{"id":2385,"date":"2017-12-18T16:08:15","date_gmt":"2017-12-18T15:08:15","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=2385"},"modified":"2017-12-18T16:08:15","modified_gmt":"2017-12-18T15:08:15","slug":"lutter-die-gesamtedition-zdf-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/lutter-die-gesamtedition-zdf-2017\/","title":{"rendered":"Lutter: Die Gesamtedition \u2013 ZDF 2017"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2386\" title=\"Lutter - Die Gesamtedition\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Lutter-Die-Gesamtedition.jpg\" alt=\"\" width=\"100\" height=\"142\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Von Matthias Bosenick (18.12.2017)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Ein Sozialromantiker sei Kommissar Lutter aus Essen, sagt ihm einer seiner Kontrahenten in der zweiten von sechs Episoden dieser Krimiserie, die das ZDF vor zehn Jahren startete. Anders gesagt: Hier schl\u00e4gt Sozialdavid in allen F\u00e4llen den Geldgoliath. Das Ruhrgebiet mit seiner Hauptstadt Essen ist hier mehr als nur Kulisse, die Figuren sind sympathisch, die F\u00e4lle weitgehend komplex, Joachim Kr\u00f3l als Pottcolumbo ist ein Vergn\u00fcgen \u2013 da sieht man gern \u00fcber manch deutsche TV-typische Untiefe hinweg.<\/span><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Hier kommt alles zusammen, was man als Tourist im Ruhrgebiet erwartet: Fu\u00dfball, Industrie, soziales Ungleichgewicht, \u201eK\u00e4\u00e4l\u201c und Currywurst. Geschickterweise kickt Lutter selbst in einer Altherrenfreizeitmannschaft und h\u00e4ngt mit seinem bildungswilligen Kumpel Sunny bei Wirt H\u00f6cki in der Kneipe ab, wenn er nicht gerade in Politik und Wirtschaft ermittelt. Sein zumindest einmal wechselnder Assistent deckt den durchschnittlichen Kleinb\u00fcrger ab, Staatsanw\u00e4ltin und Pathologin sind schwer zug\u00e4ngliche Liebschaften. Die Vorgesetzten sind eher klassisch im Anzug und linientreu dargestellt, daf\u00fcr ist Kriminaltechniker Sven ein Exot: Er h\u00f6rt Underground-Rockmusik, antwortet auf \u201edanke\u201c mit \u201epleasure\u201c und f\u00fcttert die Kr\u00f6ten in seinem Laborterrarium mit lebenden Regenw\u00fcrmern. Lauter Typen, die man ins Herz schlie\u00dft und die \u00fcberraschend treffsichere Dialoge austauschen, h\u00e4ufig eben typisch Pott.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Auch die fallspezifischen Randfiguren sind zumeist gut ausgearbeitet. Ein Zuh\u00e4lter mit Wiener Dialekt, ein mittelkrimineller Knasti mit kodderiger Angeberattit\u00fcde, das renitente Immobilienopfer mit Kampfeswillen. Viele sind sogar attraktiv prominent besetzt: Cosma Shiva Hagen spielt eine Gefallene, die auf Biob\u00e4uerin umschult, der gro\u00dfartige J\u00fcrgen Tarrach einen Autoh\u00e4ndler, der sich um das Wohl seines Fu\u00dfballvereins sorgt, Armin Rohde einen schmierigen Juwelenhehler mit Gewalttendenzen. Sie alle heben den Durchschnitt an, und das ist n\u00f6tig, denn es gibt in der Serie leider auch Kollegen, die ihn nach unten rei\u00dfen: Einige Figuren sind zu \u00fcberzeichnet, zu h\u00f6lzern oder zu konstruiert, um zu \u00fcberzeugen, doch da die Geschichten und der ganze Rest stimmig sind, steckt man das gern weg.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Ebenso die Filmkunst. Man erlebt einen Wechsel in der Gestaltung ab der dritten Episode. Die ersten beiden erinnern stilistisch grob an \u201eSe7en\u201c, mit verlangsamten oder beschleunigten Passagen und \u00e4sthetisch gl\u00fchenden \u00dcberg\u00e4ngen. Diese Experimente unterbleiben f\u00fcrderhin, die Filme tragen wieder den noch deutlicheren TV-Charakter. Daf\u00fcr wagen die Macher ab Folge f\u00fcnf spannende Kamerafahrten, die man eher im Kino erwartet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Ein bisschen wundert man sich \u00fcber die Ausgestaltung der Nebenfiguren in Lutters Kollegenkreis. Sein leicht schmieriger Assistent Bergmann steht ihm nur in den ersten beiden Filmen zur Seite, ihn ersetzt Engels (beide hei\u00dfen Michael, \u00fcbrigens), den sein junges Familiengl\u00fcck auf beinahe nervende Art von der Arbeit abh\u00e4lt, womit Lutter aber souver\u00e4n grimmig umgeht und was Engels mit \u00fcberraschender Fachkompetenz wettmacht. Kein so flacher Charakter, wie es zun\u00e4chst scheint. Anders ist es bei der Staatsanw\u00e4ltin Deniz, mit der Lutter anscheinend etwas hatte, was sich in Film f\u00fcnf aber zerfasert und was, angelegt im vierten Teil, zuletzt in ein latentes Interesse an der Pathologin Sina m\u00fcndet. Konstant authentisch agieren Lutters Kneipenkumpels; Sunny ger\u00e4t einmal sogar selbst ins Zentrum der Ermittlungen und wird im n\u00e4chsten Film Privatdetektiv.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Die Geschichten selbst sind angenehm vielschichtig, bis auf die dritte, und spannend. Lutter assoziiert sich mit Groll und Nonchalance gleicherma\u00dfen durch die Erkenntnisse, die seine Kollegen und er so zusammentragen, und ermittelt sich vom H\u00f6lzchen zum T\u00e4ter. Sobald diese unter Reichen und Politikern zu finden sind, f\u00fchlt man sich inhaltlich an skandinavische Krimis erinnert. Blut flie\u00dft hier indes etwas weniger, aber dennoch amtlich genug. Angenehm ist im Zusammenhang mit der Explizit\u00e4t, dass die Macher die Episode, die auszugsweise im Rotlichtmilieu stattfindet, nicht f\u00fcr schmierige Altherrendarstellungen missbrauchen, sondern beim Thema bleiben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Und Joachim Kr\u00f3l ist nat\u00fcrlich super. So manches Mal nimmt man ihm seine Rolle nicht ab, das zeichnet ihn als Schauspieler beinahe aus \u2013 niemand sonst ist augenscheinlich so wenig souver\u00e4n und doch so authentisch und liebenswert. Sein Lutter, laut Info Mittelhochdeutsch f\u00fcr \u201elauter\u201c, \u201ehell\u201c, \u201erein\u201c, \u201esauber\u201c, hat das Herz auf dem linken Fleck und ist auch als Staatsgewalt einer von den Guten. Unbestechlich, unkorrumpierbar, geradeheraus, seiner Sache treu bleibend. Und lustig, wenn er die Egozentrik und die Dummheit der Anderen entlarvt. Oder einfach nur \u00fcberhaupt kommuniziert. \u201eHalt mal mein Bier warm\u201c, \u201eDer mag Schmerzen, der spielt linksau\u00dfen\u201c: Bonmots liefert Lutter zuhauf. Und Essen ist auch sch\u00f6n, so mit Zollverein und Baldeneysee.<\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Lutter\u201c kann man sich bestens angucken, darf aber kein Kinoformat erwarten. F\u00fcrs Fernsehen ausgezeichnet, und mit den ganzen herzensguten Figuren auch etwas, in das man gern abtaucht. Und am Ende sitzen wir alle bei H\u00f6cki auf ein Bier. Alle sechs Filme, gedreht zwischen 2006 und 2010 (schon seltsam, dass die damals noch keine Smartphones hatten, ansonsten aber technisch nicht dem Jetzt hinterherhinken), gibt\u2018s ohne Extras auf drei DVDs.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (18.12.2017) Ein Sozialromantiker sei Kommissar Lutter aus Essen, sagt ihm einer seiner Kontrahenten in der zweiten von sechs Episoden dieser Krimiserie, die das ZDF vor zehn Jahren startete. 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