{"id":2777,"date":"2018-12-17T21:44:01","date_gmt":"2018-12-17T20:44:01","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=2777"},"modified":"2018-12-19T08:43:46","modified_gmt":"2018-12-19T07:43:46","slug":"marcel-pollex-wenn-ihr-nicht-aufhort-auf-meinen-gefuhlen-rumzutrampeln-rufe-ich-die-polizei-marcel-pollex-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/marcel-pollex-wenn-ihr-nicht-aufhort-auf-meinen-gefuhlen-rumzutrampeln-rufe-ich-die-polizei-marcel-pollex-2018\/","title":{"rendered":"Marcel Pollex \u2013 Wenn ihr nicht aufh\u00f6rt, auf meinen Gef\u00fchlen rumzutrampeln, rufe ich die Polizei \u2013 Marcel Pollex 2018"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2778\" title=\"Marcel Pollex - Wenn ihr nicht aufh\u00f6rt\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Marcel-Pollex-Wenn-ihr-nicht-aufh\u00f6rt.jpg\" alt=\"\" width=\"110\" height=\"110\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Von Matthias Bosenick (17.12.2018)<\/span><\/p>\n<p>Der Titel dieses H\u00f6rbuchs ist programmatisch (und im Original in der Interpunktion fehlerhaft): Marcel Pollex f\u00fchlt sich vom Rest der Menschheit genervt und wehrt sich gegen diese Zumutungen mit seinen hundsgemeinen Texten. F\u00fcr gute Haare, die er lassen k\u00f6nnte, findet er keine Ausnahmen, und schafft Projektionsfl\u00e4chen f\u00fcr jeden, was unter Umst\u00e4nden auch mal f\u00fcr Schmerzen beim H\u00f6rer sorgen kann. Nicht nur deshalb bleibt so manches Lachen im Halse stecken, denn viel zu oft muss man ihm Recht geben, auch, wenn man nicht auf der selben Seite steht wie er. Den Ruf nach Ordnungsh\u00fctern indes, diese Drohung nimmt man ihm nicht ab. An denen f\u00e4nde er doch nur wieder etwas auszusetzen.<\/p>\n<p><!--more-->Gleich mit dem Intro steckt Pollex sein Terrain ab: Er deutet alle m\u00f6glichen Gattungen an, die sein imaginiertes Publikum sofort ablehnt. Damit verweigert er sich erstens als Vertreter der herk\u00f6mmlichen Genres wie Poetry Slam, Comedy, Satire oder Betroffenheitslyrik und straft zweitens sein Publikum ab, das mit einer \u00fcberheblichen Erwartungshaltung an seine Lesungen herangeht und am Ende doch nur das Altbekannte beklatscht. Ein b\u00f6ser, ein typischer Einstieg. Und diese Haltung beh\u00e4lt Pollex bis zum Ende bei, echauffiert sich \u00fcber Pseudo-Altruismus, Kaltherzigkeit, Trendhinterherl\u00e4ufer, Populisten, Selbst\u00fcbersch\u00e4tzer, Dummschw\u00e4tzer, Besserwisser, Nichtigkeiten, Egoisten, Individualtouristen, also auch Leute, die sich auf der guten Seite w\u00e4hnen und sich doch nur in ihrer Selbstgerechtigkeit suhlen. Daf\u00fcr kreiert Pollex Mono- und Dialoge, in denen er Menschen aufeinandertreffen und ihre Untiefen ausleben l\u00e4sst.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Dabei hat Pollex einen \u00fcberw\u00e4ltigenden Blick f\u00fcr Details und Ganzheitlichkeit: Sobald er ein Thema aufgreift und es in einer bestimmten Art seziert, geschieht dies so umfassend, dass man \u00fcber den weiten Horizont und die F\u00e4higkeit zur vollkommenen und vollst\u00e4ndigen Assoziation nur staunen kann. Exemplarisch sei hier der Hosenkauf herangezogen, in dem Pollex seinen Ich-Erz\u00e4hler Parameter aufz\u00e4hlen l\u00e4sst, die sein gew\u00fcnschtes Beinkleid zu erf\u00fcllen hat, um ihn als Person zu repr\u00e4sentieren; was Pollex da zusammentr\u00e4gt, ist gro\u00dfe Kunst. Diese dringt ohnehin konstant aus seinen Texten; einen Portr\u00e4tfotografen etwa l\u00e4sst er sagen, \u201eman sitzt, wie Arno Schmidt 1954 gesprochen hat, so sitzt man\u201c, und man staunt \u00fcber diesen Einfall, wie vermutlich das Publikum \u00fcber Arno Schmidt 1954 gestaunt hat. \u00dcbertreibung und Wiederholung sind zudem g\u00fcltige Stilmittel Pollex\u2018, mit denen er seine Anliegen untermauert.<\/span><\/p>\n<p>Nicht nur als Schreiber, auch als Performer ist Pollex besonders. Typisch f\u00fcr seine Vortragsweise sind die sich \u00fcberschlagende Stimme und die herablassende Art, mit der er seiner Umwelt begegnet. Man h\u00f6rt es \u00fcberdeutlich heraus, wie angewidert, genervt, ver\u00e4chtlich, entsetzt, sp\u00f6ttisch Pollex die Welt betrachtet. Bedauerlich ist lediglich, dass man ihn beim Performen nicht sieht, denn seine B\u00fchnendarbietung geh\u00f6rt eigentlich zum Gesamtkunstwerk, und auch das Ausbleiben von Publikumsreaktionen bei dieser Studiolesung ist zun\u00e4chst befremdlich. Doch funktioniert die Polemik des Pollex auch ohne Resonanz, die findet eben im Kopf des H\u00f6rers statt. Oder im Herzen. Kurioserweise erinnert Pollex\u2018 Stimme hier gelegentlich an die von Ilja Richter, und das positiv.<\/p>\n<p>Beschr\u00e4nkte sich Pollex nun darauf, lediglich die anderen, und also wirklich alle anderen, zu kritisieren, w\u00e4re \u201eWenn ihr nicht aufh\u00f6rt\u201c kein Vergn\u00fcgen. Doch sympathisch macht ihn, dass er seine Selbstzweifel durchsickern l\u00e4sst; es gibt Meta-Texte auf dieser CD, die ihn verletzlicher zeigen, als es seine lautstarke Emp\u00f6rung erscheinen l\u00e4sst. Und nicht zuletzt: Er hat ja Recht. Viel zu oft, und das kann man ja nicht ihm anlasten, er ist nur der, der des Kaisers neue Kleider benennt, der \u00dcberbringer der schlechten Nachricht mithin.<\/p>\n<p>Beteiligt an diesem H\u00f6rbuch ist \u00fcbrigens noch der fantastische Musiker Sven Waida, der Pollex\u2018 \u201eEndless Nameless\u201c generiert. Das H\u00f6rbuch eignet sich besonders gut im Pendelverkehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (17.12.2018) Der Titel dieses H\u00f6rbuchs ist programmatisch (und im Original in der Interpunktion fehlerhaft): Marcel Pollex f\u00fchlt sich vom Rest der Menschheit genervt und wehrt sich gegen diese Zumutungen mit seinen hundsgemeinen Texten. 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