{"id":2091,"date":"2016-11-21T20:17:21","date_gmt":"2016-11-21T19:17:21","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=2091"},"modified":"2016-11-23T00:15:39","modified_gmt":"2016-11-22T23:15:39","slug":"paterson-jim-jarmusch-usa-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/paterson-jim-jarmusch-usa-2016\/","title":{"rendered":"Paterson \u2013 Jim Jarmusch \u2013 USA 2016"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-660\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Von Matthias Bosenick (21.11.2016) \/ Auch ver\u00f6ffentlicht auf <a title=\"Kult-Tour\" href=\"http:\/\/www.kult-tour-bs.de\/paterson-jim-jarmusch-usa-2016\/\" target=\"_blank\">Kult-Tour Der Stadtblog<\/a><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Mit diesem Puzzlespiel von einem Film besch\u00e4ftigt Jim Jarmusch seine Zuschauer noch Stunden nach Verlassen des Kinos. Nimmt man nur die Zwillinge als Leitmotiv, kann man schon auf schier unendliche Entdeckungsreise gehen. Die kleine Geschichte am Rande nimmt man dann trotzdem gern mit, weil sie so warmherzig und anr\u00fchrend ist. Typisch f\u00fcr Jarmusch sind die skurrilen Normalen in diesem Film, die fast m\u00e4rchenhafte Abwesenheit von Rassenunterschieden sowie die vielen pop- und sonstwie kulturellen Verweise. Ein Fest!<\/span><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">An acht Tagen verfolgt man das Leben des Busfahrers Paterson in der Stadt Paterson, New Jersey. So richtig etwas zu verfolgen gibt es dabei eigentlich nicht: Paterson erwacht neben seiner Freundin Laura, fr\u00fchst\u00fcckt, geht zur Arbeit, dreht mit dem Bus seine Runden, unterh\u00e4lt sich nach Feierabend beim Essen mit Laura und verbindet seinen abendlichen Gassigang mit Hund Marvin mit einem Besuch in seiner Stammbar. Nebenbei schreibt er Gedichte. Fertig. Aber wir sind hier ja bei Jim Jarmusch, da ist das nicht so einfach und l\u00e4ngst nicht alles.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Den ersten Montag gestaltet Jarmusch wie die Vorlage zu einem Murmeltiertag. Diesen Tag muss man ehrlicherweise \u00dcbles w\u00e4hnend durchhalten: Wie Jarmusch Patersons Leben absteckt, das hat etwas Konstruiertes, Langweiliges. Der Dienstag legt dann das Fundament f\u00fcr das Spannende an dieser Vorgehensweise: Jarmusch wiederholt nur Teile des Montags, sp\u00e4testens ab Mittwoch treten die ersten Abweichungen und Ver\u00e4nderungen ein, und in ebenjenen liegen Komik und Tiefe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Eigentlich ist Paterson gar nicht am Leben beteiligt. Er ist ein Beobachter, sowohl in der Beziehung als auch als Busfahrer: Andere leben, andere tauschen sich dar\u00fcber aus, andere schmieden Pl\u00e4ne und setzen sie um, andere ver\u00f6ffentlichen B\u00fccher. Er schreibt nur Gedichte in seine Kladde. Sogar sein Hund ist st\u00e4rker als er. Erstaunlicherweise steckt in diesem Leben f\u00fcr Paterson selbst nur Gl\u00fcck: Er ist so zufrieden wie kaum jemand sonst. Und dabei doch so farblos, dass das Leben um ihn herum um so schillernder erscheint, ohne dies wirklich zu sein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Farblos ist \u00e4u\u00dferlich auch Laura: Sie designt ihre Welt in Schwarz und Wei\u00df. Und das als einzige in Paterson, die weder schwarz noch wei\u00df ist, sondern als Araberin eine Mischung daraus. Sie ist es auch, die als erstes Puzzleteil das Motiv der Zwillinge in den Film setzt, das jener unabl\u00e4ssig aufgreift: Dialoge, Namen, Phrasen, Personen tauchen (mindestens) doppelt auf. Das Wiederfinden weckt beim Betrachter \u00f6sterliche Gef\u00fchle, und weil man als Europ\u00e4er aufwuchs, hat man wahrscheinlich gar nicht die Chance, s\u00e4mtliche Analogien auszumachen, insbesondere solche, die in der US-Kultur liegen. Nicht jeder kennt Sam &amp; Dave oder Abbott &amp; Costello.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Dennoch ist es Laura, die ihrem und Patersons Leben Schwung verleihen will. Die Kernhandlung besteht darin, dass sie ihn bittet, seine Kladde mit den Gedichten zu kopieren, weil sie findet, dass die Welt sie kennenlernen soll, und die spannende Frage ist, ob er das am Samstag auch wie versprochen macht. Sie selbst will gleichzeitig die beste Cupcakeb\u00e4ckerin und die beste neue Countrys\u00e4ngerin werden. Paterson und Laura f\u00fchren zwar eine respektvolle Beziehung, und doch h\u00e4ngt er abends immer ohne sie in der Bar ab. Als einziger Wei\u00dfer unter Schwarzen \u00fcbrigens. Vermutlich sollte man sich weniger um eine Beziehung in Abwesenheit Gedanken machen, sondern die Inhalte goutieren, die Jarmusch in dieser Bar ansiedelt, die wiederum so hei\u00dft wie die Lieblingsverkleidung zweier Schulkinder, die sich von Paterson mitgeh\u00f6rt dar\u00fcber im Bus unterhalten: Shade. Das mal nur so als Beispiel f\u00fcr die Puzzleteile in diesem Film. In der Bar sind Schach und Billard die Spiele der Wahl, streiten sich Paare, doziert der Wirt \u00fcber aus Paterson stammende Ber\u00fchmtheiten. Sowohl seine Wall Of Fame als auch Patersons Buchregal sind dabei Teil eines Kniffs, den Jarmusch schon im Vorg\u00e4nger \u201eOnly Lovers Left Alive\u201c anwandte: Er bringt seinen eigenen kulturellen Horizont darin unter und l\u00e4sst die Kamera dar\u00fcberschwenken. Wie auch bei \u201eOnly Lovers Left Alive\u201c befindet sich Iggy Pop unter den so Dargestellten; dies als Beispiel f\u00fcr die Aufmerksamkeit, die man dem Film widmen sollte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Wie weit Jarmuschs Horizont ist, \u00e4u\u00dfert sich nicht nur darin, dass er die sich ansonsten nicht vielen Menschen erschlie\u00dfende Literaturgattung Poesie ins Geschehen einflicht, sondern dass er ihr in einer Sequenz die verwandte Musikgattung Rap gegen\u00fcberstellt. Diese Szene unterstreicht zudem, dass es in Jarmuschs Welt, wie schon in seinem \u201eGhost Dog\u201c, keinen Unterschied zwischen den Herk\u00fcnften der Menschen gibt. Es gibt keine Hautfarben, keine Religionen, keine Dissonanzen. Einmal halten des nachts vier schwarze Hiphopper mit einem aufgemotzten Cabriolet neben Paterson an und verwickeln ihn in ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Hunde. Der Zuschauer ist so gepr\u00e4gt von vergleichbaren Situationen, dass er sofort Aggressivit\u00e4t erwartet, doch Jarmusch findet andere Wege. M\u00e4rchenhafte, sicher, aber diese M\u00e4rchenhaftigkeit tut gut.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Wie immer bei Jarmusch ist auch hier wieder die Musik wichtig. Die steuert er, wie schon bei \u201eOnly Lovers Left Alive\u201c, selbst bei, mit seinem Postrock-Projekt Sq\u00fcrl. Negativ ist an diesem Film eigentlich nur eins: der deutsche Synchron. Es ist ein Sakrileg, einen Film, der von Poesie handelt, nicht im Original zu belassen, besonders, wenn die Originalgedichte permanent auf der Leinwand mitgeschrieben erscheinen. Auf Deutsch klingt es auch sch\u00e4big, dass Paterson und Laura sich mit W\u00f6rtern wie \u201eBabe\u201c anreden, und deplatziert, dass der Rapper den Hund mit \u201eDigger\u201c anspricht. Ein Jarmusch geh\u00f6rt schlichtweg nicht synchronisiert. Punkt. Abgesehen davon ist \u201ePaterson\u201c ein klassischer Jarmusch im Hier und Jetzt und einer der besten Filme des Jahres.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (21.11.2016) \/ Auch ver\u00f6ffentlicht auf Kult-Tour Der Stadtblog Mit diesem Puzzlespiel von einem Film besch\u00e4ftigt Jim Jarmusch seine Zuschauer noch Stunden nach Verlassen des Kinos. 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