Rezensionen CD #13:

 

24)

 Magnus Rosén – Past Future – Naxos 2010

Moin,

und hier wieder ein Album für spezielle Spezialspezialisten, also für die Freunde der tiefen Töne. Nicht nur geneigte Bassisten, sondern auch interessierte Liebhaber klassischer Musik können hier gerne mal ein Ohr nehmen.

Traf man noch vor ein paar Jahren auf Magnus Rosén, dann stand man dem Bassisten der schwedischen Metalband „Hammerfall“ gegenüber, stilgerecht mit Nieten, Leder und Megamähne.

Doch Magnus Rosén (übrigens ein symphatischer, offener, sozial engagierter Typ) guckt gerne auch mal über den Tellerrand und hat u.A. auch eine Vorliebe für klassische Musik.

Auf dem vorliegenden Album werden diverse Kompositionen für E-Bass und Orchester geboten, tatkräftig unterstützt durch das Göteborger Sinfonieorchester und dem „Hvila Quartett“.

Hört man sich durch das Album, dann fällt auf, dass die Symbiose von E- Bass und Orchester gerade bei den Eigenkompositionen von Magnus Rosén am besten gelungen ist. Hier treffen virtuose, halsbrecherisch schnelle Bassläufe auf gefühlvolle Passagen, in denen wunderbar das Bogenspiel eines Streichinstrumentes, mit Hilfe eines Volumenpedals, auf dem E-Bass nachgeahmt wurde.

Die Arrangements der anderen Mitkomponisten sind zwar auch sehr ansprechend, jedoch wird der E-Bass hier nicht ganz so harmonisch in das Gesamtwerk eingebettet.

Natürlich darf auch ein Stück von Bach nicht fehlen. Bei „Baderinerie“ zeigt der Maestro sein Können auf hohem Niveau.

Zur Auflockerung für den „Normalhörer“ gibt es dann noch eine coole Coverversion von „Purple Haze“ (natürlich von Jimi Hendrix) und eine Bluesnummer, die ins Jazzige kippt.

Fazit: Tolle Symbiose von E-Bass mit Orchester. Am besten gefallen mir die melodischen, gefühlvollen Stücke, die mit viel Feeling gespielt wurden und die wunderbar ins Ohr gehen. Zurücklehen, Zeit anhalten und bitte jetzt wieder atmen...

Anspieltipps: 3. En glimt, 5.Land of Spirit, 9. Past Future

Von Michael „Schepper“ Schaefer (28.08.2011)

 

23)

 Project Pitchfork – Quantum Mechanics – Trisol/Soulfood 2011

Was ist nur mit Peter Spilles los? Er ist so produktiv wie zuletzt Ende der 90er Jahre, aber leider bei Weitem nicht so kreativ. Das aktuelle Album seines Hauptvergnügens Project Pitchfork bestätigt diesen Eindruck, der mit dem vorletzten Album aufkam und den das Nebenprojekt Santa Hates You erhärtet. Das betrifft sowohl die Musik als auch das Erscheinungsbild und die Haltung. In Interviews redet Spilles dummes Zeug, er lässt sich fotografieren, als wäre er ein durchgestylter Gothic-Newcomer, und macht Musik, als hätte er zum ersten Mal Kontakt zu einem Tonstudio und darin dann nur sehr wenig Zeit gehabt. Erschreckend.

In der aktuellen Entwicklung von Spilles' Musik spiegelt sich die aktuelle Entwicklung der Gruftiszene wieder. Wie schade, dabei stand doch zu hoffen, dass sich ein älter werdender Gruftbeschicker am Geschmack des mit ihm älter werdenden Publikums orientiert und nicht am oberflächlichen Nachwuchs, der weder Tiefgang noch Interesse noch Sammelleidenschaft hat. Andere dem Gruftrock zugeordnete Musiker schaffen das doch auch, siehe The Cure, The Mission, Fields Of The Nephilim, Front Line Assembly (oder hören gleich auf, wie Love Like Blood). Man kann sich treu bleiben und trotzdem reifen. Doch im gleichem Maße, wie Kirmestechno in den Charts dominiert, richtet sich das musikalische Werk Spilles' an Kindergruftis.

Die Sounds sind erschreckend billig, als hätte Spilles sich nicht die Mühe gemacht, über die Tracks verteilt einfach mal einen anderen Synthesizer anzuklicken. Nervig hohe Keyboards kleistern die Songs zu. Die mögen vielleicht einmal und dann auch nur auf der Tanzfläche funktioneiren, aber nicht als stilbildendes Element. Dann verwendet Spilles ausschließlich Rhythmen, die seit Anbeginn des EBM bei den Kids sicher funktionieren, und geht keinerlei Wagnisse mehr ein. „Assimilate“ mit billigem VNV-Nation-Gedudel. Schon vor mehr als zehn Jahren war bei Project Pitchfork die Entwicklung zu weniger kantigen Sounds auszumachen, aber dabei waren die Alben immerhin atmosphärisch, die Songs hatten Wiedererkennungswert, man hat die CDs gerne gehört. Jetzt kann man die Songs nicht mal mehr voneinander unterscheiden, geschweigen denn von denen der letzten beiden Alben. Und dann diese Poser-Fotos, wie von einer dieser unterirdischen bei den Gruftis gehypten finnischen Elektrorockcombos. Auch Kevin Ogilvie post im hohen Alter, doch zieht der einfach durch und ist weniger plakativ damit.

Dabei geht es doch auch anders, und den Beweis dafür liefert Spilles in der limitierten Ausgabe des Albums mit: Die Remixe haben eine größere musikalische Tiefe. Vielleicht sollte Spilles sich demnächst wieder mehr Zeit lassen – zu viele Alben von zu vielen Projekten gleichzeitig gehen einfach nicht gut. Vielleicht sollte der Alleinherrscher auch andere Songschreiber mal wieder mit ins Boot holen – er allein bringt's einfach nicht (obwohl seine flache Duo-Tante von Santa Hates You ein Gegenargument ist). Vielleicht sollte er sich nicht so sehr an zahlungsunwilliges und wechselhaftes Jungvolk aus der vermeintlichen Szene anbiedern wollen, sondern sich seni Ur-Publikum zurückerobern. Zu allem Übel ist der aktuelle Pitchfork-Kram in all seiner Mittelmäßigkeit auch noch besser als der ganze Rest dieser Art...

Von Matthias Bosenick (26.08.2011)

 

22)

 Gus Gus – Arabian Horse – Kompakt 2011

Trance, Techno, Dub, Pop und Soul verbindet niemand so überzeugend wie das isländische Kollektiv Gus Gus. Mit einer unglaublichen Tiefe: Hört man die letzten drei Alben „Forever“, „24/7“ und eben „Arabian Horse“ in Zimmerlautstärke zu Hause, verbringt man eine angeregte Zeit mit einnehmenden Popsongs. Die machen süchtig, man möchte die Alben immerzu wieder hören. Und wenn man dies tut, wird einem nicht langweilig dabei. Die Stücke sind entspannt und bauen sich bisweilen über Unendlichkeiten auf. Mit tollen Stimmen erschaffen Gus Gus (oder auch GusGus, gesprochen ungefähr Güsgüs) wundervolle Atmosphären und Songs, die den Rand des Pop überschreiten. Hört man diese Alben hingegen hammerlaut auf der Heimanlage oder im Auto (in Clubs muss es noch besser sein), erscheinen die leisen Zwischenmomente gigantisch groß, hebt einen der verschleppte Elektrosound an, nimmt einen die Wucht der eigentlich sanften Bässe gefangen. Die rühren nicht alleine von den Drums her, denn auch die vermeintlich kargen Melodiepassagen werden bisweilen von tiefen Tönen belebt. Das grenzt bald an Jazz: Jeder fehlende Ton, jede Verzögerung saugt das Verlangen nach Mehr aus dem Hörer heraus. Gus Gus machen süchtig. Und sind schweinecool.

Da macht es auch nichts, dass sich die letzten drei Alben sehr ähneln, inklusive der Fünf-Achtel-Melodieeffekte. Man möchte ja ohnehin in das gleichzeitig watteweiche und beatharte Universum von Gus Gus abtauchen, und so hat man eben noch mehr Möglichkeiten dazu. Dabei finden die Isländer dieses Mal zu kürzeren Popsongs zurück, das ist ein Unterschied zu „24/7“ - die Stücke sind also nicht mehr elf, sondern nur noch fünfeinhalb Minuten lang. Der erste Track „Selfoss“ braucht einige Minuten, bis er nicht mehr so klingt, als erwache man aus einem Überschwemmungs-Alptraum (oder nähme endlich den Kopf aus der Kloschüssel). Lang hält die Klarheit dieses Technostücks nicht an, da wird es schon zu einem schrägen Folksong. Der Rest des Albums saugt einen in die Boxen. Es wirkt wie ein Nonstopmix, sehr aus einem Guss, trotzdem sehr abwechslungsreich. Es bleibt zwar bei den bekannten Komponenten Trance, Techno, Dub, Pop und Soul, aber es klingt eben trotzdem frisch.

So stringent wie die letzten drei Alben sind die fünf davor allerdings nicht. Zu Zeiten des Debüts war der Sound zwar bereits latent elektronisch, aber überwiegend handgemacht. Elegische Trance- und Tanzmusik, so hypnotisch wie heute. Danach schielten Gus Gus nach den Charts mit obgleich qualitativ gutem, aber songschreiberisch mittelmäßigem Pop-Techno („This Is Normal“). Der Schritt in Richtung Charts-House („Attention“) war auch nicht so gelungen, aber nötig, um die aktuelle Phase einzuläuten. So variabel wie die Musik ist auch die Besetzung: Zu zwölft begannen Gus Gus 1995, zwischendurch waren sie nur zu zweit, heute sind sie zu fünft. Einzige Konstante sind Stephan Stephensen und Birgir Þórarinsson, alle anderen kommen und gehen nach Belieben, etwa Daniel Ágúst Haraldsson und Urður Hákonardóttir. Neu im Bunde ist Högni Egilsson von der Band Hjaltalín.

Wer Techno an sich gerne hören würde, sich jedoch mit dem standardisierten Mittelmaß-Mist nicht anfreunden kann, freue sich über Gus Gus. Mögen sie noch lange so hervorragende Musik machen. Übrigens hat die Taiwan-Version des Albums den Bonus-Track „Magnified Love (President Bongo Instrumental Mix)“.

Von Matthias Bosenick (24.06.2011)

 

21)

 22 Pistepirkko – Lime Green DeLorean – Bone Voyage/Cargo Records 2011

Die Platten von 22 Pistepirkko sind eine sichere Bank für gute Musik, man muss sich nur auf sie einlassen. Denn selbst, wenn man bereits Fan ist, überraschen die Finnen mit jedem neuen Album; man muss sie einigermaßen neu entdecken. Sicherlich bleiben sie sich in den Grundzügen treu, aber wer anhand der vorausgegangenen Alben meint, abschätzen zu können, wohin die Reise nächstens geht, liegt vermutlich daneben.

Das war von Anfang an so. Man kolportiert, 22PP wären ab 1980 die schnellste Ramones-Cover-Band Finnlands gewesen, bevor sie 1984 ihr Debüt „Piano, runku ja kukka“ veröffentlichten. Das klang so rumpelig wie sein Titel: Garagenpunkrock, giftig und spröde.  Der hohe Gesang von P-K Keränen war von Anfang an Markenzeichen der Band. Mit den Alben und den 90ern gestalteten 22PP ihren Sound zarter, was in dem naturidyllischen Hit „Birdy“ gipfelte. Ja, Hit: Eläkeläiset machten daraus „Pöpi“. Ein experimentelles Remix-Album schloss sich an, danach kam die Pop-Phase. Mit „Eleven“, nicht das elfte Album, eroberten die Finnen 1998 Resteuropa. „Rally Of Love“ war nahezu rein elektronisch, also ein glatter Gegenpol zu den Anfängen. Eine Best-Of überbrückte die Zeit bis zu „Drops & Kicks“, das 2005 die Rückkehr in die Garage markierte.

So richtig drin sind sie allerdings auch nicht mehr. Gerne hätte man jetzt die vier Buchstaben R, O, C und K aufs Cover gemalt, aber dazu geben 22PP gar nicht den Anlass. Auch für Pop reicht es nicht. Still und langsam eröffnen 22PP ihren „Lime Green DeLorean“ und lassen sich dabei auch noch alle Zeit der Welt (viele Songs sind länger als sechs Minuten). Das Trio macht Musik, keine Hits. Die Melodien schleichen sich nur hinterhältig ins Ohr. Nicht beim ersten Anhören bleiben sie hängen, dann aber dafür umso intensiver. Sperrig gestaltet sich das Album zunächst, doch wenn man sich – siehe Anfang – darauf einlässt, erfährt man erst, wie zugänglich es wirklich ist. Und dann fühlt man sich belohnt. „Ufo Girl“, das dritte Stück, ist sowas von typisch 22PP, dass es fast zeitlos ist. „Stupid“ steht aufbruchbereit vor dem Garagentor, „So Much Now“ erinnert an einen zugedrogten Neil Young. Die Lieder sind wehmütig, melancholisch, gutgelaunt, zurückhaltend, drängend, ruppig und leise. Am Ende weiß man: Es ist doch Rock, es ist doch Pop, es ist doch Garage – und es ist auf jeden Fall ganz groß 22PP.

Übrigens bekommt der Vinyl-Hörer auf Seite vier ein niedliches Etching sowie einen Download-Code mit zwei Bonus-Tracks mit. Diese zwei Tracks gab's aber auch auf der Bezahl-Vorab-Download-Single „Ufo Girl“.

Von Matthias Bosenick (23.06.2011)

 

20)

 Black Country Communion – 2 – Mascot Records/Rough Trade 2011

Allzu lange brauchte man zum Glück nicht zu warten auf den Nachfolger des selbstbetitelten Debütalbums der „Supergroup“ (Remember: Glenn Hughes, Joe Bonamassa, Jason Bonham, Derek Sherinian). In guter alter Led-Zep-Manier wird hier innerhalb eines Jahres der nächste Output auf die rockliebhabende Menschheit losgelassen.

Warum auch nicht - passend zur anstehenden Tour im Sommer macht das ja auch Sinn. Nicht nur aus kommerziellen Gründen, nö, denn um einen ganzen Abend bestreiten zu können, braucht man ja auch das entsprechende Material. Und das ist nun da. Und wie!

Nach zwei fetten Hardrockkrachern (The outsider, Man in the middle) geht es sehr
abwechslungsreich weiter.

Man merkt deutlich, dass die gesamte Band nun noch mehr zusammengewachsen ist. Auch gut, dass die Keyboards von Herrn Sherinian nun wesentlich besser zur Geltung kommen als auf dem Debüt. 70er-Jahre-Schweineorgel at its best und auch hier wieder mit coolen Deep-Purple- und Led-Zep-mäßigen Sounds.

Über die überragenden Gitarrenkünste des Bonamassa braucht man keine Worte mehr zu verlieren, das coole Orgelspiel Sherinians bringt so manche Überraschung zu Tage, das kraftvolle Drumming von Jason Bonham ist einsame Spitze (echt blöd, wenn sich dauernd mit dem Papa vergleichen lassen muss...) und der schlau eingesetzte Bass von Herrn Hughes lenkt die Band in die richtige Richtung.

Glenn Hughes ist natürlich nach wie vor für den Gesang verantwortlich, aber bei einigen Stücken darf auch Joe Bonamassa mal ran (The battle of hadrian’s wall, An ordinary son). Das bringt Abwechslung in die Geschichte, die jedoch von Hughes wesentlich kraftvoller und virtuoser erzählt wird.

Am besten gefällt mir die Communion aber, wenn sie richtig losrockt.

Fazit: Hier wird bester Hardrock geboten, der den Geist der 70er atmet und in die Gegenwart beamt.

Anspieltipps: The outsider, An ordinary son, I can see your spirit

Von Michael „Schepper“ Schaefer (13.06.2011)

 

19)

 Depeche Mode – Remixes 2: 81-11 – Mute 2011

30 Jahre Depeche Mode gilt es in diesem Jahr zu feiern. So sind denn nun die vielen ehemaligen Alternativen heute ungescholten älter als die zu ihren Gründungszeiten so genanten Rockdinosaurier. Erstaunlich, wie sich im Pop die Maßstäbe ändern.

So auch in Geschmack und Qualität. Gottlob gibt es sehr wohl einige Rezipienten in der Welt, denen es auch auffällt, dass das Mittelmaß die neue Spitzenqualität ist. In den letzten Jahren hat sich die Gaußsche Verteilungskurve sehr nach unten verschoben. Die frühere Verteilung – ein bisschen Gut, ein bisschen Schlecht und eine Masse Mittelmaß – gab es im öffentlichen Raum schon immer, nur ist die Verteilung heute anders: ein bisschen unterirdische Grotte, eine Masse Schlecht und ein bisschen Mittelmaß. Gut schafft es in die Öffentlichkeit kaum noch.

Die nurmehr drei lustigen Jungs von Depeche Mode haben die Veröffentlichung ihrer zweiten Remix-Sammlung mit diversen Statements begleitet. Etwa, dass für sie nur dann ein Remix gut ist, wenn er das Original erkennen lässt und nicht einfach nur Bummbumm unter ein paar verbliebene Samples legt. Seltsamerweise haben es dennoch jede Menge Bummbumms mit ein paar verbliebenen Samples auf diese Sammlung gebracht. Auf „Remixes 1“ waren sehr viele 80er-Jahre-Maxis vertreten, die den musikalischen Tiefgang des damaligen Quartetts voluminös und effektvoll herausarbeiteten. Gleich der Opener „Never Let Me Down Again“ steht für die pathosschwangere Pompösität und gleichzeitig behagliche Atmosphäre, die keine andere Band so gut transportierte. Vor allem nicht in die Charts. Dorthin brachten DeMo selbst „Stripped“ und „A Question Of Lust“. So hart wie in den Einstürzende-Neubauten-infizierten „Master And Servant“ und „People Are People“ waren DeMo auch nie wieder. „Enjoy The Silence“ und „Personal Jesus“ markierten letzte Höhe- und erste Wendepunkte: Danach wurden Depeche Mode leider banal. Sowohl musikalisch als auch, was die Atmosphäre betrifft, die sie bis dahin zu transportieren wussten. Die Musik wurde flach, die Melodien tralala. Tiefpunkt war das hörbar gleichgültig einer Best-Of zugedachte „Onyl When I Lose Myself“ mit der banalsten Melodie im DeMo-Universum. Der Underworld-Mix von „Barrel Of A Gun“ war noch mal ein Knaller. Danach haben Depeche Mode keine Wegmarken mehr gesetzt.

Mehr noch als die erste Remix-Dreifach-CD beinhaltet die zweite Neubearbeitungen alter Songs. Außerdem Songs der letzten, von Natur aus schon belanglosen DeMo-Zeit. Die Neubearbeiter erfreuen sich großer Popularität in Remixerkreisen, machen wohl auch ganz gut ihren Job, hinterlassen aber eine einlullende Spur des Bummbumms. Dazwischen tummeln sich einige Balladen, besser: Ambient-Versionen. Die „81“ im Titel steht leider nicht für den ältesten vertretenen Remix, sondern für die älteste Remixvorlage. Was sehr schade ist. So ist nämlich der Death Mix vom wundervollen „Fly On The Windscreen“ nicht nur das älteste, sondern – obwohl die Extenden-Version auf der „It’s Called A Heart“-Maxi noch besser ist – das beste Stück auf „Remixes 2“. À propos „It’s Called A Heart“: Da schlummert noch einiges in den DeMo-Archiven, das auf dieser Sammlung eine bessere Figur gemacht hätte als die tatsächlich enthaltenen Mixe. Das meiste sind nämlich schlicht nach dem Remixer klingende Elektrostücke mit Dave-Gahan-Gesang. Den Mixern gelingt es entgegen der oben genannten Bandaussage nicht, mehr zu machen als Bummbumm mit einem bisschen Originalsample. Zwar erkennt man die Mixer teilweise an ihrem Stil und ihren typischen Effekten, aber die Seele von Depeche Mode geht verloren, mehr noch als beim Original ohnehin in den letzten zwanzig Jahren. Da ist es auch wurscht, dass die zwei Ex-Mitglieder Vince Clarke und Alan Wilder erstmals nachträglich Hand an DeMo legen. „Remixes 2“ ist als Tanzsammlung okay, aber als Depeche-Mode-Compilation eine Enttäuschung.

Von Matthias Bosenick (12.06.2011)

 

18)

 Deep Purple – Phoenix Rising – Edel 2011

Entstaubter Stoff von den alten Hardrockhaudegen?
Von wegen!
Hier gibt es ordentlich was auf die Mütze. Mit Abstrichen wohlgemerkt.

Auf der CD und auch auf der DVD bekommt der geneigte Zu-Hörer und auch -Gucker
seltene Aufnahmen von 1975 aus Japan und Longbeach serviert. Natürlich digital aufbereitet. Hier war die sogenannte Mark4 Besetzung am Start, mit Ian Paice (drums), Jon Lord (keys), David Coverdale (voc), Glenn Hughes (bass) und Tommy Bolin (git)
(Richie Blackmore hatte zuvor die Band u.A. ob des entstandenen Stilwechsels verlassen).

Alles hochkarätige Musiker, sollte man meinen, wenn da nicht das ein oder andere „Problemchen“ bestanden hätte. Klar, man war tief in den 70ern und die Jungs haben
nichts anbrennen lassen. Sex, Drugs, Rock’n’Roll - wie man sich das so vorstellt (O-Ton Jon Lord: „Tja, wir waren in den 70ern, hätten wir Milch trinken sollen...“).

Leider hatten es zwei Strategen mit den härteren Drogen etwas stark übertrieben. Tommy Bolin weilt leider heute nicht mehr unter uns und Glenn Hughes hat seit geraumer Zeit glücklicherweise den Absprung geschafft (und rockt heute noch hervorragend - bei „Black Country Communion“...).

So kann man also bei den Aufnahmen sehr gut beobachten, wie die gesamte Band, und auch die beiden letztgenannten Herren, LIVE  so agiert haben.

Tommy Bolin konnte teilweise kaum Gitarre spielen, weil seine Hand durch einen „drogenbedingten Arbeitsunfall“ gelähmt war, und Glenn Hughes war auch ziemlich neben der Spur (O-Ton Glenn: „Immer, wenn ich mit freiem Oberkörper gespielt habe, war ich total drauf“...). Die fehlende Leadgitarre wurde also kurzerhand ganz souverän von Jon Lord mit seiner Orgel ersetzt. Der Rest der Band machte seinen Job ebenfalls hervorragend, allen voran David Coverdale, der ja quasi über Nacht vom unbekannten
Hosenverkäufer zum Hardrocksuperstar der 70er wurde.

Trotz aller Widrigkeiten rockten die Jungs routiniert und spielfreudig durch ihr Set. Harte Rocker (Burn, Gettin’ tighter, Stormbringer) wechseln sich ab mit bluesigen und souligen Nummern.(You keep on moving, Love child, Georgia on my mind) und natürlich den alten Gassenhauern der Band (Smoke on the water, Lazy, Highway star).

Auf der DVD bekommt man dann ganz tiefe Einblicke in die Bandgeschichte. Rares Videomaterial und vor allem die sehr interessanten Interviews von Jon Lord und Glenn Hughes lassen ein Gefühl dafür aufkommen, was für eine Atmosphäre damals innerhalb der Band herrschte und warum es letztendlich zum Split 1976 kommen musste.

Fazit: Schön gemachtes Zeitdokument mit tollen Einblicken in die Bandhistory.

Von Michael „Schepper“ Schaefer (07.06.2011)

 

17)

 Bohren & Der Club Of Gore – Beileid – PIAS/Rough Trade 2011

Von Gore zu Beileid in sieben Alben und 17 Jahren: Die zweitwichtigsten Mülheimer (nach Helge Schneider) überraschen mit der musikalischen Antithese zu ihrer öffentlichen Darstellung. Was ist nicht immer von „extrem langsam“, „einstelliger BPM-Bereich“ und „gothic Doom-Jazz“ zu lesen. Nun mag es an den unterschiedlichen Hörgewohnheiten liegen, aber Songs von Sade sind auch langsam, Joy Division viel gruftiger und Bohren eigentlich mehr Ambient als alles andere. Bisweilen sortiert man sie gar in die Sludge-Ecke mit Bands wie Isis ein. Aber trotz aller Gitarrenlastigkeit kann von Metal bei „Beileid“ nun gar keine Rede sein.

Gut, Ipecac-Labelbetreiber Mike Patton hört das wohl auch anders und gesellt Bohren in seinem Katalog neben Isis. Das ist auch der Grund dafür, dass ausgerechnet Zauberstimme Patton den ersten Vokalbeitrag auf einem Bohren-Album überhaupt beisteuert: Bei der Coverversion von „Catch My Heart“, im Original von Warlock aus der Nachbarstadt Düsseldorf. Patton knödelt zum Knödelerweichen, wie man es als Fan auch haben mag. Auch dieser Track fährt der Langsamkeits-Diskussion in die Parade: So langsam kann kein Song sein, dass man zu ihm nicht noch singen kann.

Mit einem kleinen Maß an Gruftmucke im Regal ist einem „Beileid“ auch beleibe nicht so düster, wie es das Cover suggeriert. Entspannt, das ist das erste und anhaltendste, was einem beim Hören einfällt. Es trägt zur Qualität des Albums bei, dass man sowohl nebenbei als auch konzentriert seine Freude daran hat. Und Bohren liefern außerdem den Beweis, dass es keine schlechten Instrumente gibt, wenn man nur weiß, wie man sie einsetzt. Soll also bitte niemand per se über Saxophone lästern. Und beim nächsten Album soll bitte Helge mitmachen. Qualitätsjazzer unter sich.

Von Matthias Bosenick (25.05.2011)

 

16)

 Moby – Destroyed – Little Idiot/Warner 2011

Moby ist vermutlich ein Sympath. Wer ihn zum Beispiel auf einer seiner vielen DVDs in dem Film „Give a camcorder to an idiot“ gesehen hat, kann ihn nur lieben oder abgrundtief albern finden. Für wen die Nadel in Richtung Liebe schlägt, der verzeiht Moby auch vieles. Denn zwar hat Moby guten Ambient, erträglichen Eurodance und ruppigen Punk gemacht, aber hernach mit seiner gejammerten Melancholie auch mächtig gelangweilt.

„Destroyed“ hat Moby nun auf Tour aufgenommen. Wenn er einsam im Hotel war, hat er seine Einsamkeit in Songs geknetet. Das hätte er vielleicht nicht tun sollen: „Destroyed“ klingt in der Überzahl der Songs wie die Bonus-Ambient-CDs, die er früheren Limited Editions beigelegt hat. Als eigenständiges Album langweilen es leider. In der Mitte, im Prinzip von der Dramaturgie her wie auf dem einigermaßen missglückten „Last Night“, erheben sich ein paar tanzbare, groovige, ungewöhnlich arrangierte Uptemponummern, von denen man gerne ein paar mehr gehört hätte. Auch von der E-Gitarre, die nach „Animal Rights“ bei Moby nur noch den Pathos untermalen darf.

Passend zur akustischen Einsamkeit legt Moby einen Bildband bei. Die Fotos zeigen leere Hotels, leere Flughäfen, leere Stadtansichten und volle Konzerthallen. Moby ist kein guter Fotograf, hat aber ein Auge für seine Emotionen. Auch die launigen Kommentare zu den Fotos erinnern wieder an die sympathischen „Idiot“-Filme. Tja, schade, dass sein Auge hier besser funktioniert als sein Ohr. Er kann’s ja, die Tracks sind schon von guter musikalischer Qualität, das sei ihm nicht genommen. Aber er langweilt halt.

Von Matthias Bosenick (25.05.2011)

 

15)

 Cryptex – Good Morning, How Did You Live? – Saol/H’Art 2011

Jawoll, es ist da! Das Debutalbum von Cryptex.

Wer die Jungs schon mal live erleben durfte, konnte also nur gespannt sein auf ihr erstes richtiges Album. Und genauso kraftvoll wie live kommt die Band auch auf der Scheibe rüber.

Die bunte Mischung aus Prog-Folk-Art-Alternativ-Rock überrascht mit genialen Einfällen und klingt extrem abwechslungsreich. Wer jetzt verkopfte Schachtelkompositionen mit Pathosfaktor erwartet, dem machen die Jungs aber sowas von ’nen Strich durch die Rechnung, denn hier sind geschickt arrangierte, mit tollen Melodien und coolen Ideen versehene Songs am Start, die auch noch volle Pulle abgehen können!

Ramon und Martin rocken, brillieren, grooven und sprühen vor Musikalität und Simon spielt und singt, als ob es kein Morgen mehr gäbe (Good Morning, How Did You Live?).

Auffallend ist auch der druckvolle Sound und die vielfältige Instrumentierung. Auch nach mehrmaligem Hören entdeckt man immer wieder kleine Feinheiten. Sehr schön, sooo soll das sein.

Was soll ich hier rumschwafeln, das Ding rockt, ist spitze gespielt, hat tolle Songs und geniale Ideen und verlässt meinen CD-Player erstmal nicht mehr.

Darf man als alter „Braunschweiger Muckerpolizist“ eine regionale Band ausnahmslos toll finden und den Hut vor diesen genialen Musikern ziehen? Ja, das darf man und ich mach das auch!

Fazit: Bei Cryptex fliegt die Kuh - und das nicht nur live, sondern jetzt auch auf CD.

Anpieltipps: 2. Hicksville Habitus And Itchy Feet
                     8. Camden Town
                     -. das ganze Album!

Von Michael „Schepper“ Schaefer (19.05.2011)

 

14)

 Cavalera Conspiracy – Blunt Force Trauma – Roadruner 2011

Was für ein Hin- und Her! Erst zerstreiten sich die Brüder Max und Igor Cavalera, woraufhin Max die Band Sepultura verlässt. Ausgerechnet! Das Aushängeschild, optisch wie akustisch. Der Begriff „Sepultura-Gekotze“ als allgemeine Gesangsbeschreibung im Metal geht nun mal genau auf Max zurück. Wenn der also fehlt, Sepultura nicht mehr nach Sepultura-Gekotze klingen, was bleibt dann von Sepultura? Nicht mehr so viel; schlecht war der Rest mit dem neuen Sänger zwar nie, aber nicht mehr so charakteristisch. Mit Max ging auch der Tribal-Sound. Den nahm er mit zu seiner neuen Band Soulfly. Die klangen zwar auch ein bisschen nach Sepultura, mischten aber immer Elemente in den Metal, die dort nicht hingehören. Nun also haben sich die Brüder wieder vertragen und sich gleich zur „Cavalera Conspiracy“ verschworen. Soulfly scheint es dennoch parallel weiterhin zu geben. Igor, der sich jetzt mit zwei G schreibt, hat Sepultura allerdings verlassen. Wer böse ist, stellt fest, dass dort gar kein Gründungsmitglied mehr mitspielt; Paulo Jr. ist immerhin am längsten dabei, Andreas Kisser seit dem zweiten Album. Die Mit-Gründer Max und Igor machen nach allerlei Umwegen nun akustisch ungefähr dort weiter, wo sie vor 27 Jahren begonnen haben: Thrash Fuckin Metal.

Das ist ein mächtiges Geknüppel und Gebolze, versetzt mit einigen wenigen musikalischen Schnörkeln. Das immerhin macht den Unterschied aus: Der Metal ist nicht mehr so stumpf wie damals, vor 1991. Man hört, dass sich die Brüder entwickelt haben. Sie haben viel erlebt, viel ausprobiert und viel wieder hinter sich gelassen. Das Ergebnis auf diesem zweiten gemeinsamen Album macht mächtig Laune, obwohl es noch etwas weniger verspielt ist als das Debüt.

Wer die Version mit der DVD erwischt, bekommt ein Konzert vom Eurockéennes Festival in Belfort dazu, aufgenommen 2008, also rund um „Inflikted“, das Debüt. Im Programm sind diverse Sepultura-Klassiker und ein bisschen Dead Kennedys. „Mercy fuckin beaucoup“, sagt Max. Herrlicher Spaß. Ebenso das Video zu „Sanctuary“ vom Debüt, ein schöner Vergleich mit Fukushima: Für einen Videodreh haben die Filmemacher einen Zombie ins Studio geholt. Während die Band das Stück performt, bricht der Zombie aus und tötet alle Leute, gefilmt mit wackeliger Handkamera. Die Menschen haben halt ihren Scheiß nicht unter Kontrolle.

Also: Auch das zweite Gebrüderalbum macht Spaß. Seltsamerweise gab es viele Stimmen, die „Inflikted“ nicht mochten, aber die sollen mal die Band zeigen, die es heute besser macht. Metallica auf jeden Fall nicht.

Von Matthias Bosenick (07.03.2011)

 

13)

 Daft Punk – Tron Legacy – Walt Disney/EMI 2010

Daft Punk sehen ja ohnehin nach Tron aus, da ist es passend, dass die beiden Franzosen den Soundtrack für die Neuauflage des Disney-Films machen. Doch hört man das nicht heraus: Von Daft Punk selbst bleibt auf „Tron Legacy“ nämlich nur wenig übrig. Man muss mehr als die halbe CD gehört haben, um an Sounds zu geraten, die nach ihren Erschaffern klingen. Rund um „Derezzed“ gelingt dies kurz (in Kombination mit dem Video erinnert es enorm an „Interstella 5555“), am Ende garnieren Daft Punk außerdem das inzwischen bekannte Tron-Thema mit zwar passenden, aber altbackenen 90er-Jahre-Techno-Sounds.

Der Rest ist immerhin zumindest interessant: Daft Punk klingen orchestriert nach ihren Landsleuten Jean Michel Jarre und Yann Tiersen (also nach Philip Glass). Das heißt: Wie auch bei den Clubtunes von Daft Punk gibt es Loops und Wiederholungen, dieses Mal jedoch weichgedudelt. Beim ersten Hören macht das noch neugierig: So kennt man Daft Punk nicht, außerdem freut man sich über solch entspannende Musik – auch, wenn man eigentlich dem Film angemessene dröhnende Action erwartet hat. Doch schon beim zweiten Hören stellt sich Langeweile ein. Doch was will man meckern: Daft Punk sind eben unberechenbar; so könnte man das Album zumindest wohlwollend bewerten. Doch lässt der Disney-Schriftzug auch eine ganz andere Interpretation zu.

Wer schnell ist, erwischt übrigens noch die limitierte Doppel-CD. Die fügt dem Werk zwar nichts Wesentliches hinzu, ist aber schon jetzt so gut wie vergriffen und schweineteuer. So dienst „Tron Legacy“ wenigstens als Wertanlage, wenn nicht zur Untermalung romantischer Abende.

Von Matthias Bosenick (09.02.2011)

 

12)

 Mr. Big – What if... – Frontiers/Soulfood 2011

Zeitsprung: Vor fast 20 Jahren erschien das geniale Hardrock-Album „Lean Into It“ von Mr. Big. Klar, den meisten war nur die unsägliche Ballade „To Be With You“ ein Begriff, jedoch konnten die Jungs um Billy Sheehan am Bass und Paul Gilbert anner Ketarre noch ganz anders und ließen schockierten Hausfrauen, die das Album nur wegen der Ballade gekauft hatten, das Bügeleisen aus der Hand fallen, ob der geballten Ladung hardrockender Virtuosität, die da aus den Lautsprechern pfefferte.

Und nun? Zwanzig Jahre später, nach diversen Musikerumbesetzungen, leichten musikalischen Stiländerungen und sogar der kompletten Bandauflösung, sind die großen Herren wieder in Originalbesetzung (Eric Martin - Vocals, Paul Gilbert - Gitarre, Billy Sheehan - Bass und Pat Torpey - Drums) zurück und machen quasi genau da weiter, wo sie damals aufgehört haben. Dabei wurde aber nicht aufgehört, sich weiter zu entwickeln, und das kann man hören.

Catchy Hardrocksongs mit coolen Tricks treffen auf gefällige Balladen alter Schule und schnelle Rocknummern. Virtuosität und tolle Melodien drehen sich zusammen mit einem teuflischem Groove und mit positiver Power im Kreis und werden zu einem wahren Hardrockhurricane, der einen ein Dauergrinsen ins Gesicht wirbelt.

Auch wenn der letzte Satz ziemlich dämlich klingt: Das Teil rockt! Hier waren echte Könner am Werk, die genau wissen, was sie tun. Unbedingt mal reinhören, schon allein wegen des Sounds.

Anspieltipps: „Undertow”, „Once Upon A Time”, „Around The World”…

Von Michael „Schepper“ Schaefer (06.02.2011)

 

11)

 The Young Gods – Limited Box – Two Gentlemen 2010
 The Young Gods – Everybody Knows – Two Gentlemen 2010

Ein dickes Paket kurz vor Weihnachten: Die Schweizer Young Gods, 1985 benannt nach einer EP der Swans, bringen im hohen Alter und drei Jahre nach „Super Ready/Fragmenté“ ein neues Studio- und gleich drei neue Live-Alben heraus. Als wäre das nicht genug, liegen die Live-CDs lediglich den hauptattraktiven Live-DVDs als Auszug der Tonspur bei. Erst vor zwei Jahren kam mit „Knock On Wood“ ein ähnliches Format mit Akustik-Live-Versionen heraus, jetzt gibt es drei weitere Varianten des industriellen Sounds der Young Gods: Einmal mit Orchester („With The Lausanne Sinfonietta Live at Montreux Jazz, MDH 14.07.05“), einmal als normales Tourdokument („Super Ready/Fragmenté Tour Rote Fabrik Zürich“) und einmal mit Avantgarde-Rapper Dälek („Griots And Gods Les Eurockeennes Festival Belfort“).

„Everybody Knows“ eint quasi musikalisch das Beste der Young Gods aus 25 Jahren. Vieles klingt vertraut, auch die epischen Klanglandschaften inmitten längerer Lieder kennt man bereits. Doch kann man von ihnen nie genug bekommen. Und mit „No Land's Man“ präsentiert das zum Quartett angewachsene Trio erstmals einen waschechten Spacerock. Das Album groovt, wo es nicht spacet, aber nicht so heftig wie noch der Vorgänger. Die Mischung aus Elektronik und Gitarre stimmt einfach wieder: Avantgarde-Industrial.

Den gemischt mit Avantgarde-Rap gibt's live: Zu Majestix' Klangschüsselklängen rappt Dälek auf der dritten DVD der „Limited Box“. Danach spielen die Young Gods und Dälek-Mitmusiker wie auf einer Split-CD gemeinsam Stücke voneinander. Das ist ausgesprochen reizvoll, um mal fürchterlich zu untertreiben: Die vertrauten Young-Gods-Stücke klingen völlig anders, als wenn sie sie selbst live darbieten. Sogar das Orchester auf der ersten DVD bringt nur wenige neue Impulse in den Sound. Mit Dälek hingegen wird alles noch sphärischer, noch gooviger, noch eigenwilliger als ohnehin. Erstaunlich ist, dass diese Extrem-Kollaboration kein musikalisch extremes Ergebnis hat. Und dann: alles live, andere versperren sich dafür monatelang in Studios. Herrlich.

Auf der Orchester-DVD gibt es auch einen tollen Gaststar: Mike Patton singt allein „Did You Miss Me“ und im Duett mit Franz Treichler den „September Song“ von Kurt Weill. Zwei solche Charakterstimmen zusammen, das rührt an jeder Haut. Wahnsinnig beeindruckend. Pattons Beitrag ist jedoch kein Zufall: Sein Label Ipecac veröffentlicht die Young-Gods-CDs in den USA. Die mittlere DVD nun ist immerhin solide: Das nunmehr dritte handelsübliche Live-Dokument der Young Gods nach „Live Sky Tour“ und „Live Noumatrouff 1997“. Was nicht heißen soll, dass es nicht gut ist. Alle drei CD-DVD-Kombinationen sind zwar auch einzeln erhältlich, aber wenn man schon dabei ist, sollte man keine davon auslassen. Es lohnt sich.

Von Matthias Bosenick (29.12.2010)

 

10)

 Deine Lakaien – Indicator – Ministry Of Sound/Warner 2010

Alexander Veljanov hat eine tolle Stimme. Ernst Horn ist ein toller Komponist. Warum machen die beiden nichts aus dem Potenzial? Jedenfalls nicht, wenn es um reguläre Studioalben ihrer Hauptband Deine Lakaien geht. So gut wie alles, was man auf „Indicator“ hört, kennt man bereits. Auch nach mehrmaligem Hören bleibt nichts wirklich hängen. Was man am Ende im Kopfe singt, sind alte Lieder der Lakaien, die so ähnlich klingen, nur weniger spröde. Dann schmeißt man eben die ersten drei Alben in das Abspielgerät (nacheinander!) und weiß wieder, weshalb man sich vor zwanzig Jahren für die Band zu interessieren begann. Für „Dark Star“ und „Love Me To The End“, für „Mirror Men“ und „Reincarnation“, für „Resurrection Machine“ und „Walk To The Moon“. Und man liebte sie für ihre Haltung, die sich ganz klar von der Zielgruppe entfernte: Von den Gruftis nämlich. Schade, dass sie sie dennoch bedienen.

Wo bleiben die Experimente? Alles ist sanft und seicht, keine Ecke stört, kein industrielles Stampfen rüttelt, kein Kreischton, keine sonstige Überraschung – alles ist Pop. Ja, die Qualität ist hoch, bei den Musikern ist das Vorgabe. Aber Veljanovs Solo-Album „Porta Macedonia“ und das Helium-Vola-Album „Für euch, die ihr liebt“ waren deutlich mitreißender und ansprechender als „Indicator“. Nicht mal mehr zu einem Lacher wie „Lass mich dein Lakai sein“ haben die beiden den Mut.

Dabei sind die Akustik-Alben und die Kooperation mit dem Orchester wirklich einmalig großartig. Doch dazwischen langweilen die Herren mit ihrem Studiokram. Immerhin: Stagnation auf hohem Niveau. Die limitierte Bonus-CD übrigens hat weitaus mehr Pepp.

Von Matthias Bosenick (27.09.2010)

 

09)

 Underworld – Barking – Vertigo/Universal 2010

Dieses Mal haben Rick Smith und Karl Hyde die Richtung geändert: Das neue Album „Barking“, offenbar eine Mischung aus Gebell und Kneipenkönig, erscheint regulär ausschließlich als Remixarbeit. Das heißt: Der geneigte Hörer bekommt ein Album, das zwar in den Grundzügen den Federn der Waliser entspringt, jedoch im Ergebnis ganz eindeutig den Stempel fremder Musiker trägt. Genau danach klingt es auch.

Ab ihrem dritten Album „Dubnobasswithyourheadman“ klangen Underworld nicht mehr wie eine wavig beeinflusste Rockband, sondern wie ein Technoact mit unüblich viel Seele und Substanz. Flächen, Atmosphären, auch jede Menge Druck, Ecken und Kanten prägten den Sound von Stücken wie „Cowgirl“, „Born Slippy/Nuxx“ oder „Moaner“. Mit dem Ausstieg des jungen DJs Darren Emerson behielten Underworld zwar den technoiden Sound bei, veränderten ihn aber nach eigenem Gutdünken in eine eher künstlerische Form. Was sie beibehielten, war die Fähigkeit, auf lange Distanz mit Wohlfühlharmonien zu begeistern.

„Barking“ nun klingt zwar nach Underworld, aber sehr kanalisiert. Doch, gut ist das Album, selbst der Ibiza-Song „Always Loved A Film“ macht im Gesamtkontext Laune, die Remixer und Kollaborateure (darunter Dubfire und Paul van Dyk) liefern geil ab, man bekommt ein nettes Tanzpopalbum. Aber eben doch nicht so recht etwas Neues von Underworld, obwohl's draufsteht.

Das ändert sich, sobald man sich die limitierte Version der limitierten Version kauft. Denn für erstaunlich wenig Geld gibt es eine sieben Zoll große Box mit Buch, zwei CDs und einer DVD. Die DVD zeigt – wie auch aktuell bei „Further“ von den vermeintlichen Konkurrenten The Chemical Brothers – zu den Liedern passende Videoclips. Auf der Bonus-CD jedoch bekommt  der Fan „Barking“ in der unbearbeiteten Version, also Underworld, wie er sie kennt. Da ist die entspannende Monotonie nicht von Popmelodien entschärft, da sind die Beats leicht krumm, da klingt ein Stück eben nach einer Mischung aus The Cure und New Order. Welches Album jetzt besser oder schlechter ist, ist dabei gar nicht so einfach zu beantworten; tendenziell ist CD Nummer zwei vorzuziehen. Der geneigte Fan ist also dazu angehalten, sich die Super Deluxe Edition zuzulegen.

Von Matthias Bosenick (23.09.2010)

 

08)

 Wir sind Helden – Bring mich nach Hause – Columbia 2010

Die erfreulicherweise nach David Bowie benannten Helden (dieser Umstand zeugt vom guten Geschmack der Band) gehören zu der Handvoll Bands der Nullerjahre, die den Rezensenten nachhaltig begeistern, über einen tollen Song oder ein tolles Album hinaus. Dabei hatten sie es mit „Guten Tag“ zunächst schwer, weil der vordergründige 80er-Jahre-Nena-Sound den Blick auf die Texte verstellte. Spätestens seit „Müssen nur wollen“ jedoch sind alle Zweifel weggewischt.

Das Quartett vermittelt via Musikjournallie den Eindruck, menschlich interessant genug zu sein, um mit den Musikern einen Nachmittag im Lieblingscafé verbringen zu wollen. Es scheint, als säße man in einer angenehm sympathischen Runde mit Menschen, die nicht nur Geschmack, sondern auch Hirn und Humor haben. Auf den bisherigen Alben transportieren die Helden politische und gesellschaftliche Nachdenkthemen nachdrücklich und pointiert. Musikalisch unterfütterte die Band ihre Botschaften hymnisch-emotional wie U2, tanzbar wie eine Waverockband oder schlicht und balladesk, irgendwie aber immer Rockpop.

Dann kamen die Kinder, der Alltag, das Leben jenseits des Twentysomethingseins und Album Nummer vier. „Bring mich nach Hause“ bringt sie in ein neues Zuhause: Wir denken über uns selbst nach, ganz intensiv und selbstreflektiert. Das ist gut so, denn den Sprung haben etwa Die Ärzte nie gschafft: Auch als Um-die-50-Jährige singen sie noch von Teenager-Themen und sind dadurch unglaubwürdig geworden. Nicht so die Helden. Dabei behält Judith Holofernes ihr wortspielerisches Geschick bei, anders gesagt: Man ist von vielen Pointen inzwischen leider nicht mehr so überrascht. „Fünf vor Zwölf“ heruntergezählt auf „zwei vor Zwölf, eins vor Zwölf, auf die Zwölf“ etwa ist schon beinahe zu naheliegend. Aber dennoch passend.

Die Musik scheint sich hinter der Ernsthaftigkeit der Inhalte zu verstecken. Zwar arbeiten die Helden gelegentlich mit unüblichen Rhythmen, belassen es aber dabei, die Musik als Vehikel für die Inhalte aufzufassen. Auch klingen die Balladen sämtlicher Alben inzwischen unauseinanderhaltbar ähnlich. Lediglich im vorletzten Lied „Im Auge des Sturms“ lässt die Band hören, dass sie aus echten Musikern mit eigenen Ideen besteht: Da wird ordentlich gejammt. Die Akustik-Version des Songs auf der limitierten Unplugged-Bonus-CD jedoch verzichtet auf das Rumgerocke.

So bleibt „Bring mich nach Hause“ ein solides Album auf hohem Niveau. Selbst davon können sich die Silbermias, Julistürmer und wie sie alle heißen noch ordentliche Portionen abschneiden. Aber fürs nächste Mal darf's ruhig wieder etwas mehr Energie sein.

Von Matthias Bosenick (23.09.2010)

 

07)

 Black Country Communion – Black Country Communion – Mascot Records/Rough Trade 2010

Moin,

Aha! ’ne neue Supergruppe. Mit der Stimme des Rock Glenn Hughes am Bass und Gesang,
Bluesüberflieger Joe Bonamassa anner Ketarre, Bonzo-Sohnemann Jason Bohnham anner Schießbude und Ex-Traumtänzer Derek Sherinian an den weißen und schwarzen Tasten. Da sollte doch was bei rauskommen, oder?

Beim ersten Mal durchhören fand ich’s aber nicht sooo toll. Blieb nix hängen. Also noch mal – aha - na also - geht doch! Erst bei mehrmaligem Zuhören erschließt sich einem das Album - was ja eigentlich nur gut sein kann.

Wahrscheinlich war meine Erwartungshaltung supergroß und meine Einschätzung, was dabei rauskommen könnte, einfach nur verkehrt. Auf jeden Fall werden Freunde guten Hardrocks auf ihre Kosten kommen (leckere Mischung aus Deep Purple, Black Sabbath, Led Zep, sogar AD/CD („Sista Jane“, Nr. 11) und doch gänzlich eigenständig...).

Also alles auf Null fahren und ganz relaxt dat Dingens reinziehen.

Sehr gut: der fette Bass-Sound. Da hat der gute Glenn mal schön seine alten Precis rausgeholt und den Onkel Ampeg longus aufgerissen. Jaaaaaaaa... sooo klappt’s auch mit der Nachbarin.

Also: Bitte reinhören! (Tipp: „One Last Soul” (Nr. 2), „Black Country” (Nr. 1 mit coolem Basslick), „Too Late For The Sun” (Nr. 12 mit Top-70er-Jamfeeling), eigentlich alles...)

Von Michael „Schepper“ Schaefer (20.09.2010)

 

06)

 Phillip Boa And The Voodooclub – Live! Exile On Strait Street – Constrictor 2010

Was für ein herrlicher Radau! Der Dortmunder wird älter, aber nicht ruhiger. Beruhigend! Anstatt wie gewohnt im Jahresrhythmus ein neues geiles Studioalbum zu veröffentlichen, bringt er 2010 über sein eigenes Label seine zweite geile Live-CD heraus. Die zweite in mehr als 25 Jahren Karriere, 19 Jahre nach der ersten. Und er behält es bei, sich im Titel an die vergleichsweise schlappen Rolling Stones anzulehnen und einen Straßennamen seiner Wahlheimat Valetta einzusetzen.

Eingesetzt hat er bei einigen Stücken auch seinen Gast-Schlagzeuger Jaki Liebezeit, der allenthalben für seinen trockenen Beat bei Can gelobt wird. Mal ehrlich: Die Stücke ohne Liebezeit haben viel mehr Drive und Wumms, sind viel voller und rumpeliger, erinnern deutlicher an den geschiedenen Raben. Macht aber nix, immerhin sind dank Liebezeits Einsatz auch mal wieder andere Hörerschaften darauf aufmerksam geworden, dass Boa nicht nur überhaupt noch aktiv ist, sondern ein guter Songschreiber und Komponist.

Dem Livedokument merkt man aber nicht an, dass Boa heute vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit zuteil wird. Vom ersten Lied an singen die Zuschauer – Fans sind's, ganz sicher – inbrünstig und lautstark mit, egal, aus welcher Epoche das jeweilige Lied kommt. Die "Arschloch"-Rufer sind schon lange verstummt, Boas vermeintliche Arroganz entpuppte sich gleichzeitig als Schüchternheit. Also gibt es auch keine Grenzen mehr, Band und Bande feiern gemeinsam, und dies so ausgelassen, dass man es selbst dem Dokument noch anhört und als Hörer zu Hause mitfeiert. Darauf hat Boa auch Wert gelegt: Keine Overdubs, nur gemixt sei die CD, steht hinten drauf.

À propos drauf: Bei der Qualität ist die Songauswahl fast egal, aber bei genauer Betrachtung verwundert sie einigermaßen. Von den 17 Stücken sind acht von den ersten sechs Alben, also aus der Zeit vor dem ersten Live-Album 1991. Von diesen acht ist nur eines, "Moon", nicht auf "Exile On Valetta Street" enthalten. Von den ersten sechs Alben sind auch alle mindestens einmal vertreten. Aus dem Repertoire der letzten 20 Jahre bedient sich Boa für die anderen neun Stücke, ganze fünf Alben berücksichtigt er gar nicht – dabei sind die bis auf eines alle brillant. Immerhin, um da den Bogen zu spannen: Auch wenn der Schwerpunkt auf den alten Hits liegt, entpuppen sich die neuen Hits als eben solche und gehen leicht ins Boa-Allgemeingut ein. Kein erkennbarer Grund also, etwa auf "Burn All The Flags" oder "Eugene" zu verzichten. Macht aber auch nix: Wer die hören will, legt eben die Alben ein. Die Freude an "Exile On Strait Street" mindert es mitnichten.

Stücke nach "Exile On Valetta Street": Atlantic Claire (God), Euphoria, Love On Sale (Boaphenia), Valerian, Diamonds Fall (Diamonds Fall), Sleeper (She), Rome In The Rain, In Freudian Underwear (My Private War). Der Rest: Moon, Diana (Philister), I Dedicate My Soul To You (Aristocracie), Albert Is A Headbanger, Fine Art In Silver, Annie Flies The Love Bomber (Hair), This Is Michael (Hispañola), And Then She Kissed Her (Helios), Kill Your Ideals (Copperfield). Nicht berücksichtigte Alben: Lord Garbage, The Red, C90, Decadence & Isolation, Faking To Blend In.

Von Matthias Bosenick (06.08.2010)

 

05)

 Prince – 20Ten – NPF 2010 (Beilage im „Rolling Stone“-Magazin)

Moin,

sooo, ich hab’s gehört.

Klingt natürlich schwer nach Prince - war ja auch zu erwarten. Trotzdem merkt man schon neue Einflüsse und auch bei den Sounds ist der gute Prince auf der Höhe der Zeit, oder sogar nach der Zeit (Future Soul Song) und hat sich so erfolgreich in die Gegenwart gebeamt.

Gewohnt funky, mit coolen Ideen (Compassion) oder auch soulig geht der Meister zur Sache. Einige Tracks sind so richtig zum abschalten und chillen (wie das heutzutage heißt...), einige haben aber auch den altbekannten kleinen Prince-Nervfaktor, wenn ich das mal so nett umschreiben darf.

Hier und da blitzt eine geniale Gitarre im Stil von Zappa oder Steve Vai (der war ja mal bei Zappa!!!) hervor, um dann sofort wieder im Gesamtkontext des Songs eingebettet zu werden.

Am Schluss das Augenzwinkernde Everybody Loves Me, wobei sich der Herr Prince, formerly known as Prince, prima selber auf die Schippe nimmt.

Der Bengel hat ja wie gewohnt alles selbst produziert, eingespielt, etc. (bis auf die Bläser und die weiblichen Backgroundvocals - klar...), trotzdem wäre es mal interessant, wie er mit ’ner richtigen, gleichberechtigten Band klingen würde.

Fazit:
Für Prince-Fans ein Muss, für Gelegenheitsquerbeethörer eine interessante Erfahrung. Immer schön die Ohren aufmachen am Puls der Zeit.

So klingt die Zukunft - wird zumindest die Zukunft zeigen.

Ja, auch ein Herr Prince ist progressiv - im eigentlichen Sinne.

Außerdem: Die Form der Vertriebsart für sein neues Album ist hier natürlich gesondert hervorzuheben! Man bekommt die Scheibe nur als Beilage (na ja - vorne draufgeklebt...) des aktuellen ‚Rolling Stone’-Magazins. Tolle Idee, wie ich finde.

Hiermit eröffne ich mal eine Diskussion über die heutige Wertschätzung der Musik und deren Stellenwert.

Wisst ihr noch, wie das mal war - auf den Tag des Erscheinungsdatums der neuesten Scheibe von XY warten, ins Plattengeschäft in die Stadt fahren,  - wenn man Glück hatte - das Album gleich am selben Tag noch kaufen vom hart ersparten Taschengeld, dann die Vorfreude, das Plattencover, die Textbeilage... Und dann: Langsam fuhr der Arm des Plattenspielers über die Rille und begann sich langsam zu senken - und erst dann - erst dann kam man in den Genuss der neuen Musik.

Und heute? Zack draufgeladen, zack gehört, zack vergessen, zack der Nächste bitte...

Wegwerfgesellschaft auch in der Musik - na schönen Dank auch... (hee - ich bin nicht alt - nur oldschool...).

Von Michael „Schepper“ Schaefer 22.07.2010)

 

04)

 Alien Sex Fiend – Death Trip – 13th Moon Records 2010

"Losing my grip… On my way down on my Death Trip" steht auf dem Cover. Was man so über Nik Fiend weiß, kann das nur stimmen. Leider klingt auch das Album danach. Es wirkt wie ein Therapieangebot, das Mrs. Fiend ihren zugedrogten Gatten auferlegt hat. Sie ist kreativ und bastelt die Sounds, er malt gruselige Bilder und krächzt gelegentlich ins Mikro. Gemeinsam verkaufen sie das Ergebnis als neues Album ihrer Batcave-Kult-Band Alien Sex Fiend. Ja, Kult, ausnahmsweise.

Grundsätzlich ist es gut, dass sie ASF am Leben halten. Grundsätzlich ist es auch gut, dass ASF immense Veränderungen durchlaufen haben. So gab es nach der Batcave-Zeit auch Acid-House-Einflüsse, ein Goa-Album und Stress-Electro. Die Veröffentlichungsfrequenz sank, wie bei allen reifenden Bands. Fünf Alben in 20 Jahren, in den sieben Jahren davor war es noch ein Album pro Jahr. Mal ganz von den (guten) Compilations und Livealben abgesehen.

"Information Overload", das letzte Album, stammt aus dem Jahr 2004. Nach all der Zeit ist "Death Trip" daher sehr dürftig: Die Titel der Songs sind enorm plakativ ("Dance Of The Dead", "Oops! Wrong Planet!") und oft an Filme angelehnt ("The Hills Have Eyes", "Land Of The Living Dead"). "B.B.F.C." steht für "Bastard Bastard Fucking Cunt", das ist auch nicht sehr witzig.

Dazu ist nicht jeder Track auch ein Song. Vieles klingt wie ein Soundexperiment von Mrs. Fiend, zu dem Nik bestenfalls Samples beigesteuert hat. Immerhin greifen die beiden auf altbekannte Sounds der frühen Alben zurück, damit sich auch für die altbekannten Fans ein Wiedererkennen und Wohlfühlen einstellt. Allein, das Wohlfühlen kommt zu kurz: Dafür haben die Tracks zu wenig Atmosphäre. Man muss sich einigermaßen reinhören in "Death Trip". Aber wie so oft: Am Ende bleiben gerade die plakativen Stücke hängen, man grölt im Geiste "Land Of The Living Deeeeaaaaad" und freut sich, dass es Alien Sex Fiend überhaupt noch gibt. Authentischer als etwa die Sisters Of Mercy sind sie allemal, als die Jungspunde sowieso.

Von Matthias Bosenick (02.07.2010)

 

03)

 The Chemical Brothers – Further – Parlophone/EMI 2010

Erstaunlich, was im Vorfeld alles Schlechtes über diese Platte zu lesen war. Auf die ganzen tollen Starsänger hätten die Nichtbrüder verzichtet und damit auf kreatives Potential, das ihre Tunes und Tracks vom Rest abhebt. Stattdessen sei es ein langweiliges DJ-Dance-Album geworden. Da kann man nur sagen: Ziel erreicht! Denn das können die Brothers immerhin.

In "Further" kann man so fein abtauchen wie die Dame auf dem Cover. Ohne Beats geht's los, man wird über rhythmisches Fiepsen in "Snow" (passend zur Jahreszeit) eingesogen. Eine freundliche Stimme singt "You love keeps lifting me / Lifting me higher", bis man es glaubt und sich selbst higher fühlt. Ab jetzt regieren die Beats. Im Prinzip ist "Further" eine Art Best-Of-Show der typischen Chemical-Brothers-Elemente. Was man an ihnen liebt, bekommt man anders arrangiert vorgesetzt. Weil's aber bei der Selbstkopie nicht bleiben darf, reichern die Brothers ihre Songs mit neuen Samples an, etwa Pferdewiehern oder dem Intro von "Baba O'Riley" von The Who. Die handelsüblichen Sirenen, die in die Musik zu bringen der Gründungsgedanke der Chemical Brothers gewesen war, bleiben gedämpft, aber nicht abwesend. Wechselhaft ist die Stimmung der Tracks: Einige sind Hymnen, einige sehr melancholisch, einige sehr energetisch und aufputschend. Kurzum: "Further" macht Spaß, vielleicht auch gerade, weil keine Proms und Celebs im Vordergrund stehen.

Schnellentschlossene bekommen mit Glück die Buchversion des Albums. Darin enthalten ist "Further" als DVD mit einem perfekt abgestimmten Nonstopfilmchen.

Von Matthias Bosenick (02.07.2010)

 

02)

 Autechre – Oversteps – Warp 2010

IDM als Genrebezeichnung ist inzwischen insofern unzutreffend, als dass zu den wenigsten Tracks dieses Albums überhaupt noch getanzt werden kann. Die Beats des Duos sind ja ohnehin eher schlecht nachvollziehbar, aber so weggelassen wie auf "Oversteps" reicht es kaum für Tanz, maximal für apathisches Kopfnicken (weil man den Rhythmus ja doch nicht erkennt). Das mag jetzt alles nicht so klingen, als müsse man Autechre mögen. Dabei fällt das mit etwas Aufgeschlossenheit recht leicht – das Verstehen hingegen bleibt schwierig. Wenn man kein Mathe-Genie ist.

Auch die Herren Booth und Brown werden ruhiger, wenn auch nicht weniger komplex. Eingängigkeit ist ihres nicht. Im Prinzip machen die beiden einen Spagat um sich selbst herum: Das hyperaktive Geräuschgerümpel der letzten Alben umschiffen sie einerseits mit rückwärtsgewandten Ambientelementen und andererseits der bekannten Komplexität, die sie jedoch radikal entkernten. Das Ergebnis erinnert an minimalistische Neo-Klassik und überrascht mit unerwarteter Wärme. Ja: Autechre sind nicht mehr so kalt wie zuvor, man kann sich in "Oversteps" zeitweise akustisch einkuscheln. Verstehen kann man Autechre davon zwar immer noch nicht, aber das Lieben hört nicht auf. Ist das noch Techno?

Übrigens kündigen Autechre schon ihre nächste EP an: "Move Of Ten" soll am 12. Juli erscheinen und wird sicherlich nicht wesentlich kürzer sein als das Album "Oversteps". Auch dieses ist man von denen gewohnt. Dankbar gewohnt.

Von Matthias Bosenick (10.06.2010)

 

01)

 Under Byen – Alt er tabt – Paper Bag Records 2010

"Alles ist verloren", behaupten Under Byen auf ihrem vierten Studioalbum. So klingt es auch: Anstatt einen erfolgsversprechenden musikalischen Weg einzuschlagen und tanzbare oder poppige Songs zu produzieren, machen die Dänen eher Kammermusik, werden klaustrophobisch, reduzieren ihre Arrangements, obwohl sie zu siebt zu weitaus mehr Volumen in der Lage sind, verschleppen die Beats, hauchen, kratzen, stören. Kuschliger Wohlklang geht anders – schön ist "Alt er tabt" aber dennoch, zumindest für Leute, die Musik abseits vom Radio gewohnt sind.

Nach der Zusammenarbeit mit einem Dänischen Symphonieorchester für die "Siamesisk"-EP, nach Songs wie "Pilot" mit dem Industrial-Einschlag hatte man etwas anders erwartet. "Territorium" verwundert noch mit dem verschleppten Soft-Cell-"Tainted Love"-Drumsound und einem fast tanzbaren Grundgerüst, ansonsten ist beim Hören des Albums eher absolute Konzentration erforderlich. Under Byen machen es nicht einfach: Die Strukturen sind sehr ungewöhnlich, die Lieder sind nicht traditionell aufgebaut. Henriette Sennenvaldt singt außerdem nicht mehr so sehr wie Björk, sondern haucht sehr verhuscht. Wie wollen sie das auf die Bühne bringen?

Auf jeden Fall ist es rasend erfreulich, dass es überhaupt Musik in dieser Art gibt, dass sich Bands auf dem Weg zum Erfolg nicht verbiegen lassen, dass diese Band vom ersten Ton an überzeugte und mit jedem weiteren das Niveau nicht nur hält, sondern steigert. Und: dass Under Byen auch damit Erfolg haben, zumindest in Dänemark; weltweit ist ihnen immerhin eine beinharte Anhängerschaft sicher. Rare Tonträger wie die "Remix"-LPs werden jedenfalls extrem teuer gehandelt, das passiert ja nur bei entsprechendem Fantum. Under Byen haben es verdient.

Von Matthias Bosenick (10.06.2010)