Schwartz & Yoann – Spirou & Fantasio Spezial: Der Meister der schwarzen Hostien – Carlsen 2017

Von Matthias Bosenick (07.04.2017)

Die Fortsetzung zu „Die Leopardenfrau“ hat ja nur drei Jahre lang auf sich warten lassen: Schwartz & Yann schicken die beiden Helden in dieser Episode der „One Shot“ genannten Spezial-Reihe kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in den Kongo, Belgische Kolonie damals. Dem überkommenen Sujet des Kolonialcomics sind in der Gegenwart tatsächlich noch Aspekte abzugewinnen, die überraschen und nicht mehr so rassistisch sind wie damals; dieser Doppelband mit eigentlich drei Teilen ist sogar besser als die Hauptlinie der Serie.

Aus irgendwelchen Gründen arbeiten sich viele der Spezial-Autoren an Spirous Entstehungszeit ab, rund um den Zweiten Weltkrieg im Hotel Moustic in Brüssel, zwischen Naziherrschaft und Widerstand, Spionage und Courage. So war es auch 2009 bei Schwartz & Yann, die das Thema in ihrem ersten One Shot „Operation Fledermaus“ aufgriffen. In „Die Leopardenfrau“ drehten sie am Rad der Zeit: Nach dem Krieg, zu Zeiten der Entnazifizierung Brüssels, der Existenzialisten, der Zazous und der Aufräumarbeiten geistern Zyklopenroboter durch die Stadt, auf der Jagd nach einer Leopardenfrau, die wiederum einen mächtigen Fetisch in den Kongo zurückbringen will. Die Autoren kratzen überraschend viele Themen aus der Nachkriegszeit an und generieren einen Comic, der sehr stark in Richtung Edutainment arbeitet und gleichzeitig eine eigenwillig, aber attraktiv gezeichnete, komplexe Abenteuergeschichte erzählt.

Die setzt sich im „Meister der schwarzen Hostien“ auf Kongolesischem Boden fort. Die Interessengruppen stoßen erneut aufeinander: Faschistische Kongolesen, Nazi-Atomphysiker, die Leopardenfrauen, ein Schwarzmagier und natürlich Spirou und Fantasio, der Page und der Journalist, samt Eichhörnchen Pips. Die faschistischen Kongolesen zwingen die deutschen Physiker, eine Bombe zu bauen, die sie auf Brüssel abwerfen wollen, um Afrika aus dem Joch der Kolonialmächte zu befreien. Ihr Druckmittel sind die Zyklopen, die ein Schwarzmagier beherrscht, doch dessen eigenes Ziel ist es, die Magierin der Leopardenfrauen zu besiegen. Deren Macht wächst nämlich, weil die Leopardenfrau aus dem ersten Band mit dem wiedergefundenen Fetisch auf dem Weg zu ihr ist. Zwischendurch werden die Titelhelden getrennt und Spirou erfährt Unterstützung von einem skurrilen Missionar.

Der Kolonialcomic birgt die Gefahr des Rassismus, daran bissen sich zu Beginn der Comiczeit in Frankreich und Belgien manche der späteren Helden einige Zähne aus. „Tim im Kongo“ wird hier zwar zitiert, aber landläufig sehr kritisch betrachtet. Zu Kolonialzeiten waren die Bewohner Schwarzafrikas wenn nicht im Zoo ausgestellt, so doch als ungebildete Tölpel aufgefasst und dargestellt worden. Auch in Comics, auch bei Spirou, den Franquin noch 1950 „Bei den Pygmäen“ Vergleichbares erleben ließ. Gottlob änderten Zeichner und Autoren bald ihre Haltungen. „Der Meister der schwarzen Hostien“ und seine schwarzafrikanischen Mitspieler sind den Europäern in vielen Aspekten überlegen, auch wenn sie ihnen technisch und zivilisatorisch vermeintlich nachhinken. Die Waage ist ausgeglichen, auf beiden Seiten gibt es Stärken und Schwächen, die die Geschichte beeinflussen.

Zudem bringen die Autoren in diesem Doppelband noch ganz andere Schwerpunkte unter: Sie stellen Spirou zunächst als alkoholkranken Depressiven dar, der den Verlust seiner geliebten Audrey nicht verkraftet. Die wiederum ist Jüdin und wurde bereits in „Operation Fledermaus“ von den Nazis verschleppt. So viel Sex und Softerotik wie in diesen drei zusammenhängenden Bänden sind in der Serie auch selten; die Zazou-Freundin von Fantasio trägt und zeigt Strapse, die Leopardenfrau verhüllt ihre Konturen kaum und ihre Stammesgenossinnen sind in der Fernsicht ohnehin meistens barbusig. Antifaschismus und Umweltschutz wiederum sind gängige Themen in der Serie und auch hier präsent.

Nach einigen Findungsproblemen in den Neunzigern hat dasjenige Flaggschiff des frankobelgischen Comics, das nicht „Asterix“ heißt, längst wieder sicheres Fahrwasser erreicht. Es gelingt der Spagat zwischen Historizismus und Tradition sowie Modernismus und Vision. Und doch birgt die „One Shot“-Reihe die besseren Bände als die Hauptreihe, und das, obwohl die gegenwärtigen Serienautoren Vehlmann & Yoann seinerzeit mit dem großartigen „Die steinernen Riesen“ ausgerechnet den ersten „One Shot“ produzierten. Morvan & Munuera waren aber besser.

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