{"id":2893,"date":"2019-03-21T22:02:10","date_gmt":"2019-03-21T21:02:10","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=2893"},"modified":"2019-03-21T22:02:10","modified_gmt":"2019-03-21T21:02:10","slug":"vom-lokfuhrer-der-die-liebe-suchte-veit-helmer-d-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/vom-lokfuhrer-der-die-liebe-suchte-veit-helmer-d-2019\/","title":{"rendered":"Vom Lokf\u00fchrer, der die Liebe suchte\u2026 \u2013 Veit Helmer \u2013 D 2019"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-660\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/a><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (21.03.2019)<\/p>\n<p>Ein Film ohne Worte und trotzdem ohne Langeweile: Veit Helmer zaubert wieder. Den an Feelgood-RomComs gemahnenden Titel muss man ignorieren, denn um eine Schmonzette handelt es sich hier nicht. Vielmehr bricht der Hannoveraner einmal mehr mit Film-Sehgewohnheiten: Er l\u00e4sst seine Figuren schweigend, aber Dank der Bilder dennoch mit Inhalt interagieren, und schickt seine Hauptfigur, einen in die Jahre gekommenen Diesellokf\u00fchrer, in Aschenputtel-Manier auf die Suche nach der Tr\u00e4gerin eines BHs, der sich bei der Durchfahrt durch eine engbebaute Siedlung an seiner Eisenbahn verfing. Helmer gelingt eine detailverliebte, visuell einnehmende Geschichte, die ihre Schw\u00e4chen ausgerechnet beim Kern hat: zu viel Brust, zu wenig Handlung. Ansonsten: ein Fest.<\/p>\n<p><!--more-->Die Wortlosigkeit ist von Anfang an beinahe zwangsl\u00e4ufig, erst sp\u00e4ter muss sich Helmer Kniffe ausdenken, um Situationen zu umschiffen, in denen eigentlich h\u00e4tte gesprochen werden m\u00fcssen. Man begleitet den mit Vorliebe solit\u00e4ren Lokf\u00fchrer bei seinen Fahrten durch wilde Steppen, karge Gebirge und eben eine heruntergekommene enge Vorortsiedlung. Ein kleiner Junge wacht in einer Hundeh\u00fctte \u00fcber das Eisenbahnsignal und warnt alle Bewohner, dass die Lok mit unz\u00e4hligen G\u00fcterwaggons wieder angerauscht kommt. Schnell raffen die Leute alles zusammen, W\u00e4scheleinen, Schachbretter, spielende Kinder, die Lok passiert die \u00e4rmliche Siedlung und das Leben geht weiter. Diese Routine widerholt sich f\u00fcr den Zugvogel Tag um Tag, aufgelockert von den Scherzen einer Bahnangestellten am Schaltpult. Einmal hat der Lokf\u00fchrer einen Lehrling an Bord, der privat aus gigantischen Maschinen Einst\u00fcrzende-Neubauten-Musik generiert und dazu Trompete spielt. Die Hauptfigur selbst hat keine Hobbys, und als der Ruhestand ansteht, klappt es nicht mal mit dem Angeln.<\/p>\n<p>Doch in dem Mann lauert der Romantiker, und als er am Tag vor dem Ruhestand wie immer zum Feierabend die versehentlich mitgenommenen Gegenst\u00e4nde von der Lok klaubt, ist darunter der BH einer Frau, von der er glaubt, sie einmal im Vorbeifahren durch ihr Fenster genau diesen BH \u00f6ffnen gesehen zu haben. Also nistet er sich in dem \u00d6rtchen ein und befragt, bald schon mit Hilfe des Warnjungen, die Frauen, ob das intime Kleidungsst\u00fcck ihnen geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>An der Stelle gehen die Hormone mit dem Regisseur durch. Ist die Passage anfangs noch angenehm unexplizit, ersinnt er sich mehr und mehr Situationen, in denen die Frauen blank zu ziehen haben. Stellenweise absurd: Etwa die Brustuntersuchung, f\u00fcr die das altersunterschiedliche Gespann die \u00c4rzte medikament\u00f6s ausknockt, die Software manipuliert und sich verkleidet die Br\u00fcste aller Frauen im Ort zeigen l\u00e4sst, oder die Trauersequenz, als der Lokf\u00fchrer eine sich anwanzende Witwe r\u00fccksichtslos zu Boden wirft. Diese Passagen bergen zwar Potential f\u00fcr sozialkritische Reflexionen, bringen die Geschichte aber nicht voran. Erst, als sich der Zorn der Ehem\u00e4nner an dem Brustgucker entl\u00e4dt, kriegt der Film die Kurve und l\u00f6st die Suche unerwartet und positiv auf.<\/p>\n<p>Die Dialoglosigkeit hingegen ist kein Manko des Films, auch wenn sich manche Sequenzen nicht sofort entschl\u00fcsseln lassen. Der missgl\u00fcckte Hochzeitsantrag etwa, mit den Gewichten, die der Lokf\u00fchrer nicht stemmen kann, oder die Verabschiedung in den Ruhestand. Da helfen die eigenen Erfahrungen als Mensch mitten im Leben, um der Geschichte folgen zu k\u00f6nnen. Anders ist es mit dem Umgang der Leute untereinander: Ihre Sprachlosigkeit l\u00e4sst sie in manchen Situationen stumpf und abweisend wirken, es entstehen kaum Verbindungen zwischen den Menschen. Doch als Kaurism\u00e4ki-Gucker kann man auch mit solchen Charakteren umgehen.<\/p>\n<p>Helmer drehte diesen Film irgendwo im Kaukasus, zwischen Aserbaidschan und Georgien, mit einem munteren Sprach- und Schriftmix auf den Kulissen, und offenbar mit Laien. Den Industrial-Komponisten indes spielt Denis Lavant, dem exotische Filme nicht fremd sind: Er \u00fcbernahm auch die Hauptrolle in \u201eHoly Motors\u201c. Der Film liefert Farben, Landschaften und Perspektiven, die f\u00fcrs Kino gemacht sind, und ist unterlegt mit reduzierter und punktiert eingesetzter Musik. Im Verlauf des Guckens offenbart sich \u00fcberdies, welche Zuschauer mit dem Nichtsprechen nicht klarkommen und beginnen, selbst lauthals zu quatschen. \u201eDer Lokf\u00fchrer\u201c ist also kein Film f\u00fcr den Mainstream, das sollte man wissen, wenn man daf\u00fcr ins Kino geht. Wer sich darauf einlassen kann, wird aber \u2013 mit den genannten Abstrichen \u2013 belohnt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (21.03.2019) Ein Film ohne Worte und trotzdem ohne Langeweile: Veit Helmer zaubert wieder. Den an Feelgood-RomComs gemahnenden Titel muss man ignorieren, denn um eine Schmonzette handelt es sich hier nicht. 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