{"id":2409,"date":"2018-01-21T00:36:16","date_gmt":"2018-01-20T23:36:16","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=2409"},"modified":"2018-01-21T00:36:16","modified_gmt":"2018-01-20T23:36:16","slug":"anne-clark-ill-walk-out-into-tomorrow-claus-withopf-d-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/anne-clark-ill-walk-out-into-tomorrow-claus-withopf-d-2018\/","title":{"rendered":"Anne Clark: I\u2019ll Walk Out Into Tomorrow \u2013 Claus Withopf \u2013 D 2018"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-660\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (20.01.2018)<\/p>\n<p>Zehn Jahre lang, so kolportiert es die Info, begleitete Regisseur Claus Withopf die musikalische Poetin Anne Clark. Sein Film \u201eI\u2019ll Walk Out Into Tomorrow\u201c hat also das Potential, der K\u00fcnstlerin so nahe zu kommen, wie sie es in den 35 Jahren ihrer Karriere so gut wie niemandem gew\u00e4hrte. Woran auch immer es liegt: Das Experiment geht gnadenlos schief. Der Fan gewinnt ein halbes Dutzend neue Erkenntnisse und der Nichtauskenner nicht wesentlich mehr. Was ist der Grund, hat der Regisseur keine Ahnung von seinem Job oder l\u00e4sst die Portr\u00e4tierte nicht mehr als das Bisschen zu?<\/p>\n<p><!--more-->Es geht damit los, dass Anne Clark zum Eingang dar\u00fcber jammert, dass Plattenfirmen sie am Anfang ihrer Karriere \u00fcber den Tisch gezogen haben. Damit er\u00f6ffnet Withopf das Portr\u00e4t mit einem Themenfeld, das man eigentlich gar nicht mit Anne Clark assoziiert: Kommerzialit\u00e4t, Kohle, Kapitalismus. Von Kunst keine Spur, und auch in den n\u00e4chsten 80 Minuten erf\u00e4hrt man kaum mehr dar\u00fcber. Es ist kein angenehmer Eindruck, den man so von Clark bekommt; der Film korrigiert dieses Bild nur unwesentlich, Clark wirkt verbittert, wenn sie sp\u00e4rlich Details aus ihrem Leben preisgibt. Nicht zuletzt die zwei Momente, die sie im Umgang mit ihren Mitmusikern zeigen, festigen den befremdlichen Eindruck von einer herrischen Dame, die rasch ungn\u00e4dig sein kann.<\/p>\n<p>Es kann also durchaus an Clark selbst liegen, dass der Film misslingt. Sie scheint sich die ganze Zeit \u00fcber zu weigern, \u00fcberhaupt mitzumachen. Wer wei\u00df, ob sie beim Sichten des Materials nicht unabl\u00e4ssig Szenen gestrichen hat, so dass f\u00fcr einen ganzen Film nur eine halbe Handvoll \u00fcbrig blieben. Diese f\u00fcgt Withopf nun ohne einen Hauch von Erz\u00e4hlstrang aneinander, getrennt durch Clarks Musikst\u00fccke. M\u00f6glicherweise greifen diese inhaltlich die vorangegangenen Themen auf und stellen so tats\u00e4chlich ein Bindeglied her; in ihrer L\u00e4nge vermitteln sie eher den Eindruck von F\u00fcllmaterial, weil die reinen Erz\u00e4hlsequenzen zusammen keine Viertelstunde ergeben. Dabei beachtet Withopf keinerlei Chronologie; sowohl die Lieder als auch die Geschehnisse folgen keiner zeitlichen Abfolge. Vermittelnde Erkl\u00e4rungen, nicht nur f\u00fcr Neueinsteiger, fehlen vollends. Wer sich nicht zuf\u00e4llig mit Clarks Vita und Discografie einigerma\u00dfen auskennt, ist vollkommen aufgeschmissen. So ist etwa regelm\u00e4\u00dfig die Rede von einem Album, an dem Clark arbeitet; der Titel \u201eThe Smallest Act Of Kindness\u201c f\u00e4llt keinmal, der Hinweis, dass das Album bereits vor zehn Jahren erschien, fehlt auch. Man k\u00f6nnte denken, es st\u00fcnde ein brandneues Album zur Ver\u00f6ffentlichung an.<\/p>\n<p>Withopf zeigt Clark an nur drei, vier verschiedenen Standorten, die meisten Szenen sind an ein und demselben Tag gedreht. Da begibt er sich dann einmal mit der K\u00fcnstlerin nach London, um sich alte Wirkungsst\u00e4tten zeigen zu lassen, die sie dann auch brav vorzeigt \u2013 und zu sehen bekommt man dabei lediglich Clark im Taxi, aber beinahe kein St\u00fcck von London. Noch schlimmer sind die Musikst\u00fccke unterlegt, n\u00e4mlich mit schlechten Lettergrafiken, zumindest am Anfang, und das im Falle von \u201eI Of The Storm\u201c auch noch fehlerhaft, n\u00e4mlich als \u201eEye Of The Storm\u201c.<\/p>\n<p>Zwischendurch schimmert immer wieder durch, dass Clark sehr wohl Spannendes zu berichten hat. Doch sind diese Infos so reduziert, sogar mit Ansage, die Withopf nicht herausschnitt, dass sie auch in einem kurzen Bericht Platz gefunden h\u00e4tten: Anne Clark wuchs in einem sehr gewaltt\u00e4tigen Umfeld auf, Sexualit\u00e4t war die erste nichtgewaltt\u00e4tige k\u00f6rperliche Erfahrung f\u00fcr die allen drei Geschlechtern gegen\u00fcber aufgeschlossene Frau, Clark ist zwar spirituell, verachtet aber Religionen, sie arbeitete eine Weile in einer Psychiatrie, die sie verlie\u00df, als die Mitarbeiter begannen, die Insassen zu drangsalieren, eine TV-Sendung \u00fcber die Sex Pistols weckte den Punk in ihr, ihre Lyrik ist nicht akademisch, sondern emotional, und \u201eSleeper In Metropolis\u201c ist von einem Wohnblock in Croydon inspiriert.<\/p>\n<p>Nicht erf\u00e4hrt man, was wann und warum geschah. Nach dem finanziellen Kollaps verbrachte sie einige Zeit in Norwegen; mehr als das berichtet niemand, den Zeitpunkt, die Dauer, den Grund f\u00fcr die R\u00fcckkehr. Man wei\u00df nicht, wer die St\u00fccke komponiert, die ihre Lyrik untermalen. Die Zeitpunkte und Orte der Liveaufnahmen und Viceoclips bleiben unerw\u00e4hnt. Familienstand, Interessen abseits von Lyrik, Lebensweise, musikalische Sozialisastion: Die K\u00fcnstlerin h\u00e4lt sich bedeckt. Und lacht auch nur zweimal. Gute Laune, so sagt sie, sei f\u00fcr sie nicht inspirierend.<\/p>\n<p>Die Songs indes sind unantastbar. Da hat Anne Clark von Anfang an, also seit 1982, Gl\u00fcck gehabt: Obschon die Musik \u2013 wie knapp zehn Jahre zuvor bei Patti Smith \u2013 zur Begleitung ihrer Gedichte gedacht war, hatte sie immer Leute an ihrer Seite, die ihre St\u00fccke auch musikalisch zu gro\u00dfartigen Werken machten. Und das in wechselnden Genres. Mit ihrem unverwechselbaren Vortragsstil zu diesen Songs, die keinen Popstrukturen folgen und trotzdem mitrei\u00dfen, erarbeitete sie sich die Treue vieler Fans \u2013 und nicht etwa durch sexualisierte Weiblichkeit, die respektablerweise keinerlei Rolle bei der Darstellung dieser K\u00fcnstlerin spielt. Das entspricht ungef\u00e4hr dem Bild, das man als Publikum von Anne Clark hat.<\/p>\n<p>Wer Anne Clarks Werdegang ohnehin verfolgt und bestenfalls noch ihre Semi-Autobiografie \u201eNotes Taken, Traces Left\u201c gelesen (oder die H\u00f6rbuchvariante verinnerlicht) hat, ist am Ende besser bedient als mit diesem Film. Der unterstreicht h\u00f6chstens die hohe k\u00fcnstlerische Qualit\u00e4t Clarks, mitnichten indes die des Regisseurs. So eine schlechte Musikerdokumentation war im Jahre 2018 und nach einer Vielzahl umjubelter Vergleichswerke, die zu einem gro\u00dfen Teil auch bei Sound On Screen zu sehen waren, nicht zu erwarten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (20.01.2018) Zehn Jahre lang, so kolportiert es die Info, begleitete Regisseur Claus Withopf die musikalische Poetin Anne Clark. 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