{"id":1107,"date":"2015-01-04T13:23:05","date_gmt":"2015-01-04T12:23:05","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=1107"},"modified":"2015-01-04T13:23:05","modified_gmt":"2015-01-04T12:23:05","slug":"eine-taube-sitzt-auf-einem-zweig-und-denkt-uber-das-leben-nach-en-duva-satt-pa-en-gren-och-funderade-pa-tillvaron-roy-andersson-snfd-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/eine-taube-sitzt-auf-einem-zweig-und-denkt-uber-das-leben-nach-en-duva-satt-pa-en-gren-och-funderade-pa-tillvaron-roy-andersson-snfd-2014\/","title":{"rendered":"Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt \u00fcber das Leben nach (En duva satt p\u00e5 en gren och funderade p\u00e5 tillvaron) \u2013 Roy Andersson \u2013 S\/N\/F\/D 2014"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-660\" title=\"Kino-Film\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Kino-Film.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"100\" \/><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (04.01.2015)<\/p>\n<p>Die \u201eTaube\u201c ist kaum weniger als eine Offenbarung f\u00fcr das zeitgen\u00f6ssische Kino. Weil der Film gleichzeitig auf alte europ\u00e4ische Qualit\u00e4ten zur\u00fcckgreift und etwas Neues, auf jeden Fall absolut Einzigartiges schafft \u2013 das zudem auch noch gef\u00e4llt und sich nicht nur in unverst\u00e4ndlichen Experimenten verirrt. Formal f\u00e4llt auf, dass jede Szene mit einer Steadycam gefilmt ist, also wie eine Theaterb\u00fchne wirkt, und dass optische und verbale Wiederholungen mehr Strukturen schaffen als die reduzierte Handlung. Es ist schwer, zu verallgemeinern, worum es in dem Film geht. Irgendwie um das Leben, sicher. Ein gro\u00dfes Qualit\u00e4tsmerkmal ist, dass nach dem Kinobesuch jeder Zuschauer mit einer anderen Lieblingsszene aufwartet, die ihn stark ber\u00fchrt hat.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Film erscheint wie St\u00fcckwerk, wie eine Aneinanderreihung von Einf\u00e4llen. Dabei gestaltet Andersson jede Szene wie eine B\u00fchne, die Kamera nimmt dort die Position eines Theaterzuschauers ein, der sich w\u00e4hrend einer Auff\u00fchrung nun mal nicht bewegen kann. So finden alle agierenden Personen Platz in den h\u00f6chst \u00e4sthetisch komponierten Bildern. Die Leinwandgrenzen werden dabei selten durchbrochen; wer die Szenerie verl\u00e4sst oder betritt, tut dies durch eine T\u00fcr oder um eine Hausecke herum, die im Bild zu sehen sind. So sind die Bilder zwar eindeutig Ausschnitte von etwas Gr\u00f6\u00dferem, haben aber klare Grenzen. Die gro\u00dfe Kunst daran ist, dass trotz sich gelegentlich minutenlang nicht \u00e4ndernden Bildes niemals Langeweile aufkommt, denn Andersson generiert Details, die die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich ziehen. So wirkt der Film wie eine Aneinanderreihung von animierten Edward-Hopper-Bildern.<\/p>\n<p>Tristesse ist dabei Methode, sowohl in der Farbgebung als auch in der Charakterzeichnung und im Dialog. Dennoch sind es besonders die Dialoge, die hier punkten. In ihrer skandinavischen Schlichtheit transportieren sie die stoisch-ignorante Seele des Homo Sapiens. Bei aller gezeigter Tragik liegt genau darin so viel Humor, dass man den Film gerne als Kom\u00f6die auffasst.<\/p>\n<p>Dazu kommen die vielen Szenen, die so weitab von der Realit\u00e4t liegen, dass man eine Weile braucht, um sie selbst im Rahmen des Filmes zu akzeptieren. Wie die schwedische Armee des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges w\u00e4hrend ihres Russlandfeldzuges mit K\u00f6nig Karl XII. hoch zu Ross ein Caf\u00e9 st\u00fcrmt, die Frauen verjagt, einen Gl\u00fccksspieler auspeitscht und den jungen Kellner als Gespielen des K\u00f6nigs entf\u00fchrt, w\u00e4hrend die zwei als Hauptfiguren erkennbaren erfolglosen Scherzartikelverk\u00e4ufer gerade die Maske von \u201eGevatter Einzahn\u201c vorf\u00fchren, und dann sp\u00e4ter geschlagen in das Caf\u00e9 zur\u00fcckkehrt, in dem jetzt nur noch Frauen sitzen, die alle zu weinen beginnen, als ihnen der Wirt offenbart, dass sie nun Witwen seien, und der aller Glorie beraubte K\u00f6nig Karl nicht aufs Klo kann, weil das besetzt ist \u2013 das muss man erst verarbeiten und sich darauf einlassen.<\/p>\n<p>Die vom Leben gebeutelten Scherzartikelverk\u00e4ufer stellen den roten Faden dar, auf sie kommt Andersson am h\u00e4ufigsten zur\u00fcck. Der eine geht bald an Kr\u00fccken, der andere ist eine weinerliche \u201eHeulsuse\u201c, wie der Kollege abf\u00e4llig feststellt. Und doch kommen die beiden, \u00e4hnlich wie in \u201eIndien\u201c von Paul Harather aus dem Jahr 1993, nach ihrer erfolglosen Odyssee zu der Erkenntnis, bei allen Differenzen doch nur noch sich gegenseitig als Freunde zu haben.<\/p>\n<p>Weitere Figuren l\u00e4sst Andresson ebenfalls mehrmals erscheinen. Da gibt es den Kapit\u00e4n, der sich mobiltelefonierend in seinen Terminen irrt, das Kro in G\u00f6teborg mit seiner Besitzerin, die Flamencolehrerin, die von ihrem Sch\u00fcler abserviert wird. Eine Figur spricht als einzige mit dem Zuschauer, jedes Mal mit dem Gag, dass die sich im Raum befindlichen Personen darauf reagieren, als w\u00e4re es kein Film, sondern der Sprecher ein Idiot. Der Hausverwalter des Wohnheims, in dem die Handelsreisenden leben, sagt st\u00e4ndig ver\u00e4rgert \u00fcber L\u00e4rm: \u201eAndere m\u00fcssen morgen arbeiten.\u201c<\/p>\n<p>Weitere Wiederholungen gestaltet Andersson \u00fcber wiederkehrende Dialoge. St\u00e4ndig sieht man Personen am Telefon nicken und \u201ehm\u201c sagen, und dann, \u201ees freut mich, zu h\u00f6ren, dass es euch gutgeht\u201c. Meistens sind dies Personen, die mit der Handlung nichts zu tun haben, etwa eine Putzfrau in der Tanzschule, ein Ehepaar in einer K\u00fcche, ein Gesch\u00e4ftsmann in seinem riesigen B\u00fcro mit einer Waffe in der Hand, eine Frau in einem Labor neben einem Affen, der unabl\u00e4ssig Elektroschocks bekommt. Auch die Musik steuert Wiederholungen bei, nicht nur das Hauptthema, auch singen die Kro-Besitzerin und die Soldaten ein Lied zur selben Melodie. Und: Die titelgebende Taube sieht man am Anfang in einem naturhistorischen Museum und h\u00f6rt sie sp\u00e4ter \u00fcber den Film verstreut im Hintergrund gurren.<\/p>\n<p>Und dann gibt es die Szenen, die scheinbar losgel\u00f6st von allem stehen. Ein Paar steht am Fenster und raucht kuschelnd. Eine Mutter sitzt auf einer Parkbank und spielt mit ihrem Baby. An einer Bushaltestelle warten Menschen, w\u00e4hrend ein Fahrradladenbesitzer bemerkt, es sei schon wieder Donnerstag, und die Wartenden dar\u00fcber diskutieren, ob man einen Wochentag f\u00fchlen kann, weil einer von ihnen dachte, es sei bereits Freitag. V\u00f6llig verst\u00f6rend ist die Szene, in der Kolonialsoldaten schwarze Eingeborene in einen Metallzylinder mit Trompeten sperren und darunter eine Fl\u00fcssigkeit anz\u00fcnden, woraufhin der Zylinder rotiert und wundersch\u00f6ne T\u00f6ne von sich gibt. Dabei scheint es sich um den Traum eines der Scherzartikelverk\u00e4ufer zu handeln, der aufgebracht die Frage stellt, ob es recht sei, f\u00fcr das eigene Vergn\u00fcgen andere schlecht zu behandeln, woraufhin der Hauswart sagt, nicht um diese Uhrzeit, andere m\u00fcssten am n\u00e4chsten Tag arbeiten.<\/p>\n<p>Und das waren nur wenige Beispiele, der Film ist voll von solchen Szenen und Situationen. In seinem Mix aus Unbestimmtheit und Konkretheit entl\u00e4sst er den Zuschauer gleichzeitig mit vielen Fragen und Antworten aus dem Kino. Diese Nachhaltigkeit tr\u00e4gt zu dem Eindruck bei, einen besonderen Film gesehen zu haben. Als aufgekl\u00e4rter rationaler Mensch sucht man zudem nach den Verbindungen zwischen den Sequenzen. Man setzt voraus, dass Andersson sich bei allem etwas gedacht haben muss, damit man nicht das Gef\u00fchl der k\u00fcnstlerischen Willk\u00fcr mit sich herumtragen muss. Wir auch immer, man hat einen gro\u00dfartigen Film gesehen.<\/p>\n<p>Dabei handelt es sich \u00fcbrigens um den letzten Teil einer Trilogie. Teil eins war im Jahr 2000 \u201eSongs From The Second Floor\u201c, Teil zwei 2007 \u201eDas j\u00fcngste Gewitter\u201c. Die muss man wohl nacharbeiten, \u201eEine Taube\u201c empfiehlt das ausdr\u00fccklich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (04.01.2015) Die \u201eTaube\u201c ist kaum weniger als eine Offenbarung f\u00fcr das zeitgen\u00f6ssische Kino. 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