{"id":3637,"date":"2020-12-17T22:13:47","date_gmt":"2020-12-17T21:13:47","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=3637"},"modified":"2020-12-17T22:44:21","modified_gmt":"2020-12-17T21:44:21","slug":"spezial-rene-seim-windlustverlag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/spezial-rene-seim-windlustverlag\/","title":{"rendered":"Spezial: Ren\u00e9 Seim + Windlustverlag"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Windlustverlag.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3638\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (17.12.2020)<br><br>F\u00fcr den Rezensenten ist es ein schwieriges Terrain: Lyrik, Gedichte, Poesie, da fehlt ihm im allgemein und grunds\u00e4tzlich der Zugang. Nun bildet dies jedoch den Schwerpunkt im Schaffen des Dresdener Autoren und Verlegers Ren\u00e9 Seim. Eine Betrachtung seines Oeuvres aus der Position des Unbeleckten kann daher nur viel zu weit am Wesen der Dinge vorbeigehen. Versucht sei eine Ann\u00e4herung an drei B\u00fccher des Multitalents, der nicht nur als Autor und Verleger (Windlustverlag), sondern auch als DJ Cram\u00e9r (\u201eWildblumenblues\u201c, \u201eWildes Parfum\u201c), Fotograf und Labelbetreiber (Head Perfume Records) t\u00e4tig ist: \u201eBunte Hunde, wilde V\u00f6gel\u201c, \u201eSpielereien einer vielschr\u00f6tigen Fl\u00f6te\u201c und \u201eFliegende Fenster\u201c, allesamt erschienen im eigenen Windlustverlag.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"155\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Rene-Seim-Fliegende-Fenster-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3640\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Fliegende Fenster (5. korrigierte Auflage 2018\/Erstausgabe 2017)<\/strong><br><br>Hierin sammelt Seim \u201eKurzgeschichten &amp; Szenen\u201c, oder auch: \u201eDialoge, Szenen, Prosa\u201c, oder auch: \u201eDialogtheater\u201c, allesamt Selbstbeschreibungen auf dem und im Buch. Tats\u00e4chlich sind es zumeist eher kurze Geschichten als Kurzgeschichten, besser noch: zumeist kurze, anschaulich in Szene gesetzte Dialogsequenzen zwischen Menschen, die sich selbst und sich gegenseitig nicht verstehen. Kaum eine Figur dieser 66 Begegnungen erweckt einen sympathischen Eindruck, h\u00e4ufig sind \u00fcberh\u00f6hte Erwartungen an andere der Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Dialoge, die dann indes h\u00e4ufig ins Leere ausfransen, und wenn den Autoren der Hafer sticht, auch ins Absurde, Beleidigende oder gar Beklemmende. Dabei steuert Seim selten auf eine Pointe zu, er ist vielmehr ein Freund des abgelenkten Endes, der Versandung, manchmal der Zur\u00fccknahme, bisweilen der Eskalation. So ziemlich jede der sich ergebenden Situationen h\u00e4tte man selbst anders aufgel\u00f6st, daher f\u00e4llt die Identifikation schwer; die ist dann aber offenbar auch gar nicht die Intention des Autoren, sondern wohl eher ein Bild, das er malt und mit dem er Welten darstellt, die au\u00dferhalb des eigenen Erlebens des Lesers stattfinden. Sollte es jedoch des Autoren Erleben sein, w\u00fcnscht man ihm andere Freunde.<br><br>Paarbeziehungen sind ein h\u00e4ufiges Schlachtfeld, das Seim hier beschreibt, und das verwundert nicht, sind die doch seit Menschengedenken bester Ausl\u00f6ser f\u00fcr in Film, Funk, Fernsehen und Feuilleton abgebildete Konflikte, so auch hier, nur eben in der oben beschriebenen Ausrichtung, also in unerwartet abdriftende Entwicklungen steuernd. Verwunderlich sind die willk\u00fcrlich anmutenden Sexualit\u00e4tsanbahnungen, die Seim hier gelegentlich unterschiebt, so als w\u00e4re die Lust an der Unverbindlichkeit gr\u00f6\u00dfer als die an der Verl\u00e4sslichkeit; so ist es in der Gesellschaft allgemein zwar offenbar Usus, nur dass es hier schwerf\u00e4llt, herauszulesen, ob die Texte dies mahnend abbilden oder doch eher feiern. Ein weiteres Themenfeld sind M\u00e4nnerbegegnungen, und wenn den hier abgebildeten abermals der eigene Erfahrungshorizont des Erz\u00e4hlers zugrundeliegt, ist man geneigt, Dresden weitr\u00e4umig zu umfahren, was jedoch der Kenner als Vers\u00e4umnis tadeln w\u00fcrde. Man hofft also, dass Seim nicht nur ein guter Beobachter, sondern zudem ausnehmend fantasiebegabt ist.<br><br>Sprachlich pendelt Seims Prosa zwischen augenscheinlich banal und tats\u00e4chlich \u00fcberw\u00e4ltigend; er ist zu Gro\u00dfem in der Lage und schiebt es dem Lesenden fortw\u00e4hrend in die scheinbar leichte, eigentlich vielmehr leichtf\u00fc\u00dfig erz\u00e4hlte Lekt\u00fcre, beinahe, als verfolge er einen unterschwelligen Bildungsauftrag. Und wenn Seim dann die Sprache nach seinen Regeln verwendet, ger\u00e4t man ins Staunen, denn dann generiert er komplexe Komplexe, abstrakte Gebilde, poetische Panoramen, emotionale Enigmen, und man m\u00f6chte auf den entsprechenden Stellen stehenbleiben, in ihnen verweilen, verharren, den weiteren Fortgang der Geschichte (oder des Gedichts, da gelingt ihm \u00c4hnliches) abwenden, oder besser: in diesem Stile fortsetzen, doch das g\u00f6nnt einem der Autor nicht, er f\u00e4hrt das Sprachniveau wieder herunter und im vertrauten Tonfall fort, und der hat etwas angenehm Kumpeliges. Somit gestalten sich Seims Texte als verspielt mit einigen Gewichten, und das gilt auch bei den Gedichten.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"171\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Rene-Seim-Bunte-Hunde-wilde-Voegel.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3641\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Bunte Hunde, wilde V\u00f6gel (\u00fcberarbeitete Ausgabe 2019\/Erstausgabe 2012)<\/strong><br><br>Bei Seims Lyrik kommt noch der Reim hinzu. Manche seiner Gedichte machen dabei den Eindruck, als folge der inhaltliche Fortgang dem sich aufzwingenden Endreim. Daher kann man, jedenfalls als der Poesie nicht Kundiger, die Gedankeng\u00e4nge des Poeten nicht immer nachvollziehen und f\u00fchlt sich dann etwas orientierungslos. Sollte dies in der Lyrik indes \u00fcblich sein, best\u00e4tigt es den Eindruck des an Erfahrung diesbez\u00fcglich armen Rezensenten, mit dieser Gattung nicht warmwerden zu k\u00f6nnen. Bis man auf Passagen wie jene in \u201eWolf\u201c st\u00f6\u00dft, die den Lesenden mit ihren sprachlichen Bildern schier umhauen: \u201eHinter ein paar dunklen B\u00e4umen \/ kauert eine morsche Mondscheinbar. \/ Vier schwere M\u00e4nner spielen Blues \/ mit b\u00f6sen Kr\u00e4hen tief im Haar.\u201c Leider bleibt es so nicht durchgehend, aber immer mal wieder, so dass es \u2013 wie in Seims Prosa \u2013 fortw\u00e4hrend zu beachtlichen sprachlichen \u00dcberraschungen kommt, auf die man bei der Lekt\u00fcre begierlich hinfiebert.<br><br>Auch in den Gedichten portr\u00e4tiert Seim eine diffuse Sicht auf Sexualit\u00e4t und Partnerschaft; als f\u00fchle sich der Ich-Erz\u00e4hler von Frauen ignoriert, h\u00e4tte unerf\u00fcllte Sehns\u00fcchte, als einzige Erfahrung Zur\u00fcckweisung erhalten oder von au\u00dfen \u00fcberh\u00f6hte Ideen von Beziehungs- oder Kontaktanbahnung. Es scheint an mancher Stelle, als fordere der Erz\u00e4hler trotzig etwas ein, das ihm zust\u00fcnde, ohne selbst etwas dazu beitragen zu wollen; eine Konstellation mithin, die nicht eben auf Gleichstellung basiert und offenbar gesellschaftlich als so normal gelebt wird, dass ein unbedarfter Herangehender sie deshalb auch f\u00fcr sich reklamiert, aus seiner Erfolglosigkeit jedoch nicht ableitet, den Kurs zu \u00e4ndern. Man m\u00f6chte dem Ich hier einige Male zurufen: So wird das nix! Dabei scheint es Seim grunds\u00e4tzlich gut mit den potentiellen und tats\u00e4chlichen Paaren zu meinen: In \u201eBumse Bum-Bum\u201c hat eine Frau zahlreiche Liebhaber und scheitert an einem, der von ihr etwas anderes will als nur den Sex, was sie allm\u00e4hlich wachr\u00fcttelt und ihre Werte \u00fcberdenken l\u00e4sst. Damit wirft der Autor kritische Blicke auf beide Geschlechter, denn schlie\u00dflich sind M\u00e4nner, die den Menschen in der Frau sehen, und nicht das Objekt, in diesem Text ja die Ausnahme.<br><br>Dieses Buch bildete f\u00fcr Seim 2012 \u00fcbrigens den Anlass, seinen Windlustverlag zu gr\u00fcnden. Dieser Ausgabe sind minimalistische Zeichnungen hinzugef\u00fcgt.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"157\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Rene-Seim-Spielereien-einer-vielschroetigen-Floete.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3642\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Spielereien einer vielschr\u00f6tigen Fl\u00f6te (vierte Auflage 2018\/Erstauflage 2016)<\/strong><br><br>Au\u00dferdem dr\u00fcckt Seim in einigen Gedichten seine politische Haltung aus, und die ist, wenn auch sp\u00e4rlich, so doch klar gegen Krieg, gegen Diktatur und auch gegen Kapitalismus (f\u00fcr einen Verleger sicherlich ein Spagat); das reicht ja auch als Wink, das politische Gedicht ist nicht Seims Intention, da ist er ja zu nichts verpflichtet, und doch ist es sch\u00f6n, als Leser davon Kenntnis zu haben. Das Politische findet eher in diesem Gedichtband Niederschlag, die \u201eBunten Hunde\u201c sind t\u00e4nzerischer, die \u201eFl\u00f6te\u201c ist indes verspielter; eine latente Ernsthaftigkeit durchweht all seine B\u00fccher. Zudem ist dieses Buch mit ganzseitigen Farbfotografien gespickt, die das interpretatorisch Freie seiner Gedichte \u00fcbernehmen.<br><br>Nicht immer ist man allerdings in der Lage, dem Lyriker zu folgen, sein Mitteilungsdrang scheint gro\u00df zu sein. Das \u00e4u\u00dfert sich auch darin, dass er nicht nur eine schier un\u00fcberblickbare F\u00fclle an B\u00fcchern mit seinen Gedichten herausbringt, sondern diese auch fortw\u00e4hrend von Auflage zu Auflage \u00fcberarbeitet. Bisweilen versetzt er seine Texte mit Bildern, fotografierten wie gezeichneten, und unterstreicht damit seine Vielseitigkeit.<br><br>Einige seiner B\u00fccher bringt Seim, je nach Auflage, auch mal im praktischen Hosentaschenformat heraus, und so eignen sie sich f\u00fcr den schnellen Verzehr zwischendurch, in \u00d6ffis, in der Kneipe, bevor die Verabredung eintrifft, vor dem Schlafengehen. Unterhaltsam sind sie alle, auch wenn man es mit der Lyrik nicht so hat, und sie vermitteln den Eindruck, als k\u00f6nne der Autor selbst sehr gern derjenige sein, auf den man in der Kneipe wartet. Dresden bietet da ja einiges an attraktiven Verbringungsorten an. Und man ahnt, dass die Texte Seims auf B\u00fchnen von ihm vorgetragen am besten funktionieren.<br><br>Und fragt sich mit ihm: \u201eWas, wenn das Leben gar kein Witz ist?\u201c<br><br><a href=\"http:\/\/www.headlust.de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.headlust.de<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (17.12.2020) F\u00fcr den Rezensenten ist es ein schwieriges Terrain: Lyrik, Gedichte, Poesie, da fehlt ihm im allgemein und grunds\u00e4tzlich der Zugang. Nun bildet dies jedoch den Schwerpunkt im Schaffen des Dresdener Autoren und Verlegers Ren\u00e9 Seim. 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