Geld zu verdienen, Menschen zu begegnen und nach dem Tod ihres Mannes und dem Verlust ihres Wohnsitzes \u00fcberhaupt eine neue Richtung in ihrem Leben zu finden. Ein Mike Leigh h\u00e4tte dem Film vermutlich mehr Drama gegeben, darauf verzichtet die geb\u00fcrtige Chinesin Chlo\u00e9 Zhao, nicht aber auf Emotionalit\u00e4t, und w\u00e4hlt dabei eine unamerikanische Darstellungsweise, vermeidet also Kitsch und Pathos. Ein sch\u00f6ner Einstand ins neue Kinojahr.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vorweg sei gespoilert, dass Zhao es unterl\u00e4sst, Fern b\u00f6se Dinge erleben zu lassen. Man erwartet beinahe, dass im Verlauf der Geschichte ihr Van aufgebrochen, sie bestohlen oder sie von M\u00e4nnern bedr\u00e4ngt wird, doch gottlob hat die Geschichte ausreichend andere Themen, um zu fesseln. Da diese auf einem nichtfiktionale Buch basiert und Zhao manche Szenen aus Ferns Leben schlaglichtartig ablichtet, kommt der Eindruck eine Dokumentation recht fr\u00fch auf. Man sieht Fern bei Amazon im Lager arbeiten, andere Hauslose treffen und sich in ihrem Van einrichten. Nach und nach verliert sich dieser Eindruck zugunsten von Ferns Reise und ihren Gef\u00fchlen, die sie indes selten aktiv preisgibt.<br><br>Ferns Roadmovie beginnt damit, dass die Stadt Empire in Nevada, in der sie und ihr Mann lebten, aufgegeben wird, weil der Betrieb, dessentwegen sie gegr\u00fcndet wurde, bankrott ist. Ihr Mann ist inzwischen verstorben und sie zieht allein los, von \u00e4u\u00dferem Zwang und innerem Freiheitsdrang getrieben, findet Gelegenheitsjobs, in die sie sich flugs einarbeitet, als h\u00e4tte sie nie etwas anderes gemacht, findet Freunde und Weggef\u00e4hrten, manche einmalig, manche \u00f6fter, manche langfristig, findet Solidarit\u00e4t unter den Entwurzelten, findet Kontemplation in der Verbesserung ihrer Van-Ausstattung und in eindrucksvollen Landschaften, sieht sich einer aufkeimenden Liebe ausgesetzt und m\u00fcht sich um Akzeptanz von der Familie ihrer Schwester. Anders als bei Britischen Sozialdramen sind die gesellschaftlichen und kapitalistischen Ungerechtigkeiten in den USA hier nicht zentrales Thema, sondern eher ein Begleitton, den man indes auch ausblenden kann, wenn man seine Wahrnehmung auf Ferns Schicksal verlagert.<br><br>Interessanterweise agiert Fern zun\u00e4chst beinahe passiv, sie bekommt viel, gibt viel zur\u00fcck, ist Teil der Gesellschaften, gibt aber nur wenig von sich preis und f\u00e4llt ihre Entscheidungen aus der H\u00fcfte. So strahlt sie Eigenst\u00e4ndigkeit und Kraft aus, Unersch\u00fctterlichkeit, Stabilit\u00e4t, Gemeinsinn \u2013 und bald auch Emotionalit\u00e4t. Erst gegen Ende sieht sie sich zu einer Art Betteln gezwungen und auf den Ursprung ihrer Reise zur\u00fcckgeworfen und offenbart sich anderen und damit dem Zuschauer mehr.<br><br>Diese Reise f\u00fchrt sie auch zu Bob Wells, einem Priester der US-Nomadenkultur, die aus den unterschiedlichsten Gr\u00fcnden zusammenkommt, f\u00fcr die er einsteht und der er wertvolle Tipps gibt. Das j\u00e4hrliche Treffen findet irgendwo in der winterlichen W\u00fcste statt, und so wie dort ist die Landschaft auch den gesamten Film \u00fcber: karg, leer, \u00f6de, kalt und darin ausnehmend sch\u00f6n, mit opulenter Bew\u00f6lkung und Bergen im Hintergrund. Jede Stra\u00dfe ist eine Option, eine Verhei\u00dfung, und Fern folgt ihnen bereitwillig. Wie sie finden sich viele Nomaden nicht in die Gesellschaft ein, und mit ihnen bildet sie eben jene Gemeinschaft. Angesichts der prek\u00e4ren wirtschaftlichen Umst\u00e4nde erscheint dies eher m\u00e4rchenhaft, aber f\u00fcr den Betrachter auch mal ganz heilsam, dass es eben nicht zu extremen Ausbr\u00fcchen kommt.<br><br>Vorlage ist das Buch \u201eNomadland\u201c der Journalistin Jessica Bruder, und so authentisch wie die Erlebnisse sind daher auch die Charaktere, die Zhao kurzerhand mit den real im Buch auftretenden Nomaden besetzte, die \u2013 wie Nick Cave in \u201e20.000 Days On Earth\u201c \u2013 hier eine fiktive Variante ihrer selbst spielen. Man sp\u00fcrt diese Authentizit\u00e4t, die den Film anr\u00fchrend macht. Eine gute Kombination dazu ist die dezente Klaviermusik von Ludovico Einaudi. Zugute kommt dem Film auch, dass Zhao auf den typisch amerikanischen pathetischen Kitsch verzichtet. Daraus ergibt sich ein Sozialdrama mit positivem Grundgef\u00fchl \u2013 paradox, sicher, aber sehenswert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (11.06.2021) Endlich Kino! \u201eNomadland\u201c ist eine Art Doku-Spielfilm mit h\u00fcbschen Bildern und allem voran Frances McDormand, der man nur zu gern dabei zusieht, wie sie die haus-, nicht obdachlose Fern spielt, die mit ihrem Van namens Vanguard &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/nomadland-chloe-zhao-usa-2020\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-3823","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kino"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3823","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3823"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3823\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3824,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3823\/revisions\/3824"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3823"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3823"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3823"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}