{"id":241,"date":"2012-09-30T13:00:07","date_gmt":"2012-09-30T11:00:07","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=241"},"modified":"2013-11-15T13:13:09","modified_gmt":"2013-11-15T12:13:09","slug":"holy-motors-leos-carax-f-d-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/holy-motors-leos-carax-f-d-2012\/","title":{"rendered":"Holy Motors \u2013 Leos Carax \u2013 F\/D 2012"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-667\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Kino-Film1.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (30.09.2012)<\/p>\n<p>Einen Film wie \u201eHoly Motors\u201c hat es vermutlich wirklich noch nie gegeben: Er ist kein Film mit einer stringenten Geschichte; daf\u00fcr mit einem Dutzend Geschichten, die in sich schl\u00fcssig sind, aber in keinem Zusammenhang zueinander stehen, bis auf den, den Carax erfand, um aus seinen kleinen Skizzen einen Gesamt-Film zu machen: Er l\u00e4sst einen Mann, M. Oscar (Denis Lavant), in einer Stretchlimo durch Paris fahren, sich verkleiden und als jeweils anderer Charakter die verschiedenen Geschichten erleben. Im Verlauf trifft M. Oscar \u00fcberraschend auf andere Realit\u00e4ten-Darstellende; die im Film tats\u00e4chliche Realit\u00e4t ist jedoch nicht so einfach zu entschl\u00fcsseln, und wenn man Anfang und Ende betrachtet, erscheint \u201eHoly Motors\u201c gar wie eine Abrechnung mit dem zeitgen\u00f6ssischen Kino. Die Geschichten sind dabei mindestens nachdenklich, manchmal (optische) Finger\u00fcbungen, stets dunkel und so gut wie nie positiv. So ist \u201eHoly Motors\u201c zwar absolut sehenswert, aber einmal reicht wahrscheinlich.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Fragen, die \u201eHoly Motors\u201c aufwirft, sind rein interpretatorischer Natur und nicht die nach der internen Logik. Die ist aus der Natur der Struktur heraus gar nicht vorausgesetzt, man ist daher zum philosophieren gezwungen. Anfang und Ende erscheinen wie eine Filmkritik: Anfangs erwacht ein Mann in einem Raum oberhalb eines Kinosaals. Man h\u00f6rt, dass das Publikum eine Hafenszenerie sieht. Um den Raum zu verlassen, muss der Mann eine mit einem Wald bedruckte Wand durchbrechen. Das sieht nach David Lynch aus. Er blickt auf die Leinwand, und erst dann geht der Film los.<\/p>\n<p>Darin beginnt ein offenbar wichtiger Mensch, M. Oscar, seinen Arbeitstag. Verfolgt von motorisierten und umringt von bewaffneten Leibw\u00e4chtern verl\u00e4sst er seine Familie, steigt in eine Stretchlimo und telefoniert \u00fcber ein wirtschaftlich anmutendes Thema. Bis dahin wirkt M. Oscar wie ein Steuerer, verliert diese Position aber sofort. Die Fahrerin teilt ihm mit, dass sein erster Termin auf ihn wartet, und er \u2013 verkleidet sich ohne Erkl\u00e4rung in der wie eine Theatergarderobe ausgestatteten Limousine als alte Frau, die verfolgt von Leibw\u00e4chtern auf der Stra\u00dfe bettelt. Danach \u00fcbt er, inzwischen komplett befreit von Leibw\u00e4chtern, in einem schwarzen Kampfanzug mit Lampen dran eine Kampfsportart und hat Cybersex mit einer rotgewandeten Kombattantin. Danach stolpert er als Gnom durch Paris, st\u00f6rt eine Lifestylefotosession, bei\u00dft der Fotoassistentin Finger ab, entf\u00fchrt das Model in die Kanalisation, fertigt aus ihrem Nichts von einem Kleid eine Burka und legt sich mit erigiertem Penis neben sie. Danach ist M. Oscar der Vater einer Teenagerin mit mangelndem Selbstwertgef\u00fchl, ein Auftragskiller, der einen Mann, der aussieht wie er, umbringt, ein Akkordeonspieler einer Balkanband in einer Kirche, ein sterbender Mann in einem Hotel und vieles mehr. Stets sind die Figuren unberechenbar, mein wei\u00df vorher nie, welchen Charakter sie haben oder wie blutig es wird. F\u00fcr nichts gibt es eine Erkl\u00e4rung, nicht einmal f\u00fcr die Auftr\u00e4ge oder \u00fcber die Auftraggeber.<\/p>\n<p>Zumindest sickern die Auftraggeber gelegentlich durch: Einmal fragt ihn die Fahrerin, ob sie die Gesellschaft \u00fcber eine Zeitverz\u00f6gerung informieren soll, und einmal fragt ihn ein Vorgesetzter, ob er seinen Job noch mag. Au\u00dferdem brechen im Verlaufe der Sequenzen die Rollen auf: Die Nichte des Sterbenden entpuppt sich ebenfalls als Rollenspielerin, einmal scheint M. Oscar in einem der Auftr\u00e4ge eher einem Impuls zu folgen als der Auftragsmappe, als er n\u00e4mlich einen B\u00e4nker erschie\u00dft und von dessen Leibw\u00e4chtern niedergestreckt wird, w\u00e4hrend er \u201eAuf die Genitalien zielen\u201c ruft, und einmal trifft er in einem verlassenen Jugendstilkaufhaus auf eine fr\u00fchere Geliebte, die sich danach vom Dach des Hauses st\u00fcrzt und im Gegensatz zu ihm nach diversen Verblutungen tats\u00e4chlich tot ist.<\/p>\n<p>An sich m\u00fcsste diese Sequenz die einzige sein, in der M. Oscar er selbst ist. Das l\u00e4sst jedoch an der ersten Sequenz zweifeln, in der er in den Arbeitstag startet, obwohl sie nicht als Auftrag deklariert ist. Der letzte Auftrag indes f\u00fchrt M. Oscar in eine Fertighaussiedlung, wo er mit zwei Schimpansen zusammenlebt. Die Fahrerin verl\u00e4sst ihn und sagt \u201eBis morgen\u201c, was impliziert, dass dieses Leben sein echtes sein muss. R\u00e4tsel \u00fcber R\u00e4tsel. Am Ende schl\u00e4gt Carax die Br\u00fccke zum Anfang: Die Frau f\u00e4hrt die Limousine in eine Garage mit dem Filmtitel als Namen. Dort unterhalten sich die Autos \u00fcber ihren Tag und stellen klagend fest: \u201eDie Leute wollen keine Handlung mehr.\u201c Vermutlich ist das der Grund, weshalb Carax so viele Handlungen in seinem Film unterbringt.<\/p>\n<p>Filmisch indes ist \u201eHoly Motors\u201c keine solche Gro\u00dftat. Carax&#8216; Kameramann verl\u00e4sst sich auf die banale Totale, was den Film etwas statisch wirken l\u00e4sst. Ein gro\u00dfes Ma\u00df an Realit\u00e4tsn\u00e4he sickert dadurch in den Film ein, dass Carax auf Musik weitgehend verzichtet und die Ger\u00e4usche in den Sequenzen so dicht wie im echten Leben rekonstruiert. \u201eHoly Motors\u201c ist also eher inhaltlich als optisch eine Besonderheit.<\/p>\n<p>Am nachhaltigsten und die Grundhaltung mit den Rollen, die jeder im Leben spielt, ist \u00fcbrigens die Sequenz, in der M. Oscar einen Vater spielt. Er stellt die heranwachsende Tochter zur Rede, was auf der Party passiert sei, von der er sie gerade abholte. Mit Jungen getanzt habe sie. Und die Freundin werde separat abgeholt. Klingt wie die \u00fcbliche Sache mit dem eifers\u00fcchtigen Vater, der seine Tochter nicht loslassen kann. Doch dann ruft diese Freundin den Vater an und er erf\u00e4hrt, dass seine Tochter ihn anlog: Sie war in Wahrheit die ganze zeit \u00fcber im Badezimmer eingeschlossen, die Freundin hat mit den Jungs getanzt. Der Vater wird sauer, weil aus ihr so nie etwas werde. Sie fragt: \u201eWerde ich jetzt bestraft?\u201c Und er sagt: \u201eJa. Die Strafe ist wie folgt: Du hast du selbst zu sein und damit klarzukommen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (30.09.2012) Einen Film wie \u201eHoly Motors\u201c hat es vermutlich wirklich noch nie gegeben: Er ist kein Film mit einer stringenten Geschichte; daf\u00fcr mit einem Dutzend Geschichten, die in sich schl\u00fcssig sind, aber in keinem Zusammenhang zueinander stehen, &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/holy-motors-leos-carax-f-d-2012\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-241","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kino"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/241","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=241"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/241\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":244,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/241\/revisions\/244"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=241"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=241"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=241"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}