{"id":1960,"date":"2016-07-19T16:20:15","date_gmt":"2016-07-19T14:20:15","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=1960"},"modified":"2016-07-19T16:20:15","modified_gmt":"2016-07-19T14:20:15","slug":"toni-erdmann-maren-ade-d-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/toni-erdmann-maren-ade-d-2016\/","title":{"rendered":"Toni Erdmann \u2013 Maren Ade \u2013 D 2016"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-660\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Von Matthias Bosenick (19.07.2016)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Fremdsch\u00e4m \u2013 Der Film: W\u00e4ren da nicht die unersch\u00fctterlich reagierenden anderen Figuren, man vers\u00e4nke andauernd im Erdreich vor lauter Schamgef\u00fchl den beiden Hauptcharakteren gegen\u00fcber. Die Unternehmensberaterin Ines und ihr Vater Winfried bringen in Bukarest Manager und Jetset durcheinander, und das alles nur, weil sie sich von einader und vom eigenen Leben entfremdet haben. Regisseurin Maren Ade schont niemanden und h\u00e4lt bis zum Exitus drauf. So kommen locker zweieinhalb Stunden Film zusammen, in denen man sich schon bisweilen fragt, ob eine Stunde weniger die Wucht aus dem Ablauf genommen h\u00e4tte. Denn der Film ist so hyperrealistisch, dass der Kontrast zu den absurden Sequenzen dadurch erst so bewusst wird. <\/span><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Wilfried ist ein Scherzbold, und als solchen f\u00fchrt Ade ihn gleich in den Film ein: Er ver\u00e4ppelt einen Paketboten mit einem h\u00f6chst verst\u00f6renden Streich. Seiner beruflich erfolgreichen Tochter ist er nur peinlich, er hingegen nimmt eine private Leere in ihr wahr. \u00dcberraschend besucht er sie in Bukarest, verbringt einige verkrampfte Stunden mit ihr und verschwindet \u2013 vermeintlich. Denn er kehrt mit Plastikgebiss und Strubbelper\u00fccke als Managercoach Toni Erdmann zur\u00fcck, befremdet Ines&#8216; Umfeld und gibt Ines die M\u00f6glichkeit, sich ihm als Quasi-Fremde neu zu n\u00e4hern. Beider Verhalten f\u00e4rbt auf den anderen ab, und doch sind die jeweiligen Umw\u00e4lzungen nicht wesensver\u00e4ndernd.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Der Hyperrealismus ist die gro\u00dfe Trumpfkarte in diesem Film. Vor diesem Hintergrund wirken die Absurdit\u00e4ten noch viel eindrucksvoller: Reibek\u00e4se statt Koks, Ion Tiriacs Schildkr\u00f6te, bulgarisches Monster auf der unbeabsichtigten Nacktparty, Eierf\u00e4rben mit dem Botschafter. Doch weil die Betroffenen diese Absurdit\u00e4ten obschon befremdet, so aber doch bereitwillig mit- oder \u00fcberspielen, endet genau dort das Fremdsch\u00e4mgef\u00fchl.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Indes bleiben einige Unw\u00e4gbarkeiten bestehen. Die Nicht-Sex-Szene erf\u00fcllt zwar den Tatbestand des Absurden, passt aber weder in Ines&#8216; Charakter noch in den Film so richtig hinein. So dominant Ines gesch\u00e4ftlich ist, so schwach ist sie doch im Privaten, und einen Untergebenen sexuell so kleinzuhalten, geschieht zwar genau auf der Grenze zwischen Business und Leben, zeigt aber eine Ines, die zum Rest ihres Charakters nicht im Einklang steht. Auch das Geburtstagsbrunch, das sie angegnatzt nackt er\u00f6ffnet, \u00fcberzeugt nicht: Einerseits scheint Ines jeden Moment psychisch zusammenzubrechen und ihre Nacktheit wie psychotisch neben sich auszuleben, andererseits hat dieses Verhalten keinen weiteren Einfluss auf ihr weiteres Vorgehen. Klar ist, dass der Auftritt des Monsters in keinem gr\u00f6\u00dferen Kontrast zum Geschehen stehen k\u00f6nnte. Doch \u00e4ndert Ines letztlich lediglich ihren Arbeitgeber, nicht ihr Leben. Da hilft es auch nichts, dass sie sich mal das Kunststoffgebiss ein- und einen albernen Hut aufsetzt. Nat\u00fcrlich r\u00fcckte sie endlich ihrem Vater n\u00e4her, und das sollte auch geschehen. Die Schlussszene ist da konsequent.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Was hier absolut \u00fcberzeugt, sind die Darsteller und die Dialoge. Sandra H\u00fcller ist eine verkn\u00f6cherte, depressive Managertante ohne Leben, Peter Simonischek ein verzottelter, gebeugter alter Mann mit Schalk im Nacken und versteckten F\u00e4higkeiten. Auch die Managertypen agieren \u00fcberzeugend, anders etwa als in \u201eOutside The Box\u201c, der ein \u00e4hnliches Biotop auf den Kopf stellt. Doch wo jener systematisch menschenverachtende Realit\u00e4ten benennt und blo\u00dfstellt, konterkariert \u201eToni Erdmann\u201c diese Realit\u00e4ten mit einem verqueren Gegenentwurf, garniert mit Realkritik (Sexismus, Armut).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Die L\u00e4nge aber ist diskutabel. Recht h\u00e4ufig nun ertappt man sich dabei, einen dargestellten Gedanken erfasst zu haben und f\u00fcr den n\u00e4chsten Schritt bereit zu sein. Doch Ade h\u00e4lt drauf. Man verfolgt ganze Consultingmeetings, die keinerlei Inhalt haben, was man schon nach einem Bruchteil der Zeit erfasst hat. Oft verharrt die Kamera auf einer Einstellung, die jedoch nicht immer die skandinavische Kargheit vermittelt, sondern eben schlichtweg irgendein Bild zeigt. Trotzdem, der dieses Drama durchziehende Humor ist gro\u00dfartig, teilweise v\u00f6llig aus dem Nichts kommend, und die ganze Sache ist kaum vorhersehbar. Damit gelingt \u201eToni Erdmann\u201c etwas, das heutzutage kaum noch Geschichten mitbringen: Unerwartetes bringen und doch (weitestgehend) nachvollziehbar bleiben. Und wer zum Abspann \u201ePlainsong\u201c von The Cure auspackt, macht sowieso etwas richtig.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (19.07.2016) Fremdsch\u00e4m \u2013 Der Film: W\u00e4ren da nicht die unersch\u00fctterlich reagierenden anderen Figuren, man vers\u00e4nke andauernd im Erdreich vor lauter Schamgef\u00fchl den beiden Hauptcharakteren gegen\u00fcber. 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