Yo La Tengo – There’s A Riot Going On – Matador 2018

Von Matthias Bosenick (02.05.2018)

„There‘s A Riot Going On”, behaupten Yo La Tengo und veranstalten das musikalische Gegenstück dazu. So durchgehend still und entspannt und vor allem lärmfrei hat man das Indierock-Trio aus Hoboken auf den offiziellen Alben noch nie gehört. Auch eine Form des Aufruhrs. Ein schönes, geschlossenes Album, altersmilde womöglich, aber die Ausbrüche fehlen doch ein wenig. Die musikalischen Anleihen an Sly And The Family Stone überdies auch.

Dabei wäre es sogar lustig gewesen, den Titeltrack des 1971er-Albums von Sly Stone zu covern: Er existiert nur als null Sekunden lange Lücke (und ist trotzdem für 1,29 Euro als Download zu haben). Aber Yo La Tengo haben anderes im Sinn als wie auch immer gearteten Krawall: Sie geben dem Aufruhr einen Gegenpol, indem sie den Soundtrack zu einer Traumreise anbieten. Das Trio musiziert entspannt und entspannend, watteweich, wohligwarm, herzig und schön, und dabei niemals dudelig oder nach Art des Easy Listening. Der schiere Eskapismus, dem man sich sehr gern hingibt.

Damit nehmen sie indirekt den Antrieb auf, den Sly Stone vor 27 Jahren hatte: Die Welt war ihn Aufruhr, Systeme am umbrechen, Kriegsgefahr, Kapitalismus, politische Irrungen – also genau wie heute. Sly Stone reagierte musikalisch darauf, indem er seinen Funk verdunkelte und abhärtete, und Yo La Tengo kehren diese Motivation ins Gegenteil. Man könnte ihnen nun vorwerfen, dass sie sich damit politisch und gesellschaftlich nicht positionieren, aber das stimmt strenggenommen nicht, sonst hätten sie den Titel ja nicht gewählt. Eine Aussage an sich treffen Yo La Tengo ja trotzdem. Und gerade die Stille in Zeiten des Krachs erzeugt Aufmerksamkeit. Beispiele und Analogien für dieses Verhalten gibt es einige im Kulturbetrieb, so stellte „Jackie Brown“ etwa seinerzeit die heftig diskutierte stille Antithese zu Quentin Tarantinos blutigem Vorgängerfilm „Pulp Fiction“ dar.

Als Bestätigung beginnt dieses Album instrumental. Ausgelassenheit vernimmt man über die gesamte Spielzeit nicht, auch wenn sich die Band einmal zu einem lateinamerikanischen Rhythmus hinreißen lässt. Da die drei aber alles zurückhaltend intonieren, drängt sich sogar dabei kein Aufruf zum Herumzappeln auf. Man hebt nur leicht den Kopf, um sich zu vergewissern, dass das gerade wirklich passiert, und lässt ihn dann zufrieden bestätigt wieder zurück ins Kissen sinken.

Ganz Yo La Tengo, gibt es auch hier einen Coversong: „Polynesia #1“, im Original 1976 von Folksänger Michael Hurley. Passt. Beim direkten Vorgängeralbum „Stuff Like That There“ aus dem Jahr 2015 handelte es sich um ein „Fakebook“-Update mit Coversongs, außer der Reihe erschien 2016 zudem mit „Murder In The Second Degree“ die zweite Compilation mit spontanen Hörerwunsch-Covers, die Yo La Tengo für den Radiosender WFMU einspielten. Da ist ein singulärer Fremdtrack richtig wenig.

Und doch: Es fehlen etwas die hypnotische Monotonie, die ausufernden Feedbacks, das Gegniedel, Georgel, Gerumpel, für das Yo La Tengo ebenso stehen wie für den Wohlklang, den man hier ausschließlich kredenzt bekommt. Aber wem danach gelüstet, der hört sich halt die vielen anderen guten Alben aus über 30 Jahren Bandgeschichte an. Seit dem Ende von Sonic Youth sind Yo La Tengo quasi die letzten aktiven Veteranen der alten US-Indierock-Zeit. Und noch immer wird man als Fan belohnt, und sei es damit, dass Yo La Tengo eine DVD herausbringen, der sie drei Manga-Alter-Egos ihrer selbst als Kunststofffiguren beilegen.

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