{"id":3533,"date":"2020-09-24T21:39:45","date_gmt":"2020-09-24T19:39:45","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=3533"},"modified":"2020-09-24T21:54:16","modified_gmt":"2020-09-24T19:54:16","slug":"christopher-tauber-hanna-wenzel-rocky-beach-eine-interpretation-kosmos-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/christopher-tauber-hanna-wenzel-rocky-beach-eine-interpretation-kosmos-2020\/","title":{"rendered":"Christopher Tauber\/Hanna Wenzel \u2013 Rocky Beach: Eine Interpretation \u2013 Kosmos 2020"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"111\" height=\"147\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Tauber-Wenzel-Rocky-Beach.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3534\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (24.09.2020)<br><br>Wie s\u00e4he es aus, wenn die Drei Fragezeichen so erwachsen w\u00e4ren, wie sie in den H\u00f6rspielen l\u00e4ngst klingen? Machen sie unendlich so weiter und merken gar nicht, dass sie altern, oder finden sie sich beispielsweise nach einer verheerenden Erfahrung mit t\u00f6dlichem Ausgang entzweit und auf die d\u00fcstere Realit\u00e4t von Mittvierzigern in der Krise zur\u00fcckgeworfen? So jedenfalls stellt es sich Christopher Tauber vor und l\u00e4sst diese Vision, seine \u201eInterpretation\u201c von \u201eRocky Beach\u201c, von Hanna Wenzel atmosph\u00e4risch passend als schwarzwei\u00dfe Graphic Novel umsetzen. In weiten Strecken gelungen, mit Abstrichen, und auch ohne Vorkenntnisse gut lesbar. Wie kl\u00e4nge wohl ein H\u00f6rspiel davon?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Geh\u00f6rt eine Graphic Novel, die sich mit einer m\u00f6glichen Zukunft etablierter Serienhelden auseinandersetzt, nicht eigentlich in die Fan Fiction? Im uralten Universum der Drei Fragezeichen erarbeitete sich Autor Christopher Tauber bislang jedenfalls erst einen Eintrag, und zwar mit der nunmehr zweitj\u00fcngsten Graphic Novel \u201eDas Ritual der Schlangen\u201c. Ihm jetzt also eine Vision der erwachsenen Juniordetektive zuzugestehen, wirkt etwas beliebig. Und so ist das Ergebnis eben auch nur eine von unendlich vielen m\u00f6glichen Zuk\u00fcnften des Trios, und, das muss man Tauber zugutehalten: eine bemerkenswerte. Und einen Absolutheitsanspruch hat Tauber gar nicht, das schl\u00e4gt sich bereits im Titel nieder: \u201eEine Interpretation\u201c, nur eine und nicht mehr als eben das. F\u00fcr die Umsetzung seiner Vision verpflichtete Tauber die Graphikerin Hanna Wenzel, die inhaltlich passend einen Noir-Stil mit dunkler Stimmung kreiert, so erwachsen wie das Thema und so schwarzwei\u00df wie die Welt, die sich Justus, Peter und Bob hier pr\u00e4sentiert.<br><br>Ein dunkelh\u00e4utiger politischer Aktivist verschwindet, ein Verlierertyp mit sekund\u00e4rem Familienanhang l\u00e4sst sich angetrieben von falschen Freunden auf einen Versicherungsbetrug ein: Mit Handlungsstr\u00e4ngen, die nicht zuvorderst mit den Drei Fragezeichen zu tun haben, beginnt diese Geschichte. Dann ist Peter gefragt, der als Versicherungsdetektiv von Phoenix, Arizona, aus den Auftrag bekommt, den Fall mit einem hochversichert verbrannten Schuppen zu \u00fcbernehmen. Dabei kreuzt er im Polizeirevier den Weg des erfolgreichen, aber gefrusteten Hollywood-Drehbuchautoren Bob, den Streifenpolizisten betrunken im Auto schlafend aufgegriffen hatten. Sie beschlie\u00dfen, Justus in seinem Krimibuchladen einen Besuch abzustatten, und erwirken so das erste Treffen der Drei Fragezeichen seit \u00fcber 25 Jahren.<br><br>Viel hat sich ge\u00e4ndert: Die \u201emiesen Bullen\u201c in Rocky Beach sind korrupt und agieren willk\u00fcrlich, der Schrottplatz ist nun das Hauptquartier von Drogendealern, Titus ist alt und Mathilda offenbar verstorben, einen Inspektor Cotta, einen Morton und einen Blacky gibt es nicht mehr, Jeffrey betreibt eine Kneipe, alle drei Protagonisten neigen zum Saufen, Justus nimmt sogar undefinierte Drogen, Bob hat Sex mit seiner Frau, Peter ein distanziertes Verh\u00e4ltnis zu seiner Kelly. Nach und nach erinnern sich die drei, was sie einst nach Hunderten von gemeinsam gel\u00f6sten F\u00e4llen auseinanderbrachte: Das Mitansehenm\u00fcssen des Mordes an einem Kumpel von Skinny Norris. Der Tod h\u00e4lt nun auch in dieser Geschichte Einzug, als sich die drei mit Peters zugegebenerma\u00dfen nicht besonders \u00fcberraschenden oder komplexen Fall befassen und nicht nur Leichen finden, sondern auch bei einer t\u00f6dlichen Schie\u00dferei anwesend sind. Die Drei Fragezeichen tragen zwar schwer an ihren jeweiligen Leben, sind aber trotz allem wieder ein schlagkr\u00e4ftiges Ermittlerteam. Das Gute gewinnt hier aber nicht mehr wie fr\u00fcher, zumindest nicht umfassend \u2013 Tauber l\u00e4sst L\u00fccken und die Hinterm\u00e4nner davonkommen. Und Raum f\u00fcr potentielle Fortsetzungen, was aber nicht n\u00f6tig w\u00e4re; interessanter n\u00e4hme sich da eine \u201eDreiTag\u201c-Variante aus, mit alternativen Szenarien von anderen Autoren.<br><br>Denn Tauber nimmt sich zwar viele schl\u00fcssige, aber doch einige befremdliche Freiheiten heraus. Im Grunde verdreht er die Biographien der Drei Fragezeichen: Der sportliche Peter ist Detektiv, nicht etwa Surflehrer oder wie sein Vater in Hollywood erfolgreich. Das wiederum ist Rechercheur Bob, und nicht etwa wie sein Vater Journalist oder etwa Bibliothekar oder Buchh\u00e4ndler. Das wiederum ist der deduktiv \u00fcberbegabte Justus, und nicht etwa Detektiv bei einer Versicherung. \u00dcberdies spricht Justus hier leider nicht mehr so ausufernd wohlformuliert, wie man es von ihm gewohnt ist, das will so gar nicht passen und erzeugt die Mutma\u00dfung, Tauber selbst sei dazu gar nicht in der Lage (auch wenn die Rechtschreibung und Zeichensetzung in den Sprechblasen korrekt sind, \u00fcberraschend genug heutzutage; eine fehlende Zeile hat das Lektorat dennoch \u00fcbersehen). Erzfeind Skinny Norris macht Tauber hier zum \u201eStadtrat\u201c; eine merkw\u00fcrdige Bezeichnung, da es sich bei einem solchen eigentlich um ein Gremium handelt, nicht um eine einzelne Person. Den Alkoholkonsum wiederum nimmt man den Figuren ab, die Midlifecrisis ebenfalls: Es sind halt Menschen, und Schw\u00e4chen hatten die drei ja schon immer, nur andere. Der \u201eSchisser\u201c etwa findet auch hier Erw\u00e4hnung.<br><br>Ansonsten erwecken Tauber und Wenzel ein \u00fcberraschendes US-Gef\u00fchl, wie es die B\u00fccher und H\u00f6rspiele seit dem Wechsel der Autorenschaft von den USA nach \u00d6sterreich und Deutschland nicht mehr hinbekamen: Man w\u00e4hnt sich in Kalifornien, es sieht so aus, wie man es mindestens aus Serien und Filmen kennt. Die d\u00fcstere Stimmung der Bilder tr\u00e4gt die d\u00fcsteren Inhalte ebenfalls mit, die Thriller-Optik beherrscht sie \u00fcberzeugend, und doch \u00fcberzeugt Wenzels Arbeit nicht in allen Punkten: Manche Zeichnungen wirken amateurhaft, wie Skizzen, wie Kindermalerei, ungenau, missverst\u00e4ndlich; trotzdem lassen sie in Summe ein \u00fcberzeugendes Bild entstehen. Und was unklar bleibt, ist gottlob nicht handlungsrelevant. Au\u00dfer bei den vielen nicht zugeordneten Sprechblasen; das zieht sich durch die gesamte Geschichte und erschlie\u00dft sich erst beim zweiten Lesen.<br><br>Dazu gibt Wenzel den Drei Fragezeichen ein Bild, das von dem abweicht, das man als Lesender, H\u00f6render oder Sehender Fan selbst hat. Darauf muss man sich einlassen, klar, und das funktioniert auch recht gut. Die gesamte Graphic Novel hat au\u00dferdem etwas Filmisches, und dazu passt auch, dass die drei bereits wie bekannte Schauspieler angelegt sind; zu Justus f\u00e4llt einem zuerst Bud Spencer ein, Peter sieht aus wie Ben Stiller und f\u00fcr Bob gibt es sicherlich ebenfalls eine Analogie. Auch zu der Ausgangslage, dass sich Jugendfreunde nach Jahrzehnten wiedersehen und sich alten und neuen Monstern stellen m\u00fcssen: Das erinnert an \u201eEs\u201c von Stephen King.<br><br>Dabei l\u00e4sst Tauber diesem alten Monster, n\u00e4mlich den mitverfolgten Mord an einem Kumpel, genug Spielraum, um inhaltlich vage, aber emotional klar zu bleiben und als Menetekel \u00fcber den dreien zu schweben. Erz\u00e4hlerisch wagt er ohnehin Auslassungen, die der Geschichte guttun und die das eigene Denken bef\u00f6rdern. Zweimal Lesen hilft auf jeden Fall beim Verst\u00e4ndnis und lohnt sich sowieso. Trotz Schw\u00e4chen wie der, dass die Junkies auf dem Schrottplatz jahrelang die Zentrale nicht entdecken, aber nach einem verd\u00e4chtigen Ger\u00e4usch sofort einen Zugang dazu finden.<br><br>Tauber und Wenzel g\u00f6nnen sich den Scherz, vorherige Graphic Novels in den Panels unterzubringen, gleich zweimal: Justus hat \u201eDas Ritual der Schlangen\u201c und \u201eDas Dorf der Teufel\u201c in seinem Laden vorr\u00e4tig. \u00dcberdies ist inzwischen angek\u00fcndigt, dass letzteres Buch demn\u00e4chst in Planetarien als H\u00f6rspiel zum Einsatz kommt; davon kann man sich einiges versprechen, war doch die Umsetzung des ersten Comics \u201eDer drei\u00e4ugige Totenkopf\u201c bereits eines der beste H\u00f6rspiele seit um die 100 Folgen. Und: Spannend w\u00e4re es, die drei H\u00f6rspielsprecher in ihren altersm\u00e4\u00dfig viel besser passenden Erwachsenenrollen aus dieser Graphic Novel zu h\u00f6ren zu bekommen. Hard Boiled und Noir, da d\u00fcrfen sie endlich mal wieder schauspielern und nicht nur sich selbst performen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (24.09.2020) Wie s\u00e4he es aus, wenn die Drei Fragezeichen so erwachsen w\u00e4ren, wie sie in den H\u00f6rspielen l\u00e4ngst klingen? 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