{"id":1699,"date":"2016-02-03T20:01:40","date_gmt":"2016-02-03T19:01:40","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=1699"},"modified":"2016-02-03T20:01:40","modified_gmt":"2016-02-03T19:01:40","slug":"goethes-erben-menschenstille-dryland-recordssamsonido-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/goethes-erben-menschenstille-dryland-recordssamsonido-2015\/","title":{"rendered":"Goethes Erben \u2013 Menschenstille \u2013 Dryland Records\/Samsonido 2015"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1700\" title=\"Goethes Erben - Menschenstille DVD\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Goethes-Erben-Menschenstille-DVD.jpg\" alt=\"\" width=\"100\" height=\"141\" \/> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1701\" title=\"Goethes Erben - Menschenstille CD\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Goethes-Erben-Menschenstille-CD.jpg\" alt=\"\" width=\"101\" height=\"100\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Von Matthias Bosenick (03.02.2016)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Ist das nicht gruftig? Goethes Erben sind nicht tot, sie riechen nicht mal komisch. Oswald Henke erweckte seine alte Band von den Toten, um mit ihr im Oktober 2015 in Bayreuth ein Musiktheaterst\u00fcck \u00fcber das Sterben auf die B\u00fchne zu bringen. Nun ist ja kein Konzert der Erben jemals frei von Theater gewesen und Henke somit auch hier in seinem nat\u00fcrlichen Element. F\u00fcr die zwei Auff\u00fchrungen, die diesem Mitschnitt auf DVD zugrunde liegen, fuhr der Mann alles auf, was ihm an Opulenz einfiel, in Sachen Musikern, T\u00e4nzern, Arrangeuren und B\u00fchnendekorateuren. Unfassbar aufw\u00e4ndig. Das ergibt fast drei Stunden schwere Kost, die nicht zwingend eine Geschichte erz\u00e4hlt, aber dramatische Inhalte transportiert. Und optisch durch die Monochromie fokussiert ist: Das Sterben ist \u00e4sthetisch grau. Ein Teil der Musikst\u00fccke l\u00e4sst sich auch fein ohne die Bilder zu Gem\u00fcte f\u00fchren, daf\u00fcr gibt es ein Destillat des St\u00fcckes auf CD. Einziger Wermutstropfen: Die gottlob nur selten eingesetzte Kraushoferin ist nicht mal ansatzweise ein Ersatz f\u00fcr Mindy Kumbalek.<\/span><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Standen bei Henke anfangs (also vor 26 Jahren) noch stark die Inhalte im Vordergrund, arbeitete er zusehends mit mehr und mit versierteren Musikern zusammen, was der Musik nicht nur der Goethes Erben, sondern auch der anderen Projekte, wie zuletzt der nach ihm benannten Band Henke, eine viel gr\u00f6\u00dfere Relevanz verlieh. Die einst zu Piano gesprochenen Gedichte wurden zu ansprechend ausformulierten Songs. Diese Linie setzt sich auch auf \u201eMenschenstille\u201c fort; auch hier reicht die musikalische Bandbreite von der Pianoballade bis zum opulenten Popsong, \u00fcber die Stationen Rock, Kammermusik und Industrial; \u201eHintergrundrauschen\u201c etwa klingt wie ein auf Henkes Lyrik aufgepepptes \u201eOne Hundred Years\u201c von The Cure. Daf\u00fcr gibt es dann eben die CD: Die kann man sich als mit 80 Minuten vielleicht \u00fcberlanges Goethes-Erben-Album der Gegenwart anh\u00f6ren. Den Livesound muss man akzeptieren, die St\u00fccke sind eben nicht wie im Studio formvollendet ausproduziert; schlechter macht es sie nicht. Man muss jedoch damit zurechtkommen, dass Mindy Kumbalek bei dieser Inkarnation der Erben nicht mehr mit im Boot sein will und dass Sonja Kraushofer von L&#8217;\u00c2me Immortelle und Persephone den gesanglichen und theatralischen Herausforderungen Henkes nicht gewachsen ist. Die anderen involvierten Musiker arbeiten bereits unterschiedlich lang mit Henke zusammen; Cellistin Susanne Reinhardt ist seit 1995 dabei, Pianist Markus K\u00f6stner teilt seit 1996 Projekte mit Henke, darunter die Erben und Artwork, Tenor Tobias Sch\u00e4fer war auch beim Projekt Henke schon dabei, und Multiinstrumentalist Martin H\u00f6fert kam \u00fcber diverse Grunftibandstationen wie Janus, ASP oder Sopor Aeternus mit der Kraushoferin zu Henke. Die Band ist hervorragend, an der Musik ist nichts auszusetzen; man muss aber auch Lust darauf haben, sich mal stimmungsm\u00e4\u00dfig herunterziehen zu lassen \u2013 fr\u00f6hlich geht anders und bei den Erben eigentlich schon mal gar nicht. Nicht zuletzt Henkes stets theatralischer Vortragsstil ist mindestens eigenwillig, die Inhalte sind zumeist deprimierend.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Kein Wunder, geht es bei \u201eMenschenstille\u201c doch um das weite Feld des Todes sowie nicht nur im Umkehrschluss um den Wert, den das Leben hat. Depressionen, Suizid, Mord, Krieg stehen auf der einen Seite, nicht ausgelebte Pl\u00e4ne und mehr oder weniger unfreiwilliger Tod durch externe Umst\u00e4nde auf der anderen. Das St\u00fcck wiegt die Umst\u00e4nde gegeneinander ab und ist sowohl ein Pl\u00e4doyer daf\u00fcr, das Leben zu leben, als auch daf\u00fcr, es aus freien St\u00fccken zu beenden, wenn man dies so will. Bei genau jenem Thema ist Henke \u00fcberraschend ambivalent: Der Suizid kann eine Befreiung sein, wenn die Umst\u00e4nde keinen anderen Weg zulassen, ist aber auch ein Mahnmal daf\u00fcr, wie ausweglos Umst\u00e4nde f\u00fcr manche Menschen sein k\u00f6nnen, obwohl sie es nicht immer auch sein m\u00fcssten. Interessanterweise transportiert Henke mit seinen Texten einen Kommentar zur gegenw\u00e4rtigen Lage in Deutschland, Europa und der Welt; er spricht sich etwa gegen Ausgrenzung und andere Folgen von Kriegen aus und daf\u00fcr, Fremde nicht als solche zu behandeln.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">F\u00fcr dieses St\u00fcck w\u00e4hlte Henke vorz\u00fcgliche Mitstreiter aus. Seine Schauspieler k\u00f6nnen elegant tanzen, harmonisch singen und ausdrucksvoll rezitieren. Sie und die Musiker lie\u00df Henke in staubig-mehliges Grau t\u00fcnchen, sowohl in der Kleidung als auch in der Schminke. Obwohl sie nat\u00fcrlich aussehen wie Zombies, gibt der Inhalt diese Analogie nicht her: Es sind vielmehr Geister, die mahnend an die Lebenden herantreten. Sie stellen Verstorbene verschiedener Epochen dar, die im Kapitel \u201eOpfermonologe\u201c ihre Geschichten erz\u00e4hlen; das geht unter die Haut, man sieht etwa einen Soldaten mit Pickelhaube, einen im KZ umgekommenen Juden, eine durch Folter Hingerichtete. Die Kost\u00fcme dazu lie\u00df Henke sich von der K\u00fcnstlerin Carsta K\u00f6hler gestalten. F\u00fcr die B\u00fchnendekoration gewann er zudem den Bildhauer Remo Sorge, dessen Holzskulpturen zwischen den Erben-typischen Kerzenleuchtern stehen. Typisch ist beispielsweise auch die rote Puppe vom \u201eNichts bleibt, wie es war\u201c-Cover, die ins Geschehen Eingang findet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\">Inmitten dieses Reigens agiert nun der Maestro selbst. So kennt man ihn: Seine Performance rei\u00dft die Aufmerksamkeit auf sich, er steht ganz klar im Zentrum, so viel Raum er den anderen auch l\u00e4sst. Henke hat das Drama f\u00fcr sich gepachtet, den Schmerz, die Nachdr\u00fccklichkeit \u2013 die Hauptrolle. Bisweilen wirkt es befremdlich, dass er seine Texte aus einem Hefter oder einem Buch abliest; diese Gegenst\u00e4nde wirken dann nicht wie geschickt eingesetzte Requisiten, weil sie inhaltlich nicht passen. Aber nun, sein Buch \u201eNarbenverse\u201c, auf dem dieses St\u00fcck basiert, ist vermutlich zu \u00fcppig, um es auswendig zu k\u00f6nnen. Aber hey, die Erben sind wieder da, nicht nur auf Split-EPs mit der M\u00f6chtegern-Anne-Clark Sara Noxx (\u201eKein Weg zur\u00fcck\u201c und \u201eSie wusste mehr\/Falling\u201c von 2014 und 2015). Man muss sich auch wieder krass auf sie einlassen k\u00f6nnen, leicht hat es Henke seinem Publikum nie gemacht. Diese Kontinuit\u00e4t kann man Henke nur zugute halten. \u201eMenschenstille\u201c ist ein gro\u00dfes Werk, in jeder Hinsicht.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (03.02.2016) Ist das nicht gruftig? Goethes Erben sind nicht tot, sie riechen nicht mal komisch. 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