{"id":2770,"date":"2018-12-12T22:17:51","date_gmt":"2018-12-12T21:17:51","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=2770"},"modified":"2018-12-12T22:17:51","modified_gmt":"2018-12-12T21:17:51","slug":"the-house-that-jack-built-lars-von-trier-dksdf-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/the-house-that-jack-built-lars-von-trier-dksdf-2018\/","title":{"rendered":"The House That Jack Built \u2013 Lars von Trier \u2013 DK\/S\/D\/F 2018"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-660\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (12.12.2018)<\/p>\n<p>Wenn Lars von Trier einen Serienm\u00f6rderfilm dreht, kommt dabei bei Weitem kein Genrefilm heraus \u2013 so gut sollte man den Mann inzwischen kennen. \u201eThe House That Jack Built\u201c greift die Struktur des Vorg\u00e4ngers \u201eNymp()maniac\u201c auf: Was dort der Porno war, ist hier eben der Serienkiller, an dessen Geschichte entlang von Trier Themen aus dem Fachbereichen Soziologie, Psychologie, Architektur, Religion, Kunst, Philosophie, \u00d6nologie und Jagd abhandelt. Das blutr\u00fcnstige Monster bietet hier die Vorlagen f\u00fcr das Bildungskino \u2013 und nat\u00fcrlich trotzdem einen guten Grund f\u00fcr den D\u00e4nen, zu provozieren. Auch das ist typisch f\u00fcr von Trier. Zweieinhalb Stunden Film ohne Langeweile, mit Inhalt und trotz aller Begeisterung ohne den Wunsch, sich ihnen zwingend noch einmal auszusetzen.<\/p>\n<p><!--more-->Von Trier packt so viele Ebenen in diesen Film, dass man mit einem vollgestopften Kopf das Kino verl\u00e4sst. Nicht zuletzt die Metaebene hinterl\u00e4sst ihre Spuren im Gem\u00fct des Betrachters, in der von Trier sich und seine eigene Kunst mit dem Werk seiner Titelfigur, also dem Serienm\u00f6rder, gleichsetzt, und noch mehr, sogar Parallelen findet zu den Massenmorden im Dritten Reich. Diese Sequenz, in der von Trier in kurzer Folge Ausschnitte aus seinen \u00e4lteren Filmen hintereinanderschneidet und seine Figur Jack dar\u00fcber sinnieren l\u00e4sst, dass den K\u00fcnstler und den Massenm\u00f6rder \u00e4hnliche Antriebe steuern, kommt so \u00fcberraschend, dass sie viel zu schnell vorbei ist, als dass man sie ausgiebig reflektieren kann, denn schon schreitet Jack mit seinem Gespr\u00e4chspartner Verge weiter und man f\u00fcrchtet, den Anschluss zu verlieren.<\/p>\n<p>Das ist n\u00e4mlich durchaus m\u00f6glich. Jack und diesen Verge h\u00f6rt man zun\u00e4chst im Dunklen gehen und sich unterhalten; der Film visualisiert dann die Gespr\u00e4chsinhalte. Darin erl\u00e4utert Jack anhand von f\u00fcnf Ereignissen seinen Werdegang als Massenm\u00f6rder, und Verge kn\u00fcpft immer wieder mit Exkursen an. Diese Momente durchbrechen klar das reine Genre: Wenn Verge in Jacks blutigen Schilderungen Querverweise zu allen m\u00f6glichen Fachgebieten findet, um die psychologischen Mechanismen in Jacks Schilderungen analytisch zu entlarven, unterlegt von Trier diese Sequenzen wie in einer Dokumentation mit Beispielbildern. Auch Jack selbst hat den Hang zum Philosophieren, so wechseln sich die beiden mit ihren Vertiefungen ab. \u00dcberraschenderweise durchbricht von Trier damit in keiner Weise den Erz\u00e4hlfluss, im Gegenteil: Man h\u00f6rt dem Gespann gern zu und f\u00fchlt sich bereichert und seine Neugier geweckt. Nicht zuletzt darauf, was das alles mit dem Fortgang der Geschichte zu tun haben k\u00f6nnte. Damit nimmt Verge quasi die Rolle des Seligman aus \u201eNymph()maniac\u201c ein und Jack die der Joe; die Struktur ist vertraut, das Sujet \u2013 dort Porno, hier Killer \u2013 vergleichbar abschreckend f\u00fcrs Kunstkino.<\/p>\n<p>Und mit Kunst hat man es definitiv zu tun. Von Trier schn\u00fcrt eine Wundert\u00fcte des Zitatepop, die f\u00fcr sich schon ein Fest f\u00fcr Menschen mit einigem Horizont ist. Darin verbirgt sich auch einiger Humor, der jedoch angesichts des Geschehens bisweilen so seine Schwierigkeiten hat, den Hals auch immer zu verlassen. Nat\u00fcrlich findet man \u00fcberall Anspielungen an reale und fiktive Serienm\u00f6rder, einige Beweggr\u00fcnde und Handlunsgweisen Jacks sind einem also vertraut. Bis in alle Ekligkeit: Die zur Geldb\u00f6rse umfunktionierte abgeschnittene Brust etwa erinnert unangenehm an Ed Gein. Umso mehr Freude hat man an den unblutigen Verweisen: \u201e2001: A Space Odyssee\u201c kommt einem in den Sinn, etwa wenn Jack und Verge in transparenten Kugeln beinahe schwerelos in den Abgrund sinken, oder \u201eThis Must Be The Place\u201c von Paolo Sorrentino, wenn Jack das rote Telefonkabel einmal quer \u00fcber die Leinwand zieht. Selbst das Video zu Bob Dylans \u201eSubterranean Homesick Blues\u201c findet seinen Platz, sobald Verge Jacks Verhalten mit Fachbegriffen aus der Psychologie nachzuvollziehen versucht. Dantes Inferno am konsequenten Schluss ist da ein beinahe zwangsl\u00e4ufiger Link.<\/p>\n<p>Nun also versucht von Trier, sich selbst anhand des Jack sowohl zu verstehen als auch zu erl\u00e4utern. Wie er es ja eigentlich mit fast allen seinen Filmen unternimmt. Sein Jack ist ein gescheiterter Architekt, der parallel zu seinen Bluttaten versucht, in einer leeren Landschaft ein Haus zu errichten. W\u00e4hrend er nun also scheitert, t\u00f6tet er Menschen und arrangiert die Leichen zu kunstvollen Fotos, die er an die Zeitung schickt. Je l\u00e4nger sein Blutrausch anh\u00e4lt, umso dringlicher versp\u00fcrt Jack das Verlangen, entdeckt zu werden. Er wird absichtlich leichtsinnig und den Ignoranten gegen\u00fcber b\u00f6swillig und zynisch (\u201eniemand kommt dir zu Hilfe\u201c). Von Trier gibt hier also quasi den Jack, indem er Sequenzen einbaut, die nur schwer zu ertragen sind: Etwa die Jagdszene, in der Jack im Rahmen einer Picknickidylle Frau und Kinder anhand der Jagdtheorie in Bezug auf Rehe meuchelt \u2013 als w\u00fcrde von Trier damit das Publikum darum anbetteln wollen, ihn endlich aufzuhalten. Mindestens wegen seiner vermeintlichen Misogynie, die man ihm sicherlich vorwirft und die er doch immer wieder entkr\u00e4ftet. So sieht er wohl auch Jacks Schicksal als sein eigenes, analog zu Dante. Oder geht es ihm doch nur um den Ruhm, wie er David Bowie immer wieder singen l\u00e4sst? Dessen \u201eFame\u201c ist \u00fcbrigens das einzige St\u00fcck Popmusik im Film, abgesehen vom Abschlusslacher \u201eHit The Road Jack\u201c \u2013 and don\u2019t you come back no more.<\/p>\n<p>Von Trier l\u00e4sst in seiner Erz\u00e4hlung absichtlich L\u00fccken zu. Etwa die, woher er pl\u00f6tzlich Frau und Kinder hat, oder warum er in seinem vollgeleichten K\u00fchlraum unbehelligt bleiben kann. Auch gibt es keine konkrete zeitliche Verortung; der Ausbruch des Mount St. Helen ist der einzige Anhaltspunkt, die Kleidung und Technik wirken zeitlos r\u00fcckschrittlich. Auf filmischer Ebene setzt von Trier einen gewagten Mix an Material ein, von unterschiedlicher Qualit\u00e4t und sogar in verschiedenen Formaten. Selbst die Dogme95-Kameraf\u00fchrung kommt hier in Dialogen zum Einsatz und passt dort bestens hin. Erz\u00e4hlerisch wiederum \u00fcbernimmt von Trier nur bedingt den Suspense des Genres, da er ja die Killersequenzen immer wieder intellektuell durchbricht \u2013 und es vollbringt, trotzdem keine Sekunde zu langweilen. Abgesehen davon inszeniert von Trier den Blutrausch zwar inhaltlich absto\u00dfend, h\u00e4lt sich aber trotz mancher Explizit\u00e4t visuell zur\u00fcck; oder man ist bereits abgeh\u00e4rtet und nimmt das Monstr\u00f6se nicht mehr wahr. Und nicht zuletzt verpflichtete von Trier eine Schar von Darstellern, f\u00fcr die man sich nur verneigen kann: darunter Bruno Ganz, Uma Thurman, Matt Dillon und Sofie Gr\u00e5b\u00f8l.<\/p>\n<p>\u201eThe House That Jack Built\u201c wirkt wie der komprimierte von Trier, als h\u00e4tte er sein bisheriges Werk darauf hinf\u00fchren lassen und dann ein Konzentrat daraus erstellt. Man verl\u00e4sst das Kino aufgew\u00fchlt und mit vollem Kopf. Ein H\u00f6llenritt, wahrhaftig, und doch ist man nicht wirklich gewillt, diesen ein zweites Mal zu unternehmen. Was kann jetzt noch kommen? Der Film, den Lars dreht?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (12.12.2018) Wenn Lars von Trier einen Serienm\u00f6rderfilm dreht, kommt dabei bei Weitem kein Genrefilm heraus \u2013 so gut sollte man den Mann inzwischen kennen. \u201eThe House That Jack Built\u201c greift die Struktur des Vorg\u00e4ngers \u201eNymp()maniac\u201c auf: Was &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/the-house-that-jack-built-lars-von-trier-dksdf-2018\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":660,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-2770","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kino"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2770","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2770"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2770\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2771,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2770\/revisions\/2771"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media\/660"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2770"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2770"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2770"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}