{"id":3560,"date":"2020-10-15T21:15:22","date_gmt":"2020-10-15T19:15:22","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=3560"},"modified":"2020-10-15T21:15:22","modified_gmt":"2020-10-15T19:15:22","slug":"matthias-hufnagl-interim-gineitel-lichtorgeln-windlust-verlag-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/matthias-hufnagl-interim-gineitel-lichtorgeln-windlust-verlag-2020\/","title":{"rendered":"Matthias Hufnagl \u2013 Interim. Gineitel Lichtorgeln \u2013 Windlust-Verlag 2020"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"171\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Matthias-Hufnagl-Interim.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3561\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (15.10.2020)<br><br>O Lyrik, du ungn\u00e4dige Literaturgattung! Wer nicht sowieso einen Zugang zu dir hat, tut sich auch mit dem Gedichtband \u201eInterim. Gineitel Lichtorgeln\u201c von Matthias Hufnagl schwer. Zun\u00e4chst zumindest: Man muss sich reinknien, muss es wirken lassen, sich den Bildern hingeben, den sprachlichen wie den tats\u00e4chlichen, die der Berliner DJ, Dichter und Hobbyfotograf mit Wurzeln in Dresden seinen minimalistischen Betrachtungen zur Seite stellt. Dann bekommt man einen Eindruck von Nachtleben, Fernweh, Wehmut und dem Gef\u00fchl daf\u00fcr, wie schwer ein Leben ist, indem man seine Position noch nicht gefunden hat. Und davon, wie die Texte im Livevortrag wohl wirken m\u00f6gen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Karg und minimal sind die Gedichte, ohne Reim zumeist, Schlagworte, Betrachtungen, Gef\u00fchle, R\u00e4ume, Umst\u00e4nde; mit wenigen Anschl\u00e4gen ausgearbeitete Zustandsbeschreibungen. Wiederkehrende Motive sind Reisen, Sex in Hotels und eine Art Selbsterhebung: Immer wieder zieht Hufnagl den Vergleich zwischen seinem Nachtleben und dem Tagleben des Rests der Gesellschaft heran, stets mit dem herablassend wirkenden Vorwurf verbunden, die Nacht des Erz\u00e4hlenden sei besser als der Tag des Lesenden, desjenigen, den er am morgen nach der alkoholschwangeren Feierei auf dem Heimweg trifft, ameisengleich zur Lohnarbeit hetzend.<br><br>Und doch versehen mit einer Art Blues, das Ende der Nacht betrauernd, wom\u00f6glich das unabwendbare Ende eines solchen Lebensstils, von Sex, Drugs und Rock\u2018n\u2018Roll, der Blues davon, dass das Nichtloslassenk\u00f6nnen zusehends mehr Kraft erfordert, mehr Aufwand bedeutet, und man deshalb umso eindringlicher den Unterschied zum genormten Alltag hervorzuheben hat. Den reinen Globetrotter- und Berlinhedonismus etwa transportiert das Buch nur oberfl\u00e4chlich, und es wirkt nicht so, als sei es nur dies: oberfl\u00e4chlich. Es steckt eine Wehmut in den Zeilen, eine Sehnsucht, wom\u00f6glich danach, dieses bejubelte Leben wiederhaben zu wollen, weil die Partyzeit eben doch schon l\u00e4ngst einer Pflicht gewichen ist, man dies aber weder sich noch dem Zuh\u00f6renden eingestehen will.<br><br>Dann muss es eben das Bild vom Gin sein, vom Whisky, das vom von Zweisamkeit zerknitterten Laken im Hotelzimmer irgendwo auf Reisen, von der Mucke, und dann dringt doch die Verg\u00e4nglichkeit ins Bewusstsein, vergleichbar mit dem Zucker im Mokka, dann stellt man sogar fest, dass man einmal Luft holen m\u00f6chte, eine Pause braucht, dass so ein Blinddarmdurchbruch die eigene Sterblichkeit ins Blickfeld r\u00fcckt, und dann reflektiert man sich doch mal selbst, kommt zu unbequemen Schl\u00fcssen und hat die Gr\u00f6\u00dfe, sich mit ihnen anzufreunden, R\u00fcckgrat zu zeigen. Auch in Bezug auf gesellschaftliche und politische Themen; Hufnagl gibt in diesem Band auch dem Kapitalismus eine Schelle und verurteilt die Europ\u00e4ische Fl\u00fcchtlingspolitik.<br><br>Das alles geschieht zumeist in nur wenigen Worten, kein Gedicht \u00fcberschreitet die Buchseiten, und die sind klein, unter Din-A6, in alter Rechtschreibung gehalten, die See bei Hufnagl ist beispielsweise rauh, und zudem in beatpoetischem Courier abgedruckt, als s\u00e4\u00dfe der trinkfreudige Dichter an einer Schreibmaschine, nicht an einem Textverarbeitungsprogramm. Dabei geh\u00f6rt der Dichter auf die B\u00fchne, man muss sich beim Lesen Zeit lassen, alles sacken lassen, alles wirken lassen, sich imaginieren, eine Stimme tr\u00fcge die Worte vor; dann bekommen viele der Texte einen Rhythmus, nicht nur durch den Reim, den Hufnagl in \u201eWunderbare Jahre\u201c zun\u00e4chst heranzieht und dann aufbricht, dann kann man sich \u201eGef\u00fchliger Paarreim\u201c auch als Rap vorstellen, obwohl der Autor eher den Rock\u2018n\u2018Roll verstr\u00f6mt. Und man fragt sich, wie er Wortkreationen wie (w)ortlos, nost(r)algie, (un)vernunft oder verl(i)eben wohl sprechen w\u00fcrde. Nicht zuletzt steckt auch Humor in den Gedichten, Wortspiele, etwa zum Themenfeld Baader-Meinhof oder in der ungeduschten U-Bahn, f\u00fcr die es am Ende kein Halten mehr gibt \u2013 ein sch\u00f6nes Bild. Und Bilder gibt es ja auch zuhauf, neben jedem Gedicht ein sinnhaft ausgew\u00e4hltes, den Inhalt erg\u00e4nzendes. Da ergibt sich eine Ganzheitlichkeit im Wirken des Autoren. Und doch noch ein Zugang zu dieser Lyrik.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (15.10.2020) O Lyrik, du ungn\u00e4dige Literaturgattung! Wer nicht sowieso einen Zugang zu dir hat, tut sich auch mit dem Gedichtband \u201eInterim. Gineitel Lichtorgeln\u201c von Matthias Hufnagl schwer. Zun\u00e4chst zumindest: Man muss sich reinknien, muss es wirken lassen, &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/matthias-hufnagl-interim-gineitel-lichtorgeln-windlust-verlag-2020\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-3560","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buch"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3560","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3560"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3560\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3562,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3560\/revisions\/3562"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3560"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3560"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3560"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}