{"id":2918,"date":"2019-04-16T16:33:51","date_gmt":"2019-04-16T14:33:51","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=2918"},"modified":"2019-04-16T16:35:15","modified_gmt":"2019-04-16T14:35:15","slug":"serge-roon-augentrost-ein-stummfilm-serge-roon-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/serge-roon-augentrost-ein-stummfilm-serge-roon-2018\/","title":{"rendered":"Serge Roon \u2013 Augentrost: Ein Stummfilm \u2013 Serge Roon 2018"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"110\" height=\"152\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Serge-Roon-Augentrost.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2919\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Von Matthias Bosenick (15.04.2019)<br> <br> Mit seinem neuesten Buch kehrt Serge Roon zumindest formal zur\u00fcck zu seiner einstigen Profession: Der fr\u00fchere Intendant des Celler Schlosstheaters verfasst \u201eAugentrost\u201c als Theaterst\u00fcck. Darin l\u00e4sst er ein M\u00e4dchen und dessen Gro\u00dfeltern w\u00e4hrend eines unbestimmten Krieges die Normalit\u00e4t suchen und m\u00fchsam dagegen ansteuern, den d\u00fcnnen Firnis der Zivilisation zu verlieren. Mit reduzierten Worten erzeugt Roon Beklemmung und Finsternis, legt aber auch zynischen Humor in seine seelischen Grausamkeiten. Mit Text bedruckt sind \u00fcberdies lediglich die ungeraden Seiten: Die geraden gestaltete Grafiker Ferdinand Georg. So viel Spoilern darf sein: Um einen \u201eStummfilm\u201c handelt es sich hierbei nicht.<br><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p> <br> Unbeschwert beginnt das Buch, mit einem Bild von der Normalit\u00e4t, von  der man da noch nicht wei\u00df, dass diese zum Zeitpunkt der Geschichte  selbst nurmehr Geschichte ist. Schnell zerrei\u00dft nicht nur der auf ein  Laken projizierte Film, sondern auch das Bild, das der Text zeichnet:  Das M\u00e4dchen und seine Gro\u00dfeltern leben in einem offenbar abgelegenen  Haus und versuchen, den Alltag zu meistern, w\u00e4hrend drumherum ein Krieg  tobt. Mehr und mehr dringen Ausl\u00e4ufer dieses Krieges in die  zerbrechliche, angespannte Dreierkonstellation ein; zun\u00e4chst gibt es  Soldatenstiefel als Suppengrundlage, sp\u00e4ter auch Sex und Mord, und das  Haus der drei verliert seine Mauern. \u00dcber allem schweben gleichzeitig  Sehnsucht nach der R\u00fcckkehr in die Normalit\u00e4t, von Seiten des M\u00e4dchens,  sowie Hoffnungslosigkeit und Resignation, von Seiten der Gro\u00dfmutter.<br> <br>  Die Handlung an sich ist spartanisch, ebenso die Sprache, und dort  sitzt das Besondere dieses Buches, und zwar auf mehreren Ebenen. Roon  erz\u00e4hlt die Grausamkeiten beinahe beil\u00e4ufig, was sie im Kontrast zum  ersehnten Normalen umso wuchtiger erscheinen l\u00e4sst, da er sie als das  tats\u00e4chlich Normale darstellt, an das man sich nicht nur zu gew\u00f6hnen  hat, sondern l\u00e4ngst gew\u00f6hnt hat. In seiner minimalistischen Sprache  kommt Roon mit wenigen Worten aus und l\u00e4sst den Leser die dunklen,  blutigen Bilder in seiner Vorstellung selbst zeichnen. Und Roon  beflei\u00dfigt sich eines Sprachgebrauchs, den man, insbesondere in  Kombination mit dem Thema Krieg, als veraltet und als zur Hitlerzeit  stattfindend auffasst. Doch f\u00fchrt er den Leser damit in die Irre: Im  Verlaufe der Handlung l\u00e4sst er die Gro\u00dfmutter dem M\u00e4dchen immer wieder  von fr\u00fcher erz\u00e4hlen, und dabei fallen alsbald Worte, die es weit vor den  Vierzigerjahren noch gar nicht gab, etwa \u201eLegoland\u201c.<br> <br> Mit  diesem Kniff transportiert Roon die Geschichte ins Zeitlose: Eine  Gesellschaft versucht, inmitten blutiger Zeiten zurechtzukommen, und  muss sich der \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcsse erwehren. Um das Ganze psychisch  ertragen zu k\u00f6nnen, muss sich jeder selbst bel\u00fcgen, sofern er nicht  resigniert und herzlos werden will. Die Gro\u00dfmutter entspricht diesem  aufgekl\u00e4rten Menschen, der sich keine Illusionen mehr macht, und das  M\u00e4dchen tr\u00e4umt selbst im gr\u00f6\u00dften Elend noch von schneewei\u00dfer Hochzeit  und einem Versprechen auf das Bessere, das Gl\u00fcck gar. Letztlich muss  diese Gesellschaft zum \u00dcberleben sogar Handlungsweisen dessen annehmen,  gegen das sie sich zur Wehr setzen will, also die eigene Moral negieren.<br> <br>  Doch Roon will nicht einfach alles schwarz malen, er l\u00e4sst das Absurde,  R\u00e4tselhafte, Witzige zu, und zumindest das letztere malt er dann doch  wieder tiefschwarz. \u00c4u\u00dferungen wie \u201eAdvent, Advent, die Katze brennt\u201c  machen beim Lesen stutzig und durchbrechen den Fluss des Ausweglosen.  Und ausweglos ist das, was Roon skizziert: An einer Stelle l\u00e4sst er die  Gro\u00dfmutter feststellen, dass der fremde Soldat vor dem Haus auf den  n\u00e4chsten Krieg wartet, und im Grunde kann man das Buch nach der Lekt\u00fcre  sofort wieder von vorn beginnen, das h\u00f6rt nie auf, nie h\u00f6rt das auf, wie  G\u00fcnter Grass schon bemerkte. <br><br> Das Schwarze greift Grafiker Georg auf: Er gestaltete die Bl\u00e4tter auf den linken Seiten, die geraden Zahlen mithin. In einer fr\u00fcheren Version des Buches waren die Grafiken noch als extrem vergr\u00f6\u00dferte Seitenzahlen zu erkennen, in der neuen Version macht Georg nicht mehr eindeutig sichtbar, um welche Art Zeichen es sich \u00fcberhaupt handelt. Damit entsprechen seine Illustrationen dem Inhalt, in Schw\u00e4rze und Doppeldeutigkeit. So schwarz der Stummfilm \u201eAugentrost\u201c auch sein mag: Er rei\u00dft den Leser mit sich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (15.04.2019) Mit seinem neuesten Buch kehrt Serge Roon zumindest formal zur\u00fcck zu seiner einstigen Profession: Der fr\u00fchere Intendant des Celler Schlosstheaters verfasst \u201eAugentrost\u201c als Theaterst\u00fcck. 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