{"id":3438,"date":"2020-06-04T21:11:20","date_gmt":"2020-06-04T19:11:20","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=3438"},"modified":"2020-06-04T21:11:20","modified_gmt":"2020-06-04T19:11:20","slug":"einstuerzende-neubauten-alles-in-allem-potomak-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/einstuerzende-neubauten-alles-in-allem-potomak-2020\/","title":{"rendered":"Einst\u00fcrzende Neubauten \u2013 Alles in Allem \u2013 Potomak 2020"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"112\" height=\"111\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Einst\u00fcrzende-Neubauten-Alles-in-Allem.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3439\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (04.06.2020)<br><br>Vom Schrottplatz in die Elbphilharmonie, aber wenn man \u201eAlles in Allem\u201c h\u00f6rt, stehen die Einst\u00fcrzenden Neubauten zu ihrem 40. Geburtstag eher dazwischen: Zwar ist silence sexy, aber L\u00e4rm auch, und beides zusammen ergibt eine blueslose Sch\u00f6nheit mit Poesie und Humor. Den Aspekt des Berlin-Albums sollte man dabei nicht \u00fcberbewerten, man darf auch ohne Hauptstadtbonus Gefallen daran finden. Das Ergebnis der vierten Supporter-Phase funktioniert in der \u00fcberteuren Deluxe-Version mit Bonus-Album am besten \u2013 und da tritt leider auch einiges an Kommerzknirschen der Neubauten zutage.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Noch am ehesten das, was man sich unter den Neubauten klanglich vorstellt, erf\u00fcllt der Opener \u201eTen Grand Goldie\u201c, der den perkussiven Schrottl\u00e4rm der Anfangszeit aufgreift, inklusive dem vertrauten kehligen Schrei von Blixa Bargeld, und das Berlin-Feierst\u00fcck latent tanzbar macht. Nicht ganz in der Form, wie es Gruftis von \u201eY\u00fc-Gung (F\u00fctter mein Ego)\u201c, \u201eFeurio\u201c oder \u201eHaus der L\u00fcge\u201c aus den Clubs gewohnt sind (und vermutlich mehr von der Band auch gar nicht kennen), aber nah dran. Dabei war der Schrottplatz zun\u00e4chst eine aus der Not geborene Option gewesen, mittellos als Band \u00fcberhaupt etwas Schlagzeugartiges auf die B\u00fchne schleppen zu k\u00f6nnen; daraus entstand schnell eine Identit\u00e4t, die den Sound auch nach 40 Jahren noch tr\u00e4gt.<br><br>Und das, obwohl die Neubauten im Grunde lediglich im ersten Viertel ihrer Existenz die Form von L\u00e4rm machten, die ihren Ruf begr\u00fcndete, und alsbald zusehends milder wurden, jedoch nicht kompromissbereiter, auch wenn Altfans ihnen das vorwerfen. Mild, oder: \u201eSilence Is Sexy\u201c, wie die Neubauten vor 20 Jahren ein Album nannten, wohl wissend, dass dieser Fakt bei ihnen schon l\u00e4ngst galt, etwa 1993 mit \u201eW\u00fcste\u201c oder 1996 mit \u201eStella Maris\u201c, das wiederum vielen als versuchte Antwort auf \u201eWhere The Wild Roses Grow\u201c galt, das Duett von Nick Cave und Kylie Minogue, an dem Bargeld als Gitarrist der Bad Seeds seinerzeit selbst beteiligt war. Und das auf \u201eAlles in Allem\u201c in Gestalt von \u201eSeven Screws\u201c mit seinen Streichern erneut anklingt.<br><br>Im Mittelteil von \u201eAlles in Allem\u201c nun schwenkt die Band in diese Stille ein, wird introvertiert, poetisch, reflektiert, kreist trotz \u00e4u\u00dferer Bilder um ein schwer greifbares Inneres und nutzt die schwere Ger\u00e4tschaft, um daraus sch\u00f6ne Musik zu erschaffen. Viele vertraute Samples treten dabei zutage, der alte Klingklang erklingt auch hier, selbst synthetisch wirkende Sounds sind generiert. Aus \u201eWedding\u201c wird dank dieser Sounds ein zwingendes Mantra, und die Neubauten w\u00e4ren nicht die Neubauten, durchbr\u00e4chen sie ihre vermeintliche Stille nicht bisweilen, etwa in \u201eZivilisatorisches Missgeschick\u201c, das mit einem dr\u00f6hnenden Bohrer den H\u00f6rer maltr\u00e4tiert. Diebisches Gel\u00e4chter von der Band muss man sich dazu selbst denken.<br><br>Dabei tritt der Anlass zum Lachen bei den Neubauten zuweilen recht offen zutage, Bargelds Texte tragen h\u00e4ufig einen unverhohlenen Humor inne, sich um Wortspiele drehend zumeist, wie etwa in der Zeile \u201eum Himmels Willen keinen Gott\u201c. Man denke exemplarisch auch an das \u201eGeschoss\u201c im besagten \u201eHaus der L\u00fcge\u201c oder die Assoziationen rund um das Themenfeld \u201eX\u201c auf dem ersten Supporter-Album. Da passt es nur gut, dass sich die Neubauten dieses Mal wie angeheiterte Ton Steine Scherben in den Zwanzigern im Walzertakt \u201eAm Landwehrkanal\u201c verlustieren (der Einsatz von TSS-Gitarrist R.P.S. Lanrue fiel leider der Schere zum Opfer). \u201eWir hatten tausend Ideen, und alle waren gut\u201c, behauptet der ohnehin schon immer nach Rio Reiser klingende Bargeld da, und man ist mehr als geneigt, ihm das zu glauben, dabei hat er, wie er sp\u00e4ter bemerkt, \u201edie gebrauchten Metaphern\u201c sogar bereits \u201eim Giftm\u00fcll entsorgt\u201c.<br><br>Das Schunkeln greifen die Neubauten sp\u00e4ter im \u201eGrazer Damm\u201c wieder auf, sto\u00dfen den intuitiv auf Fr\u00f6hlichkeit geeichten H\u00f6rer aber mit einem Text \u00fcber Suizid vor den Kopf. Da bilden Musik und Inhalt einen erschreckenden Kontrast, noch mehr sogar in der Version des St\u00fcckes auf der Bonus-CD, da ist es mit Streichern angereichert.<br><br>Diese Box indes stellt ein diskutierw\u00fcrdiges Element im Supporter-Konzept der Neubauten dar. Schon von Anfang an verlockte die Band ihre Unterst\u00fctzer mit Exklusivit\u00e4ten dazu, ihr Geld in die Entstehung neuer Musik zu investieren, und stellte dem Rest der Welt viele dieser Exklusivit\u00e4ten sp\u00e4ter ohnehin zur k\u00e4uflichen Verf\u00fcgung. \u201eGrundstueck\u201c und \u201eThe Jewels\u201c geh\u00f6ren dazu, und auf \u201eAlles in Allem\u201c ist es \u00e4hnlich: Die Unterst\u00fctzer erhielten vorab die vier Vinylsingles \u201eZivilisation\u201c, \u201eSchlaf\u201c, \u201eVerf\u00fchrung\u201c und \u201eGel\u00e4nde\u201c, deren Tracks sich sowohl auf dem Hauptalbum als auch auf der Bonus-CD teilweise wiederfinden. Gut f\u00fcr die Nichtsupporter, die f\u00fcr diese Box indes dennoch ordentlich zur Kasse gebeten werden, wenngleich der Erl\u00f6s sich sehen l\u00e4sst: zwei Schallplatten, zwei CDs, eine DVD mit Clips aus der Entstehung diverser St\u00fccke sowie ein erl\u00e4uterndes B\u00fcchlein bilden den Inhalt. Die jeweils identische zweite LP und CD sind exklusiv nur in der Box zu haben, was bedauerlich ist, weil die das Album schl\u00fcssig abrunden.<br><br>Zudem waren dieses Mal die Supporter-Bedingungen so undurchsichtig, dass sich der Rezensent erstmals nicht daran beteiligte. Auch bei den ersten drei Phasen gab es schon Anlass zum Unmut, nicht nur wegen der genannten doch nicht so exklusiven K\u00f6der: Mitten im Lauf stellte die Band pl\u00f6tzlich Bonusitems in Aussicht, f\u00fcr die es aber noch mehr zu zahlen galt. Beispielhaft sei hier die achtteilige \u201eMusterhaus\u201c-Reihe genannt, die dem Supporter 200 Euro abverlangte. Und die es tats\u00e4chlich ausnahmsweise noch nicht auf dem freien Markt gibt. Da geht noch was!<br><br>Die Neubauten fassen \u201eAlles in Allem\u201c \u00fcberdies als erstes Studioalbum seit \u201eAlles wieder offen\u201c aus dem Jahr 2007 auf und z\u00e4hlen ihr 2014er \u201eLament\u201c nicht mit, weil es sich dabei um ein Auftragsalbum handelte. F\u00fcr \u201eAlles in Allem\u201c ergab sich \u00fcberdies w\u00e4hrend seiner Entstehung ein Konzept, und zwar Berlin als grobes Grundthema; das ist nat\u00fcrlich sehr 1977, David Bowie legte seinerzeit mit einer nachtr\u00e4glich gedeuteten Berlin-Trilogie vor. Auch die Pet Shop Boys befassen sich auf ihrem j\u00fcngsten Album \u201eHotspot\u201c mit der Bundeshauptstadt; mit denen teilen sich die Neubauten zudem den Wortwitz um die englischsprachige Deutung des Stadtteilnamens Wedding. Berlin nun hat jedoch grunds\u00e4tzlich etwas Erzwungenes. In Deutschland scheint es die Idee zu geben, dass Kunst und Kultur nur dann von Relevanz sein k\u00f6nnen, wenn sie aus der Hauptstadt stammen oder sich wenigstens in Bezug dazu stellen (wie die Chemnitzer Kraftclub mit \u201eIch will nicht nach Berlin\u201c). Selbst f\u00fcr Musikpostillen scheint Deutschland ausschlie\u00dflich aus dem Berghain zu bestehen, da ist es umso sch\u00f6ner, dass die Neubauten ganz andere Aspekte hervorholen, unhedonistische, etwa den Mord an Rosa Luxemburg. \u201eTempelhof\u201c, \u00fcberdies, ist kein Cover vom Caspar Br\u00f6tzmann Massaker.<br><br>Man darf sich also von Berlin weder blenden noch abschrecken lassen: Musik, Texte, Vorgehensweise, Gesamtbild passen auf \u201eAlles in Allem\u201c schl\u00fcssig zusammen, und wenn man dann auch noch die etwas banalen Zweitonmelodien von Bargeld einfach wegsteckt, anstatt sich dar\u00fcber zu beklagen, hat man ein fabelhaftes, erwachsenes, schalkiges, ernstes St\u00fcck Kultur, gleichsam Sub- wie Hoch-.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (04.06.2020) Vom Schrottplatz in die Elbphilharmonie, aber wenn man \u201eAlles in Allem\u201c h\u00f6rt, stehen die Einst\u00fcrzenden Neubauten zu ihrem 40. 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