{"id":1818,"date":"2016-04-26T23:40:44","date_gmt":"2016-04-26T21:40:44","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=1818"},"modified":"2016-05-01T23:25:50","modified_gmt":"2016-05-01T21:25:50","slug":"die-arschkrampen-das-leben-ist-eine-deponie-live-im-schutzenhaus-wesendorf-am-25-april-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/die-arschkrampen-das-leben-ist-eine-deponie-live-im-schutzenhaus-wesendorf-am-25-april-2016\/","title":{"rendered":"Die Arschkrampen: Das Leben ist eine Deponie \u2013 Live im Sch\u00fctzenhaus Wesendorf am 25. April 2016"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/IMG_4761.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-1819\" title=\"Arschkrampen und Autor im Gespr\u00e4ch\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/IMG_4761-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Von Matthias Bosenick, Interviewfoto von Boris Neubrandt (26.04.2016) \/ Auch ver\u00f6ffentlicht auf <a title=\"Kult-Tour\" href=\"http:\/\/www.kult-tour-bs.de\/die-arschkrampen-das-leben-ist-eine-deponie-kalkhofe-und-wischmeyer-in-wesendorf\/\" target=\"_blank\">Kult-Tour Der Stadtblog<\/a><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Da muss ich erst fast 44 Jahre alt werden und erlebe zum ersten Mal in meinem Heimatdorf, in dem ich 26 Jahre lang gewohnt habe, eine Kulturveranstaltung. Und dann noch so eine gigantische: Die Arschkrampen vom Radio-ffn-Fr\u00fchstyxradio feiern fr\u00f6hliches Comeback und treten zum Auftakt der gesamten Tour im Sch\u00fctzenhaus, \u00e4hm: Kulturzentrum in Wesendorf auf. Deutschlands wohl wichtigster Medienkritiker Oliver Kalkofe und Deutschlands wohl effektivster Beklopptendetektor Dietmar Wischmeyer reaktivieren ihre alten Figuren Kurt und G\u00fcrgen. Und wie: Nach drei Stunden Programm kollabiert bei allen 800 G\u00e4sten das Zwerchfell. Und zum Schluss sind die K\u00fcnstler noch fannah zu Fotos und Gespr\u00e4chen bereit. Ein Traum.<\/span><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Kalkofe und Wischmeyer in Wesendorf. Mit den Arschkrampen. Ich gebe zu, dass ich mit denen nur so halbviel anfangen konnte, als sie noch allgegenw\u00e4rtig waren. Sie waren mir einfach zu vulg\u00e4r. Mit dieser Ablehnungshaltung entging mir das, was hinter den Kraftausdr\u00fccken und politischen Inkorrektheiten steckte: ein eher linkes, kritisches Weltbild, das viele gesellschaftliche, politische und soziale Schwachpunkte der Gegenwart aufdeckte und sie mit harten Worten benannte. Es macht eben einen gro\u00dfen Unterschied, ob ein dummer Mensch vor sich hinprollt oder zwei intelligente jenes Wesen \u00fcbernehmen und ihre eigenen Inhalte damit transportieren. Einfach nur p\u00f6beln kann jeder, aber so wie Wischmeyer als Kurt und Kalkofe als G\u00fcrgen, die ihre R\u00fcpeleien mit bester Bildung unterf\u00fcttern, eben nicht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Einen sch\u00f6nen Aufbau \u00fcberlegten sich die beiden Unterhalter f\u00fcr den Abend: Zun\u00e4chst setzen sie sich als sie selbst an das Pult auf der B\u00fchne und plaudern aus der Zeit, als sie die Arschkrampen ersannen. Sie geben Details aus dem Universum der beiden Figuren preis und belegen diese mit kleinen Szenen, f\u00fcr die sie als Verkleidung nicht mehr als Kopfbedeckung und Brille aufsetzen, aber sofort in die vertrauten Rollen schl\u00fcpfen. Der zweite Teil besteht dann ausschlie\u00dflich aus einer ellenlangen assoziativen Kurt-und-G\u00fcrgen-Szene in der Kneipe \u201eBei Gertrud\u201c. So groovt man also als Zuh\u00f6rer mit Kalkofe und Wischmeyer erst sanft in die Thematik ein und f\u00e4llt dann nach satten drei Stunden schnappatmend vom Stuhl.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Vordergr\u00fcndig geht es bei Kurt und G\u00fcrgen darum, ungebildeten Menschen bei Kneipengespr\u00e4chen zuzuh\u00f6ren. Kurt ist der lautstarke Prolet, der Absurdit\u00e4ten postuliert, oftmals politisch fragw\u00fcrdig, besonders mit Blick auf Frauen, der von seinen Sauferlebnissen schwadroniert, \u00fcber seine Kumpels lobend l\u00e4stert und sich selbst als dollen Hecht darstellt, insbesondere mit geringsch\u00e4tzigem Blick auf seinen piepsigen Begleiter G\u00fcrgen. Der stellt das ethische Korrektiv dar, das mit Allgemeinwissen und Sachlichkeit Kurts Tiraden abschw\u00e4chen will, ihm aber meistens doch um des lieben Friedens willen beipflichtet. Hintergr\u00fcndig behandeln die beiden weltbewegende Themen und entlarven einerseits die dumpfbackige unreflektierte Haltung des Durchschnittsdeutschen und stellen ihm andererseits analytische Betrachtungen gegen\u00fcber, s\u00e4mtliches garniert mit einem vulg\u00e4ren Vokabular kombiniert mit Germanistendeutsch.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Historisch erhellend ist der Anfang der Show. Wischmeyer berichtet, wie er in Bielefeld die Elemente dessen aus Beobachtungen zusammentrug, was sp\u00e4ter zu den Arschkrampen werden sollte (\u201eBrettermeier\u201c etwa, Kurts Phantom-Antagonist, so Wischmeyer, sei ein Synonyn f\u00fcr den \u201eLattenjupp\u201c, also das Kruzifix). Kalkofe steuert Betrachtungen zur Medienlandschaft bei; seinerzeit lie\u00df Radio ffn nicht nur aus heutiger Sicht Unfassbares zu, meistens mit dem Argument, es versende sich ohnehin; \u201edamals gab es noch keine Mediathek\u201c, bemerkt Kalkofe trocken, \u201eaus der etwas gel\u00f6scht werden musste\u201c, und l\u00f6st damit einen riesigen Jubelsturm aus. Der Hieb auf die Staatsaff\u00e4re B\u00f6hmermann sitzt und erreicht alle. Was auch f\u00fcr das Publikum spricht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Allm\u00e4hlich drehen Wischmeyer und Kalkofe auf. Bis zur Pause leuchten sie anderthalb Stunden lang das Universum ihrer Figuren aus, um es danach 75 Minuten lang voll auszuspielen. Im Schweinsgalopp hechten sie von Thema zu Thema, in einem assoziativen Wahnsinn, dem man kaum folgen kann und der nach Kurts Ausf\u00fchrungen, die er G\u00fcrgens Kritik entgegenbringt, bisweilen sogar einigerma\u00dfen schl\u00fcssig ist. G\u00fcrgens Seitenhiebe diffamieren den S\u00e4ufer zwar, doch stehen sich die Figuren selbstverst\u00e4ndlich in Sachen Intellekt in nichts nach \u2013 kein Wunder bei den Darstellern. Da freut man sich als Zuh\u00f6rer schon, wenn ihnen mal ein Schnitzer unterl\u00e4uft wie \u201edie fr\u00fchen Neunziger des vergangenen Jahrtausends\u201c. Die guten Zitate schleudern sie einem mit einer Frequenz um die Ohren, dass man sich die M\u00fche sparen kann, zu versuchen, sich auch nur einige wenige zu merken. Geht nicht. Irgendwas von der \u201eZentrifugierung der Innenst\u00e4dte\u201c bleibt vielleicht h\u00e4ngen, der Rest ist gerade noch so als f\u00e4kales Gold in Erinnerung bleibend. Irgendwann kann man vor lauter Lachen ohnehin nicht mehr richtig zuh\u00f6ren. Geschweige denn Witze behalten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Veranstalter waren die Jungs von Hoax, die die Arschkrampen vor 22 Jahren schon einmal nach Wesendorf geholt hatten. Damals, so erz\u00e4hlten sie mir, kamen sogar 1400 G\u00e4ste ins Sch\u00fctzenhaus, heute nur noch 800: weil 1994 die St\u00fchle schmaler und die Sicherheitsauflagen weniger streng waren. Voll war der Saal trotzdem, und zufrieden die G\u00e4ste. Wischmeyer und Kalkofe hatten am Merchandisestand alle H\u00e4nde voll zu tun, mit Signieren, Fotografieren, Parlieren. Unter anderem auch mit mir, zumindest Kalkofe, w\u00e4hrend Wischmeyer seinen Pflichten als guter K\u00fcnstler nachkam.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">mbb: Tourauftakt in Wesendorf \u2013 warum in diesem Nest?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Kalkofe: Wir waren sonst immer in Gro\u00df Oesingen, dieses mal haben wir uns gesagt: Wir machen Wesendorf. Wenn man die Stars von Welt fragt, wie Robbie Williams, die sagen alle, Wesendorf ist genau das Richtige f\u00fcr einen Tourauftakt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">mbb: Was macht das Auftreten auf D\u00f6rfern so besonders?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Kalkofe: Die Leute auf den D\u00f6rfern haben gerade mit den ganzen Sachen vom Fr\u00fchstyxradio zu tun gehabt, ein gro\u00dfer Teil der Fans kommt ja aus kleinen D\u00f6rfern. Auf Tour haben wir meistens nur wenige Termine und sind dann nur in gro\u00dfen St\u00e4dten, das fanden wir unfair. Deswegen haben wir gerade gesagt: Wir gehen in D\u00f6rfer. Das sind auch oft sch\u00f6ne Orte. Die Arschkrampen haben hier selber Spa\u00df. Wir haben ja alle beide viel zu tun, Mattscheibe, Schlefaz, da haben wir gesagt, immer mal eine Woche am St\u00fcck schaffen wir, und da sind wir bewusst auch in kleinere Orte gegangen. [Anm.: Die Tour ist in mehrere mehrt\u00e4gige Bl\u00f6cke aufgeteilt]<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">mbb: Stellt Ihr einen Unterschied fest zwischen Land- und Stadtpublikum?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Kalkofe: Man merkt, dass sie in D\u00f6rfern sehr gut mitgehen. Sie h\u00f6ren gut zu, freuen sich und sind dankbar, dass hier was passiert. Auf den D\u00f6rfern sind die Leute meistens am aufmerksamsten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">mbb: Passt Ihr das Programm an, je nachdem, ob ihr im Dorf oder in der Stadt auftretet?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Kalkofe: Nein! Das Programm ist \u00fcberall dasselbe. Wir passen es h\u00f6chsten im Lauf der Tage an, wenn die Figuren sich entwickeln und wir einzelne Gags ausprobieren. Aber nicht f\u00fcr den Auftrittsort.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">mbb: Von der B\u00f6hmermann-Medienkritik zu den Arschkrampen \u2013 wie passt das in einen Topf?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Kalkofe: Das ist das Sch\u00f6ne, seit ich damit angefangen habe, im Radio die unterschiedlichsten Figuren zu machen, da war es schon abwechslungsreich \u2013 und heute ist es noch abwechslungsreicher. Ich habe an allem den gleichen Spa\u00df, ich finde die Arschkrampen so geil wie die Mattscheibe oder ernsthafte Kritik. Es ist sch\u00f6n, \u00fcber die Zeit beides zu haben, und es ist toll, wenn das alles funktioniert. Deswegen macht mir alles nach all der Zeit noch Spa\u00df, weil ich Abwechslung habe. H\u00e4tte ich nur eins davon, h\u00e4tte ich wohl schon l\u00e4ngst aufgeh\u00f6rt. Aber so freue ich mich auf alles.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">mbb: Mir gef\u00e4llt an den Arschkrampen, dass hinter den Kraftausdr\u00fccken ernsthafte Inhalte stecken.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Kalkofe: Wir haben Spa\u00df daran gehabt, Ausdr\u00fccke zu verwenden, die man da sonst nicht vermutet. Damit zeigen wir: Ein schlechtes Wort sagen muss nicht schlecht sein. Der Ziegenficker hat gezeigt, dass manches nicht so verstanden wird, wie es gemeint war. Wir stellen fest: Die Arschkrampen haben da noch viel Aufkl\u00e4rungsarbeit zu leisten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Die Nacht in Wesendorf wird f\u00fcr die K\u00fcnstler wohl noch lang, zumindest sind sie um Mitternacht noch sehr beansprucht. Tja, da muss ich fast 44 Jahre alt werden, um erstmals in meinem Heimatdorf einer Kulturveranstaltung beizuwohnen. Meine Kopenhagener Freundin bemerkt dazu: \u201eFast 44 und du gehst die Arschkrampen h\u00f6ren. Da ist etwas los mit dein Bild von Kultur ;)\u201c Da hat sie Recht. Gottlob sollte dies nicht der letzte gute Witz des Abends sein. Danke, Hoax! Und danke Wischmeyer und Kalkofe.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick, Interviewfoto von Boris Neubrandt (26.04.2016) \/ Auch ver\u00f6ffentlicht auf Kult-Tour Der Stadtblog Da muss ich erst fast 44 Jahre alt werden und erlebe zum ersten Mal in meinem Heimatdorf, in dem ich 26 Jahre lang gewohnt habe, &hellip; <a href=\"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/die-arschkrampen-das-leben-ist-eine-deponie-live-im-schutzenhaus-wesendorf-am-25-april-2016\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1819,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-1818","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-buhne"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1818","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1818"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1818\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1823,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1818\/revisions\/1823"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1819"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1818"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1818"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1818"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}