{"id":2745,"date":"2018-11-15T22:33:38","date_gmt":"2018-11-15T21:33:38","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=2745"},"modified":"2018-11-15T22:33:38","modified_gmt":"2018-11-15T21:33:38","slug":"leto-%d0%bb%d0%b5%d1%82%d0%be-kirill-serebrennikow-rusf-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/leto-%d0%bb%d0%b5%d1%82%d0%be-kirill-serebrennikow-rusf-2018\/","title":{"rendered":"Leto (\u041b\u0435\u0442\u043e) \u2013 Kirill Serebrennikow \u2013 RUS\/F 2018"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-660\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (15.11.2018)<\/p>\n<p>An diesem Film stimmt so gut wie alles. Bilder, Charaktere, Atmosph\u00e4re, Ideen, Erz\u00e4hltempo, nun: Story, okay: Musik, historischer und kultureller Hintergrund \u2013 \u201eLeto\u201c ist kunstvoll, unterhaltsam, lustig, fantasievoll, emotional, vern\u00fcnftig, sympathisch, atemberaubend gut. Und trotz eher zur\u00fcckhaltender politischer Haltung mittlerweile ein unfreiwilliges Politikum, da Regisseur Kirill Serebrennikow noch w\u00e4hrend der Dreharbeiten f\u00fcr die Veruntreuung von Staatsgeldern als Theaterregisseur verhaftet wurde. Der Film lehnt sich locker an den Biografien der Leningrader Musiker Mike Naumenko (\u041c\u0438\u0445\u0430\u0438\u043b \u201e\u041c\u0430\u0439\u043a\u201c \u041d\u0430\u0443\u043c\u0435\u043d\u043a\u043e) und Viktor Tsoi (\u0412\u0438\u043a\u0442\u043e\u0440 \u0426\u043e\u0439) an und erz\u00e4hlt \u2013 \u00fcberwiegend in Schwarzwei\u00df \u2013 von Rock in der Sowjetunion und Liebe in Muckerkreisen, blo\u00df anders, als das jetzt klingen mag.<\/p>\n<p><!--more-->Die Handlung ist recht schnell erz\u00e4hlt: Mike und seine Band Zoopark sind in der sowjetischen Szene Anfang der Achtziger so etwas wie etabliert. Viele junge Talente wenden sich an ihn, weil sie sich einen Karrierekick versprechen, und f\u00fcr Viktor und einen Begleiter erf\u00fcllt sich dies bei einer forcierten Begegnung am Strand. W\u00e4hrend der introvertierte Mike seinen ebenfalls recht zur\u00fcckhaltenden Sch\u00fctzling durch die Instanzen f\u00f6rdert, entwickelt Mikes Ehefrau romantische W\u00fcnsche in Bezug auf Viktor \u2013 die sich in eine v\u00f6llig unerwartete und vermutlich einzigartige, weil vernunftgesteuerte Richtung entwickeln. Wie Serebrennikow diese Aspekte verbindet und erz\u00e4hlt, ist besonders.<\/p>\n<p>Zwar gibt es die geradlinige Geschichte von Rockmusikern auf der staatlich \u00fcberwachten Karriereleiter und dem Privatleben nebenbei, die der Film auch \u2013 zumindest bis kurz vor Schluss \u2013 chronologisch erz\u00e4hlt, doch versetzt Serebrennikow die Geschehnisse zwischendurch mit visuell und inhaltlich \u00fcberraschenden Sequenzen. So l\u00e4sst er immer wieder zwei gegens\u00e4tzliche Figuren auftreten, die die Gef\u00fchlslage der Hauptfiguren beinahe surreal \u00fcberzeichnen, und zwar den Skeptiker und den Punk. Der Punk agiert wie ein Kobold, der die gesellschaftlichen Konventionen durchbricht, und der Skeptiker fantasiert Situationen herbei, in denen unm\u00f6gliche Dinge geschehen. Insbesondere dieser Skeptiker dr\u00fcckt die Ohnmacht der beteiligten Personen aus, sei es gegen staatliche Repression oder in emotionalen Belangen, und betont am Ende jeder dieser Sequenzen, dass sich jene so nicht ereignet haben. Als gestalterische Besonderheit versieht Serebrennikow diese Szenen mit visuellen Experimenten, etwa mit grafischen Animationen auf den schwarzwei\u00dfen Bildern oder mit Super-8-Farbfilmausschnitten.<\/p>\n<p>Da der Hauptteil des Films in Schwarzwei\u00df und mit beinahe fotografisch komponierten Bildern eine wohlige Atmosph\u00e4re generiert, fallen diese Zwischensequenzen umso deutlicher auf. Sei es eine Schl\u00e4gerei in der Bahn \u2013 \u00fcbrigens neben dem zweiten Auftritt des Skeptikers mit der Pistole der einzige Moment mit so etwas wie Gewalt im gesamten Film \u2013, die beinahe musicalartige Fahrt mit einer Tasse Kaffee in der Stra\u00dfenbahn zu Iggy Pops \u201eThe Passenger\u201c, der surreale Auftritt der n\u00e4chtlichen Telefonzellennutzerin im Regen mit anschlie\u00dfendem Engelsflug im Treppenhaus oder die nachgestellten Cover von Westschallplatten: Diese Szenen wirbeln den Zuschauer aufgeregt herum und entlassen ihn dann wieder in den trotz der eher zur\u00fcckhaltenden Figuren mitrei\u00dfenden Fluss des Films.<\/p>\n<p>Historisch interessant sind die Parallelen und Unterschiede, die der Film in Bezug auf Rockmusik zwischen Ost und West herausarbeitet. Nat\u00fcrlich sind die Leningrader trotz des angeblich undurchl\u00e4ssigen Eisernen Vorhangs auch beeinflusst von David Bowie, Lou Reed, T-Rex, den Sex Pistols und Blondie, aber sehen sie sich einem Publikum ausgesetzt, das von staatlichen Aufpassern w\u00e4hrend des Konzertes zum Stillsitzen gezwungen wird, und m\u00fcssen sie sich ihre Texte von einem Zensurkomitee abnehmen lassen. Serebrennikow arbeitet Songtexte von West-Hits in die russischen Dialoge ein und zitiert damals in der Sowjetunion ber\u00fchmte Musiker, die man im Westen eher nicht kennt; zus\u00e4tzlich zur Story bietet der Film also einen gro\u00dfen Fundus an Kulturverweisen, die es nachzuarbeiten gibt.<\/p>\n<p>Mike, Natascha und Wiktor gab es wirklich, die Bands Zoopark (\u0417\u043e\u043e\u043f\u0430\u0440\u043a) und Kino (\u041a\u0438\u043d\u043e) waren in der Sowjetunion popul\u00e4r und einflussreich. Dennoch lehnt sich der Film lediglich an den Biografien an, die Natascha zusammentrug, nachdem die beiden Musiker Anfang der Neunziger starben; es ist \u2013 trotz eingestreuter Songs der Bands \u2013 weniger Serebrennikows Absicht, ein Biopic abzuliefern, als den Geist der damaligen Zeit einzufangen und aus heutiger Sicht zu betrachten. Und das ist sowas von beeindruckend gelungen: Grandiose Filmkunst mit Rock\u2019n\u2019Roll. Erinnert entfernt an \u201eControl\u201c von Anton Corbijn. Und \u201eLeto\u201c hei\u00dft \u00fcbrigens Sommer, nach einem Lied, das Mike 1982 auf seinem Solo-Album \u201eLV\u201c ver\u00f6ffentlichte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (15.11.2018) An diesem Film stimmt so gut wie alles. 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