{"id":3209,"date":"2019-11-21T20:30:32","date_gmt":"2019-11-21T19:30:32","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=3209"},"modified":"2019-11-21T20:30:32","modified_gmt":"2019-11-21T19:30:32","slug":"pj-harvey-a-dog-called-money-seamus-murphy-irl-gb-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/pj-harvey-a-dog-called-money-seamus-murphy-irl-gb-2019\/","title":{"rendered":"PJ Harvey: A Dog Called Money \u2013 Seamus Murphy \u2013 IRL\/GB 2019"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"178\" height=\"100\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Kino-Film1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-667\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>\nVon Matthias Bosenick (21.11.2019)<br>\n<br>\nWir sehen der\nenglischen Musikerin Polly Jean Harvey dabei zu, wie sie in den\nElends- und Krisengebieten dieser Welt (Afghanistan, Kosovo, USA)\nInspiration f\u00fcr ihr 2016er-Album \u201eThe Hope Six Demolition Project\u201d\nfindet und diese vor Publikum in Musik umsetzt. Da die Dokumentation\nihres irischen Freundes Seamus Murphy ohne tiefergehende\nInformationen auskommt, ist man darauf angewiesen, lediglich die\nBilder und die T\u00f6ne wirken zu lassen. F\u00fcr alles andere muss man\nseinen Plattenschrank oder das Internet bem\u00fchen. Der Film ist\nansprechend fotografiert, die bluesbasierte Indie-Musik ist\nunantastbar, lediglich die fehlenden Zusammenh\u00e4nge sorgen f\u00fcr etwas\nStirnrunzeln. Der Film lief in Braunschweig im Rahmen der\nSound-On-Screen-Reihe des 33. Internationalen Filmfests.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>PJ Harvey\nschlendert durch zerr\u00fcttete Stra\u00dfen von Kabul, als unverschleierte\nFrau ohne St\u00f6ckelschuhe, wie sie feststellt, und macht 2015 daraus\nin einem eigens hergerichteten Studio im Somerset House in London\neinen Song. Dieses Studio ist so aufgebaut, dass s\u00e4mtliche Musiker\nin einem Glaskasten sitzen, aus dem zwar niemand herausschauen kann,\nin den aber ein unbestimmtes Publikum hineinblickt und die Aufnahmen\nstill mitverfolgt. Warum Harvey diese Konstellation w\u00e4hlte, bleibt\nihr Geheimnis. Warum sie diese Reisen unternahm, ebenfalls. Denn\nKabul ist nicht der einzige Ort, an dem sich die Musikerin\ninspirieren l\u00e4sst: Sie ist au\u00dferdem im Kosovo und in Washington\nD.C. unterwegs. R\u00e4tselhafter- und irritierenderweise schneidet\nRegisseur Murphy eigene \u2013 bewegende, ersch\u00fctternde, kunstvolle \u2013\nAufnahmen aus anderen Problemgegenden dazwischen, die Harvey gar\nnicht mit ihm besuchte.<br>\n<br>\nEs bleibt nicht das einzige R\u00e4tsel\ndieses Films. Auf diesen Reisen begegnet Harvey unabl\u00e4ssig Musik,\nGesang, Ger\u00e4usch: religi\u00f6se Zeremonien und traditionelle\nInstrumente in Kabul, sakrale Ges\u00e4nge im Kosovo, Kirchenmusik,\nGospel und Rap in Washington; immer wieder Religion also. Murphy\nzeigt jeweils die Reise und die Aufnahme des dazugeh\u00f6rigen Songs im\nWechsel, doch findet irritierenderweise kaum die Musik der\nReisesequenzen Einzug in die danach geh\u00f6rten Songs: Harvey\nverarbeitet ihre Eindr\u00fccke rein textlich, die Musik bezieht sich\nmeistens auf andere Quellen, Blues h\u00e4ufig, Jazz, Rock, einmal\ndeutlich Bob Dylans \u201eRainy Day Women #12 &amp; 35\u201c.<br>\n<br>\nIn\nder Mitte des Films gibt es indes einmal einen direkten Austausch\nzwischen Inspirationsquelle und Kunst: F\u00fcr eine Kirche in Washington\nkomponiert Harvey einen kapitalismuskritischen Gospelsong, den der\ndortige Chor intoniert und den Murphy mitfilmt. So reflektieren sich\nEinfluss und Ergebnis, aber lediglich einmal, und f\u00fcr das Konzept\ndes Films sowie des Albums erscheint dies etwas d\u00fcrftig. In den\nAlbum-Credits erf\u00e4hrt man immerhin, dass Samples von Murphys\nAufnahmen den Weg in Harveys Musik fanden, doch in den im Film\ngeh\u00f6rten Songs wird dies nicht deutlich. <br>\n<br>\nWas an der\nMusik Harveys nichts schlecht macht: Sie hat die richtigen\nMitmusiker, die \u2013 allen voran John Parish \u2013 auch kreativ am\nErgebnis mitwirken. Ihr Indierock, wenn man die Musik so nennen will,\nist nicht geradlinig, hat Br\u00fcche, bewegt sich frei, erinnert in der\nHerangehensweise oft an Jazz, indem er L\u00fccken l\u00e4sst und Melodien\nschwerelos transportiert. Nick Caves fr\u00fchere Muse Harvey borgt sich\nf\u00fcr die Session bei ihrem Ex auch ihren Nachnamensvetter Mick Harvey\naus, au\u00dferdem ist Produzent Flood mit von der Partie. Vorgestellt\nbekommt man die vielen Musiker indes nicht, darf sich aber an ihrer\nk\u00fcnstlerischen Gro\u00dfartigkeit erfreuen. Das Saxophonsolo!<br>\n<br>\nAn\neiner beliebigen Stelle endet der Film. Das Publikum der Sessions\nbleibt bis dahin anonym, der Kontext bleibt unbestimmt, Harveys\nMotivation bleibt nebul\u00f6s, die Musik bleibt gro\u00dfartig, die Bilder\nebenfalls: Man merkt, dass Murphy eigentlich Fotograf ist, denn dies\nist nicht einfach nur eine Doku, die eine Musikerin mit wackeliger\nHandkamera verfolgt. H\u00e4ufig staunt man \u00fcber die Eindr\u00fccke, etwa,\nwenn an einer dunklen U-Bahn-Haltestelle in Washington ein Deckenspot\neinen einzelnen dunkelh\u00e4utigen Wartenden in der Menge beleuchtet.\nViele Eindr\u00fccke indes scheinen ohne Kontext zu sein, auch wenn sie\neben eindrucksvoll sind, wie die pers\u00f6nlichen Kontakte in Kabul, die\nzerbombten H\u00e4user im Kosovo sowie die Stra\u00dfenrapper und die\nPro-Trump-Protestler in Washington. Man ahnt, was Harvey erreichen\nwill, n\u00e4mlich einen kritischen Blick auf die Gegenwart; das liegt\nihr nahe, politische Themen bedient sie h\u00e4ufiger. Mit dem\nUnkonkreten fordert sie zum Selbstdenken auf, und dieses Ziel ist\ndefinitiv erreicht.<br>\n<br>\nAls Begleitung zu diesem Film muss man\nsich dann wohl unbedingt das Album anh\u00f6ren. Und wundert sich: Der\nTitelsong etwa, \u201eA Dog Called Money\u201c, ist gar nicht enthalten,\nsondern erschien auf einer separaten Vinyl-7\u201c. Wenn man die\nSessions komplett haben will, muss man zus\u00e4tzlich zu \u201eThe Hope Six\nDemolition Project\u201c auch noch ebenjene 7\u201c und die 7\u201c \u201eThe\nWheel\u201c mit dem Radio-Edit kaufen, die Songs \u201eGuilty\u201c und \u201eThe\nCamp\u201c, letzterer von Ramy Essam, downloaden und sich \u201eDance On\nThe Mountain\u201c aus dem BBC-Drama \u201eOn Kosovo Field\u201c auf Youtube\nangucken. Macht mit einer B-Seite und ohne den Edit f\u00fcnf Songs, die\nnicht auf dem Album zu finden sind, aber im Film wesentliche Rollen\nspielen. Da w\u00e4re eine Compilation mit allen Bon\u00fcssen f\u00e4llig, am\nbesten in Kombination mit der DVD.<br>\n<br>\nDas Internet verr\u00e4t\nau\u00dferdem, dass Harvey einfach nur ihren Kumpel Murphy auf dessen\nBerichterstatterreisen begleitete, um dort tats\u00e4chlich nicht mehr\nals Eindr\u00fccke f\u00fcr ihre Gedichte zu sammeln, aus denen sie dann die\nSongs formte. Daher ist diese Dokumentation vorrangig Murphys Film,\nindem Harvey nat\u00fcrlich eine wesentliche Rolle einnimmt. Auch wenn\nsie bisweilen wie ein kleines M\u00e4dchen wirkt, das die Welt nur zum\nSpielen gebraucht, muss man sich vor Augen halten, dass die Musikerin\nsehr wohl klar zwischen Elend und Kunst differenzieren kann und dass\nfolglich ihr Album als Klage zu verstehen ist, nicht als reines\nKommerzprodukt mit zweifelhaften Quellen. Das allerdings\ntransportiert der Film nicht ausdr\u00fccklich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (21.11.2019) Wir sehen der englischen Musikerin Polly Jean Harvey dabei zu, wie sie in den Elends- und Krisengebieten dieser Welt (Afghanistan, Kosovo, USA) Inspiration f\u00fcr ihr 2016er-Album \u201eThe Hope Six Demolition Project\u201d findet und diese vor Publikum &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/pj-harvey-a-dog-called-money-seamus-murphy-irl-gb-2019\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-3209","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kino"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3209","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3209"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3209\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3210,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3209\/revisions\/3210"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3209"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3209"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3209"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}