{"id":3588,"date":"2020-11-12T19:40:41","date_gmt":"2020-11-12T18:40:41","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=3588"},"modified":"2020-11-12T19:40:41","modified_gmt":"2020-11-12T18:40:41","slug":"goethes-erben-fluechtige-kuesse-dryland-records-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/goethes-erben-fluechtige-kuesse-dryland-records-2020\/","title":{"rendered":"Goethes Erben \u2013 Fl\u00fcchtige K\u00fcsse \u2013 Dryland Records 2020"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Goethes-Erben-Fluechtige-Kuesse.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3589\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (12.10.2020)<br><br>Wer alles von Goethes Erben hat, h\u00e4lt einen sehr variablen musikalischen Schatz in den H\u00e4nden: Zwei Jahre nach dem eher bandorientierten Album \u201eAm Abgrund\u201c \u00fcberrascht Oswald Henke, einzig konstanter Kopf der Erben, mit der klassisch instrumentierten Live-Doppel-LP \u201eFl\u00fcchtige K\u00fcsse\u201c mit ausschlie\u00dflich neuen St\u00fccken. Henkes Lyrik \u2013 der Bandname kommt schlie\u00dflich nicht von Ungef\u00e4hr \u2013 ist darauf ausschlie\u00dflich von Fl\u00fcgel und Cello begleitet. Seine Mitmusiker w\u00e4hlte der Dichter mit bedacht: Man h\u00e4tte nicht gedacht, dass derartig reduziert gestaltete Musik so volumin\u00f6s und dicht klingt. Und: Der ansonsten f\u00fcr sein rezitatives Sprechen gefeierte Henke singt! Gelegentlich.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Pianist Sebastian Boettcher l\u00e4sst keine Leerstellen. So, wie er in die Tasten h\u00e4mmert und dabei den Fu\u00df vom Bremspedal nimmt, kommt im Verlauf der einst\u00fcndigen Platte niemals der Gedanke auf, eine komplette Band h\u00e4tte die St\u00fccke vielleicht besser begleitet; selbst in den vielen stilleren und getrageneren Momenten entsteht keine Leere. Zumal der Mann am Fl\u00fcgel auch gar nicht allein ist, schlie\u00dflich f\u00fcgt Letzte-Instanz-Cellist Benni \u201eCellini\u201c Gerlach per Handstreich Atmosph\u00e4ren hinzu, die den Sound nur umso mehr verdichten, aber niemals \u00fcberfrachten. Die beiden Musiker lassen nichts vermissen, und trotzdem immer hinreichend Raum f\u00fcr Henkes Stimme.<br><br>Und seine Inhalte: Henke war schon immer Antifaschist, Soziologe, Psychologe und Romantiker, und was er heute, anders als vor 30 Jahren, als er mit Goethes Erben startete, hingegen nicht mehr transportiert, ist lediglich die Todessehnsucht, die dem Genre, das er seinerzeit mit Das Ich etablierte, nicht umsonst den Namen Neue Deutsche Todeskunst verlieh. Ebenfalls schon immer war Henke ein Theaterperformer, nicht einfach nur ein Bandboss oder Leads\u00e4nger (das sowieso nicht), wenngleich er seine F\u00e4higkeit zum Gesang auf diesem Album einige kleine male tats\u00e4chlich zum Ausdruck bringt, was nicht nur ihm sehr gut steht, sondern auch den Songs, die auch ohne catchy Melodien \u00fcberraschend eing\u00e4ngig sind, mit aber nur noch mehr. Das muss man sich mal ausdenken: Henke gelingt auf \u201eFl\u00fcchtige K\u00fcsse\u201c eine Theaterperformance bei einem Kammerkonzert. So geht das.<br><br>Ist das nicht gruftig? Ja, das ist nicht gruftig: In der Tat ist es bedauerlich, dass ein Projekt wie Goethes Erben au\u00dferhalb der Dunkel-und-d\u00fcster-Szene offenbar kaum Resonanz erf\u00e4hrt, denn eigentlich ist Henkes Output f\u00fcr die Schwarzkittel \u00fcberwiegend viel zu anspruchsvoll. Nat\u00fcrlich starteten die Erben im Dark-Wave-Kontext, doch wagte Henke schon recht bald musikalische Spr\u00fcnge in unerwartete Richtungen, denen der handels\u00fcbliche Grufti nicht zu folgen bereit war. Henke fordert zum Denken heraus und eher selten zum Drei-Schritte-vor-und-zwei-Zur\u00fcck der Gothic-Clubs. Wer trotzdem drangeblieben ist und Henkes diversen Aliassen und Inkarnationen goutierte, f\u00fchlte sich auch stets daf\u00fcr belohnt. Und so ist es auch mit \u201eFl\u00fcchtige K\u00fcsse\u201c.<br><br>Interessant ist, wie sich die Wahrnehmung von Goethes Erben ver\u00e4ndert, wenn man Henke auch nur einmal live erleben durfte. War zuvor der Anschein eines im Wortsinne todernsten Dramatikers entstanden, offenbart der K\u00fcnstler auf der B\u00fchne einen unerwarteten Humor. Mit diesem Aspekt im Hinterkopf lesen sich seine Texte dann etwas anders, und auch rezipiert man seine Musik mit einem mitgedachten Augenzwinkern. Was nichts an Henkes Seriosit\u00e4t \u00e4ndert, ihn aber in der Wahrnehmung etwas auf den Boden holt und was sogar die Freude an seinen Platten erh\u00f6ht. Gottlob: So dramatisch ist es nun doch nicht mit ihm, auch wenn in seinen Themen \u2013 darunter hier etwa Verzweiflung, \u00fcber Leichen gehende Machtmenschen, gebrochene Herzen \u2013 eine erhebliche Ernsthaftigkeit liegt.<br><br>Schnellbesteller hatten die Chance, das Doppel-Vinyl in Gold zu erhalten, allen anderen steht es immerhin in Schwarz zur Verf\u00fcgung. Oder als CD, nicht aber als Stream oder Download: Goethes Erben gibt es nicht digital, betont Henke immer wieder, nachdem er zu Beginn der mp3-Tauschb\u00f6rsen ersch\u00fctternde Erfahrungen mit ignoranten Fans machte. Immerhin, nie wieder \u00fcberhaupt Tontr\u00e4ger zu ver\u00f6ffentlichen wie er damals ank\u00fcndigte, hielt er dann doch nicht durch, und das ist gut so.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (12.10.2020) Wer alles von Goethes Erben hat, h\u00e4lt einen sehr variablen musikalischen Schatz in den H\u00e4nden: Zwei Jahre nach dem eher bandorientierten Album \u201eAm Abgrund\u201c \u00fcberrascht Oswald Henke, einzig konstanter Kopf der Erben, mit der klassisch instrumentierten &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/goethes-erben-fluechtige-kuesse-dryland-records-2020\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,16],"tags":[],"class_list":["post-3588","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-album","category-vinyl"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3588","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3588"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3588\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3590,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3588\/revisions\/3590"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3588"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3588"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3588"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}