{"id":1126,"date":"2015-02-03T12:40:22","date_gmt":"2015-02-03T11:40:22","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=1126"},"modified":"2015-02-03T12:40:22","modified_gmt":"2015-02-03T11:40:22","slug":"birdman-alejandro-gonzalez-inarritu-usa-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/birdman-alejandro-gonzalez-inarritu-usa-2014\/","title":{"rendered":"Birdman \u2013 Alejandro Gonz\u00e1lez I\u00f1\u00e1rritu \u2013 USA 2014"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-660\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (03.02.2015)<\/p>\n<p>Es ist ziemlich eindeutig, warum ein Film wie \u201eBirdman\u201c in den USA so hohe Wellen schl\u00e4gt: Er r\u00fcckt Hollywood- und angesagte Popkultur-Themen (Superhelden!) in den Fokus, inklusive pseudoselbstkritischem Humor. Sowas kann Hollywood ab, da feiert es sich selbst. Jedes Mal, und da beginnt die Problematik: Alejandro Gonz\u00e1lez I\u00f1\u00e1rritu bietet an N\u00e4hk\u00e4stcheneinblicken nichts Neues. Vielmehr lenkt er damit vom eigentlichen Thema ab, f\u00fcr das der ganze Superheldenkram lediglich ein Vehikel ist: Die Hauptfigur Riggan Thomson (Michael Keaton) hat ein Egoproblem; er weigert sich, zu lernen, dass er seine pers\u00f6nlichen Probleme zu Lasten anderer l\u00f6sen will. \u201eBirdman\u201c bietet indes vorrangig formale Gr\u00fcnde, ihn sich anzusehen: Der Film suggeriert, in nahezu nur einer Kamerafahrt gedreht worden zu sein, und die Schauspielerriege ist tats\u00e4chlich grandios. Trotzdem langweilt man sich \u00fcber lange Strecken.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>I\u00f1\u00e1rritu verzettelt sich zu sehr in Nebenschaupl\u00e4tzen, mit denen er das kaputte Hollywood noch blo\u00dfer stellen will. Dabei hat er mit der Hauptfigur einen Charakter geschaffen, der das Schiff auch alleine in den (Flug-)Hafen gesteuert h\u00e4tte: Thomson war Anfang der 90er Darsteller des Superhelden Birdman (Parallelen zu Keatons Rolle als \u201eBatman\u201c sind angeblich zuf\u00e4llig). Nach dem dritten Teil stieg er aus der Serie aus und versank in der k\u00fcnstlerischen Bedeutungslosigkeit. Die will er rehabilitieren, indem er am Broadway re\u00fcssiert, und zwar mit dem St\u00fcck \u201eWhat We Talk About When We Talk About Love\u201c von Raymond Carver aus dem Jahr 1981, bei dessen Inszenierung Thomson als Hauptdarsteller und Regisseur in Personalunion auftritt. Thomson h\u00e4lt sich f\u00fcr gottgleich mit \u00fcbersinnlichen F\u00e4higkeiten und bekommt au\u00dferdem Einfl\u00fcsterungen von seinem stillgelegten Alter Ego Birdman, der unabl\u00e4ssig raunt, Thomson sei zu H\u00f6herem berufen als dem lausigen Broadway. Thomson glaubt, dass seine k\u00fcnstlerische Existenz vom Gelingen des St\u00fcckes abh\u00e4ngt, und trampelt bei der Verwirklichung seiner Vision hysterisch auf den Leben seiner Mitmenschen herum.<\/p>\n<p>Dort greift I\u00f1\u00e1rritu nun auf die Schauspielerbefindlichkeiten zur\u00fcck. Thomson selbst hat ein \u00dcber-Ego, sein eigens gew\u00e4hlter Sidekick Mike Shiner (Edward Norton) ebenso, nur hat der noch zus\u00e4tzlich Erektionsprobleme, Thomsons Tochter war auf Entzug und ist jetzt seine Assistentin, Thomsons Ex liebt ihn immer noch, Thomsons Neue l\u00fcgt ihm eine Schwangerschaft vor, eine Kritikerin macht es sich angeblich zu Lasten der K\u00fcnstler mit ihren Vernichtungen bequem, zwei Schauspielerinnen k\u00fcssen miteinander, es gibt eine versuchte Vergewaltigung, Selbstmord, Drogen, Alkoholismus, Schl\u00e4gereien, Ruhmesvergleiche. Die ganzen Animosit\u00e4ten der Schauspieler sind zur H\u00e4lfte so klischeehaft, dass sie tats\u00e4chlich langweilen; an unerwarteter Stelle wiederum trumpfen eher die Nebenfiguren auf als Thomson. Die Situationen haben selten etwas mit der Alltagsrealit\u00e4t des Betrachters zu tun, noch weniger mit der eines Betrachters in Europa, und sind bereits zu oft auch in Hollywood offenbart worden, um \u00fcberhaupt noch ein erstauntes Raunen erzeugen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vielmehr h\u00e4tte sich I\u00f1\u00e1rritu auf den Kern konzentrieren sollen: Thomsons Ego ger\u00e4t bei dem Versuch, sich selbst zu erh\u00f6hen, in einen hysterischen Strudel aus Allmachtsgedanken und R\u00fccksichtslosigkeit, der jede vermeintlich rettende Tat Thomsons das Gesamtprojekt nur noch weiter an den Abgrund heranf\u00fchrt (was \u2013 Broadwaykritik inklusive \u2013 nat\u00fcrlich das \u00f6ffentliche Interesse wachsen l\u00e4sst). Weil Thomson sich aber weigert, genau das zu begreifen, m\u00fcssen ihm seine Mitmenschen den Sachverhalt mehr und mehr klarmachen, aber auch darauf reagiert er stets egoistisch. Bis es blutig wird \u2013 und er lernt, auf eigenen F\u00fc\u00dfen zu stehen respektive mit eigenen Fl\u00fcgeln zu fliegen, nicht auf denen anderer oder seines Alter Egos.<\/p>\n<p>Diese Thematik ist berufs- und standes\u00fcbergreifend spannend. Anstatt eines gescheiterten Schauspielers h\u00e4tte auch eine Putzfrau im Mittelpunkt stehen k\u00f6nnen; nur w\u00e4re I\u00f1\u00e1rritu dann nat\u00fcrlich das Hollywood-Publikum weggeblieben. Mit dem Hollywood-Thema versch\u00fcttet er jedoch die spannende Charakterentwicklung: Dem Betrachter wird nicht recht deutlich, wie sehr im Unrecht Thomson meistens ist. Man sieht ihn lediglich zwischenmenschlich scheitern, ganz so, wie es den meisten Zuschauern aus dem eigenen Leben bekannt sein d\u00fcrfte. Auf die Idee, seine eigene Perspektive zu \u00e4ndern, andere nicht f\u00fcr die eigenen Zwecke zu missbrauchen und seine Mitmenschen nicht als Gegner aufzufassen, wie es in der Jetztzeit jedoch \u00fcblich ist, kommt der Betrachter noch wahrscheinlicher nicht, als es Thomson im Verlaufe gelingt.<\/p>\n<p>Vielmehr lauert der Betrachter auf Special Effects mit dem Birdman und auf vulg\u00e4re Ego-Dialoge, die hier als Humor gemeint sind. Es ist ebenso fraglich, dass der Durchschnittsgucker dabei die brillante Kameratechnik wahrnimmt. Fast wie in \u201eCocktail f\u00fcr eine Leiche\u201c von Alfred Hitchcock gibt es n\u00e4mlich bis zur Z\u00e4sur keine erkennbaren Schnitte. Die Kamera folgt den Figuren durch Theaterg\u00e4nge, in Nebenr\u00e4ume, auf die B\u00fchne, in die Kneipe nebenan, auf die Stra\u00dfe und aufs Dach. Hindernisse und Gravitation scheint es nicht zu geben, die Zeit ist aufgehoben, Figuren sind in der Lage, an zwei Orten gleichzeitig zu sein, und dazu scheint sogar die Musik live eingespielt zu sein \u2013 man sieht den grandiosen Jazzdrummer gelegentlich im Bild. Der haupts\u00e4chlich aus diesem Schlagzeug bestehende Score ist gro\u00dfartig. Auch die Schauspieler sind beachtlich gut: Sie m\u00fcssen nicht nur ihre Figuren glaubhaft darstellen, sondern in ihren Rollen auch noch eine B\u00fchnenrolle \u00fcbernehmen. Das Ergebnis erzwingt gr\u00f6\u00dften Respekt.<\/p>\n<p>Dennoch bleibt der Genuss von \u201eBirdman\u201c ambivalent. Zu sehr erweckt I\u00f1\u00e1rritu den Eindruck, nach seinen gefeierten mexikanischen Erfolgen in Hollywood Punkte sammeln zu wollen. Abgesehen von der brillanten Technik in Bild und Ton vergisst man den Film recht schnell wieder. Hier siegt Form \u00fcber Inhalt \u2013 ganz so, wie Hollywood es liebt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (03.02.2015) Es ist ziemlich eindeutig, warum ein Film wie \u201eBirdman\u201c in den USA so hohe Wellen schl\u00e4gt: Er r\u00fcckt Hollywood- und angesagte Popkultur-Themen (Superhelden!) in den Fokus, inklusive pseudoselbstkritischem Humor. 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