{"id":3797,"date":"2021-05-17T21:31:15","date_gmt":"2021-05-17T19:31:15","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=3797"},"modified":"2021-05-17T21:31:15","modified_gmt":"2021-05-17T19:31:15","slug":"stefan-thoben-ein-traum-in-bunt-entdeckung-ruhrgebiet-verlag-andreas-reiffer-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/stefan-thoben-ein-traum-in-bunt-entdeckung-ruhrgebiet-verlag-andreas-reiffer-2021\/","title":{"rendered":"Stefan Thoben \u2013 Ein Traum in bunt. Entdeckung Ruhrgebiet \u2013 Verlag Andreas Reiffer 2021"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Stefan-Thoben-Ein-Traum-in-bunt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"112\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Stefan-Thoben-Ein-Traum-in-bunt.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3798\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (17.05.2021)<br><br>Wenn man als Au\u00dfenstehender auch nur leicht zum Ruhrgebiet in Liebe entflammt ist, will man aus diesem Buch nie mehr auftauchen. Aus einer ausgedehnten Radtour machte Stefan Thoben, Journalist aus Hannover, dieses \u00fcppig bebilderte Erlebnis- und Sachbuch, in dem er einen Blick auf das Ruhrgebiet wirft, der weder touristisch-euphorisch noch stereotyp daherkommt, sondern vermittels dessen er mit einer pers\u00f6nlichen Wahrnehmung und fachkundiger Recherche seine Eindr\u00fccke analysiert. Vollst\u00e4ndig kann diese Betrachtung nicht sein, das wei\u00df der Autor auch, und als Leitfaden f\u00fcr oberfl\u00e4chliche Reisende ist das Buch wohl zu herausfordernd; allen anderen ist es wahlweise ein Ersatz f\u00fcr den \u00fcberf\u00e4lligen Besuch oder die willkommene Aufforderung zu einem solchen. Das Wort Liebeserkl\u00e4rung dr\u00e4ngt sich bei der Betrachtung des Buches einfach auf.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das Ruhrgebiet \u2013 unendliche Weiten. Thoben kennt die Klischees besser als das Ruhrgebiet selbst, bis auf einen Kurztrip war er dort n\u00e4mlich vor seiner vierw\u00f6chigen Radrundfahrt noch nie; mit dieser Transparenz nimmt er m\u00f6glichen Kritikern den Wind aus den Segeln. Das ist geschickt und sympathisch: Er mimt nicht den Checker, der er nicht ist, sondern \u00fcberrascht als Nichtchecker mit einer \u00fcberw\u00e4ltigenden Informationsf\u00fclle. Weil er nun w\u00e4hrend seiner Reise seine Kenntnisse neu bewertete, wuchs in ihm die Idee, daraus ein Buch zu machen; deshalb ist dies in einigen Passagen improvisiert und damit zwar m\u00f6glicherweise verwirrend strukturiert, sich wiederholend und unvollst\u00e4ndig, aber daf\u00fcr voller Leben und Leidenschaft f\u00fcr das, was Thoben im Pott erlebt.<br><br>Man merkt dem Reiseberichterstatter an, dass er quasi positiv \u00fcberrumpelt war davon, wie sich ihm das Ruhrgebiet tats\u00e4chlich darstellte, anders als er offenbar erwartet hatte. Man folgt Thobens ver\u00e4nderten Blick mit Genuss und l\u00e4sst sich von ihm bereitwillig mitnehmen in ein Ruhrgebiet des 21. Jahrhunderts, das auf den Ruinen einer aufgelassenen Industrie immerfort erst noch entsteht, die ihrerseits nicht ganz totzukriegen ist, deren aufkeimende Bl\u00fcten aber nicht immer wohlig duften. Und inmitten des Ganzen lebt der Mensch mit seinen Eigenarten und Besonderheiten, den man \u2013 mit Thoben \u2013 nur liebenswert finden kann.<br><br>Dennoch tappt Thoben in keine Klischeefalle. Er kennt sie alle, er betrachtet sie und kann sie auch gegebenenfalls feiern, doch ist er ebenso dazu in der Lage, sie in eine gegenw\u00e4rtige Realit\u00e4t und die dazugeh\u00f6rigen Sachzw\u00e4nge einzuordnen; er wei\u00df, was wom\u00f6glich evolution\u00e4r intrinsische Folklore ist und was vielmehr von einem Marketing gesteuert. Das Wort \u201eStrukturwandel\u201c etwa beschreibt, so erkennt es der Autor, etwas Notwendiges, das findige Strategen allerdings auch auf Kosten der von diesem Ph\u00e4nomen Betroffenen f\u00fcr sich zu vermarkten wissen. Auch sind ihm die Diskussionen um No-go-Areas vertraut; sein Blick in diese Problemviertel sieht indes weit vers\u00f6hnlicher aus, als es politische Wortf\u00fchrer vielleicht gern h\u00e4tten.<br><br>Ebenso kontrovers setzt sich Thoben auch mit der Lekt\u00fcre auseinander, die es \u00fcber das Ruhrgebiet seit um die 100 Jahren bereits gibt, und sucht darin Best\u00e4tigung f\u00fcr seine Wahrnehmung sowie den seitdem vollzogenen Wandel. Haupts\u00e4chlich arbeitet er sich an dem vernichtenden \u201eIm Ruhrgebiet\u201c von Heinrich B\u00f6ll und dem Fotografen Chargesheimer aus dem Jahr 1958 ab. Modernere Quellen hingegen nennen immerfort das ganze Gr\u00fcn und den Umstand, dass Stadtgrenzen inmitten von Stra\u00dfenz\u00fcgen lokalisiert sind und nicht wie in l\u00e4ndlichen Gegenden, etwa Thobens Heimat Hannover, in ebenjenem Gr\u00fcn; sie beten die ausnehmend hohe Kontaktfreudigkeit der Einheimischen herunter; den Umstand, dass man das Ruhrgebiet nicht auf Anhieb erfassen kann, und dass dieser Anhieb auch ein ganzes Leben dauern kann.<br><br>So liegt es in der Natur der Sache, dass auch Thobens Buch nicht vollst\u00e4ndig sein kann, und das wei\u00df er ja auch. Ihm entgingen etwa die Aktionen zur Kulturhauptstadt 2010, als Essen stellvertretend f\u00fcr die Metropole Ruhr ein \u00fcberbordendes Angebot in die Welt sandte. Auch l\u00e4sst er, abgesehen von der Nennung der Band International Music, Abstecher in Subkulturen vermissen, etwa in das Unperfekthaus in Essen oder zu Lokalmatadoren s\u00e4mtlicher Genres wie Kreator, RAG, Eisenpimmel oder The Fair Sex. Ihm entging auch der Umstand, dass man das Ruhrgebiet gern k\u00fcnstlich als Einheit vermarkten kann, dass Leute in Catsrop-Rauxel dann aber trotzdem gern \u00fcber Entscheider aus Essen l\u00e4stern, zumindest, so lang der Blick lokal gerichtet ist; richtet er sich jedoch gegen das Ruhrgebiet als Ganzes, steht der Zusammenhalt vor der Einzelproblematik.<br><br>Aber das sind verzichtbare Details. Auch ohne gro\u00dfen Vorlauf kennt Thoben sein Sujet und bildet es auch entsprechend ab; nat\u00fcrlich mit vertrauten Themen wie Bergbau, Zechensterben, Kleing\u00e4rten, Einkaufszentren und Fu\u00dfball, er kennt die Folklore, um \u201eErnst Kuzorra seine Frau ihr Stadion\u201c und Wetter unter Tage, um Grubenungl\u00fccke und wundersame Rettungen, um fehlende Radwege inmitten einer Autofahrerregion, um Kunstmuseen und reanimierte Arbeitersiedlungen, um Taubenzucht, um Schriftstellerei aus dem Pott und \u00fcber den Pott, um Wolfgang Welt, Horst Schimanski, Herbert Gr\u00f6nemeyer und J\u00fcrgen von Manger, um die Landmarken, die dem Strukturwandel einen fr\u00fchen Zusammenhalt geben und die er dennoch weitestgehend meidet, um Nazivergangenheit und -gegenwart und um das graue Grauen, das dem Pott jahrzehntelang anhaftete.<br><br>Es mag dem unvorhergesehenen Umstand geschuldet sein, dass Thoben es nicht vorhatte, aus seiner Reise ein Buch zu machen, dass es bisweilen etwas unstrukturiert wirkt; die Reiseetappen sind nicht ganz klar nachvollziehbar: Was etwa hat das Haldenereignis Emscherblick mit Duisburg zu tun? Zwischen seine stenogrammartigen Beobachtungen l\u00e4sst er l\u00e4ngere Aufs\u00e4tze einflie\u00dfen, in denen er Gespr\u00e4che wiedergibt und Rechercheergebnisse teilt; hier ist er auf eine Art informativ, die nicht nur \u00fcber Reisef\u00fchrertexte hinausgeht, sondern von Tourismusbeh\u00f6rden an mancher Stelle aufgrund ihrer liebevollen Schonungslosigkeit wom\u00f6glich eher gemieden worden w\u00e4ren. Dazu passt, dass Thobens Fotos eher weniger die eines Reisebildbandes sind, sondern vielmehr k\u00fcnstlerisch und subjektiv, ausschnitthaft und grafisch; exemplarisch sind sie dennoch, man erkennt inmitten bunter Fl\u00e4chen so manches bekannte Element wieder. So ist es auch mit manchen seiner Kommentare: Den konkreten Bezug zu einigen Betrachtungen l\u00e4sst er so offen, wie seine Fotos ausschnitthaft sind. Da wei\u00df man jedoch nicht, ob das ein Vers\u00e4umnis ist oder ein Werkzeug, um den lesenden zu Eigenrecherche oder gar zu einem Besuch zu animieren.<br><br>Aus jeder Zeile dringt, dass Thoben am Ruhrgebiet einen Narren gefressen hat, und dass eine Liebe zu einer Gegend auf der Liebe zu den Menschen fu\u00dft, die dort leben und ihm als Au\u00dfenstehenden einen Einblick von innen gew\u00e4hren. Das Bunte herauszuarbeiten, im Gegensatz zu B\u00f6ll, ist ihm ein Ansinnen, und es ist ihm gelungen, in Wort und Bild.<br><br>Helge Schneider fehlt hier \u00fcbrigens, daf\u00fcr erkl\u00e4rt Thoben unabsichtlich einen uralten Witz des M\u00fclheimers, der einmal Karel Gott \u201eaus Prag bei Herne\u201c verortete; was willk\u00fcrlich klingt, hat einen konkreten Bezug, denn Thoben wei\u00df, dass Herne in der Nachkriegszeit mit Prag den Beinamen teilte, n\u00e4mlich \u201eDie Goldene Stadt\u201c. Und um mit weisen Worten von Christoph \u201eEl Fisch\u201c Schneiderbanger von den Lokalmatadoren zu schlie\u00dfen: \u201eIch bin voll wie die A40\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (17.05.2021) Wenn man als Au\u00dfenstehender auch nur leicht zum Ruhrgebiet in Liebe entflammt ist, will man aus diesem Buch nie mehr auftauchen. Aus einer ausgedehnten Radtour machte Stefan Thoben, Journalist aus Hannover, dieses \u00fcppig bebilderte Erlebnis- und &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/stefan-thoben-ein-traum-in-bunt-entdeckung-ruhrgebiet-verlag-andreas-reiffer-2021\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-3797","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buch"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3797","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3797"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3797\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3799,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3797\/revisions\/3799"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3797"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3797"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3797"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}