{"id":1060,"date":"2014-11-27T12:47:37","date_gmt":"2014-11-27T11:47:37","guid":{"rendered":"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/?p=1060"},"modified":"2014-11-27T12:47:37","modified_gmt":"2014-11-27T11:47:37","slug":"goethes-erben-ruckkehr-ins-niemandsland-genom-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/goethes-erben-ruckkehr-ins-niemandsland-genom-2014\/","title":{"rendered":"Goethes Erben \u2013 R\u00fcckkehr ins Niemandsland \u2013 Genom 2014"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1061\" title=\"Goethes Erben - R\u00fcckkehr ins Niemandsland\" src=\"http:\/\/vanbauseneick.de\/krautnick\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Goethes-Erben-R\u00fcckkehr-ins-Niemandsland.jpg\" alt=\"\" width=\"100\" height=\"142\" \/><\/p>\n<p>Von Matthias Bosenick (27.11.2014)<\/p>\n<p>Mit Goethes Erben wird Oswald Henke offenbar niemals so richtig fertig, auch wenn er das immer wieder betont. Seit acht Jahren ruhen die Aktivit\u00e4ten dieser in Gruftikreisen der \u201eNeuen Deutschen Todeskunst\u201c zugeordneten Band, aber in j\u00fcngster Zeit ist Henke unter dem alten Namen wieder auf B\u00fchnen unterwegs, anl\u00e4sslich des 25. Geburtstags der Erben. Wer sich vorab zum Kauf verpflichtete, erhielt eine Doppel-DVD von der Jubil\u00e4ums-Show, \u201eR\u00fcckkehr ins Niemandsland\u201c, auf der der Fan zwei Stunden Goethes Erben live mit dem typischen theatralischen Gestus des Lyrikers und Schauspielers Henke findet. Man kann nat\u00fcrlich diskutieren, ob man Henkes Anti-Erben-Haltung und Doch-noch-R\u00fcckkehr ernst nehmen kann. Interessanter ist jedoch, wie man als Herausgewachsener selbst mit der musikalischen Zeitreise umgeht.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Sicher ist, dass man von Henke jederzeit Qualit\u00e4t bekommt. Seine Mitmusiker sind dezidiert ausgew\u00e4hlt, T\u00e4nzerinnen und ein Grufti-Zauberer erg\u00e4nzen die Show, und der Zampano selbst geistert expressiv wie gewohnt durch sein Set. Konzerte der Erben waren nie reine Musikereignisse, dieser Linie bleibt Henke treu. Doch ist auch die Musik ein Ereignis, dieses Mal sind die Hits und Albumtracks f\u00fcr Streicher, Klavier und Percussion arrangiert, also weniger rockig als noch zuletzt, aber deutlich volumin\u00f6ser und w\u00e4rmer als in den spartanischen Anfangsjahren. \u00dcberraschend warm, \u00fcberdies. Mindy Kumbalek fehlt, leider; eigentlich fasste man die Erben immer als Band von Henke und Kumbalek auf. Als Ersatz steht hier Sonja Kraushofer auf der B\u00fchne, was gottlob nicht weiter unangenehm auff\u00e4llt, auch wenn man L&#8217;\u00c2me Immortelle nicht ausstehen kann. Auch mit der Deko und den Requisiten greift Henke auf die Vergangenheit zur\u00fcck: Eine Million Kerzen illuminieren das Geschehen, aus einer Kiste holt er Krone, Puppe, Dornenkrone und andere Augenf\u00e4nger fr\u00fcherer Performances hervor.<\/p>\n<p>Das Set ist in zwei Akte unterteilt. Los geht es mit einem eher besinnlicheren Teil, in der zweiten H\u00e4lfte wird es musikalisch und inhaltlich krass und radikal. Die St\u00fccke decken die gesamte Karriere ab, von \u201eDer Spiegel\u201c von der ersten Kassette \u201eDer Spiegel, dessen Weg durch stumme Zeugen zum Ende f\u00fchrt\u201c (1990) \u00fcber \u201eDie letzte Nacht\u201c vom Deb\u00fct \u201eSterben ist \u00e4sthetisch bunt\u201c (1992) bis \u201eKopfstimme\u201c, das es als Remix auf der bis dato letzten Ver\u00f6ffentlichung gab, der Maxi-CD \u201eTage des Wassers\u201c (2006). Live-Klassiker wie \u201eM\u00e4rchenprinzen\u201c, \u201eDer Weg\u201c, \u201eVermisster Traum\u201c, \u201eFl\u00fcstern\u201c, \u201eKeiner weint\u201c oder \u201eIphigenie\u201c fehlen nicht, daf\u00fcr aber die Single-Hits \u201eMarionetten\u201c, \u201eDer Eissturm\u201c, \u201eGlasgarten\u201c und das Nick-Cave-Cover \u201eSitz der Gnade\u201c. Wer sich die DVD zulegt, l\u00e4sst sich also auf eine Henke-Auswahl dessen eigener Erben-Favoriten ein.<\/p>\n<p>Musikalisch also ist die \u201eR\u00fcckkehr ins Niemandsland\u201c die Reise wert, absolut. Und dann begegnet man nun auch Henke wieder, der sich in seinen j\u00fcngsten Projekten \u201eHenke\u201c und \u201efetisch:Mensch\u201c zwar nicht von seinem rezitativen Sprechgesang abwandte, aber doch weitgehend von der \u00fcbertriebenen Theatralik. Die lebt er hier nun mehr oder weniger zwangsl\u00e4ufig wieder aus. Sicher, das ist eine Zeitreise, die zun\u00e4chst daran erinnert, wie man sich in den 90ern an die spr\u00f6de Kunst der Erben gew\u00f6hnen musste, die mit kargen Instrumentierungen Abscheulichkeiten postulierten. Wie man sich mit Erben-CDs im Regal von den einen abgrenzen und den anderen zuordnen konnte. Wie man die Karriere und die musikalische und inhaltliche Entwicklung der Erben verfolgte. Wie man sich \u00fcber den Humor des in seinem Gebaren oftmals angenehm ungruftigen Henke freute. Wie man erwachsen wurde und mit Wohlwollen erlebte, dass auch die Erben reiften. Wie man noch erwachsener wurde und feststellte, dass man sich seine Lieblingsmusik l\u00e4ngst nach ganz anderen Aspekten aussuchte. Wie man jetzt also den Erben wieder begegnet und sie eher distanziert und kritisch betrachtet: Was passiert mit mir, was passiert dort auf der B\u00fchne? Muss ich mich wom\u00f6glich fremdsch\u00e4men?<\/p>\n<p>Sobald der Gruftizauberer gleich zum Anfang der DVD seine Kerzen zu Flummis macht, kommt der Gedanke, wie scheuklappig die so genannte Schwarze Szene doch ist. Alles Ungruftige ist nur dann relevant, wenn es ein gruftiges Outfit erh\u00e4lt. Das hat in der Szene schnell genervt, dass man sich f\u00fcr Nichtkonformes rechtfertigen musste. Was erstaunt, da doch die Subgenres im Gothic so breit gef\u00e4chert sind wie sonst nirgends. Und doch sind die R\u00e4nder so scharf abgegrenzt, dass die Gruftis alles au\u00dferhalb Liegende ignorieren. Mit der Folge, dass sie sich k\u00fcnstlerisch immer mehr im eigenen Sud suhlen. Die Protagonisten vergessen, dass die Pioniere v\u00f6llig Artfremdes zu ihren Einfl\u00fcssen z\u00e4hlten, und das ist ja auch logisch, schlie\u00dflich gab es Gothic ja noch nicht: Pink Floyd, Led Zeppelin, Roxy Music, David Bowie sind namentliche Impulse f\u00fcr die ersten \u201eschwarzen\u201c Bands. Heute jedoch beziehen sich die Musiker nur noch auf andere Musiker der eigenen Suppe. V\u00f6llig inzestu\u00f6s stellt man fest, dass es in nahezu allen Subgenres zu absoluter Konformit\u00e4t und damit Langweiligkeit kommt. Selbst alte Helden wie Deine Lakaien verlassen sich auf ihre ausgelatschten Pfade. Neue Impulse kommen maximal von au\u00dferhalb, findige Medien greifen sie dankbar auf, weil selbst die Berichterstattung offenbar sonst zur absoluten Redundanz verkommt. Was also macht ein Oswald Henke heute, der die Goethes Erben, Mit-Initiatoren und Helden der deutschsprachigen Gruftmucke, reaktiviert?<\/p>\n<p>Mit den neuen Arrangements vermeidet Henke, dass die Songs in Gestrigkeit stecken bleiben. Die Lieder sind erwachsen, Henke bedient nicht die R\u00fcckw\u00e4rtsgewandtheit, die das Konzept als Trittfalle bereith\u00e4lt. Trotzdem findet man sich in den vertrauten Songs und Hooks wieder. Und freut sich, sie zu h\u00f6ren. Henke meint es ernst, und trotzdem zeigt er Witz und Selbstironie. Er wei\u00df, was er tut, und er tut es gut. Man sieht ihm gerne zu, wie er sich ins Drama seiner Gedichte und Songs fallen l\u00e4sst. Es stimmt schon, Goethes Erben stammen aus einer anderen Zeit \u2013 aber Henke steht trotz aller Nostalgie unpeinlich mit beiden Beinen in der Gegenwart. Und in der Zukunft: Demn\u00e4chst gibt es mit \u201eWeg zur\u00fcck\u201c eine neue Single der Goethes Erben mit der an sich uns\u00e4glichen Anne-Clark-Kopie Sara Noxx.<\/p>\n<p>Dem findigen Archivar greift Henke \u00fcbrigens vorweg: Im Booklet sind s\u00e4mtliche Quellen der gespielten St\u00fccke aufgelistet, inklusive Live-, Single- und Remix-Verwertung. Das Cover ist witzig, fast s\u00fc\u00df: Im South-Park-Stil zeigt es einen gewundenen Drachen. Ein achtmin\u00fctiges Making-Of erg\u00e4nzt den Mitschnitt vom Februar 2014 in Leipzig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Bosenick (27.11.2014) Mit Goethes Erben wird Oswald Henke offenbar niemals so richtig fertig, auch wenn er das immer wieder betont. 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