{"id":3212,"date":"2019-11-23T20:14:30","date_gmt":"2019-11-23T19:14:30","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=3212"},"modified":"2019-11-23T20:14:30","modified_gmt":"2019-11-23T19:14:30","slug":"giraffe-anna-sofie-hartmann-de-dk-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/giraffe-anna-sofie-hartmann-de-dk-2019\/","title":{"rendered":"Giraffe \u2013 Anna Sofie Hartmann \u2013 DE\/DK 2019"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"178\" height=\"100\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-660\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\nVon Matthias Bosenick (23.11.2019)<br><br>\nSo viel gewollt und am Ende doch nichts erreicht: Regisseurin Anna Sofie\nHartmann will von ihrer Heimat erz\u00e4hlen, der d\u00e4nischen Insel Lolland n\u00e4mlich,\nund was es dort mit den Menschen macht, dass der Tunnel nach Fehmarn nun endg\u00fcltig\nbeschlossen ist. Sie l\u00e4sst dabei zahlreiche Schicksale anklingen, f\u00fchrt aber\nnichts zu einem emotional ber\u00fchrenden oder auch nur narrativ \u00fcberzeugenden\nAusgang. Eine verschenkte Chance, die einem sogar leidtut, weil man die\ngrandiosen Ideen erkennt. Schade!<br><br><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dabei geht es\nso vielversprechend los: Dara interviewt ein altes Landwirtpaar, das wegen der\nneu zu bauenden Autobahn seinen Generationenhof aufgeben muss. Da flie\u00dfen\nTr\u00e4nen, und man versteht die Trauer. Anschlie\u00dfend schweift die Kamera \u00fcber herrliche\ns\u00fcdd\u00e4nische Landschaften und f\u00e4ngt die Anlegeprozedur der F\u00e4hre in R\u00f8dbyhavn\nein. F\u00fcr D\u00e4nemarkreisende herrliche, wehm\u00fctige Bilder. Dann verfolgt man Dara\nbei ihrem Tun \u2013 und r\u00e4kelt sich bald gelangweilt in seinem Kinositz.<br>\n<br>\nDiese Dara ist offenbar \u2013 man muss sich viele Informationen zusammenreimen \u2013\neine Arch\u00e4ologin, die im Auftrag von irgendeiner Beh\u00f6rde die Gegend entlang der\nneuen Autobahntrasse daraufhin untersucht, ob Wissenschaftler dort t\u00e4tig werden\nm\u00fcssen oder ob die Abrei\u00dfunternehmen einfach zuschlagen k\u00f6nnen. Sie begegnet\npolnischen Leiharbeitern, die Glasfaserkabel f\u00fcr die k\u00fcnftigen Arbeiterh\u00e4user\nam Tunnel legen sollen, bildtelefoniert mit ihrer Mutter in Schweden und ihrem\nFreund in Berlin, kategorisiert ihre Funde, h\u00f6rt sich von ihrer\nF\u00e4hrangestelltenfreundin Geschichten \u00fcber Reisende an und entdeckt ein\naufgegebenes Bauernhaus mit dem Tagebuch der einsamen Bibliothekarin Agnes, die\ndort \u00fcber 40 Jahre lang lebte. Sie begibt sich auf die Suche nach Menschen, die\ndiese Agnes gekannt haben mochten, und \u2013 hat Sex mit Lucek, dem polnischen\nBauarbeiter.<br>\n<br>\nDer Versuch, emotional nachvollziehbare Schicksale zu generieren, schl\u00e4gt bei\nHartmann leider komplett fehlt. Alles bleibt statisch, leer, reduziert, endet\nim Nichts. Es gibt Analogien zwischen ihrer Einsamkeit und Agnes, wenn man die\nentdecken will, und \u2013 so erl\u00e4uterte Hartmann beim Braunschweiger Filmfest \u2013\nzwischen der Giraffe, die tats\u00e4chlich in Lolland lebt, im Safaripark Knutheborg\nn\u00e4mlich, und den entwurzelten Menschen, die sie zeigt. Aber so leer wie deren\nLeben bleibt auch der Film. Das Grillfest der Polen hat noch etwas Dynamik,\naber sobald diese \u2013 kritisches Thema, \u00fcbrigens \u2013 von ihrem Auftraggeber\nabgezockt werden und trotz entgegengesetzter Tr\u00e4ume nach Polen zur\u00fcckkehren\nm\u00fcssen, entl\u00e4dt sich nicht etwa Wut, sondern gehen die Arbeiter einfach nach\nHause. Ende. So ziemlich jeder Handlungsstrang versandet, die sich als Dreiecksbeziehung\nherausstellende Sexgeschichte, die Artefaktsuche, die Gespr\u00e4che mit der\nFreundin auf der Fehmarnbeltf\u00e4hre: Nichts hat Substanz. Wenigstens das Meer ist\nsch\u00f6n.<br>\n<br>\nAllein mit der Vielsprachigkeit sind ideale Grundlagen f\u00fcr einen spannenden\nFilm gegeben. Man h\u00f6rt so viele Sprachen, Schwedisch, D\u00e4nisch, Polnisch,\nDeutsch, Englisch; dieser Tunnel ist ein europ\u00e4isches Thema. Es h\u00e4tte doch so\nviel zu erz\u00e4hlen gegeben. Von Menschen, die sich \u00fcber den Tunnel schneller\ntreffen k\u00f6nnen. Von der jetzt schon grassierenden Strukturschw\u00e4che rund um R\u00f8dby,\ndas aufgrund einer Kommunalreform wie viele randgelegene St\u00e4dtchen in D\u00e4nemark\nallm\u00e4hlich verrottet. Von denen, die dableiben m\u00fcssen, und was sie f\u00fcr\nErwartungen haben. Von Technikern, Planern, Politikern, Widerst\u00e4ndlern,\nH\u00e4ndlern, Vergn\u00fcgungsparkbetreibern, F\u00e4hrangestellten, Reisenden \u2013 einiges erscheint\ngelegentlich irgendwo im Hintergrund angeschnitten, bekommt aber keine\nPlattform. Stattdessen: Sex und Herzbruch.<br>\n<br>\nDer Film entstand \u00fcberwiegend mit Laiendarstellern, doch anders als etwa bei\nMike Leigh bringen die kein eigenes Temperament mit, sondern sprechen und\nbewegen sich statisch, wie auswendiggelernt. Und genau das sind die Dialoge\nauch, wie Hartmann verriet: ohne Improvisation. Da h\u00e4tte sie ihren Darstellern\nmehr Vertrauen und Freiraum geben d\u00fcrfen. Gelungen ist indes, dass dieser Film streckenweise\nwie eine Dokumentation wirkt, aber s\u00e4mtliche gezeigten Funde wie Fotos und\nTagebuch frei erfunden sind oder aus eigenem Haushalt der Regisseurin stammen.<br>\n<br>\nAls Produzentin gewann Hartmann \u00fcbrigens unter anderem Maren Ade, die\nseinerzeit mit ihrem Film \u201eToni Erdmann\u201c \u00fcberraschende Erfolge feierte. Dieser\nArt werden die von \u201eGiraffe\u201c leider nicht sein, daf\u00fcr hat der Film zu wenig\nSubstanz. Und doch ist er dazu in der Lage, im Nachhinein lange Diskussionen\nanzuregen. Nicht zwingend zu seinen Gunsten, aber \u00fcberhaupt. Und wird man die\nF\u00e4hre nicht eines Tages vermissen, auch wenn der Trip nach Kopenhagen dann eine\nStunde weniger dauert?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (23.11.2019) So viel gewollt und am Ende doch nichts erreicht: Regisseurin Anna Sofie Hartmann will von ihrer Heimat erz\u00e4hlen, der d\u00e4nischen Insel Lolland n\u00e4mlich, und was es dort mit den Menschen macht, dass der Tunnel nach Fehmarn &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/giraffe-anna-sofie-hartmann-de-dk-2019\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-3212","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kino"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3212","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3212"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3212\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3213,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3212\/revisions\/3213"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3212"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3212"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3212"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}