{"id":2426,"date":"2018-02-02T15:44:03","date_gmt":"2018-02-02T14:44:03","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=2426"},"modified":"2018-02-04T22:40:44","modified_gmt":"2018-02-04T21:40:44","slug":"lukas-adolphi-hg-die-cops-ham-mein-handy-lukas-adolphi-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/lukas-adolphi-hg-die-cops-ham-mein-handy-lukas-adolphi-2017\/","title":{"rendered":"Lukas Adolphi (Hg.) \u2013 Die cops ham mein handy \u2013 Lukas Adolphi 2017"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2427\" title=\"Lukas Adolphi - Die cops ham mein handy\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Lukas-Adolphi-Die-cops-ham-mein-handy.jpg\" alt=\"\" width=\"100\" height=\"147\" \/><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (02.02.2018)<\/p>\n<p>Nur h\u00f6chst selten bekommt ein Bestohlener jemals sein Eigentum zur\u00fcck. Der Leipziger Designer Lukas Adolphi hatte das Gl\u00fcck, sein geklautes Mobiltelefon nach einiger Zeit von der Polizei wieder ausgeh\u00e4ndigt zu bekommen. Inklusive eines zweiw\u00f6chigen SMS-Verlaufs des Diebes, und den ver\u00f6ffentlicht Adolphi nun sieben Jahre sp\u00e4ter als B\u00fcchlein. Der naturgem\u00e4\u00df l\u00fcckenhafte Gespr\u00e4chsverlauf eines Sch\u00fclers mit Freunden und Freundinnen gibt einen Einblick in eine befremdliche Lebensmoral, der man nicht ausgeliefert sein m\u00f6chte: Die Shakespearschen Verstrickungen lesen sich zwar unterhaltsam, aber die unreflektierte Lebensweise macht Angst. \u201eDie cops ham mein handy\u201c ist eine Sozialstudie, von der man hofft, dass sie ein Fake ist.<\/p>\n<p><!--more-->Im Vorwort schildert Adolphi den Hergang: Kaum aus der Bank getreten, fordern Jugendliche von ihm unter Gewaltandrohung Geld und Handy; eine traumatisierende Begebenheit. Den Chatverlauf des Diebes, den er nach Umbenennung s\u00e4mtlicher Beteiligter Marco hei\u00dfen l\u00e4sst, abzudrucken, sei seine Art von Genugtuung, so Adolphi. Diese Chats stammen aus der Zeit vor Whatsapp und aus einem Milieu, mit dem man nicht den Planeten teilen mag: fragw\u00fcrdige Moral, fehlende Reflexion, selbstverst\u00e4ndliche Kriminalit\u00e4t. Und doch dreht sich das meiste der Chats um Liebe und Sex; eine verst\u00f6rende und damit nicht lustige Kombination mit Blick auf die Gewalt, die nach Adolphis Erfahrung von Marco und Konsorten ausgeht.<\/p>\n<p>Dieser Sch\u00fcler Marco nun beendet f\u00fcr eine Neue die Beziehung mit seiner Freundin, und zwar per SMS. Seine fadenscheinigen Erl\u00e4uterungen nimmt sie verst\u00e4ndnisvoll hin und dr\u00e4ngt auf den Erhalt einer Freundschaft. Derweil windet sich die Neue darum, das Neue mit Marco als Beziehung aufzufassen. Gleichzeitig bekommt er zwei Angebote f\u00fcr Dreiersex, von denen er eines, unter anderem mit der Ex, wegen der Neuen zun\u00e4chst halbherzig ablehnt und das zweite sp\u00e4ter selbst anleiert; das Zustandekommen bleibt jeweils offen. Das zweite Themenfeld des Kleinkriminellen ist Geld, das er schuldet und das man ihm schuldet, sowie das gemeinsame Abh\u00e4ngen und am Rande beil\u00e4ufig auch die \u00dcberf\u00e4lle.<\/p>\n<p>Beinahe alles diskutieren die Minderj\u00e4hrigen mit Verst\u00e4ndnis f\u00fcreinander, trotz gelegentlichen Insistierens. Geld kommt sp\u00e4ter? Kein Problem. Den Dreier nicht weitererz\u00e4hlen? Selbstverst\u00e4ndlich! Denn, so das Fazit der Chatpartner: Allen ist Marco wichtig, er ist ein wertvoller Mensch, niemand will ihn verlieren. Und alle Chats, auch die mit den Jungs, enden auf \u201eild\u201c, \u201eIch liebe dich\u201c, oder \u201eKuss\u201c. Der Leser indes kann diese Zuneigung nicht teilen und nur angewidert zur Kenntnis nehmen.<\/p>\n<p>Nicht alle angerissenen Problematiken erfahren eine Aufl\u00f6sung, oftmals vergeht Zeit zwischen den Nachrichten, in der sich die Beteiligten offenbar treffen oder w\u00e4hrend der sie telefonieren. So entstehen L\u00fccken und Cliffhanger, die nat\u00fcrlich auch eine Spannung erzeugen. Gern etwa h\u00e4tte man gewusst, was einer der Minigangster von der Polizei f\u00fcr ein vermeintlich unintelligentes Schreiben bekommen hat. Auch ist nicht ganz eindeutig, warum zur H\u00e4lfte der Tonfall kippt: vom fast weichlich-emotionalen Miteinander zur distanzierten bis gleichg\u00fcltigen Vulgarit\u00e4t.<\/p>\n<p>Ein Glossar erl\u00e4utert bekannte SMS-Abk\u00fcrzungen; was fehlt, sind die Hinweise auf s\u00e4chsische Sprachfeinheiten. \u201eMeiner\u201c etwa ist offenbar eine typische Anrede unter Freunden, \u201eheme\u201c hei\u00dft \u201enach Hause\u201c. Ansonsten herrscht hier die \u00fcbliche Ignoranz dem Dudengegen\u00fcber vor; man erwartete eigentlich sogar noch deutlich Schlimmeres. W\u00f6rter wie \u201eficken\u201c wiederum tauchen erst nach der H\u00e4lfte auf, davor gibt sich der Reigen sprachlich eigent\u00fcmlich brav.<\/p>\n<p>Man m\u00f6chte sich nicht vorstellen m\u00fcssen, dass man in der selben Welt lebt wie diese Figuren. Sie \u00fcberfallen wahllos Menschen, um an Geld zu kommen, und finden nichts dabei. Sie haben Sex, mit wem sie wollen, und alle Beteiligten sind einverstanden. Allein der Gedanke, dass man jederzeit Betroffener von solch einer Moral sein k\u00f6nnte, l\u00e4sst dem Leser kalte Schauer \u00fcber den R\u00fccken laufen. Hartes Pflaster Leipzig, oder existiert diese Parallelgesellschaft allerorts? Und ausgerechnet dort \u00e4ngstigt man sich vor einer Parallelgesellschaft, die von Fremden ausgehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Jedoch gibt es Indizien, die darauf hindeuten, dass das alles ein Fake ist. Trotz der L\u00fccken ist die Dramaturgie des B\u00fcchleins weitgehend geschlossen, es ergeben sich Spannung und Sogwirkung. Ein zeitlicher Ablauf au\u00dferhalb des zweiw\u00f6chigen Chatverlaufs bleibt schwammig; unklar ist, wann Adolphi das Ger\u00e4t zur\u00fcckerhielt, warum der Dieb es nur zwei Wochen lang nutzte und warum der Herausgeber den Chatverlauf erst jetzt, sieben Jahre nach dem Diebstahl, zug\u00e4nglich macht. Auch blendet er absichtlich den Ausgang des Gerichtsprozesses gegen den Dieb aus und \u00e4ndert s\u00e4mtliche Vornamen; das kann sowohl zum Pers\u00f6nlichkeitsschutz als auch gegen eine recherchierbare Verifizierung der Darstellung sein. Mit geringen Ausnahmen alle Beteiligten, inklusive \u201eMutti\u201c, haben Marcos neue Handynummer, die er sich nur deshalb zulegte, weil \u201edie cops\u201c ja sein altes \u201ehandy ham\u201c. Das Schlussmachen k\u00fcndigt Marco seiner Neuen gegen\u00fcber als direkte Aktion an, vollzieht es aber zum besseren Lesevergn\u00fcgen per SMS. Der Netzbetreiber erf\u00e4hrt regelm\u00e4\u00dfige Nennung, das hat bei aller Authentizit\u00e4t hat den Beigeschmack von Sponsoring, ebenso von Seiten eines renommierten Verlages, dessen Layout Adolphi mit Ansage \u00fcbernimmt. Nicht zuletzt d\u00fcrfte der Designer Adolphi sich mit Marketing recht gut auskennen \u2013 und dank der mit der Ver\u00f6ffentlichung verbundenen Aufmerksamkeit den ein oder anderen neuen Auftrag erhalten haben.<\/p>\n<p>Man kann nur hoffen, dass dies ein Fake ist, angesichts der unangenehmen Figuren in diesem Buch. Als entbl\u00f6\u00dfender Racheakt birgt das Traktat zwar einen gewissen Witz, den der als authentisch klassifizierte Inhalt aber im Halse stecken bleiben l\u00e4sst. Nun ist \u201eDie cops ham mein handy\u201c nun mal als Kunstprodukt in die Welt entlassen \u2013 als szenische Lesung kommt es exakt heute in Dortmund auf die B\u00fchne, die Anlage zur Theaterinszenierung ist immanent. Und gar nicht so abwegig angesichts der an Shakespeare geschulten Irrungen und Verwirrungen. Adolphi sei es geg\u00f6nnt, der Coup erfordert Respekt, ganz gleich, ob real oder nicht.<\/p>\n<p>[Edit 04.01.2018] Kein Fake, sagt der Ersteller!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (02.02.2018) Nur h\u00f6chst selten bekommt ein Bestohlener jemals sein Eigentum zur\u00fcck. Der Leipziger Designer Lukas Adolphi hatte das Gl\u00fcck, sein geklautes Mobiltelefon nach einiger Zeit von der Polizei wieder ausgeh\u00e4ndigt zu bekommen. 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