{"id":2634,"date":"2018-08-28T22:51:52","date_gmt":"2018-08-28T20:51:52","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=2634"},"modified":"2018-08-28T22:51:52","modified_gmt":"2018-08-28T20:51:52","slug":"gundermann-andreas-dresen-d-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/gundermann-andreas-dresen-d-2018\/","title":{"rendered":"Gundermann \u2013 Andreas Dresen \u2013 D 2018"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-660\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (28.08.2018)<\/p>\n<p>Abseits der seit 29 Jahren hei\u00dfverh\u00f6kerten Ostalgie gibt es in Sachen DDR noch so einiges aufzuarbeiten: etwa die Situation, wenn man herausfindet, dass sich ein Vertrauter als Stasi-Spitzel entpuppt. Andreas Dresens neuer Film \u201eGundermann\u201c erz\u00e4hlt davon aus der Sicht des real existierenden S\u00e4ngers Gerhard Gundermann, der zeitgleich Rebell und IM, T\u00e4ter und Opfer war. Damit richtet der Film zeitgleich den Blick auf ein weiteres Kapitel: die in der Gesamtrepublik verschwundene Kultur der DDR \u2013 von der Band Gundermann &amp; Seilschaft hat bestimmt noch nicht jeder geh\u00f6rt. Gro\u00dfartiger, wichtiger Film.<\/p>\n<p><!--more-->Dresen w\u00e4hlte f\u00fcr seine Geschichte eine Struktur, die den Betrachter bis zum ergreifenden Schluss an den Sessel bindet: Im Jahr 1992 sieht sich Gundermann damit konfrontiert, dass ein Bekannter seine T\u00e4tigkeiten als IM-Spitzel herausfindet. In R\u00fcckblicken erz\u00e4hlt Dresen von den entsprechenden Geschehnissen und in den Liedern erm\u00f6glicht er die Inneneinsichten Gundermanns, zu denen der Liedermacher verbal nicht in der Lage ist.<\/p>\n<p>Dabei f\u00fchrt Dresen \u201eGundi\u201c Gundermann nicht eben als Sympathen ein: Seine Ignoranz, sein Hochmut seinen Kollegen und seiner einem Mitmusiker ausgespannten Frau Conny gegen\u00fcber sto\u00dfen ab, zeitgleich rettet er einen Igel vor dem \u00dcberfahrenwerden. Dieses Spannungsfeld bleibt \u00fcber den gesamten Film erhalten: Immer wieder offenbart Gundermann im egoistischen Verhalten eine menschliche Seite; die Ambivalenz macht es angenehm schwer, eine eindeutige Position zu der Figur zu entwickeln. Das Linkische in Gundermanns Gebaren, inklusive Schniefen und Brillehochschieben, l\u00e4sst den Barden erscheinen, als m\u00fcsste man ihn st\u00e4ndig in Schutz nehmen, und doch benimmt er sich h\u00e4ufig impulsiv aufbrausend und damit unberechenbar, jedoch niemals aggressiv. Den Posten als IM nimmt er in den Siebzigern an, weil er damit seiner Band Auftritte im West-Ausland erm\u00f6glicht; au\u00dferdem arbeitet er gelegentlich als Spion. Zeitgleich f\u00fchrt er die Regimevertreter vor, haupts\u00e4chlich an seinem Arbeitsplatz im Braunkohletagebau sowie bei Gespr\u00e4chen mit der SED-F\u00fchrung. Mit seiner gro\u00dfen Klappe verbaut er sich M\u00f6glichkeiten, die er als IM gehabt h\u00e4tte. Das Gute im Fragw\u00fcrdigen.<\/p>\n<p>Nach der gewaltlosen Revolution namens Wende enttarnt ihn ein Mitk\u00fcnstler und stellt ihn zur Rede, die Gundermann jedoch blockt. Auf Anraten seiner Frau offenbart er sich zwar seinen anderen Freunden und Musikern, l\u00e4sst aber Diskussionen und Hintergrundinfos nicht zu; er habe vergessen, was er der Stasi alles erz\u00e4hlt habe, und m\u00f6glicherweise trifft dieser Verdr\u00e4ngungseffekt sogar zu. Gundermann zeigt bei der Offenbarung gleichzeitig Verschlossenheit und Charakter, indem er der Begegnung zwar nicht aus dem Weg geht, dem Gespr\u00e4ch aber schon. Dabei muss Gundermann erkennen, dass er selbst nat\u00fcrlich ebenfalls ausspioniert wurde, von einem Freund sogar; selbst Opfer zu sein als T\u00e4ter, ist f\u00fcr Gundermann schwer tragbar.<\/p>\n<p>Nach einem \u00f6ffentlichen Outing als IM ist es nun an seinem Umfeld, Position zu beziehen: Kann man weiter mit einem Spitzel musizieren, kann man als Publikum seine Lieder noch mitsingen? Mit dieser Konfrontation verl\u00e4sst man den Saal, ohne ein konkretes Urteil von Seiten des Films selbst.<\/p>\n<p>Man erkennt Schauspieler Alexander Scheer als Gunderman kaum wieder: Noch vor 19 Jahren spielte er die Hauptfigur Micha in \u201eSonnenallee\u201c. Seine Leistung als Gundermann \u00fcbertrumpft er noch damit, dass er die Lieder selbst singt. \u00dcberdies ist die Musik \u00fcberraschend fein arrangiert; im Film stammt sie von der Band von Gisbert zu Knyphausen, einem Ziehsohn im Geiste. Die Lieder tragen eine recht deutliche DDR-Signatur, so stellt man sich als Wessi die Liedermacher und Pops\u00e4nger des Ostens vor. Mit einem gn\u00e4digen L\u00e4cheln zumeist, aber nicht mit der erforderlichen kulturellen Auseinandersetzung; zu der mag der Film hoffentlich beitragen.<\/p>\n<p>Wie \u00fcblich bei Dresens Filmen spielt auch bei \u201eGundermann\u201c wieder Axel Prahl mit, der selbst auch schon sammelbare Schallplatten ver\u00f6ffentlichte. In Nebenrollen treten weitere Stars wie Peter Sodann und Bjarne M\u00e4del auf. Dresen punktet nicht nur mit einer ergreifenden Geschichte, sondern bebildert die auch ansehnlich; lediglich bei manchen Dialogen stimmen die Stimmungen in den Anschl\u00fcssen nicht, bisweilen wirken Gespr\u00e4che leicht amateurhaft abgebildet. Aber das ist ein hinnehmbares Manko in diesem wichtigen Film.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (28.08.2018) Abseits der seit 29 Jahren hei\u00dfverh\u00f6kerten Ostalgie gibt es in Sachen DDR noch so einiges aufzuarbeiten: etwa die Situation, wenn man herausfindet, dass sich ein Vertrauter als Stasi-Spitzel entpuppt. 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