{"id":1278,"date":"2015-05-03T14:23:11","date_gmt":"2015-05-03T12:23:11","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=1278"},"modified":"2015-05-03T14:23:11","modified_gmt":"2015-05-03T12:23:11","slug":"leviathan-andrey-zvyagintsev-rus-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/leviathan-andrey-zvyagintsev-rus-2014\/","title":{"rendered":"Leviathan \u2013 Andrey Zvyagintsev \u2013 RUS 2014"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-660\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (03.05.2015)<\/p>\n<p>Ein z\u00e4hes Werk legt Andrey Zvyagintsev mit seinem systemkritischen 140-Minuten-Drama \u201eLeviathan\u201c vor. Z\u00e4h deshalb, weil die Handlung d\u00fcnner ist, als es die Dauer des Films suggeriert, und weil die Geschichte in der Mitte vom Politthriller zum Drama kippt. Das mag typisch russisch sein, das mag auch \u00e4sthetisch ansprechend gefilmt sein, aber die Drama-Teile konterkarieren zu sehr die guten Polit-Ans\u00e4tze und damit auch die beabsichtigte Aussage, dass das System im Russland dieser Tage nur mit Korruption funktioniert. Wenn einen die Hauptfigur auch noch wie hier sehr gleichg\u00fcltig l\u00e4sst, ist einem ihr Schicksal dummerweise reichlich egal, besonders dann, wenn es auch noch zu einigen Anteilen selbstverschuldet ist. Typisch russisch sind \u00fcberdies die Dialoge, die zu den definitiv attraktiven Momenten in \u201eLeviathan\u201c z\u00e4hlen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst macht einen die aus der russischen Literatur bekannte Tatsache etwas orientierungslos, dass die Charaktere eine Unzahl an Namen und Bezeichnungen tragen: den vollen Namen, Vor- oder Nachnamen, Rufnamen, die Funktion, die Herkunft. Das bedeutet, dass man sehr aufmerksam sein muss, um der Handlung zu folgen, sonst braucht man etwas, um zu begreifen, wer da mit wem gegen wen arbeitet und warum \u00fcberhaupt. Das ist n\u00e4mlich das Wichtige an \u201eLeviathan\u201c; das biblische Monster steht hier stellvertretend f\u00fcr das System, gegen das Kolia sich wehrt. Der wiederverheiratete Vater eines pubertierenden Sohnes soll vom B\u00fcrgermeister eines St\u00e4dtchens in der nordrussischen Provinz aus seinem Haus vertrieben werden. Dagegen geht er im Rahmen des Gesetzes vor, indem er einen befreundeten Anwalt aus Moskau einschaltet. Sie bauen hoch motiviert auf Recht und Ordnung \u2013 und sehen sich doch einem Apparat ausgeliefert, der nicht nur k\u00f6rperlich ihre Existenzen zu zerst\u00f6ren in der Lage ist.<\/p>\n<p>Die kritische Haltung gegen\u00fcber Russland \u00e4u\u00dfert der Film nicht allein damit, dass die Gegenwehr der \u00fcberm\u00e4chtigen Obrigkeit ungesetzlich und korrupt ist. Das allein ist vermutlich schon exorbitant mutig unter Vladimir Putin. Doch auch mit Dialogen unterstreicht Zvyagintsev seine Abscheu: Er l\u00e4sst etwa eine Geburtstagsgesellschaft auf Portr\u00e4ts fr\u00fcherer russischer Pr\u00e4sidenten schie\u00dfen. Es fehlen dabei Jelzin (zu klein) und Putin (noch nicht genug geleistet, um ein w\u00fcrdiges Ziel zu sein).<\/p>\n<p>Das allein macht aber nicht diesen Politfilm aus. Einen L\u00f6wenanteil bestreitet das Drama um Kolia. Er ist cholerisch und nicht gerade charmant im Umgang mit seiner Frau Lilya, die wiederum von Kolias Sohn nicht akzeptiert wird. Als sie eine Aff\u00e4re mit Kolias Anwaltfreund Dimitriy beginnt, brechen zwischenmenschliche Konflikte aus. Zudem \u00fcbersch\u00e4tzt Dimitriy seine rechtliche Handhabe gegen den B\u00fcrgermeister und flieht nach Moskau. Zwar kehrt Lilya zu Kolia zur\u00fcck, doch tr\u00e4gt sie schwer an den Folgen ihrer Aff\u00e4re, was wiederum das brutale Netzwerk des B\u00fcrgermeisters zerst\u00f6rerisch gegen Kolia einzusetzen wei\u00df.<\/p>\n<p>Ohne den Aff\u00e4renteil l\u00e4ge in der Systemkritik des Films mehr Potential. Aus nichtrussischer Sicht h\u00e4tte es des Dramas nicht in dem Ausma\u00df bedurft, doch spiegelt genau dies vermutlich eine Gegenwart, wie sie eben wirklich in Russland Alltag ist. Jeder Umbruchsversuch scheitert an der Seelenlage der handelnden Personen. Das zeigt der Film sehr deutlich; doch solche depressiven Tiefen in einem unver\u00e4nderlichen System kennt der Kinog\u00e4nger aus finnischen Filmen der 80er und 90er, heute w\u00e4re eine zus\u00e4tzliche andere Komponente willkommen gewesen, um \u201eLeviathan\u201c herausragend zu machen.<\/p>\n<p>Filmisch immerhin ist \u201eLeviathan\u201c etwas Besonderes. Die Kamera wirkt selbst dann statisch, wenn sie sich bewegt; das ist ein eigent\u00fcmlicher Eindruck und weckt bisweilen Beklemmung. Die Bilder sind \u00fcberwiegend so dunkel, dass man sich versucht sieht, an der Leinwand die Helligkeit nachzuregeln; das passt zur Stimmung. Der Einsatz von Musik ist skandinavisch karg; wo sie nicht aus Radios pl\u00e4rrt, schweigt sie weitgehend. Es gibt vereinzelte Brummt\u00f6ne sowie St\u00fccke von Philip Glass&#8216; 1983er-Arbeit \u201eAkhnaten\u201c zum Eingang und zum Abspann.<\/p>\n<p>Trotz vieler witziger Dialoge (\u201eDu kannst nicht vor dir selbst fliehen.\u201c \u2013 \u201eNein, aber vor dir.\u201c) und der respektablen kritischen Haltung kommt man extrem gepl\u00e4ttet aus dem Kino. Kolias hat es sich nicht nur mit dem B\u00fcrgermeister verscherzt, sondern auch mit dem Zuschauer. Das ist dumm, nicht tragisch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (03.05.2015) Ein z\u00e4hes Werk legt Andrey Zvyagintsev mit seinem systemkritischen 140-Minuten-Drama \u201eLeviathan\u201c vor. 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