{"id":2458,"date":"2018-03-16T15:44:40","date_gmt":"2018-03-16T14:44:40","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=2458"},"modified":"2018-03-16T15:44:40","modified_gmt":"2018-03-16T14:44:40","slug":"liberation-day-morten-traavikugis-olte-lvkpnosi-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/liberation-day-morten-traavikugis-olte-lvkpnosi-2016\/","title":{"rendered":"Liberation Day \u2013 Morten Traavik\/Ugis Olte \u2013 LV\/KP\/NO\/SI 2016"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-660\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (16.03.2018)<\/p>\n<p>In ein so absurdes wie gef\u00e4hrliches Land wie Nordkorea 2015 als erste westliche Musikgruppe das slowenische K\u00fcnstlerkollektiv Laibach zu entsenden, und das ausgerechnet am Tag der Befreiung des Landes von der Japanischen Besetzung \u2013 treffender kann Totalitarismus nicht gespiegelt werden. Das Grandiose an dieser vortrefflichen Dokumentation dieses Unternehmens ist, dass sich hier beide Seiten spiegeln und Erkenntnisse gewinnen. Das Fingerspitzengef\u00fchl des Westteams unterstreicht einmal mehr, dass es sich bei Laibach mitnichten um eine Kaspertruppe handelt. Demn\u00e4chst also in Teheran.<\/p>\n<p><!--more-->Ein norwegischer und ein lettischer Regisseur, Morten Traavik und Ugis Olte, entwickeln aus der spinnerten Idee, Laibach in Nordkorea auftreten zu lassen, die Grundlage f\u00fcr diesen Film, der weit mehr ist als nur die Dokumentation einer Reise von selbst im Westen als Freaks geltenden K\u00fcnstlern in einen Unrechtsstaat. Verdreht genug, dass die im ebenso wie Nordkorea totalit\u00e4ren und sozialistischen Jugoslawien gegr\u00fcndeten Laibach aus nordkoreanischer Sicht als westlich gelten.<\/p>\n<p>Das Ergebnis \u00fcberrascht: Alles an diesem Film ist gut. Die Menschen sind als solche dargestellt, niemand wird vorgef\u00fchrt, die Filmemacher gehen respektvoll vor. Die Balance zwischen Anpassung an die permanent eingreifende, beklemmende und zerm\u00fcrbende Zensur und der k\u00fcnstlerischen Eigenst\u00e4ndigkeit stimmt. Humor liegt der Sache zwar zwangsl\u00e4ufig inne, doch ist der nicht plump gegen andere gerichtet, sondern auch gegen sich selbst. Der Film hat eine Struktur, die das nervenzehrende Warten mit Informationen anreichert. Die Bilder sind nicht nur dokumentarisch, sondern oftmals auch sch\u00f6n.<\/p>\n<p>\u00dcber Nordkorea kann man als aufgekl\u00e4rter Westler gleichzeitig lachen und sich erschrecken: Die von einem selbstverliebten Riesenbaby angef\u00fchrte Atommacht, die das eigene Volk einsperrt und damit weltfremd macht und dem Rest der Welt den Krieg erkl\u00e4rt. Nat\u00fcrlich ist es ein Aufeinandertreffen sich gegenseitig nicht verstehender Welten, doch geben die Filmemacher die Nordkoreaner nicht der L\u00e4cherlichkeit preis, trotz aller Seltsamkeiten, mit denen sie konfrontiert werden. Im Gegenteil, mit welcher Behutsamkeit, mit welchem Respekt und Fingerspitzengef\u00fchl Regisseure und K\u00fcnstler dem Wahnsinn begegnen, ist vorbildlich f\u00fcr ein grunds\u00e4tzliches menschliches Miteinander. Sicherlich wissen die Westler, dass es lebensbedrohliche Konsequenzen h\u00e4tte, sich querzustellen; daraus resultiert sicherlich ein gro\u00dfer Anteil an der gezeigten Vorsicht. Das Team entwickelt aber auch Respekt f\u00fcr die Umst\u00e4nde und das Wissen, dass die Menschen, denen sie im Zuge ihrer Arbeit an der B\u00fchnenshow begegnen, eben Menschen sind und sich auf eine Art und Weise verhalten, zu der sie schlichtweg keine Alternative kennen. Die Europ\u00e4er reflektieren dies analytisch und ohne Spott, damit wirken ihre Ansichten auch als Lehrbuch f\u00fcr den Zuschauer.<\/p>\n<p>Gleichzeitig f\u00fchren Laibach den Westen vor, der der Band \u2013 wie weiland jedem, der in der DDR auftrat \u2013 vorwirft, mit diesem Auftritt das totalit\u00e4re Regime zu unterst\u00fctzen. Ivan Novak, der Chefdenker von Laibach, kontert entwaffnend: Wenn man in totalit\u00e4ren Regimes grunds\u00e4tzlich nicht auftreten wolle, fiele es schwer, \u00fcberhaupt eine Grenze zu ziehen. Das sitzt. Rhetorisch ebenso geschickt gehen Laibach und die Filmer mit den Anforderungen des Koreanischen Regimes um: Wenn Nordkorea die Info, dass es sich bei Laibach um Nazis handele, aus Westmedien habe, die auch \u00fcber Nordkorea sagen, es sei ein totalit\u00e4res Regime, was Nordkorea bestreitet, dann bef\u00e4nden sich doch Land und Band auf der selben missverstandenen Seite und sollten sich solidarisieren. Punktsieg, die immerzu vom Verbot bedrohten Planungen gehen voran.<\/p>\n<p>Nicht nur aus solchen Situationen resultiert Humor. Es ist lustig, wenn der Strom f\u00fcr die gesamte Show aus einem schlecht isolierten Zugang im Nassraum kommen soll, gewiss \u2013 doch entlarvt die latent ignorante nordkoreanische Herangehensweise an westlichen Kulturimperialismus und Rockstartum genau solche Untiefen, die man aus Gewohnheit nicht mehr wahrnimmt. Die Lacher liegen auf beiden Seiten, ein Pluspunkt ist, dass das Filmteam genau dies zu zeigen zul\u00e4sst und sich selbst nicht schont. Ebenfalls damit nicht, Zensur zuzulassen: Damit wirft der Film die Diskussion auf, ob ein Einknicken innerhalb dieses Regimes trotzdem noch Rebellion ist, weil die Band ja nur mit Kompromissbereitschaft \u00fcberhaupt dort auftreten und ihre Botschaft vermitteln kann, oder Unterwerfung.<\/p>\n<p>Respekt beweist der Film auch, als er beim Er\u00f6ffnungsst\u00fcck des Konzertes die Gesichter des nordkoreanischen Publikums zeigt, das verschreckt und abwehrend, sp\u00e4ter vereinzelt kopfnickend und mit frischem Zugang auf den Kulturschock reagiert. Niemand wird hier vorgef\u00fchrt, solche Reaktionen sind nat\u00fcrlich \u2013 und fallen beim durchschnittlichen Formatradioh\u00f6rer sicherlich nicht anders aus, der erstmals mit Laibach konfrontiert wird. Das zeigen die Zwischensequenzen, die dem Uneingeweihten anhand von TV-Shows und Archivmaterial Kern, Wesen und Wirkung von Laibach nahebringen. Wer seit Ende der Achtziger in der Gothic- und EBM-Szene unterwegs ist, ist damit bestens vertraut, und auch damit, dass das vermeintliche Nazigebaren zu dem Konzept geh\u00f6rt, dem b\u00f6sartig Totalit\u00e4ren mit einer \u00dcberh\u00f6hung desselben einen Spiegel vorzuhalten. Die Grundhaltung der Band ist zweifellos links. Auf die deutschsprachige Marsch-Version des Queen-Hits \u201eOne Vision\u201c als \u201eGeburt einer Nation\u201c reagiert ein US-Amerikaner genau so verst\u00f6rt wie ein Nordkoreaner auf die Neufassung koreanischer Pophits durch die Slowenen. Der Film zeigt also, dass man den Menschen, die in diesem Land leben, nicht vorwerfen kann, wie sie sind, sondern sich ihnen mit aller Vorsicht n\u00e4hern muss, wenn man sie erreichen will, und das tun die Verantwortlichen hier vorbildlich.<\/p>\n<p>Ein geschickter Schachzug ist es sicherlich, nordkoreanische K\u00fcnstler und Lieder ins Programm zu integrieren. Zudem offenbaren der nur mit einem Lied angedeutete Auftritt und die Proben, welches musikalische K\u00f6nnen den Slowenen gegeben ist. Ihr K\u00f6nnen werfen auch die Regisseure in den Ring, etwa, wenn sie ebenjene Proben mit \u00e4sthetischen Impressionen aus der Auftrittshalle untermalen, die schlafende Koreaner, anonyme Beobachter hinter Glasscheiben oder herumfriemelnde Europ\u00e4er zeigen.<\/p>\n<p>St\u00e4rkster Charakter in diesem Ensemble ist nicht wie erwartet das optische Aush\u00e4ngeschild Laibachs, Milan Fras, sondern Regisseur Morten Traavik, der schon intensive Erfahrungen in Nordkorea gemacht hat und das Team energisch zur Umsicht anh\u00e4lt. Eben mit seiner Erfahrung gelingt es ihm auch, die anonymen Zensoren zur R\u00e4son zu bringen, indem er sich ihrer Argumentation beflei\u00dfigt: Indirekte Anweisungen ohne den pers\u00f6nlichen Kontakt seien unh\u00f6flich, l\u00e4sst er den \u00dcbersetzer wissen. Wieder ein Pluspunkt, und im Grunde mit der Methodik von Laibach. In einem Phantomias-Comic (Lustige Taschenb\u00fccher, Nummer 75) hie\u00df es bezeichnend: \u201eWenn du deine Feinde nicht besiegen kannst, verb\u00fcnde dich mit ihnen. Du musst mit den W\u00f6lfen heulen, nur lauter.\u201c Mit dieser Haltung gelingt Laibach mehr Entlarvung als mit dem Postulieren einer Gegenansicht. Und mit dieser Haltung entwaffnet auch der Regisseur die Staatsmacht.<\/p>\n<p>Was angesichts der bisweilen \u00fcberdreht-bunten Herangehensweise Laibachs an faschistoide Themen wie der Versuch anmutet, mit Filmteam in Nordkorea herumzubl\u00f6deln, entpuppt sich als erwachsener Zugang zu einem fremden System und der Film letztlich als eine Art Kulturbotschafter f\u00fcr das abgeschottete Land. Ein ganz bestimmter Umstand macht diesen Film bemerkenswert: Er nimmt \u00fcberall den Menschen wahr und behandelt jeden Gegen\u00fcber wie einen solchen. Das ist wohl die gr\u00f6\u00dfte Botschaft gegen Totalitarismus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (16.03.2018) In ein so absurdes wie gef\u00e4hrliches Land wie Nordkorea 2015 als erste westliche Musikgruppe das slowenische K\u00fcnstlerkollektiv Laibach zu entsenden, und das ausgerechnet am Tag der Befreiung des Landes von der Japanischen Besetzung \u2013 treffender kann &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/liberation-day-morten-traavikugis-olte-lvkpnosi-2016\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":660,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-2458","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kino"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2458","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2458"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2458\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2459,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2458\/revisions\/2459"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media\/660"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2458"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2458"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2458"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}