{"id":2821,"date":"2019-01-29T22:20:13","date_gmt":"2019-01-29T21:20:13","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=2821"},"modified":"2019-01-29T22:20:13","modified_gmt":"2019-01-29T21:20:13","slug":"loro-paolo-sorrentino-if-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/loro-paolo-sorrentino-if-2018\/","title":{"rendered":"Loro \u2013 Paolo Sorrentino \u2013 I\/F 2018"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-660\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (29.01.2019)<\/p>\n<p>\u201eEr\u201c steht im Mittelpunkt, auch in Abwesenheit: Der g\u00f6ttliche Paolo Sorrentino dreht einen Sittengem\u00e4lde-Politfilm, der sich lose an dem Bild orientiert, das die \u00d6ffentlichkeit von Italiens mehrfachem Ministerpr\u00e4sidenten Silvio Berlusconi hat. Zwar f\u00e4llt die Vokabel \u201eBunga Bunga\u201c nie, doch kann Sorrentino ausgelassene Feste bei dem Thema nat\u00fcrlich nicht auslassen. Damit beschert er gewohnt opulente Bilder und versetzt diese, anders als zun\u00e4chst erwartet, mit Handlung und Dialogen. Und obwohl der Zweiteiler in Deutschland lediglich in einer auf gut zweieinhalb Stunden gek\u00fcrzten Fassung l\u00e4uft, ist er immer noch lang \u2013 und keine Minute \u00fcberfl\u00fcssig. Beeindruckender Mix aus Bewunderung und Abscheu.<\/p>\n<p><!--more-->Man kann nicht anders als staunen, dass es Sorrentino gelingt, den Zuschauer \u00fcber die gesamte Spielzeit zu fesseln. Sind es nicht die bisweilen sogar nur im Hintergrund laufenden angedeuteten politischen R\u00e4nkeschmiede, von denen man keinen verpassen darf, dann sind es die Bilder und bisweilen surrealen Einf\u00e4lle, mit denen der Regisseur die Augen des Publikums an die Leinwand klebt. Aufmerksamkeit belohnt Sorrentino zudem mit wiederkehrenden Elementen; diese im Kleinen elliptische Erz\u00e4hlweise wendet er auch auf das Gro\u00dfe an, denn der Film braucht ein Drittel seiner Spielzeit, bis Berlusconi \u00fcberhaupt auftritt, und die zu Beginn eingef\u00fchrte Hauptfigur taucht daf\u00fcr im letzten Drittel unter.<\/p>\n<p>Los geht es n\u00e4mlich mit einem politischen Empork\u00f6mmling, der sich an \u201eihn\u201c, \u201elui\u201c, wie Berlusconi in einem Handy gespeichert ist, heranwanzen will und der sich daf\u00fcr der Mittel bedient, die in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung \u201eseine\u201c Vorlieben darstellen, n\u00e4mlich junge Frauen und teure Partys. Dieser Sergio Morra lebt selbst ein Leben, das diesem Bild entspricht, mit Drogen, Prostitution, Partyexzessen, Bestechung und Fremdgehereien. Er trommelt so laut, dass er eine Vertraute Berlusconis auf sich aufmerksam macht, die ihn zwar in seine Schranken weist, sich aber seiner Bitte um Kontaktaufnahme annimmt. Also organisiert Morra in der Nachbarvilla zu Berlusconis Anwesen auf Sardinien ein Fest, mit dem er sich als Partyausrichter f\u00fcr den tats\u00e4chlich aufmerksam gewordenen Multimillion\u00e4r empfiehlt.<\/p>\n<p>Hier schwenkt die Perspektive des Films von Morra auf Berlusconi. Sorrentino zeigt den Immobilienh\u00e4ndler zwischen zwei Amtsperioden als Ministerpr\u00e4sident, wie er versucht, diesen Posten zur\u00fcckzuerobern. Man sieht den Fernsehmogul Minister br\u00fcskieren, Senatoren \u00fcberreden, sich mit seiner Gattin duellieren, die Beleidigungen seiner Gegner an sich abperlen sowie sich von Schmetterlingen umflattern lassen, von eben jungen Frauen, denen er entsprechende Amulette schenkt . W\u00e4hrend er sich zur\u00fcck ins h\u00f6chste Amt des Landes mogelt, dreht sich f\u00fcr Morra der Wind: Die von ihm ausgerichtete Party langweilt den Presidente, der eben schon l\u00e4ngst wieder ganz andere Intentionen verfolgt. Fortan geht Morra f\u00fcr den Film verloren, ganz wie einst die Tasche in \u201eNo Country For Old Men\u201c, und man vermisst ihn auch nicht, weil Berlusconis Schachz\u00fcge viel zu fesselnd sind.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich zeigt Sorrentino viel zu viel nackte Haut, nat\u00fcrlich ist diese Art der Darstellung sexistisch. Nur spiegelt sie allerdings auch die Realit\u00e4t, in der sich trotz #metoo Frauen finden, die sich f\u00fcr solche Exzesse, reichlich Koks sowie Sex mit vermeintlich einflussreichen Personen hergeben. Sicherlich ist das Ma\u00df der Darstellung diskutierbar, doch stellt man fest, dass es Sorrentino doch nicht so sehr \u00fcbertreibt, wie man zun\u00e4chst bef\u00fcrchtete. Er beweist sich schlichtweg mehrfach als versierter filmischer Party-Inszenierer, wie schon in \u201eIl Divo\u201c und \u201eLa Grande Bellezza\u201c. Das kann er, aber eben auch noch viel mehr.<\/p>\n<p>Mit Toni Servillo verpflichtete Sorrentino seinen Stammschauspieler f\u00fcr die Rolle als Berlusconi. Und der wirkt wie hineingewachsen, stellt eine beinahe grimassenartige Maske zur Schau, die den zun\u00e4chst aufgedreht wirkenden Dottore beinahe wie Luis de Fun\u00e9s wirken l\u00e4sst, bis er in den Ernst des Politagitatoren driftet und die Maske zwar Risse zeigt, die Berlusconi aber schnell \u00fcberspielt. Interessant sind da insbesondere jene Szenen, in denen Kritiker an der Fassade des Vorbestraften kratzen; dazu geh\u00f6ren nicht nur Politiker, sondern auch ganz besonders seine Gattin sowie ein Partym\u00e4dchen, das ihn in seine Schranken weist. Da \u00fcberzeugt das Dialogdrehbuch, aber nicht nur dann: Nachdem sich Berlusconi von seinem Alter Ego Ennio Doris davon \u00fcberzeugen l\u00e4sst, dass er nach wie vor ein Verkaufsgenie ist, probiert er diese F\u00e4higkeit flugs am Telefon bei einer beliebigen B\u00fcrgerin aus.<\/p>\n<p>Sorrentino drehte keine schlichte Jubelarie auf den korrupten Politiker, auch wenn er das wohlwollende Auge zul\u00e4sst, etwa in der Szene mit dem Gebiss der alten Frau nach dem Erdbeben in L\u2019Aquila 2009 (das Meeresrauschen im Gebirge ist ein h\u00fcbscher Bonus im Abspann). Mit dieser Ambivalenz entbl\u00f6\u00dft Sorrentino die Wirkung solcher Massenverf\u00fchrer; Silvio, der hier selbstredend eine Filmfigur ist, die sich am realen Ministerpr\u00e4sidenten orientiert und deren Nachname nie genannt wird, ist da lediglich ein stellvertretendes Beispiel f\u00fcr die weltweit grassierende brandgef\u00e4hrliche H\u00f6rigkeit solchen vermeintlich starken, in Wahrheit am Rande der L\u00e4cherlichkeit agierenden M\u00e4nnern gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Und dann ist Sorrentino auch noch ein begnadeter Vision\u00e4r, im Sinne des Visuellen. Seine Filme guckt man sich schon allein wegen der eindrucksvollen und \u00e4sthetischen Bilder an, auch was die Farben betrifft, die hier wieder sch\u00f6ner sind als beim Vorg\u00e4nger \u201eYouth\u201c. Man saugt Sorrentinos Filme auch dann auf, wenn man einmal etwas nicht verstehen sollte (was in \u201eLoro\u201c seltener der Fall ist als in \u201eIl Divo\u201c und \u201eLa Grande Bellezza\u201c, an die \u201eLoro\u201c trotzdem nicht heranragt \u2013 oder gerade deshalb?). Sorrentino wagt Perspektiven, Schnitte, Lichtspielereien, die von einheitlichen Sehgewohnheiten abweichen, und scheut selbst das Surreale und das Symbolische nicht: Als Berlusconi erstmals in Erscheinung tritt, geschieht dies per Eskorte, die ihn in einen Club begleiten soll. Dem Tross begegnet ein M\u00fcllwagen, der einer Ratte ausweicht, von der Stra\u00dfe abkommt und von der Br\u00fccke st\u00fcrzt. Morras Frauen beobachten dies und erleben eine Explosion von M\u00fcll auf sich niederregnen \u2013 die nach einem Schnitt zu einer Explosion von Ecstasypillen an einem Partypool mutieren.<\/p>\n<p>Nicht zu vergessen die grandiose Musikauswahl, die von The Stooges und LCD Soundsystem \u00fcber aktuelle Chartshits (die es zum Zeitpunkt des Geschehens teilweise noch nicht gab) bis zu minimalistischer Klassik reicht. Man kann gar nicht s\u00e4mtliche gelungenen Kniffe dieses Films aufz\u00e4hlen, muss aber auch anf\u00fchren, dass Sorrentino es sich an wenigen Stellen damit auch mal einfach macht. Wenn er Figuren Hintergr\u00fcnde vor sich hin brabbeln l\u00e4sst, die der Zuschauer f\u00fcr das Filmverst\u00e4ndnis braucht, wirkt das viel zu plump f\u00fcr ein Genie wie Sorrentino. Aber das nimmt man hin.<\/p>\n<p>Interessant ist nun noch die Urversion von \u201eLoro\u201c, der in Italien in zwei Teilen zu je gut 100 Minuten lief, also in Summe 205 statt hier 160 Minuten Spielzeit hat. Die wird man hier allerdings nicht zu sehen bekommen, steht zu bef\u00fcrchten, offenbar nicht einmal auf DVD.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (29.01.2019) \u201eEr\u201c steht im Mittelpunkt, auch in Abwesenheit: Der g\u00f6ttliche Paolo Sorrentino dreht einen Sittengem\u00e4lde-Politfilm, der sich lose an dem Bild orientiert, das die \u00d6ffentlichkeit von Italiens mehrfachem Ministerpr\u00e4sidenten Silvio Berlusconi hat. 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