{"id":1369,"date":"2015-06-23T01:11:18","date_gmt":"2015-06-22T23:11:18","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=1369"},"modified":"2015-06-23T01:11:18","modified_gmt":"2015-06-22T23:11:18","slug":"victoria-sebastian-schipper-d-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/victoria-sebastian-schipper-d-2015\/","title":{"rendered":"Victoria \u2013 Sebastian Schipper \u2013 D 2015"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-660\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (22.06.2015)<\/p>\n<p>Eine Achterbahnfahrt, sowohl visuell als auch inhaltlich, ist Sebastian Schippers erst vierte Regiearbeit \u201eVictoria\u201c. Im Vordergrund der Berichterstattung \u00fcber diesen Film steht nicht ohne Grund die Form: Die knapp 140 Minuten sind n\u00e4mlich an einem St\u00fcck gedreht. Doch anders als in Hollywood, wo marginal von der Norm abweichende Effekte schon ausreichen, um einen Film daraus zu machen, weil der Rest dann einfach willk\u00fcrlich aus dem Drehbuchbaukasten best\u00fcckt wird, kombiniert Schipper sein Experiment mit einem \u00fcberzeugendem und emotional so wechselhaftem wie mitrei\u00dfendem Plot, dazu \u00fcberw\u00e4ltigend gut passenden Schauspielern sowie einer Kameraarbeit, die sich nicht darauf beschr\u00e4nkt, einfach nur permanent eingeschaltet zu sein. Alles zusammen l\u00e4sst den Zuschauer bisweilen vergessen, mit welchen eigenwilligen Mitteln dieser Thriller gedreht ist. Damit akzeptiert man dann auch bereitwillig die nur wenigen Untiefen im Verlauf der Handlung. Respekt vor diesem Werk.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Story ist eigentlich schnell erz\u00e4hlt: Die junge Spanierin Victoria ist seit drei Monaten in Berlin und einsam. Als sie einmal gefrustet aus einem Technoclub kommt, ger\u00e4t sie in die Zufallsgesellschaft von vier schnoddrigen Ur-Berlinern. Von dort an hei\u00dft es: Durch die Nacht mit Victoria und ihrer Bande. Deren Mitglieder tragen Namen wie Sonne, Boxer, Blinker und Fu\u00df und sind deutlich sp\u00fcrbar schr\u00e4g drauf. Nicht bedrohlich, deshalb heftet Victoria sich wohl auch an deren Fersen. Die f\u00fchren sie zun\u00e4chst auf ein Hochhausdach und dann wie nebenbei in die F\u00e4nge eines Verbrechers, der von Boxer eine Schuld einfordert, die vorsieht, dass der daf\u00fcr eine Bank zu \u00fcberfallen hat. Victoria empfiehlt sich ihrer neuen Bezugsgruppe als Fluchtfahrzeugfahrerin. Es kommt zu Schie\u00dfereien mit der Polizei, einer \u00fcberdrehten Flucht und zu fatalen Konsequenzen.<\/p>\n<p>An manchen Enden wirkt die Geschichte etwas konstruiert. Warum l\u00e4sst sich die offenbar naive Victoria auf solche Honks ein? Nun: Weil sie einsam ist. Und weil von ihrem Hauptkontakt Sonne keinerlei Gefahr f\u00fcr sie ausgeht. Warum steuert sie das Fluchtfahrzeug? Weil die Jungs den \u00dcberfall nur deshalb machen, um Victoria davor zu bewahren, von dem Schwerverbrecher f\u00fcr eine Woche als Pfand, vulgo Geisel, zur\u00fcckbehalten zu werden; sie revanchiert sich also f\u00fcr eine Rettung. Warum lassen sich die Jungs auf den Waffengebrauch ein? Sie reagieren panisch sowie adrenalin- und drogenunterst\u00fctzt \u00fcber und wollen wohl schlichtweg nicht versagen.<\/p>\n<p>Interessant ist dabei, wie Schipper immer wieder Finten auslegt. Man wei\u00df ja, worauf es hinausl\u00e4uft. Und zwischendurch trennt sich die Gruppe immer mal und kommt dann geschickt doch wieder zusammen. Auch f\u00fcllt Schipper die Sequenzen ohne vordergr\u00fcndige Handlung mit Inhalt, indem er die Figuren Geschichten erz\u00e4hlen l\u00e4sst, zumindest im ersten Kennlernteil bis zu dem \u00dcberfall, und diese Geschichten erzeugen mehr Bilder beim Betrachter, als ein Film es k\u00f6nnte; das hat \u201eVictoria\u201c mit dem Werk Quentin Tarantinos gemein. Die Dialoge sind gro\u00dfartig, weil Victoria und die Jungs sich \u2013 zumeist improvisiert \u00fcbrigens \u2013 in einem gebrochenen Englisch unterhalten, das trotzdem funktioniert und ganz viel transportiert. Und obwohl die Jungs einen Lebensentwurf verfolgen, dem man als Zuschauer eher abgeneigt ist, lacht man sehr viel mit ihnen. Bis die Stimmung kippt, und als dies geschieht, nimmt der Film einen trotzdem mit; man erkennt, dass die Wechsel zwar konstruiert sind, aber sie f\u00fchlen sich nicht so an, und das ist mehr als gelungen.<\/p>\n<p>Man ertappt sich nun manchmal dabei, einzelne Szenen zu lang zu finden. Die Party im Club nach gegl\u00fccktem Raubzug etwa sieht nett aus, bringt aber nichts. Andererseits ist die Trauersequenz Victorias in all ihrer Ausf\u00fchrlichkeit und besonders Distanzlosigkeit eine schauspielerische Gro\u00dfleistung, die dem Betrachter diverse Kl\u00f6\u00dfe in den Hals rollt. Und dann f\u00e4llt einem wieder ein, dass man es ja gar nicht mit einem herk\u00f6mmlichen Film zu tun hat, sondern mit einem One-Shot-Experiment.<\/p>\n<p>Wom\u00f6glich liegt es also an der technischen Choreographie, an purer Logistik somit, dass die zweite Clubszene l\u00e4nger ist: Vermutlich muss das zweite Produktionsteam drau\u00dfen den Fortgang der Handlung vorbereiten, das braucht eben seinen Moment. Und dann f\u00e4llt einem auf, dass einem genau das nicht auff\u00e4llt: dass es ein Film ist, der daraus besteht, dass eine Kamera ununterbrochen eine Gruppe von Menschen begleitet. Die Kamera wirkt k\u00f6rperlos, sitzt mit im Auto, auf dem Dach, im Fahrstuhl, am Piano, neben dem Fahrrad. Nicht in der Bank jedoch, denn bis auf einen winzigen Augenblick bleibt die Kamera immer in der N\u00e4he von Victoria, auch wenn die nicht immer im Bild ist. Die gr\u00f6\u00dfte Leistung des norwegischen Kameramanns Sturla Brandth Gr\u00f8vlen ist jedoch, dass er einen ungeschnittenen Film wirken l\u00e4sst, als sei er ganz normal geschnitten. Alle Kameraeinstellungen, Perspektiven und Schwenks, die man aus dem herk\u00f6mmlichen Kino kennt, kommen auch in \u201eVictoria\u201c vor. Dabei erzeugt die Handkamera keine Unruhe, sondern passt sich dem inhaltlichen Tempo an und transportiert die jeweilige Stimmung. In zwei Situationen erlaubt es sich Schipper zudem, die Dialoge mit Musik zu \u00fcberlagern und stumm zu schalten; auch das erzeugt den Eindruck eines Schnitts, eines \u00dcbergangs zumindest. Innerhalb dieses kniffligen Tanzes bringt das Filmteam dann auch die Spezialeffekte unter: Als einer der Jungs angeschossen wird, duckt sich die Kamera hinter eine Mauer. Beim n\u00e4chsten Blick dar\u00fcber sieht man den Mann pl\u00f6tzlich bluten; das erzeugt eine unfassbare Authentizit\u00e4t.<\/p>\n<p>Der Film rei\u00dft einen mit, schlichtweg. Aus dem Club auf das Dach, dann in ein Caf\u00e9 an den Rand einer Lebensl\u00fcge, dann zu einem schlichten Gefallen, den Victoria den Jungs tun will, bis in die N\u00e4he zu Gewalt und Tod. Ein Wahnsinnsritt, den alle filmischen Komponenten mittragen und f\u00f6rdern. Zu den guten Qualit\u00e4ten geh\u00f6rt \u00fcbrigens auch, dass es kein hedonistischer Pro-Berlin-Party-Film ist, sondern die Unbedarftheit der Titelgeberin ins gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Ungl\u00fcck f\u00fchrt. Wer sich auf Idioten einl\u00e4sst, muss damit rechnen, dass es in die Schei\u00dfe f\u00fchrt. Kleines Lehrst\u00fcck.<\/p>\n<p>Schwach sind einzig die Rechtschreib- und Grammatikfehler in den Untertiteln und im Abspann. Und dabei handelt es sich nicht um Fl\u00fcchtigkeitsvertipper. Das grassiert, dass sich niemand mehr M\u00fche macht, in solchen Dingen Profis ans Werk zu lassen. Der Rest ist fraglos pure Profiarbeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (22.06.2015) Eine Achterbahnfahrt, sowohl visuell als auch inhaltlich, ist Sebastian Schippers erst vierte Regiearbeit \u201eVictoria\u201c. 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